Subkultur und Subversion
Abstracts (deutsch)
Michael
Th. Greven/Ulrich Willems
Moralische Forderungen in der politischen Gesellschaft: Theoretische
und analytische Anmerkungen zu einem spezifischen Typus politischer
Forderungen FJNSB, Seiten 76-90
Michael Th. Greven und Ulrich Willems erörtern in einem theoretisch-konzeptionellen
Zugriff die Bedeutung "moralischer Forderungen" in der "politischen
Gesellschaft". Die Theoriediskussion stützt sich empirisch auf
Beobachtungen der advokatorischen Politik bundesdeutscher Nichtregierungs-Organisationen
im Feld der Entwicklungspolitik. Moralische Forderungen verschaffen
ihren Advokaten keine selektiven Vorteile materieller oder immaterieller
Art. Sie liegen damit quer zu einem rationalisierten Interessenhandeln,
auf das die Institutionen und Prozesse der politischen Gesellschaft
zugeschnitten sind. Auch der interessentheoretische Reduktionismus des
Rational Choice-Ansatzes behandelt moralische Forderungen als Partikularinteressen.
Organisationen und Durchsetzungsmacht moralischer Forderungen weisen
jedoch spezifische Probleme auf. Diese reichen vom Wegfall "natürlicher
Mitgliedschaft", die über ökonomische Position, Professionszugehörigkeit,
sozialen Status etc. bestimmt werden könnte, über eine nicht vorhandene
Sanktionsmacht im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung bis hin zu
fehlendem wahlpolitischen Einfluß. Bei aller Skepsis hinsichtlich der
Erfolgsaussichten moralischer Forderungen in der politischen Gesellschaft
scheint ihre Stärke vor allem im Bereich der Delegitimierung partikularer
Interessenverfolgung zu liegen. Sie sensibilisieren für die Notwendigkeit
einer moralischen Begrenzung des Interessenpluralismus und machen auf
Folgeprobleme des Interessenpartikularismus der politischen Gesellschaft
aufmerksam.
Laszlo
A. Vaskovics
Subkulturen und Subkulturkonzepte FJNSB, Seiten 11-23
Den Themenschwerpunkt eröffnet Laszlo A. Vaskovics, der, ausgehend
von einem anthropologischen Kulturkonzept, Subkulturen und Subkultur-Konzepte
sowie Erklärungsversuche zur Herausbildung von Subkulturen vorstellt.
Der Autor selbst versteht Subkultur als ein Ergebnis interaktiver Zuschreibungen
von Merkmalen und somit als "konstruierte Wirklichkeit". Er
wirft die Frage auf, ob in Folge sozio-kultureller Destrukturierungsprozesse
Subkulturkonzepte nicht durch Konzepte der gesellschaftlichen Differenzierung,
das Individualisierungs- oder das Lebensstilkonzept abgelöst werden
müßten. Unter Bezugnahme auf den aktuellen Stand der Subkulturforschung
ist festzustellen, daß eine weiterführende Auseinandersetzung mit deren
Konzepten im deutschsprachigen Raum nur vereinzelt stattfand. Aufgrund
einer Verschiebung der Fragestellung von makro- auf mikrostrukturelle
Ausdifferenzierungen werden die Kriterien zur Bestimmung einer Subkultur
zunehmend unklar, die Anwendungen des Konzeptes demzufolge inflationär.
Entsprechende Theoriemodelle werden zumeist nur zur Ausgrenzung des
Gegenstandsbereiches herangezogen und dienen nur selten der Hypothesenprüfung.
Der theoretische Ertrag der meist deskriptiven Beschäftigung mit Subkulturen
- so der Autor - ist daher fragwürdig.
Dieter
Kramer
Ergebnisoffene Suchbewegungen: Ethnische und kulturelle Prozesse in
der Moderne FJNSB, Seiten 24-32
Zur Erweiterung des Verständnisses von sozialem und kulturellem
Wandel trägt der Beitrag von Dieter Kramer bei. Aus der Perspektive
der Ethnologie argumentiert er, daß sowohl Kulturen als auch Ethnien
soziale Einheiten sind, die zwar eine relative Stabilität aufweisen,
sich aber aufgrund ihrer inneren Dynamik und in Auseinandersetzung mit
anderen Gruppen permanent verändern und nicht homogen sind. Am Beispiel
der "Arbeiterbewegungskultur" wird aufgezeigt, wie eine sich
herausbildende soziale Schicht oder Klasse auf die Herausforderungen
der Industrialisierung mit einer eigenen kulturellen Praxis antwortet
und somit das kulturelle Kräfteverhältnisse im modernen Staat mitgestaltet.
In solchen Prozessen sind "Suchbewegungen" von besonderer
Bedeutung: Entscheidend für eine Innovationsdynamik ist die Existenz
von Spielräumen, in denen Interessen und Neigungen zur Entfaltung kommen
können. In einer prosperierenden "Gesellschaft des Wählens"
eröffnet die Auflösung von Traditionszusammenhängen Chancen, da sie
mit der Auflösung von Disziplinierungszusammenhängen und der Entstehung
neuer Freiräume einhergeht. Als Voraussetzungen eines zivilgesellschaftlichen
Verständnisses von sozialkultureller Differenz nennt der Autor einen
dynamischen Kultur- und Ethnosbegriff sowie die Anerkennung der Vielfalt
als Ressource unter Verzicht auf einen hegemonialen Homogenisierungszwang.
Dem steht ein Universalismus westlicher Prägung als "kulturelle
Sonderung" mit Dominanzanspruch entgegen, der jedoch derzeit von
den Modernisierungsverlierern massiv zur Disposition gestellt wird.
Dieter
Baacke/Wilfried Ferchhoff
Von den Jugendsubkulturen zu den Jugendkulturen - Der Abschied vom traditionellen
Jugendsubkulturkonzept FJNSB, Seiten 33-46
Dieter Baacke und Wilfried Ferchhoff resümieren einige Lesarten
der Jugendsubkulturdiskussion und stellen den Jugendsubkulturbegriff
in den Zusammenhang zentraler sozialwissenschaftlicher Verwendungskontexte.
An die Darstellung der kriminologischen resp. kriminalsoziologischen
Debatte über Jugendsubkulturen und abweichendes Verhalten schließen
sich einige strukturfunktionalistische Versionen zur Jugendsubkulturdiskussion
an, die den analytischen Aussagewert des Subkulturkonzepts in Frage
stellen. Die Autoren benennen Gründe, die es nahelegen, vom Jugendsubkulturbegriff
Abschied zu nehmen. Denn inzwischen scheint es angebracht zu sein -
so ihre zentrale Aussage -, den Begriff Jugendsubkultur nicht zuletzt
vor dem Hintergrund vielfältiger sozialkultureller Wandlungsprozesse
durch den Jugendkulturbegriff ohne emphatisches 'Sub' zu ersetzen.
Klaus
Farin
Skinheads und Subkultur FJNSB, Seiten 47-53
Demgegenüber begründet Klaus Farin auf der Grundlage einer
umfassenden Studie über Skinheads, warum das Subkultur-Konzept keineswegs
an Relevanz eingebüßt hat. Skinheads verorten sich selbst in der Tradition
einer Arbeiterjugendkultur und definieren ihre Identität in Abgrenzung
von Mittel- und Oberschichtjugendlichen sowie in "selbstbewußter
Identifikation" mit der in Gemeinschaft erfahrenen selbstbestimmten
Subkultur. Für deren Mitglieder finden sich in Kleidungsstil und Musik
allgemeinverbindliche äußere Merkmale. Diese Subkultur hält dem Kommerzialisierungsdruck
und repressiven Maßnahmen nach wie vor stand. Durch die Vorurteilsbildung
innerhalb der "Mehrheitsgesellschaft" kommt ihr allzu oft
die Funktion als Sündenbock zu - etwa in Form einer pauschalen Zuordnung
zur rechtsextremen Szene. Dabei sind Interessen- und Bewußtseinslagen
der Skinheads zu widersprüchlich, ihre identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten
zu anschlußfähig, als daß es bisher gelungen wäre, eine auf Veränderung
der Hauptkultur abzielende Gegenkultur zu konstituieren. Entsprechend
läßt sich beim Großteil der Szene ein eher un- beziehungsweise "antipolitisches"
Selbstbewußtsein ausmachen, oftmals in Abgrenzung von rassistischen
Strömungen.
Sven
Hillenkamp
Die Autonomen: Zwischen kultureller Wirklichkeit und politischer Wirksamkeit
FJNSB, Seiten 54-66
Ausgehend von einer Selbstkritik Berliner Autonomer geht Sven
Hillenkamp der Frage nach, ob es sich bei den Autonomen um eher sub-/
gegenkulturell bewegte oder genuin politische Akteure handelt. Der Autor,
selbst über Jahre in autonomen Zusammenhängen aktiv, beschreibt die
Autonomen als jugendliche Gegenkultur, denen es aufgrunddessen oftmals
schwer fällt, politische Wirksamkeit zu entfalten. Nach einer Analyse
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen dieses autonomen Grundproblems,
skizziert er Werte und Einstellungen, sowie das Protestverhalten der
Autonomen. Er zeichnet die Organisierungsdebatte in der bundesdeutschen
autonomen Antifa-Szene sowie die Entwicklungen der Antifa Bonn/ Rhein-Sieg
als Mitglied der bundesweiten Organisation AA/ BO nach und beschreibt
als mögliche Auswege aus dem "subkulturellen Ghetto" die weitere
Organisierung und die politisch-kulturelle Öffnung der Szene. Ganz bewußt
geht Hillenkamp in seinem Beitrag vor allem abschließend von der kritischen
Bestandsaufnahme zum Plädoyer über.
Thomas
Lau
Raving Society: Anmerkungen zur Technoszene
FJNSB, Seiten 67-75
Thomas Lau widmet sich in seinem Beitrag der Frage, ob sich
die "Raving Society", deren tragendes Element die Techno-Musik
darstellt, in die Tradition von Jugendkulturen einreihen läßt, die ihm
zufolge oftmals mit dem Prädikat 'soziale Bewegung' ausgezeichnet werden.
Der "Rave" wird als gesamtkulturelles Ereignis beschrieben.
Dabei werden bereits vorhandene kulturelle Elemente aufgegriffen und
neu zusammengesetzt. Dies spiegelt sich nicht nur in der Musik, sondern
ebenso im Tanzstil, in einem Bekleidungspluralismus sowie in der Gestaltung
szeneeigener Print-Medien wider. Es entsteht das Bild einer Freizeitkultur,
die sich weitgehend durch ihre "Geschichts- und Sprachlosigkeit"
sowie durch einen Mangel an eigenständigen Positionen kennzeichnen läßt.
Thomas
A. Wetzstein/Linda Steinmetz/Roland Eckert
Sadomasochismus - Szenen und Rituale
FJNSB, Seiten 93-95
In der Rubrik 'Pulsschlag' präsentieren Thomas A. Wetzstein,
Linda Steinmetz und Roland Eckert Ergebnisse einer zweijährigen Forschungsarbeit,
in deren Verlauf sie die 'Spezialkultur' Sadomasochismus und ihre Rituale
auf explorativ-deskriptive Weise untersucht haben. Ihr Beitrag stellt
in zweifacher Hinsicht eine Ergänzung zum Themenheft dar: Zum einen
erweitern sie die theoretische Diskussion um die Facette der 'Affekt-
und Spezialkulturen', die man als eine Kombination von Lebenswelt und
Subkultur verstehen kann; zum anderen schildern die Autoren die S/M-Szene
ohne voyeuristischen Blick und gewähren so Einsichten, die mit den gängigen,
massenmedial verbreiteten Stereotypen brechen.
Frank
Brettschneider
Wahlumfragen - Manipulation oder Orientierungshilfe?
FJNSB, Seiten 95-102
In dem Beitrag über Wahlumfragen stellt Frank Brettschneider
die Frage nach 'Manipulation oder Orientierungshilfe?' Basierend auf
der Auswertung von 181 Artikeln aus vier überregional erscheinenden
Tageszeitungen, postuliert er zehn Thesen zur Rolle und Wichtigkeit
von Wahlumfragen in der politischen Kommunikation.
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