Heft 2, 1995   

 

Subkultur und Subversion
Abstracts (deutsch)

Michael Th. Greven/Ulrich Willems
Moralische Forderungen in der politischen Gesellschaft: Theoretische und analytische Anmerkungen zu einem spezifischen Typus politischer Forderungen FJNSB, Seiten 76-90
Michael Th. Greven und Ulrich Willems erörtern in einem theoretisch-konzeptionellen Zugriff die Bedeutung "moralischer Forderungen" in der "politischen Gesellschaft". Die Theoriediskussion stützt sich empirisch auf Beobachtungen der advokatorischen Politik bundesdeutscher Nichtregierungs-Organisationen im Feld der Entwicklungspolitik. Moralische Forderungen verschaffen ihren Advokaten keine selektiven Vorteile materieller oder immaterieller Art. Sie liegen damit quer zu einem rationalisierten Interessenhandeln, auf das die Institutionen und Prozesse der politischen Gesellschaft zugeschnitten sind. Auch der interessentheoretische Reduktionismus des Rational Choice-Ansatzes behandelt moralische Forderungen als Partikularinteressen. Organisationen und Durchsetzungsmacht moralischer Forderungen weisen jedoch spezifische Probleme auf. Diese reichen vom Wegfall "natürlicher Mitgliedschaft", die über ökonomische Position, Professionszugehörigkeit, sozialen Status etc. bestimmt werden könnte, über eine nicht vorhandene Sanktionsmacht im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung bis hin zu fehlendem wahlpolitischen Einfluß. Bei aller Skepsis hinsichtlich der Erfolgsaussichten moralischer Forderungen in der politischen Gesellschaft scheint ihre Stärke vor allem im Bereich der Delegitimierung partikularer Interessenverfolgung zu liegen. Sie sensibilisieren für die Notwendigkeit einer moralischen Begrenzung des Interessenpluralismus und machen auf Folgeprobleme des Interessenpartikularismus der politischen Gesellschaft aufmerksam. 

Laszlo A. Vaskovics
Subkulturen und Subkulturkonzepte FJNSB, Seiten 11-23
Den Themenschwerpunkt eröffnet Laszlo A. Vaskovics, der, ausgehend von einem anthropologischen Kulturkonzept, Subkulturen und Subkultur-Konzepte sowie Erklärungsversuche zur Herausbildung von Subkulturen vorstellt. Der Autor selbst versteht Subkultur als ein Ergebnis interaktiver Zuschreibungen von Merkmalen und somit als "konstruierte Wirklichkeit". Er wirft die Frage auf, ob in Folge sozio-kultureller Destrukturierungsprozesse Subkulturkonzepte nicht durch Konzepte der gesellschaftlichen Differenzierung, das Individualisierungs- oder das Lebensstilkonzept abgelöst werden müßten. Unter Bezugnahme auf den aktuellen Stand der Subkulturforschung ist festzustellen, daß eine weiterführende Auseinandersetzung mit deren Konzepten im deutschsprachigen Raum nur vereinzelt stattfand. Aufgrund einer Verschiebung der Fragestellung von makro- auf mikrostrukturelle Ausdifferenzierungen werden die Kriterien zur Bestimmung einer Subkultur zunehmend unklar, die Anwendungen des Konzeptes demzufolge inflationär. Entsprechende Theoriemodelle werden zumeist nur zur Ausgrenzung des Gegenstandsbereiches herangezogen und dienen nur selten der Hypothesenprüfung. Der theoretische Ertrag der meist deskriptiven Beschäftigung mit Subkulturen - so der Autor - ist daher fragwürdig.

Dieter Kramer
Ergebnisoffene Suchbewegungen: Ethnische und kulturelle Prozesse in der Moderne FJNSB, Seiten 24-32
Zur Erweiterung des Verständnisses von sozialem und kulturellem Wandel trägt der Beitrag von Dieter Kramer bei. Aus der Perspektive der Ethnologie argumentiert er, daß sowohl Kulturen als auch Ethnien soziale Einheiten sind, die zwar eine relative Stabilität aufweisen, sich aber aufgrund ihrer inneren Dynamik und in Auseinandersetzung mit anderen Gruppen permanent verändern und nicht homogen sind. Am Beispiel der "Arbeiterbewegungskultur" wird aufgezeigt, wie eine sich herausbildende soziale Schicht oder Klasse auf die Herausforderungen der Industrialisierung mit einer eigenen kulturellen Praxis antwortet und somit das kulturelle Kräfteverhältnisse im modernen Staat mitgestaltet. In solchen Prozessen sind "Suchbewegungen" von besonderer Bedeutung: Entscheidend für eine Innovationsdynamik ist die Existenz von Spielräumen, in denen Interessen und Neigungen zur Entfaltung kommen können. In einer prosperierenden "Gesellschaft des Wählens" eröffnet die Auflösung von Traditionszusammenhängen Chancen, da sie mit der Auflösung von Disziplinierungszusammenhängen und der Entstehung neuer Freiräume einhergeht. Als Voraussetzungen eines zivilgesellschaftlichen Verständnisses von sozialkultureller Differenz nennt der Autor einen dynamischen Kultur- und Ethnosbegriff sowie die Anerkennung der Vielfalt als Ressource unter Verzicht auf einen hegemonialen Homogenisierungszwang. Dem steht ein Universalismus westlicher Prägung als "kulturelle Sonderung" mit Dominanzanspruch entgegen, der jedoch derzeit von den Modernisierungsverlierern massiv zur Disposition gestellt wird.

Dieter Baacke/Wilfried Ferchhoff
Von den Jugendsubkulturen zu den Jugendkulturen - Der Abschied vom traditionellen Jugendsubkulturkonzept FJNSB, Seiten 33-46
Dieter Baacke und Wilfried Ferchhoff resümieren einige Lesarten der Jugendsubkulturdiskussion und stellen den Jugendsubkulturbegriff in den Zusammenhang zentraler sozialwissenschaftlicher Verwendungskontexte. An die Darstellung der kriminologischen resp. kriminalsoziologischen Debatte über Jugendsubkulturen und abweichendes Verhalten schließen sich einige strukturfunktionalistische Versionen zur Jugendsubkulturdiskussion an, die den analytischen Aussagewert des Subkulturkonzepts in Frage stellen. Die Autoren benennen Gründe, die es nahelegen, vom Jugendsubkulturbegriff Abschied zu nehmen. Denn inzwischen scheint es angebracht zu sein - so ihre zentrale Aussage -, den Begriff Jugendsubkultur nicht zuletzt vor dem Hintergrund vielfältiger sozialkultureller Wandlungsprozesse durch den Jugendkulturbegriff ohne emphatisches 'Sub' zu ersetzen.

Klaus Farin
Skinheads und Subkultur FJNSB, Seiten 47-53
Demgegenüber begründet Klaus Farin auf der Grundlage einer umfassenden Studie über Skinheads, warum das Subkultur-Konzept keineswegs an Relevanz eingebüßt hat. Skinheads verorten sich selbst in der Tradition einer Arbeiterjugendkultur und definieren ihre Identität in Abgrenzung von Mittel- und Oberschichtjugendlichen sowie in "selbstbewußter Identifikation" mit der in Gemeinschaft erfahrenen selbstbestimmten Subkultur. Für deren Mitglieder finden sich in Kleidungsstil und Musik allgemeinverbindliche äußere Merkmale. Diese Subkultur hält dem Kommerzialisierungsdruck und repressiven Maßnahmen nach wie vor stand. Durch die Vorurteilsbildung innerhalb der "Mehrheitsgesellschaft" kommt ihr allzu oft die Funktion als Sündenbock zu - etwa in Form einer pauschalen Zuordnung zur rechtsextremen Szene. Dabei sind Interessen- und Bewußtseinslagen der Skinheads zu widersprüchlich, ihre identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten zu anschlußfähig, als daß es bisher gelungen wäre, eine auf Veränderung der Hauptkultur abzielende Gegenkultur zu konstituieren. Entsprechend läßt sich beim Großteil der Szene ein eher un- beziehungsweise "antipolitisches" Selbstbewußtsein ausmachen, oftmals in Abgrenzung von rassistischen Strömungen. 

Sven Hillenkamp
Die Autonomen: Zwischen kultureller Wirklichkeit und politischer Wirksamkeit
FJNSB, Seiten 54-66
Ausgehend von einer Selbstkritik Berliner Autonomer geht Sven Hillenkamp der Frage nach, ob es sich bei den Autonomen um eher sub-/ gegenkulturell bewegte oder genuin politische Akteure handelt. Der Autor, selbst über Jahre in autonomen Zusammenhängen aktiv, beschreibt die Autonomen als jugendliche Gegenkultur, denen es aufgrunddessen oftmals schwer fällt, politische Wirksamkeit zu entfalten. Nach einer Analyse gesellschaftlicher Rahmenbedingungen dieses autonomen Grundproblems, skizziert er Werte und Einstellungen, sowie das Protestverhalten der Autonomen. Er zeichnet die Organisierungsdebatte in der bundesdeutschen autonomen Antifa-Szene sowie die Entwicklungen der Antifa Bonn/ Rhein-Sieg als Mitglied der bundesweiten Organisation AA/ BO nach und beschreibt als mögliche Auswege aus dem "subkulturellen Ghetto" die weitere Organisierung und die politisch-kulturelle Öffnung der Szene. Ganz bewußt geht Hillenkamp in seinem Beitrag vor allem abschließend von der kritischen Bestandsaufnahme zum Plädoyer über.

Thomas Lau
Raving Society: Anmerkungen zur Technoszene
FJNSB, Seiten 67-75
Thomas Lau widmet sich in seinem Beitrag der Frage, ob sich die "Raving Society", deren tragendes Element die Techno-Musik darstellt, in die Tradition von Jugendkulturen einreihen läßt, die ihm zufolge oftmals mit dem Prädikat 'soziale Bewegung' ausgezeichnet werden. Der "Rave" wird als gesamtkulturelles Ereignis beschrieben. Dabei werden bereits vorhandene kulturelle Elemente aufgegriffen und neu zusammengesetzt. Dies spiegelt sich nicht nur in der Musik, sondern ebenso im Tanzstil, in einem Bekleidungspluralismus sowie in der Gestaltung szeneeigener Print-Medien wider. Es entsteht das Bild einer Freizeitkultur, die sich weitgehend durch ihre "Geschichts- und Sprachlosigkeit" sowie durch einen Mangel an eigenständigen Positionen kennzeichnen läßt.

Thomas A. Wetzstein/Linda Steinmetz/Roland Eckert
Sadomasochismus - Szenen und Rituale
FJNSB, Seiten 93-95
In der Rubrik 'Pulsschlag' präsentieren Thomas A. Wetzstein, Linda Steinmetz und Roland Eckert Ergebnisse einer zweijährigen Forschungsarbeit, in deren Verlauf sie die 'Spezialkultur' Sadomasochismus und ihre Rituale auf explorativ-deskriptive Weise untersucht haben. Ihr Beitrag stellt in zweifacher Hinsicht eine Ergänzung zum Themenheft dar: Zum einen erweitern sie die theoretische Diskussion um die Facette der 'Affekt- und Spezialkulturen', die man als eine Kombination von Lebenswelt und Subkultur verstehen kann; zum anderen schildern die Autoren die S/M-Szene ohne voyeuristischen Blick und gewähren so Einsichten, die mit den gängigen, massenmedial verbreiteten Stereotypen brechen. 

Frank Brettschneider
Wahlumfragen - Manipulation oder Orientierungshilfe?
FJNSB, Seiten 95-102
In dem Beitrag über Wahlumfragen stellt Frank Brettschneider die Frage nach 'Manipulation oder Orientierungshilfe?' Basierend auf der Auswertung von 181 Artikeln aus vier überregional erscheinenden Tageszeitungen, postuliert er zehn Thesen zur Rolle und Wichtigkeit von Wahlumfragen in der politischen Kommunikation.