Heft 3, 1995   

 

Kommunitarismus und praktische Politik
Abstracts (deutsch)

Otto Kallscheuer
Was heißt schon Kommunitarismus?
FJNSB, Seiten 17-28
Die deutsche Rezeption der amerikanischen Kommunitarismusdebatte erfordert, so Otto Kallscheuer, zum einen eine ideengeschichtlich sensibilisierte Verortung der neueren Gemeinschaftsdiskussion in den älteren Traditionen des europäischen Denkens. Zum anderen müssen die Besonderheiten des amerikanischen Gemeinschaftsdenkens berücksichtigt und dessen jeweilige Verwendungskontexte unterschieden werden, um Mißverständnisse der Rezeption zu vermeiden. Die europäischen Traditionen des Gemeinschaftsdenkens reichen ideengeschichtlich weit zurück. Gemeinschaftlichkeit als Legitimitätskriterium des Gemeinwesens wird bereits bei Augustinus (radikale Demokratie) und Thomas von Aquin (soziale Subsidiarität) thematisiert. Bei den Vorläufern der Soziologie (Montesquieu, Rousseau, Herder) nimmt die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Vergemeinschaftung unter den Bedingungen moderner Gesellschaften einen zentralen Stellenwert ein. Im 19. Jahrhundert strukturieren sich die politischen Konflikte entlang der identitätspolitischen Optionen von Konfession, Nation und sozialer Klasse.
Angesichts autoritärer und/oder harmonistischer Konzeptionen der "Volksgemeinschaft" seitens des völkischen Nationalismus und seiner nationalsozialistischen Durchführung liegt der deutschen Rezeption des amerikanischen Gemeinschaftsdenkens ein prinzipielles Mißtrauen zugrunde. Demgegenüber weist Kallscheuer auf die demokratischen und partizipatorischen Konnotationen der amerikanischen Diskussion hin. Drei Diskussionskontexte des amerikanischen Kommunitarismus gilt es zu unterscheiden, um Mißverständnisse der Rezeption zu vermeiden: In der amerikanischen Religions- und Kultursoziologie steht der "communitarianism" für gegenkulturelle und utopische Gemeinschaften; im Kontext von Republikanismus und ziviler Gesellschaft steht der Begriff für die Suche nach einem republikanischen politischen Gemeinsinn und dessen Voraussetzungen in ausgebauten Möglichkeiten demokratischer Partizipation; in Ethik und Sozialwissenschaft schließlich steht der Kommunitarismus für eine "Familie" rationalismuskritischer Argumente gegen den methodologischen Individualismus und Systemfunktionalismus und gegen ein wissenschaftsgläubiges Selbstverständnis der Moderne. Der Kommunitarismus stellt, so das Resümee, keinen traditionalistischen Rückfall, sondern eine Rückkehr zu
den vernachlässigten skeptischen, historistischen und sensualistischen Seiten der Aufklärung dar.

Hans Joas
Der Kommunitarismus - eine neue "progressive Bewegung"?
FJNSB, Seiten 29-38
Die politische Programmatik und die Reformansätze des amerikanischen Kommunitarismus als einer sich formierenden Intellektuellenbewegung stehen im Zentrum des Beitrags von Hans Joas. Diese Bewegung entwickelt sich über die doppelte Kritik sowohl des individualistischen Liberalismus als auch einer staatszentrierten Reformpolitik. Unter dem Schlüsselbegriff einer "Remoralisierung" der Politik stehen die Themen Familie und Schule, die Revitalisierung bestehender und Schaffung neuer Gemeinschaften, die Strukturen des politischen Willensbildungsprozesses sowie die Reform des Wohlfahrtsstaates im Zentrum der politischen Programmatik. Darüber hinaus gibt der Kommunitarismus auch Impulse für neue Konzeptionen der Außenpolitik und die Gestaltung der internationalen Beziehungen im Sinne einer "post-Hobbesschen Ordnung". Vor dem Hintergrund der Darstellung von Programmatik und Politikfeldern des Kommunitarismus wertet Joas diesen als einen eliten-initiierten Versuch, das Ideal der Demokratie in einer hochdifferenzierten modernen Gesellschaft im Bewußtsein der Auswirkungen eines freigesetzten Individualismus neu zu formulieren. Dabei wird zugleich versucht, die Fehler vorangegangener staatszentrierter Reformkonzeptionen zu vermeiden. Die traditionellen Frontverläufe zwischen den politischen Lagern geraten in Bewegung. Wertkonservative Gegenwartskritik und basisdemokratische wie sozialpolitische Ziele verbinden sich zu einem neuen Konzept. Der Kommunitarismus in den USA, so Joas, ist eine neue "progressive Bewegung", von der wichtige Impulse auch für die europäische Politik ausgehen könnten.

Hans Vorländer
Ein vorläufiges Nachwort zur deutschen Kommunitarismusdebatte
FJNSB, Seiten 39-43
Eine vorläufige Bilanz der deutschen Kommunitarismusdiskussion unternimmt Hans Vorländer. In eigentümlicher Sterilität sei diese über den engeren theoretisch-wissenschaftlichen Diskurs nicht hinausgelangt und bisher politisch folgenlos verlaufen. Ein Grund dafür liegt - so Vorländer - darin, daß die deutsche Kommunitarismusdiskussion mit versetzten intellektuellen und kulturellen Fronten operiert: Nicht eine Dominanz des Liberalismus, wie sie der amerikanischen Debatte zugrunde liegt, sondern eher ein Defizit liberaler Wertorientierungen bildet den Kontext der deutschen Diskussion. Trotz einer politisch mageren Bilanz der deutschen Debatte repräsentiert sie ein brisantes zeitdiagnostisches Potential. Der Kommunitarismus sensibilisiert für die soziomoralischen Voraussetzungen moderner Gesellschaften und macht auf die Folgen von Individualisierungsschüben und Wertewandel ebenso aufmerksam wie auf die prekären Anforderungen an die politische Kultur liberaler Demokratien. Beunruhigend, so Vorländer, sei freilich die Kluft zwischen Problemwahrnehmung und fehlenden politischen wie gesellschaftlichen Antworten.

Roland Roth
Kommunitaristische Sozialpolitik?
Anmerkungen zur aktuellen Debatte über Professionalität und Ehrenamt in der Sozialpolitik
FJNSB, Seiten 44-53
In der sozialpolitischen Diskussion hat ein kommunitaristisch-zivilgesellschaftlicher Perspektivenwechsel stattgefunden und zu einer Aufwertung von Formen des freiwilligen sozialen Engagements beigetragen. Bestehende begriffliche und theoretische Unklarheiten in der Diskussion über "Bürgergesellschaft", "Gemeinschaft" und "Wohlfahrtsgesellschaft" können, so Roland Roth, nur auf dem Wege einer Präzisierung ihrer Objektbereiche und empirischen Bezüge sowie ihrer gesellschaftstheoretischen Reichweite, politischen Zielsetzungen und reformpolitischen Konsequenzen geklärt werden. Im Felde sozialer Arbeit ist ein Professionalisierungsschub zu verzeichnen, der Spezialisierung, Kommerzialisierung und zunehmende Arbeitsteilung begünstigt und einer Marginalisierung ehrenamtlicher Arbeit Vorschub leistet. Informelle Hilfen in Gemeinschaften sind jedoch nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Produktion sozialer Sicherheit. In Deutschland sind über 2 Millionen Menschen in ca. 55.000 Selbsthilfegruppen aktiv. Neben Staat und Markt bildet Gemeinschaft einen festen und unverzichtbaren Bestandteil des Wohlfahrtsdreiecks. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Schere zwischen einem steigenden Bedarf an sozialen Diensten und den verfügbaren Finanzressourcen, einer Kritik an negativen Folgen der Professionalisierung sowie der Impulse aus Alternativprojekten und Selbsthilfeinitiativen gewinnt die Frage einer stärkeren Verschränkung von freiwilligem Sozialengagement und professionellen sozialen Dienstleistungen an Bedeutung. Es zeichnen sich Konturen einer neuen Ehrenamtlichkeit ab. Zu deren Kennzeichen zählen Offenheit, Wahlmöglichkeiten, eine stärkere Berücksichtigung eigener Fähigkeiten, neue Tätigkeitsfelder und demokratische Entscheidungsformen. Doch die institutionellen Rahmenbedingungen sind ungünstig und es fehlen auch angemessene soziale Sicherungen des Ehrenamtes.
Die sozialpolitischen Voraussetzungen einer Stärkung des freiwilligen sozialen Engagements müssen realistisch beurteilt werden. Angesichts des institutionellen Beharrungsvermögens der etablierten sozialen Sicherungssysteme, des Trends zur Professionalisierung sozialer Dienste und des nach wie vor dominierenden Einflusses der korporatistisch agierenden Wohlfahrtsverbände sind optimistische Erwartungen unangebracht. Wesentliche Voraussetzung einer kommunitären Sozialpolitik bleiben flankierende sozialstaatliche Maßnahmen gegen die sich verschärfende soziale Exklusion. Die Pallette eines sozialstaatlichen "Garantismus" reicht vom erwerbsunabhängigen Grundeinkommen bis zu Formen negativer Einkommenssteuer. Eine politische Einmischung zur Schaffung der erforderlichen Voraussetzungen, so Roth, bleibt den Verfechtern kommunitärer Sozialpolitik nicht erspart.

Michael Opielka
Gemeinschaft als Ressource der Sozialpolitik
Zur Relevanz der Kontroverse zwischen Liberalismus und Kommunitarismus für die Wohlfahrtsdebatte
FJNSB, Seiten 54-62
Markt und Staat, Ökonomisierung und Bürokratisierung gelten - so Michael Opielka - dem Kommunitarismus als mitverantwortlich für soziale Auflösungserscheinungen, Entwurzelung und den Verlust von Gemeinschaftsbindungen. Opielka gibt nach einer knappen Skizze der kommunitaristischen Zeitdiagnose einen Überblick zu den sozialpolitischen Rückgriffen auf kommunitaristsiche Argumente. Die politische Aktivierung gesellschaftlicher Solidarität gewinnt auch bei den sozialdemokratischen Verfechtern des europäischen Sozialversicherungs-Staatsmodells an Gewicht. Gemeinschaft als Steuerungsmedium und als Alternative zu staatlichen Regelungen wird vor allem bei den Konservativen und im Umfeld der Grünen diskutiert. Trotz dieser Gemeinsamkeit und vermittelnden Zwischentönen bleiben jedoch wichtige Differenzen. Während die einen die Pflichten gegenüber der Gemeinschaft hervorheben, betonen die anderen die Erweiterung der Rechte von Mitgliedern der politischen Gemeinschaft. Autoritär-paternalistische Rückgriffe auf Gemeinschaft verbinden sich sozialpolitisch mit Konzepten des "workfare state", die eine sozialstaatliche Absicherung auf eng umschreibbare Gruppen wirklich "Bedürftiger" beschränken wollen. Auch die Diskussionen über einen obligatorischen sozialen Pflichtdienst lassen sich hier zuordnen. Demgegenüber dominiert im Umfeld der Grünen ein links-libertäresGemeinschaftsdenken, das an ein republikanisches Konzept der Bürgerschaft anschließt. In der sozialpolitischen Debatte bildet das "garantierte Grundeinkommen" einen wichtigen Focus. Insgesamt kommt dem Kommunitarismus als gemeinsamen politischen Bezugspunkt unterschiedlicher politischer Lager bei der Bildung zukünftiger gesellschaftspolitischer Reformkoalitionen eine hohe strategische Bedeutung zu. Die Konkretisierung der politischen Schlußfolgerungen bleibt jedoch ebenso zu leisten wie die Fortführung der philosophischen Grundsatzdebatte über differierende Menschenbilder, von der letztlich die amerikanische Debatte zwischen Kommunitarismus und Liberalismus ihren Ausgang genommen hat.

Martina Ullrich
Kommunitarismus und Feminismus
Berührungspunkte "politischen" Denkens
FJNSB, Seiten 63-72
Wie wird der Kommunitarismus vom Feminismus wahrgenommen und bewertet? Innerhalb des Feminismus, so Martina Ullrich, muß zur Beantwortung dieser Frage zunächst zwischen einer nachholend-liberalen und einer post-liberalen Strömung unterschieden werden. Während erstere das liberale Programm auf seine geschlechtsspezifischen Engführungen kritisch befragt - zentral sind dabei die Kategorien "privat" und "öffentlich" - und das Ziel individueller Rechtsgleichheit kritisch reformuliert, stellt die post-liberale Strömung die weibliche Differenz in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Berührungspunkte zwischem Kommunitarismus und Feminismus können die Verlaufsformen von Konflikt, Kolonialisierung und Kompromiß annehmen. Das im Kommunitarismus häufig gepflegte idealisierte Bild der Familie blendet den Hintergrund geschlechtsspezifischer Benachteiligung aus. Dies führt zu Konflikten mit dem liberalen Flügel des Feminismus. Eine Kolonialisierung - also instrumentelle Indienstnahme - feministischer Argumente seitens des Kommunitarismus stützt sich auf die im post-liberalen Feminismus geführte Debatte über weibliche Ethik (Carol Gilligan): Die "Fürsorglichkeit" als wiederentdeckte Gemeinschaftstugend dient dann der Konservierung des Status quo geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Ein Kompromiß beider Denkströmungen setzt voraus, daß das Spannungsfeld zwischen Gemeinschaftsanforderungen und dem individualistischen Liberalismus in der kommunitaristischen Diskussion hinsichtlich geschlechtsspezifischer Zuweisungen und Projektionen kritisch hinterfragt wird. Erst dann, so Ullrich, könne ein echter Dialog über die Möglichkeiten der Ausbildung posttraditioneller Gemeinschaftlichkeit zwischen Feminismus und Kommunitarismus geführt werden.

Werkstattgespräche
Die Kommunitarismusdebatte liefert auch den Programmtheoretikern der Parteien wichtige Anregungen. Ohne an dieser Stelle den Stellenwert von Programmdiskussionen für die praktische Politik überbewerten zu wollen, hat sich die Forschungsgruppe Neue Soziale Bewegungen bemüht, im Rahmen einer mit der Gustav-Heinemann-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Freudenberg veranstalteten Tagung eine Bestandsaufnahme der Kommunitarismusrezeption in der deutschen Parteienlandschaft zu unternehmen. An diesem Bemühen haben sich namhafte Programmtheoretiker der Parteien beteiligt: Thomas Meyer (SPD), Thomas M. Gauly (CDU); Winfried Kretschmann (Grüne) und Hans Vorländer (als kritischem Beobachter der FDP). Die Ergebnisse sind in geringfügig überarbeiteter Form als "Werkstattgespräche" in diesem Heft nachzulesen. Als Abteilungsleiter im Beratungsstab der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei beschäftigt sich Gerd Mielke mit den Implementationsproblemen des kommunitaristischen Projekts. Harald Plamper von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung in Köln hat sich mit dem Stichwort der "lean administration" auseinandergesetzt. Sein Beitrag liefert Anschauungsmaterial für konzeptionelle und praktische Reaktionen der Kommunen auf den enormen Rationalisierungsdruck, dem sie ausgesetzt sind. Nicht nur hier muß sich erst noch entscheiden, ob die kommunitaristische Suche nach neuen Formen der Bürgerbeteiligung und Dezentralisierung sowie insgesamt die Debatte über eine Vergesellschaftung des Sozialstaats mehr als eine willkommene Begleitrhetorik anstehender Rationalisierungsmaßnahmen bietet.