Kommunitarismus und praktische Politik
Abstracts (deutsch)
Otto
Kallscheuer
Was heißt schon Kommunitarismus?
FJNSB, Seiten 17-28
Die deutsche Rezeption der amerikanischen Kommunitarismusdebatte
erfordert, so Otto Kallscheuer, zum einen eine ideengeschichtlich sensibilisierte
Verortung der neueren Gemeinschaftsdiskussion in den älteren Traditionen
des europäischen Denkens. Zum anderen müssen die Besonderheiten des
amerikanischen Gemeinschaftsdenkens berücksichtigt und dessen jeweilige
Verwendungskontexte unterschieden werden, um Mißverständnisse der Rezeption
zu vermeiden. Die europäischen Traditionen des Gemeinschaftsdenkens
reichen ideengeschichtlich weit zurück. Gemeinschaftlichkeit als Legitimitätskriterium
des Gemeinwesens wird bereits bei Augustinus (radikale Demokratie) und
Thomas von Aquin (soziale Subsidiarität) thematisiert. Bei den Vorläufern
der Soziologie (Montesquieu, Rousseau, Herder) nimmt die Frage nach
den Möglichkeiten und Grenzen der Vergemeinschaftung unter den Bedingungen
moderner Gesellschaften einen zentralen Stellenwert ein. Im 19. Jahrhundert
strukturieren sich die politischen Konflikte entlang der identitätspolitischen
Optionen von Konfession, Nation und sozialer Klasse.
Angesichts autoritärer und/oder harmonistischer Konzeptionen der "Volksgemeinschaft"
seitens des völkischen Nationalismus und seiner nationalsozialistischen
Durchführung liegt der deutschen Rezeption des amerikanischen Gemeinschaftsdenkens
ein prinzipielles Mißtrauen zugrunde. Demgegenüber weist Kallscheuer
auf die demokratischen und partizipatorischen Konnotationen der amerikanischen
Diskussion hin. Drei Diskussionskontexte des amerikanischen Kommunitarismus
gilt es zu unterscheiden, um Mißverständnisse der Rezeption zu vermeiden:
In der amerikanischen Religions- und Kultursoziologie steht der "communitarianism"
für gegenkulturelle und utopische Gemeinschaften; im Kontext von Republikanismus
und ziviler Gesellschaft steht der Begriff für die Suche nach einem
republikanischen politischen Gemeinsinn und dessen Voraussetzungen in
ausgebauten Möglichkeiten demokratischer Partizipation; in Ethik und
Sozialwissenschaft schließlich steht der Kommunitarismus für eine "Familie"
rationalismuskritischer Argumente gegen den methodologischen Individualismus
und Systemfunktionalismus und gegen ein wissenschaftsgläubiges Selbstverständnis
der Moderne. Der Kommunitarismus stellt, so das Resümee, keinen traditionalistischen
Rückfall, sondern eine Rückkehr zu
den vernachlässigten skeptischen, historistischen und sensualistischen
Seiten der Aufklärung dar.
Hans
Joas
Der Kommunitarismus - eine neue "progressive Bewegung"?
FJNSB, Seiten 29-38
Die politische Programmatik und die Reformansätze des amerikanischen
Kommunitarismus als einer sich formierenden Intellektuellenbewegung
stehen im Zentrum des Beitrags von Hans Joas. Diese Bewegung entwickelt
sich über die doppelte Kritik sowohl des individualistischen Liberalismus
als auch einer staatszentrierten Reformpolitik. Unter dem Schlüsselbegriff
einer "Remoralisierung" der Politik stehen die Themen Familie
und Schule, die Revitalisierung bestehender und Schaffung neuer Gemeinschaften,
die Strukturen des politischen Willensbildungsprozesses sowie die Reform
des Wohlfahrtsstaates im Zentrum der politischen Programmatik. Darüber
hinaus gibt der Kommunitarismus auch Impulse für neue Konzeptionen der
Außenpolitik und die Gestaltung der internationalen Beziehungen im Sinne
einer "post-Hobbesschen Ordnung". Vor dem Hintergrund der
Darstellung von Programmatik und Politikfeldern des Kommunitarismus
wertet Joas diesen als einen eliten-initiierten Versuch, das Ideal der
Demokratie in einer hochdifferenzierten modernen Gesellschaft im Bewußtsein
der Auswirkungen eines freigesetzten Individualismus neu zu formulieren.
Dabei wird zugleich versucht, die Fehler vorangegangener staatszentrierter
Reformkonzeptionen zu vermeiden. Die traditionellen Frontverläufe zwischen
den politischen Lagern geraten in Bewegung. Wertkonservative Gegenwartskritik
und basisdemokratische wie sozialpolitische Ziele verbinden sich zu
einem neuen Konzept. Der Kommunitarismus in den USA, so Joas, ist eine
neue "progressive Bewegung", von der wichtige Impulse auch
für die europäische Politik ausgehen könnten.
Hans
Vorländer
Ein vorläufiges Nachwort zur deutschen Kommunitarismusdebatte
FJNSB, Seiten 39-43
Eine vorläufige Bilanz der deutschen Kommunitarismusdiskussion
unternimmt Hans Vorländer. In eigentümlicher Sterilität sei diese über
den engeren theoretisch-wissenschaftlichen Diskurs nicht hinausgelangt
und bisher politisch folgenlos verlaufen. Ein Grund dafür liegt - so
Vorländer - darin, daß die deutsche Kommunitarismusdiskussion mit versetzten
intellektuellen und kulturellen Fronten operiert: Nicht eine Dominanz
des Liberalismus, wie sie der amerikanischen Debatte zugrunde liegt,
sondern eher ein Defizit liberaler Wertorientierungen bildet den Kontext
der deutschen Diskussion. Trotz einer politisch mageren Bilanz der deutschen
Debatte repräsentiert sie ein brisantes zeitdiagnostisches Potential.
Der Kommunitarismus sensibilisiert für die soziomoralischen Voraussetzungen
moderner Gesellschaften und macht auf die Folgen von Individualisierungsschüben
und Wertewandel ebenso aufmerksam wie auf die prekären Anforderungen
an die politische Kultur liberaler Demokratien. Beunruhigend, so Vorländer,
sei freilich die Kluft zwischen Problemwahrnehmung und fehlenden politischen
wie gesellschaftlichen Antworten.
Roland
Roth
Kommunitaristische Sozialpolitik?
Anmerkungen zur aktuellen Debatte über Professionalität und Ehrenamt
in der Sozialpolitik
FJNSB, Seiten 44-53
In der sozialpolitischen Diskussion hat ein kommunitaristisch-zivilgesellschaftlicher
Perspektivenwechsel stattgefunden und zu einer Aufwertung von Formen
des freiwilligen sozialen Engagements beigetragen. Bestehende begriffliche
und theoretische Unklarheiten in der Diskussion über "Bürgergesellschaft",
"Gemeinschaft" und "Wohlfahrtsgesellschaft" können,
so Roland Roth, nur auf dem Wege einer Präzisierung ihrer Objektbereiche
und empirischen Bezüge sowie ihrer gesellschaftstheoretischen Reichweite,
politischen Zielsetzungen und reformpolitischen Konsequenzen geklärt
werden. Im Felde sozialer Arbeit ist ein Professionalisierungsschub
zu verzeichnen, der Spezialisierung, Kommerzialisierung und zunehmende
Arbeitsteilung begünstigt und einer Marginalisierung ehrenamtlicher
Arbeit Vorschub leistet. Informelle Hilfen in Gemeinschaften sind jedoch
nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Produktion sozialer Sicherheit.
In Deutschland sind über 2 Millionen Menschen in ca. 55.000 Selbsthilfegruppen
aktiv. Neben Staat und Markt bildet Gemeinschaft einen festen und unverzichtbaren
Bestandteil des Wohlfahrtsdreiecks. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden
Schere zwischen einem steigenden Bedarf an sozialen Diensten und den
verfügbaren Finanzressourcen, einer Kritik an negativen Folgen der Professionalisierung
sowie der Impulse aus Alternativprojekten und Selbsthilfeinitiativen
gewinnt die Frage einer stärkeren Verschränkung von freiwilligem Sozialengagement
und professionellen sozialen Dienstleistungen an Bedeutung. Es zeichnen
sich Konturen einer neuen Ehrenamtlichkeit ab. Zu deren Kennzeichen
zählen Offenheit, Wahlmöglichkeiten, eine stärkere Berücksichtigung
eigener Fähigkeiten, neue Tätigkeitsfelder und demokratische Entscheidungsformen.
Doch die institutionellen Rahmenbedingungen sind ungünstig und es fehlen
auch angemessene soziale Sicherungen des Ehrenamtes.
Die sozialpolitischen Voraussetzungen einer Stärkung des freiwilligen
sozialen Engagements müssen realistisch beurteilt werden. Angesichts
des institutionellen Beharrungsvermögens der etablierten sozialen Sicherungssysteme,
des Trends zur Professionalisierung sozialer Dienste und des nach wie
vor dominierenden Einflusses der korporatistisch agierenden Wohlfahrtsverbände
sind optimistische Erwartungen unangebracht. Wesentliche Voraussetzung
einer kommunitären Sozialpolitik bleiben flankierende sozialstaatliche
Maßnahmen gegen die sich verschärfende soziale Exklusion. Die Pallette
eines sozialstaatlichen "Garantismus" reicht vom erwerbsunabhängigen
Grundeinkommen bis zu Formen negativer Einkommenssteuer. Eine politische
Einmischung zur Schaffung der erforderlichen Voraussetzungen, so Roth,
bleibt den Verfechtern kommunitärer Sozialpolitik nicht erspart.
Michael
Opielka
Gemeinschaft als Ressource der Sozialpolitik
Zur Relevanz der Kontroverse zwischen Liberalismus und Kommunitarismus
für die Wohlfahrtsdebatte
FJNSB, Seiten 54-62
Markt und Staat, Ökonomisierung und Bürokratisierung gelten
- so Michael Opielka - dem Kommunitarismus als mitverantwortlich für
soziale Auflösungserscheinungen, Entwurzelung und den Verlust von Gemeinschaftsbindungen.
Opielka gibt nach einer knappen Skizze der kommunitaristischen Zeitdiagnose
einen Überblick zu den sozialpolitischen Rückgriffen auf kommunitaristsiche
Argumente. Die politische Aktivierung gesellschaftlicher Solidarität
gewinnt auch bei den sozialdemokratischen Verfechtern des europäischen
Sozialversicherungs-Staatsmodells an Gewicht. Gemeinschaft als Steuerungsmedium
und als Alternative zu staatlichen Regelungen wird vor allem bei den
Konservativen und im Umfeld der Grünen diskutiert. Trotz dieser Gemeinsamkeit
und vermittelnden Zwischentönen bleiben jedoch wichtige Differenzen.
Während die einen die Pflichten gegenüber der Gemeinschaft hervorheben,
betonen die anderen die Erweiterung der Rechte von Mitgliedern der politischen
Gemeinschaft. Autoritär-paternalistische Rückgriffe auf Gemeinschaft
verbinden sich sozialpolitisch mit Konzepten des "workfare state",
die eine sozialstaatliche Absicherung auf eng umschreibbare Gruppen
wirklich "Bedürftiger" beschränken wollen. Auch die Diskussionen
über einen obligatorischen sozialen Pflichtdienst lassen sich hier zuordnen.
Demgegenüber dominiert im Umfeld der Grünen ein links-libertäresGemeinschaftsdenken,
das an ein republikanisches Konzept der Bürgerschaft anschließt. In
der sozialpolitischen Debatte bildet das "garantierte Grundeinkommen"
einen wichtigen Focus. Insgesamt kommt dem Kommunitarismus als gemeinsamen
politischen Bezugspunkt unterschiedlicher politischer Lager bei der
Bildung zukünftiger gesellschaftspolitischer Reformkoalitionen eine
hohe strategische Bedeutung zu. Die Konkretisierung der politischen
Schlußfolgerungen bleibt jedoch ebenso zu leisten wie die Fortführung
der philosophischen Grundsatzdebatte über differierende Menschenbilder,
von der letztlich die amerikanische Debatte zwischen Kommunitarismus
und Liberalismus ihren Ausgang genommen hat.
Martina
Ullrich
Kommunitarismus und Feminismus
Berührungspunkte "politischen" Denkens
FJNSB, Seiten 63-72
Wie wird der Kommunitarismus vom Feminismus wahrgenommen und
bewertet? Innerhalb des Feminismus, so Martina Ullrich, muß zur Beantwortung
dieser Frage zunächst zwischen einer nachholend-liberalen und einer
post-liberalen Strömung unterschieden werden. Während erstere das liberale
Programm auf seine geschlechtsspezifischen Engführungen kritisch befragt
- zentral sind dabei die Kategorien "privat" und "öffentlich"
- und das Ziel individueller Rechtsgleichheit kritisch reformuliert,
stellt die post-liberale Strömung die weibliche Differenz in den Mittelpunkt
ihrer Überlegungen. Berührungspunkte zwischem Kommunitarismus und Feminismus
können die Verlaufsformen von Konflikt, Kolonialisierung und Kompromiß
annehmen. Das im Kommunitarismus häufig gepflegte idealisierte Bild
der Familie blendet den Hintergrund geschlechtsspezifischer Benachteiligung
aus. Dies führt zu Konflikten mit dem liberalen Flügel des Feminismus.
Eine Kolonialisierung - also instrumentelle Indienstnahme - feministischer
Argumente seitens des Kommunitarismus stützt sich auf die im post-liberalen
Feminismus geführte Debatte über weibliche Ethik (Carol Gilligan): Die
"Fürsorglichkeit" als wiederentdeckte Gemeinschaftstugend
dient dann der Konservierung des Status quo geschlechtsspezifischer
Arbeitsteilung. Ein Kompromiß beider Denkströmungen setzt voraus, daß
das Spannungsfeld zwischen Gemeinschaftsanforderungen und dem individualistischen
Liberalismus in der kommunitaristischen Diskussion hinsichtlich geschlechtsspezifischer
Zuweisungen und Projektionen kritisch hinterfragt wird. Erst dann, so
Ullrich, könne ein echter Dialog über die Möglichkeiten der Ausbildung
posttraditioneller Gemeinschaftlichkeit zwischen Feminismus und Kommunitarismus
geführt werden.
Werkstattgespräche
Die Kommunitarismusdebatte liefert auch den Programmtheoretikern
der Parteien wichtige Anregungen. Ohne an dieser Stelle den Stellenwert
von Programmdiskussionen für die praktische Politik überbewerten zu
wollen, hat sich die Forschungsgruppe Neue Soziale Bewegungen bemüht,
im Rahmen einer mit der Gustav-Heinemann-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung
in Freudenberg veranstalteten Tagung eine Bestandsaufnahme der Kommunitarismusrezeption
in der deutschen Parteienlandschaft zu unternehmen. An diesem Bemühen
haben sich namhafte Programmtheoretiker der Parteien beteiligt: Thomas
Meyer (SPD), Thomas M. Gauly (CDU); Winfried Kretschmann (Grüne) und
Hans Vorländer (als kritischem Beobachter der FDP). Die Ergebnisse sind
in geringfügig überarbeiteter Form als "Werkstattgespräche"
in diesem Heft nachzulesen. Als Abteilungsleiter im Beratungsstab der
rheinland-pfälzischen Staatskanzlei beschäftigt sich Gerd Mielke mit
den Implementationsproblemen des kommunitaristischen Projekts. Harald
Plamper von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung
in Köln hat sich mit dem Stichwort der "lean administration"
auseinandergesetzt. Sein Beitrag liefert Anschauungsmaterial für konzeptionelle
und praktische Reaktionen der Kommunen auf den enormen Rationalisierungsdruck,
dem sie ausgesetzt sind. Nicht nur hier muß sich erst noch entscheiden,
ob die kommunitaristische Suche nach neuen Formen der Bürgerbeteiligung
und Dezentralisierung sowie insgesamt die Debatte über eine Vergesellschaftung
des Sozialstaats mehr als eine willkommene Begleitrhetorik anstehender
Rationalisierungsmaßnahmen bietet.
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