Das Erbe der Bürgerbewegungen
Abstracts (deutsch)
Dieter
Rucht
Deutsche Vereinigung und Demokratisierung.
Zum Scheitern der Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 12-19
Im Prozeß der deutschen Einigung kam es zu einer schnellen
und weitgehend bedingungslosen Übernahme des westdeutschen Institutionensystems
in Ostdeutschland. Die Bürgerbewegungen mußten im Transformationsprozeß
ihren kurzzeitig gewonnenen politischen Einfluß an die neu entstandenen
politischen Parteien abtreten. Gemessen an den eigenen Zielsetzungen
- einer eigenständigen Entwicklung der DDR-Gesellschaft unter basisdemokratischen
politischen Bedingungen - sind die Bürgerbewegungen gescheitert. Dieter
Rucht bilanziert die ausschlaggebenden internen und externen Faktoren
dieser Entwicklung. Zu den internen Faktoren zählen ein moralisch hoch
aufgeladenes Politikverständnis, konzeptionell vage politische Ordnungsvorstellungen,
die auf die machtpolitischen Erfordernisse und Interessenkonstellationen
des Beitrittsprozesses nicht vorbereitet waren, sowie Schwächen in Organisation
und Ressourcenausstattung. Zu den externen Faktoren der Entwicklung,
die mit der politischen Marginalisierung der Bürgerbewegungen ihren
vorläufigen Abschluß findet, zählt Rucht die massive Einflußnahme westdeutscher
Parteien auf die Formierung der ostdeutschen Parteienlandschaft, die
zunächst unterschätzte Konkurrenz der PDS sowie wie die Zersplitterung
der Bürgerbewegungen bei der Bildung eigener Parteien.
Dieter
Rink
Neue Bewegung im Osten?
Zur Entwicklung im ostdeutschen Bewegungssektor nach dem Ende der Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 20-26
Während ein wichtiger Teil der Bürgerbewegungen in den neu
entstandenen Parteistrukturen Ostdeutschlands aufging, hielten einige
kleinere Gruppierungen an Anspruch und Programm der Bürgerbewegungen
fest und suchten nach neuen Aufgabenfeldern. Dieter Rink gibt einen
Überblick über diese Gruppen, die allerdings derzeit vom Zerfall ihrer
Strukturen bedroht sind. An Bedeutung gewonnen haben demgegenüber Formen
politischer Selbstorganisation in Stadteil- und Bürgerinitiativen, Frauengruppen
und - projekten, Kulturzentren, Umweltprojekten etc. Nicht feststellen
lassen sich Formen übergreifender Zusammenarbeit und Vernetzung. Eine
pragmatische Orientierung und professionelle Arbeitsweise, erste Ansätze
der Komerzialisierung und eine auf Kreise von Hausbesetzern und autonomer
Szene begrenzte politische Mobilisierungsbereitschaft kennzeichnen diesen
Bewegungssektor. Dessen Konturen haben sich, so Rink, in Ostdeutschland
jenseits spektakulärer Aktionen in abgekürzter Entwicklung an die Form
des westdeutschen Bewegungssektors weitgehend angeglichen.
Irene
Zierke
Zwischen Distanz und Nähe.
Zu alltagskulturellen Wurzeln ostdeutscher Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 27-36
Irene Zierke erläutert im Rückgriff auf das Konzept der Alltagskulturen
die Entfaltungschancen der ostdeutschen sozialen Bewegungen. Die Chancen
der ostdeutschen Bürgerbewegungen zu einer "emanzipatorischen Lebenspraxis",
wie sie für die Entwicklungs- und Artikulationschancen der Westdeutschen
neuen sozialen Bewegungen alltagskulturell möglich war, waren nicht
gegeben. So fehlten Vor allem öffentliche Räume und damit auch der Zugang
zur Öffentlichkeit. Drei alltagspraktische Momente haben zum besonderen
Bedingungsgefüge der ostdeutschen Bürgerbewegung geführt: die Bildungsaneignung
nach der kulturellen Öffnung der DDR (1), die Gebundenheit an die spezifischen
Räume, wie bürgerlich-humanistische Familie, evangelische Kirche und
Kulturbund (2) und Handlungsstrategien, die durch die Konfrontation
mit staatlichen Instanzen entstanden waren (3). Diese Bedingungen führten
zu einer sozialen Verwurzelung der Alternativen im "Konfliktbereich
DDR". Im zweiten Teil ihres Textes veranschaulicht Zierke an zwei
biographischen Beispielen das Hereinwachsen in oppositionelle Kreise
und auch deren Entwicklung nach der Wende.
Hubertus
Knabe
Die Stasi-debatte als Identitätsanker?
Die Bürgerbewegungen und die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit
FJNSB, Seiten 37-50
Hubertus Knabe analysiert den Umgang der ostdeutschen Bürgerbewegung
mit der DDR -Vergangenheit und besonders mit dem Thema "Staatssicherheit".
In seiner Einleitung versucht er den Begriff "Bürgerbewegung"
zu präzisieren. Danach stellt er in einem geschichtlichen Abriß den
Wandel der Einstellung der Bürgerbewegung zum MfS dar. Als Eckdaten
wählt er die Zeit bis zum Herbst '89 (1), von der Auflösung des MfS
bis zum Einigungsvertrag (2), von der Vereinigung bis zum Stasi-Unterlagengesetz(3)
und nach der Aktenöffnung (4). Dabei zeigt er, daß die sich in den 80er
Jahren in der DDR entwickelnden Bürgerbewegungen die Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes
bis Oktober '89 nicht thematisierten. Erst unter dem Druck weiter Schichten
der Bevölkerung und dem Erhalt erster Informationen über das Ausmaß
der Bewachung bekam die MfS-Thematik eine zentrale Bedeutung. In seinen
Schlußfolgerungen setzt er sich mit der These, daß die Stasi-Debatte
mangels anderer Themen gegenwärtig einen Identitätsanker der Bürgerbewegung
darstellt, auseinander.
Helmut
Müller-Enbergs
Über die Inoffiziellen Mitarbeiter und das Bündnis 90 Brandenburg
FJNSB, Seiten 51-64
Was Hubertus Knabe auf einer größeren Ebene darstellt, diskutiert
Helmut Müller-Enbergs am Beispiel der Brandenburger Bürgerbewegung.
Er schildert in einem anschaulichen Nachvollzug der teilweise dramatischen
Entwicklung die Schwierigkeiten, die das Bündnis 90 während der Zeit
seiner Beteiligung an einer Regierungsskoalition (Ampelkoalition mit
SPD und FDP), konfrontiert mit einer personalisierten IM-Diskussion,
bekam. Es zeigte sich, daß innerhalb der Fraktion erheblich differierende
Ansichten über die Art und Weise des Umgangs mit den ehemaligen IM`s
in den eigenen Reihen und v. a. mit dem "Fall Stolpe" bestanden.
Die Diskussion um seine Person hatte eine Spaltung der Bürgerbewegung
und letztlich den Bruch der Koalition zur Folge, da der Anspruch auf
eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Problem sich der Regierungsräson
in den Weg stellte. Die politische Gestaltungsarbeit, die das Bündnis
90 leistete, wurde in der Öffentlichkeit verdrängt von der Aufarbeitung
der Vergangenheit, so daß die Brandenburger Bürgerbewegung bei den nächsten
Wahlen nicht wieder in den Landtag einzog und somit an politischer Bedeutung
verlor.
Lothar
Probst
Die Linke und die Bürgerbewqegung.
Die Geschichte einer gescheiterten Beziehung
FJNSB, Seiten 65-79
Lothar Probst untersucht die Chancen der Bürgerbewegungen zum
Machterwerb nach der Wende. In seiner Einleitung betrachtet er die selbstkritischen
Bilanzen einzelner Bürgerrechtler und beleuchtet sie aus der Warte von
Überlegungen Bruce Ackermanns und Hannah Arendts über den Zusammenhang
von Macht und Institutionen. Danach betrachtet er das Verhältnis von
Bürgerbewegung und (West)Parteien. Bei der SPD konstatiert er ein langes
Zögern hinsichtlich aufgeschlossener Zusammenarbeit, das er auf die
frühere Ostpolitik dieser Partei zurückführt. Mehr aus taktischen Gründen
nahm man sich schließlich einiger ostdeutscher Prominenter an. Bei den
Grünen sind trotz der Fusion mit Bündnis 90 keine spürbaren Einflüsse
des Moral- und Politikverständnisses der Bürgerbewegung zu verzeichnen.
Die PDS hat von dieser "politischen Unauffälligkeit" der Bürgerbewegung
profitiert und stellt sich heute als die genuine Vertreterin eines ostdeutschen
Selbstbewußtseins dar. Auch in seinem Ausblick kann er keine neuen Chancen
für einen Machtzuwachs der Bürgerrechtler ausmachen.
Pulsschlag
In den Rubriken des Themenheftes findet sich u.a. ein Forschungsbericht
von Peter Hilger zum Prozeß der Marginalisierung der Oppositionsgruppen
in der ehemaligen DDR. Nach einem kurzen historischen Rückblick analysiert
er die politischen Inhalte sowie die strukturellen Dilemmata, mit denen
sich die Bürgerbewegungen konfrontiert sahen. - Ursula Brunner und Sandra
Lustig beschreiben die Situation amerikanischer Umweltschutzorganisationen
(USOs) vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Organisationsumfeldes.
Nachlassendes Interesse, zunehmende Komplexität der Problemzusammenhänge
und sinkende soziale Akzeptanz kennzeichnen die augenblickliche Situation.
Diese verlangt eine Reorientierung der Handlungs- und Mobilisierungsstrategien
der USOs. Über eine Auswertung von Interviews mit VertreterInnen von
sechs ausgewählten Organisationen wird eine an organisatorischen Handlungsinstrumenten
und- strategien orientierte Typologie entwickelt. Diese gibt Hinweise
für anzustrebende Organisationsmodelle, die gleichermaßen Mitgliederbindung
wie Effektivität ermöglichen. - In einem strukturierten Literaturüberblick
zu internationalen Vergleichen des Dritten Sektors beschreiben Josef
Schmid und Martin Bräutigam aktuelle Neuerscheinungen. Sie monieren
zwar ein theoretisches wie empirisches Sammelsurium und damit fehlende
Vergleichbarkeit und theoretische Standardisierung, erkennen aber auch
ein Licht am Ende des Tunnels der international vergleichenden Dritte
Sektor-Forschung.
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