Heft 4, 1995   

 

Das Erbe der Bürgerbewegungen
Abstracts (deutsch)

Dieter Rucht
Deutsche Vereinigung und Demokratisierung.
Zum Scheitern der Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 12-19
Im Prozeß der deutschen Einigung kam es zu einer schnellen und weitgehend bedingungslosen Übernahme des westdeutschen Institutionensystems in Ostdeutschland. Die Bürgerbewegungen mußten im Transformationsprozeß ihren kurzzeitig gewonnenen politischen Einfluß an die neu entstandenen politischen Parteien abtreten. Gemessen an den eigenen Zielsetzungen - einer eigenständigen Entwicklung der DDR-Gesellschaft unter basisdemokratischen politischen Bedingungen - sind die Bürgerbewegungen gescheitert. Dieter Rucht bilanziert die ausschlaggebenden internen und externen Faktoren dieser Entwicklung. Zu den internen Faktoren zählen ein moralisch hoch aufgeladenes Politikverständnis, konzeptionell vage politische Ordnungsvorstellungen, die auf die machtpolitischen Erfordernisse und Interessenkonstellationen des Beitrittsprozesses nicht vorbereitet waren, sowie Schwächen in Organisation und Ressourcenausstattung. Zu den externen Faktoren der Entwicklung, die mit der politischen Marginalisierung der Bürgerbewegungen ihren vorläufigen Abschluß findet, zählt Rucht die massive Einflußnahme westdeutscher Parteien auf die Formierung der ostdeutschen Parteienlandschaft, die zunächst unterschätzte Konkurrenz der PDS sowie wie die Zersplitterung der Bürgerbewegungen bei der Bildung eigener Parteien.

Dieter Rink
Neue Bewegung im Osten?
Zur Entwicklung im ostdeutschen Bewegungssektor nach dem Ende der Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 20-26
Während ein wichtiger Teil der Bürgerbewegungen in den neu entstandenen Parteistrukturen Ostdeutschlands aufging, hielten einige kleinere Gruppierungen an Anspruch und Programm der Bürgerbewegungen fest und suchten nach neuen Aufgabenfeldern. Dieter Rink gibt einen Überblick über diese Gruppen, die allerdings derzeit vom Zerfall ihrer Strukturen bedroht sind. An Bedeutung gewonnen haben demgegenüber Formen politischer Selbstorganisation in Stadteil- und Bürgerinitiativen, Frauengruppen und - projekten, Kulturzentren, Umweltprojekten etc. Nicht feststellen lassen sich Formen übergreifender Zusammenarbeit und Vernetzung. Eine pragmatische Orientierung und professionelle Arbeitsweise, erste Ansätze der Komerzialisierung und eine auf Kreise von Hausbesetzern und autonomer Szene begrenzte politische Mobilisierungsbereitschaft kennzeichnen diesen Bewegungssektor. Dessen Konturen haben sich, so Rink, in Ostdeutschland jenseits spektakulärer Aktionen in abgekürzter Entwicklung an die Form des westdeutschen Bewegungssektors weitgehend angeglichen.

Irene Zierke
Zwischen Distanz und Nähe.
Zu alltagskulturellen Wurzeln ostdeutscher Bürgerbewegungen
FJNSB, Seiten 27-36
Irene Zierke erläutert im Rückgriff auf das Konzept der Alltagskulturen die Entfaltungschancen der ostdeutschen sozialen Bewegungen. Die Chancen der ostdeutschen Bürgerbewegungen zu einer "emanzipatorischen Lebenspraxis", wie sie für die Entwicklungs- und Artikulationschancen der Westdeutschen neuen sozialen Bewegungen alltagskulturell möglich war, waren nicht gegeben. So fehlten Vor allem öffentliche Räume und damit auch der Zugang zur Öffentlichkeit. Drei alltagspraktische Momente haben zum besonderen Bedingungsgefüge der ostdeutschen Bürgerbewegung geführt: die Bildungsaneignung nach der kulturellen Öffnung der DDR (1), die Gebundenheit an die spezifischen Räume, wie bürgerlich-humanistische Familie, evangelische Kirche und Kulturbund (2) und Handlungsstrategien, die durch die Konfrontation mit staatlichen Instanzen entstanden waren (3). Diese Bedingungen führten zu einer sozialen Verwurzelung der Alternativen im "Konfliktbereich DDR". Im zweiten Teil ihres Textes veranschaulicht Zierke an zwei biographischen Beispielen das Hereinwachsen in oppositionelle Kreise und auch deren Entwicklung nach der Wende.

Hubertus Knabe
Die Stasi-debatte als Identitätsanker?
Die Bürgerbewegungen und die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit
FJNSB, Seiten 37-50
Hubertus Knabe analysiert den Umgang der ostdeutschen Bürgerbewegung mit der DDR -Vergangenheit und besonders mit dem Thema "Staatssicherheit". In seiner Einleitung versucht er den Begriff "Bürgerbewegung" zu präzisieren. Danach stellt er in einem geschichtlichen Abriß den Wandel der Einstellung der Bürgerbewegung zum MfS dar. Als Eckdaten wählt er die Zeit bis zum Herbst '89 (1), von der Auflösung des MfS bis zum Einigungsvertrag (2), von der Vereinigung bis zum Stasi-Unterlagengesetz(3) und nach der Aktenöffnung (4). Dabei zeigt er, daß die sich in den 80er Jahren in der DDR entwickelnden Bürgerbewegungen die Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes bis Oktober '89 nicht thematisierten. Erst unter dem Druck weiter Schichten der Bevölkerung und dem Erhalt erster Informationen über das Ausmaß der Bewachung bekam die MfS-Thematik eine zentrale Bedeutung. In seinen Schlußfolgerungen setzt er sich mit der These, daß die Stasi-Debatte mangels anderer Themen gegenwärtig einen Identitätsanker der Bürgerbewegung darstellt, auseinander.

Helmut Müller-Enbergs
Über die Inoffiziellen Mitarbeiter und das Bündnis 90 Brandenburg
FJNSB, Seiten 51-64
Was Hubertus Knabe auf einer größeren Ebene darstellt, diskutiert Helmut Müller-Enbergs am Beispiel der Brandenburger Bürgerbewegung. Er schildert in einem anschaulichen Nachvollzug der teilweise dramatischen Entwicklung die Schwierigkeiten, die das Bündnis 90 während der Zeit seiner Beteiligung an einer Regierungsskoalition (Ampelkoalition mit SPD und FDP), konfrontiert mit einer personalisierten IM-Diskussion, bekam. Es zeigte sich, daß innerhalb der Fraktion erheblich differierende Ansichten über die Art und Weise des Umgangs mit den ehemaligen IM`s in den eigenen Reihen und v. a. mit dem "Fall Stolpe" bestanden. Die Diskussion um seine Person hatte eine Spaltung der Bürgerbewegung und letztlich den Bruch der Koalition zur Folge, da der Anspruch auf eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Problem sich der Regierungsräson in den Weg stellte. Die politische Gestaltungsarbeit, die das Bündnis 90 leistete, wurde in der Öffentlichkeit verdrängt von der Aufarbeitung der Vergangenheit, so daß die Brandenburger Bürgerbewegung bei den nächsten Wahlen nicht wieder in den Landtag einzog und somit an politischer Bedeutung verlor.

Lothar Probst
Die Linke und die Bürgerbewqegung.
Die Geschichte einer gescheiterten Beziehung
FJNSB, Seiten 65-79
Lothar Probst untersucht die Chancen der Bürgerbewegungen zum Machterwerb nach der Wende. In seiner Einleitung betrachtet er die selbstkritischen Bilanzen einzelner Bürgerrechtler und beleuchtet sie aus der Warte von Überlegungen Bruce Ackermanns und Hannah Arendts über den Zusammenhang von Macht und Institutionen. Danach betrachtet er das Verhältnis von Bürgerbewegung und (West)Parteien. Bei der SPD konstatiert er ein langes Zögern hinsichtlich aufgeschlossener Zusammenarbeit, das er auf die frühere Ostpolitik dieser Partei zurückführt. Mehr aus taktischen Gründen nahm man sich schließlich einiger ostdeutscher Prominenter an. Bei den Grünen sind trotz der Fusion mit Bündnis 90 keine spürbaren Einflüsse des Moral- und Politikverständnisses der Bürgerbewegung zu verzeichnen. Die PDS hat von dieser "politischen Unauffälligkeit" der Bürgerbewegung profitiert und stellt sich heute als die genuine Vertreterin eines ostdeutschen Selbstbewußtseins dar. Auch in seinem Ausblick kann er keine neuen Chancen für einen Machtzuwachs der Bürgerrechtler ausmachen.

Pulsschlag
In den Rubriken des Themenheftes findet sich u.a. ein Forschungsbericht von Peter Hilger zum Prozeß der Marginalisierung der Oppositionsgruppen in der ehemaligen DDR. Nach einem kurzen historischen Rückblick analysiert er die politischen Inhalte sowie die strukturellen Dilemmata, mit denen sich die Bürgerbewegungen konfrontiert sahen. - Ursula Brunner und Sandra Lustig beschreiben die Situation amerikanischer Umweltschutzorganisationen (USOs) vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Organisationsumfeldes. Nachlassendes Interesse, zunehmende Komplexität der Problemzusammenhänge und sinkende soziale Akzeptanz kennzeichnen die augenblickliche Situation. Diese verlangt eine Reorientierung der Handlungs- und Mobilisierungsstrategien der USOs. Über eine Auswertung von Interviews mit VertreterInnen von sechs ausgewählten Organisationen wird eine an organisatorischen Handlungsinstrumenten und- strategien orientierte Typologie entwickelt. Diese gibt Hinweise für anzustrebende Organisationsmodelle, die gleichermaßen Mitgliederbindung wie Effektivität ermöglichen. - In einem strukturierten Literaturüberblick zu internationalen Vergleichen des Dritten Sektors beschreiben Josef Schmid und Martin Bräutigam aktuelle Neuerscheinungen. Sie monieren zwar ein theoretisches wie empirisches Sammelsurium und damit fehlende Vergleichbarkeit und theoretische Standardisierung, erkennen aber auch ein Licht am Ende des Tunnels der international vergleichenden Dritte Sektor-Forschung.