Pressemitteilung
Thema
"Soziale Bewegungen und Kollektive Identität"
Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Themenheft Jg. 8/1995,
Heft 1, 124 Seiten
Die Auflösung traditioneller Bindungen an Familie und sozial-moralische
Milieus hat in der modernen Gesellschaft dazu geführt, daß die individuelle
Verortung im sozialen Raum unter den Bedingungen von zunehmenden Wahlfreiheiten
und kulturellem Pluralismus erfolgt. Das wirft aber zugleich die Frage
auf, wie Menschen damit umgehen, wenn Sicherheit und Orientierung, wie
sie durch kollektive Gruppenzugehörigkeiten bisher vorgegeben waren,
zunehmend verloren gehen und Vereinzelung sich durchsetzt, eine Frage,
wie sie vor allem Gegenstand der 'Individualisierungsthese' von Ulrich
Beck ist. Denn die Erfahrungen, mit denen wir in den letzten Jahren
vermehrt konfrontiert werden, lassen Skepsis gegenüber allzu harmonistischen
Deutungen der gesellschaftlichen Modernisierung aufkommen. So erlangen
derzeit nicht nur in Deutschland nationalistische und offen rassistische
Überzeugungen immer größer werdende - auch massenpublizistische - Beachtung.
Letztlich geht es um den Versuch, den Verlust traditionaler Vergemeinschaftungsformen
durch Alternativen zu kompensieren und neue Sicherheiten zu schaffen
- selbst auf Kosten anderer. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt das
Thema Kollektive Identität besondere Bedeutung.
In seinem Eröffnungsbeitrag unternimmt Dieter Rucht den Versuch, die
kollektive Identität sozialer Bewegungen in Anlehnung an das Triumvirat
identité, opposition und totalité von Alain Touraine zu bestimmen. Es
folgen Überlegungen zu Pathologiepotentialen und Verlustrisiken kollektiver
Identität sozialer Bewegungen: Wann und warum scheitert kollektive Identitätsbildung?
Was Rucht generell behandelt, sucht Oliver Schmidtke am Beispiel der
regionalen Identität der Lega Nord zu zeigen, wonach die Funktion kollektiver
Identität (1) als Homogenisierung sozialer Beziehungen und (2) als Gewährung
von Kontinuität zu verstehen ist. Zum anderen operiert Schmidtke mit
einer Typologie kollektiver Identität, die er auf die Lega Nord anwendet.
Veit Michael Bader geht es um ethnische Identität, einem gerade in jüngster
Zeit nicht minder brisanten Fall von kollektiver Identität. Dazu entwickelt
Bader einen Kriterienkatalog von 6 Punkten, der über die Definition
der Differenz von zugehörig und nicht-zugehörig bis zur komplexen Wechselwirkung
der Selbst- und Fremddefinitionen kollektiver Identität reicht und die
allgemeine Bestimmung kollektiver Identität intendiert.
Bernd Simon beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Person und Gruppe.
Dazu greift er auf Bestrebungen der experimentellen Sozialpsychologie
zurück, der es um die Bedingungen des Transformationsprozesses vom Individuum
zur Gruppe geht, was er speziell am Falle schwuler Männer vorführt.
Ulrich Wagner und Andreas Zick vertreten in ihrer Arbeit den social
identity approach, der sich bei der Diskussion um die kollektive Identität
sozialer Bewegungen auf die These stützt, daß Identitätsbildung mit
Gruppenvergleich zu tun hat, einerlei, ob es sich um rassistisch, ethnisch
oder religiös motivierte Identitätsbildung handelt.
Kai-Uwe Hellmann nimmt in seinem Beitrag die klassische Unterscheidung
von 'Klasse an sich' und 'Klasse für sich' wieder auf und beschreibt
soziale Bewegungen als die kollektive Identität der ihnen jeweils zugrunde
liegenden sozialen Basen. Als Beispiel dienen die neuen sozialen Bewegungen,
als Basis das Selbstverwirklichungsmilieu im Rahmen des Milieumodells
von Gerhard Schulze. In unserer Rubrik haben wir zwei Vorträge aufgenommen,
die von Wolf-Dieter Narr und Ruud Koopmans anläßlich des 10-jährigen
Bestehens des Arbeitskreises 'Soziale Bewegungen' auf dem Potsdamer
Politologentag im August 1994 gehalten wurden.
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