Heft 2, 1995   

 

Pressemitteilung

Thema: "Subkultur und Subversion"

Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Themenheft Jg. 8/1995, Heft 2, 128 Seiten


Mit der Verwendung des Subkulturbegriffs geht eine eigentümliche politische Aufladung einher, die einen engen Bezug zu sozialen Bewegungen nahelegt. Denn Subkultur tritt als herausfordernder Gegenspieler kultureller Dominanz auf. Kultur wird zum Spannungsfeld von Hegemonie und Subversion. In Frage gestellt wird hiermit ein Politikverständnis, das sich ausschließlich am Staat orientiert. Traditionell betrachtet, grenzen sich Subkulturen von dominanten Kulturen ab, ohne jedoch umfassende politische Ziele explizit zu artikulieren, geschweige denn deren strategische Verwirklichung anzustreben. Sie stellen in verschiedener Hinsicht eine Ressource für soziale Bewegungen dar: Aus ihnen rekrutieren sich Bewegungsteilnehmer, sie liefern virulente Themen und schaffen Grundlagen für kollektive Verbindlichkeiten, indem sie im Alltag erprobte Normen- und Wertesysteme zur Verfügung stellen.
Angesichts soziostruktureller Differenzierungsprozesse tritt an die Stelle subkultureller Abgrenzung ein Szenario sozialästhetisch fragmentierter Lebenswelten, deren politische Aufladung nicht mehr recht zu überzeugen vermag. Die Ende der 60er Jahre beginnende Emphase der Subkulturforschung ist einem nüchternen Blick vor allem auf Jugendkulturen gewichen. Auch in der neueren Bewegungsforschung hat ein Begriffswandel stattgefunden, der ein Auseinanderdriften von soziokultureller Entwicklung und politischer Mobilisierung zum Ausdruck bringt. Die "subversive" Einheit von Lebensweise und politischer Praxis ist zerfallen. Professionalisierte Bewegungsorganisationen haben das politische Erbe der neuen sozialen Bewegungen angetreten, während sich die demobilisierten Individuen in die Gemeinsamkeit von Milieus zurückgezogen haben.
Doch noch an dieser Diagnose der neueren Bewegungsforschung zeigt sich der produktive Stachel des Subkulturkonzeptes: Der Grad kultureller Abgrenzung bleibt eine wichtige Voraussetzung erfolgreicher Bewegungsbildung. Unter den Bedingungen ausdifferenzierter sozialästhetischer Milieus und Lebensstile scheint diese Voraussetzung allerdings erheblich erschwert. Die Diskussion über den Zusammenhang von subkulturellen Kontexten und Mobilisierungsprozessen ist daher für die Bewegungsforschung wichtig.
Laszlo A. Vaskovics stellt "Subkulturen und Subkulturkonzepte" sowie Erklärungsversuche zur Herausbildung von Subkulturen vor. Er wirft die Frage auf, ob das Konzept der Subkultur in Folge sozio-kultureller Destrukturierungsprozesse ein Auslaufmodell ist. Den theoretischen Ertrag aktueller, meist deskriptiver Forschungsarbeiten hält Vaskovics für fragwürdig. Unter Kulturen und Ethnien versteht Dieter Kramer soziale Einheiten, die sich in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen permanent verändern und daher nicht homogen sind. Am Beispiel der "Arbeiterbewegungskultur" wird deutlich, wie eine sich herausbildende soziale Schicht oder Klasse mit einer eigenen kulturellen Praxis auf die Herausforderung der Industrialisierung reagiert und das kulturelle Kräfteverhältnis im Staat mitgestaltet. In einer prosperierenden "Gesellschaft des Wählens" sind kulturelle "Suchbewegungen" ein wesentlicher Bestandteil von Prozessen sozialen Wandels.
Einige Lesarten der Jugendsubkulturdiskussion resümieren Dieter Baacke und Wilfried Ferchhoff. Sie stellen den Zusammenhang zu zentralen sozialwissenschaftlichen Verwendungskontexten her. Der Begriff Jugendsubkultur - so die zentrale Aussage der Autoren - ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund vielfältiger sozialkultureller Wandlungsprozesse durch den Jugendkulturbegriff ohne emphatisches "Sub  zu ersetzen.
Demgegenüber begründet Klaus Farin am Beispiel der Skinhead-Szene, warum das Subkulturkonzept keineswegs an Relevanz eingebüßt hat. Skinheads verorten sich selbst in der Tradition einer Arbeiterjugendkultur sowie in "selbstbewußter Identifikation" mit der in Gemeinschaft erfahrenen Subkultur. Der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig vorgenommenen Zuordnung zur rechtsextremen Szene steht ein bei den "Skins" weitverbreitetes un- bzw. "antipolitisches" Selbstverständnis entgegen.
Aus der Akteursperspektive beschäftigt sich Sven Hillenkamp mit der Frage, ob es sich bei den Autonomen um eher gegenkulturell bewegte oder genuin politische Akteure handelt. In seiner Darstellung der "Organisierungsdebatte" innerhalb der bundesdeutschen autonomen Antifa-Szene wird das Spannungsfeld zwischen subkultureller Wirklichkeit und politisch-strategischer Wirksamkeit deutlich. Thomas Lau geht in seiner Beschreibung der Techno-Szene der Frage nach, ob sich die "Raving Society" in die Tradition subversiver Jugendkulturen einreihen läßt. Es entsteht das Bild einer Freizeitkultur, die sich weitgehend durch ihre "Geschichts- und Sprachlosigkeit" sowie durch einen Mangel an eigenständigen Positionen kennzeichnen läßt.
Außerhalb des Themenschwerpunktes erörtern Michael Th. Greven und Ulrich Willems in einem theoretisch-konzeptionellen Beitrag die Bedeutung "moralischer Forderungen" in der "politischen Gesellschaft". Bei aller Skepsis gegenüber den Erfolgsaussichten moralischer Forderungen sensibilisieren sie für die Notwendigkeit einer moralischen Begrenzung des Interessenpluralismus und machen auf Folgeprobleme des Interessenpartikularismus der politischen Gesellschaft aufmerksam.
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