Pressemitteilung
"Kommunitarismus
und praktische Politik"
Forschungsjournal
Neue Soziale Bewegungen, Themenheft, Jg. 8, 1995, Heft 3, 142 S., 16.-DM
Angeregt von der amerikanischen Kommunitarismusdebatte wird auch in
Deutschland der Ruf nach mehr Gemeinsinn, bürgerschaftlichem Engagement
und einer Rückbesinnung auf gemeinsame Werthorizonte des politischen
Gemeinwesens laut. Die augenscheinlichen Überforderungen des Sozialstaates
angesichts einer sich vertiefenden sozialen Ungleicheit und die Probleme
der politisch-kulturellen Integration des vereinten Deutschlands befördern
das politische Interesse an der Wertediskussion. In den USA hat sich
aus der akademischen Diskussion auch eine politische Intellektuellenbewegung
formiert und ein erstes politisches Reformprogramm - eine kommunitaristische
Plattform entwickelt.
Die deutsche Rezeption der amerikanischen Kommunitarismusdebatte erfordert,
so Otto Kallscheuer, zum einen eine ideengeschichtliche Begründung der
neueren Gemeinschaftsdiskussion in den älteren Traditionen des europäischen
Denkens. Zum anderen müssen die Besonderheiten des amerikanischen Gemeinschaftsdenkens
berücksichtigt und dessen jeweilige Verwendungskontexte unterschieden
werden. Angesichts autoritärer und harmonistischer Konzeptionen der
"Volksgemeinschaft" seitens des völkischen Nationalismus und
seiner nationalsozialistischen Durchführung liegt der deutschen Rezeption
des amerikanischen Gemeinschaftsdenkens ein prinzipielles Mißtrauen
zugrunde. Demgegenüber weist Kallscheuer auf die demokratischen und
partizipatorischen Chancen der amerikanischen Diskussion hin.
Die politische Programmatik und die Reformansätze des amerikanischen
Kommunitarismus stehen im Zentrum des Beitrags von Hans Joas. Diese
Bewegung entwickelt sich über die doppelte Kritik sowohl des individualistischen
Liberalismus als auch einer staatszentrierten Reformpolitik. Unter dem
Schlüsselbegriff einer "Remoralisierung" der Politik stehen
die Themen Familie und Schule, die Revitalisierung bestehender und Schaffung
neuer Gemeinschaften im Zentrum der politischen Programmatik. Außerdem
werden die Strukturen des politischen Willensbildungsprozesses sowie
die Reform des Wohlfahrtsstaates behandelt. Eine vorläufige Bilanz der
deutschen Kommunitarismusdiskussion unternimmt Hans Vorländer. In eigentümlicher
Sterilität sei - so sein Fazit - diese über den engeren theoretisch-wissenschaftlichen
Diskurs nicht hinausgelangt und bisher politisch folgenlos verlaufen.
Ein Grund dafür liegt - so Vorländer - darin, daß die deutsche Kommunitarismusdiskussion
mit versetzten intellektuellen und kulturellen Fronten operiert: Nicht
eine Dominanz des Liberalismus, wie sie der amerikanischen Debatte zugrunde
liegt, sondern eher ein Defizit liberaler Wertorientierungen bildet
den Rahmen der deutschen Diskussion. Trotz einer politisch mageren Bilanz
der deutschen Debatte repräsentiert sie ein anstiftendes zeitdiagnostisches
Potential. In der sozialpolitischen Diskussion hat ein kommunitaristisch-zivilgesellschaftlicher
Perspektivenwechsel stattgefunden und zu einer Aufwertung von Formen
des freiwilligen sozialen Engagements beigetragen.
Bestehende begriffliche und theoretische Unklarheiten in der Diskussion
über "Bürgergesellschaft", "Gemeinschaft" und "Wohlfahrtsgesellschaft"
können, so Roland Roth, nur auf dem Wege einer Präzisierung ihrer Themenbereiche
und empirischen Bezüge geklärt werden. Weitergehende Beachtung gelten
der gesellschaftstheoretischen Reichweite, sowie der politischen Zielsetzungen
und reformpolitischen Konsequenzen der Diskussion.
Markt und Staat, Ökonomisierung und Bürokratisierung gelten - so Michael
Opielka - Kommunitarismus-Autoren als mitverantwortlich für soziale
Auflösungserscheinungen, Entwurzelung und den Verlust von Gemeinschaftsbindungen.
Opielka gibt nach einer knappen Skizze der kommunitaristischen Zeitdiagnose
einen Überblick zu den sozialpolitischen Bezügen kommunitaristischer
Argumente.
Wie wird der Kommunitarismus vom Feminismus wahrgenommen und bewertet?
Innerhalb des Feminismus, so Martina Ullrich, muß zur Beantwortung dieser
Frage zunächst zwischen einer nachholend-liberalen und einer post-liberalen
Strömung unterschieden werden. Während erstere Strömung dem Kommunitarismus
eher skeptisch gegenübersteht, finden sich Berührungspunkte zwischen
dem Kommunitarismus und der post-liberalen Strömung des Feminismus.
Die Kommunitarismusdebatte liefert auch den Programmtheoretikern der
Parteien wichtige Anregungen. Erstmals wird eine Bestandsaufnahme der
Kommunitarismusrezeption in der deutschen Parteienlandschaft von namhaften
Programmtheoretikern der Parteien unternommen: Thomas Meyer (SPD), Thomas
M. Gauly (CDU); Winfried Kretschmann (Grüne) und Hans Vorländer (als
kritischer Beobachter der FDP). Mit den Umsetzungsproblemen des kommunitaristischen
Projekts beschäftigen sich Gerd Mielke als Abteilungsleiter im Beratungsstab
der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei und Harald Plamper von der Kommunalen
Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung in Köln.
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