Pressemitteilung
Forschungsjournal
Neue Soziale Bewegungen, Themenheft:
"Das Erbe der Bürgerbewegungen", Jg. 8, 1995, Heft 4, 124
S., 16.- DM
Die Bürgerbewegungen der ehemaligen DDR sind heute politisch an den
Rand gedrängt. Auch in den Reflexionen zahlreicher Akteure ist selbstkritisch
von ihrem "Scheitern" die Rede. Symbolische Gesten der Anerkennung
wie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Akteure der Bürgerbewegungen
oder die mit Blick auf deren öffentliche Wirkung inszenierte Stippvisite
des Bundeskanzlers bei Bärbel Bohley und anderen prominenten BürgerrechtlerInnen
hinterlassen in den Kreisen der Bürgerbewegungen selbst einen faden
Beigeschmack. Hier verdichtet sich das Mißverhältnis von moralischer
Anerkennung und politischer Machtlosigkeit. In den Sozialwissenschaften
hat der politische und gesellschaftliche Wandel in Osteuropa zu einer
Konjunktur der Transformationsforschung geführt. Der besondere Charakter
der osteuropäischen Transformation liegt in der Gleichzeitigkeit eines
Wandels auf den drei Ebenen der Ökonomie, der politisch- institutionellen
Verfassung und der Kultur. Sie unterscheidet sich damit von "anderen
Transformationsprozessen, die in Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg,
in Südeuropa und in Lateinamerika in den 70er und 80er Jahren stattgefunden
haben". Die ehemalige DDR nimmt in einer vergleichenden Perspektive
eine Sonderrolle ein. Wegen der "dominanten Rolle externer Akteure"
aus der alten Bundesrepublik, so Claus Offe, "handelt es sich bei
der DDR weder um eine Transformation 'von unten' noch um eine solche
'von oben', sondern um eine 'von außen'".
Im Prozeß der deutschen Einigung kam es zu einer schnellen und weitgehend
bedingungslosen Übernahme des westdeutschen Institutionensystems in
Ostdeutschland. Gemessen an den eigenen Zielsetzungen - einer eigenständigen
Entwicklung der DDR- Gesellschaft unter basisdemokratischen politischen
Bedingungen - sind die Bürgerbewegungen gescheitert. Dieter Rucht bilanziert
die ausschlaggebenden internen und externen Faktoren dieser Entwicklung.
Während führende Persönlichkeiten der Bürgerbewegungen in den neu entstandenen
Parteistrukturen Ostdeutschlands aufging, hielten einige kleinere Gruppierungen
an Anspruch und Programm der Bürgerbewegungen fest und suchten nach
neuen Aufgabenfeldern. Dieter Rink gibt einen Überblick über diese Gruppen,
die allerdings derzeit vom Zerfall ihrer Strukturen bedroht sind. Irene
Zierke erläutert im Rückgriff auf das Konzept der Alltagskulturen die
Entfaltungschancen der ostdeutschen sozialen Bewegungen.
Hubertus Knabe analysiert den Umgang der ostdeutschen Bürgerbewegung
mit der DDR - Vergangenheit und besonders mit dem Thema "Staatssicherheit".
In einem geschichtlichen Abriß stellt er den Wandel der Einstellung
der Bürgerbewegung zum MfS dar. In seinen Schlußfolgerungen setzt er
sich mit der These auseinander, daß die Stasi-Debatte mangels anderer
Themen gegenwärtig einen Identitätsanker der Bürgerbewegung darstellt.
Was Knabe im größeren Rahmen darstellt, diskutiert Helmut Müller-Enbergs
am Beispiel der Brandenburger Bürgerbewegung. Er zeigt auf, daß innerhalb
der Fraktion Bündnis90 erheblich differierende Ansichten über die Art
und Weise des Umgangs mit den ehemaligen IM's in den eigenen Reihen
und vor allem mit dem "Fall Stolpe" bestanden. Die Diskussion
um seine Person hatte eine Spaltung der Bürgerbewegung und letztlich
den Bruch der Koalition zur Folge. In einem letzten Beitrag untersucht
Lothar Probst die Chancen der Bürgerbewegungen zum Machterwerb nach
der Wende.
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