Soziale Bewegungen und Medien
Abstracts (deutsch)
Sigrid
Baringhorst
Das Spektakel als Politikon.
Massenmediale Inszenierungen von Protest- und Hilfsaktionen
FJNSB, Seiten 15-25
So verfolgt Sigrid Baringhorst in ihrem Beitrag einen Wandel, der sich
auf die Strategien von Protestaktionen in Bezug auf die Berichterstattung
durch Massenmedien bezieht. Während in früheren Zeiten die instrumentelle
Perspektive vorherrschte, der es vorrangig darauf ankam, mit dem Zwang
des besseren Arguments rational zu überzeugen, hat sich mittlerweile
ein Trend ausgebildet, der mindestens ebenso stark die expressive Perspektive
ins Feld führt, der es in hohem Maße um Solidaritätsspektakel, Gemeinschaftsstiftung
und eine 'Politics of Identity' geht. Dahinter steht nicht nur eine
Abnutzung der instrumentellen Proteststrategie, sondern auch eine Reaktion
auf Effekte, wie Ulrich Beck und Gerhard Schulze sie beschrieben haben:
Zunehmende Individualisierung einerseits, verstärkte Erlebnisorientierung
andererseits haben zur Folge, daß insbesondere durch Protestaktionen
und deren Berichterstattung durch die Massenmedien vermehrt versucht
wird, Inklusionseffekte und 'Erlebnissolidarität' zu bewirken und damit
der Unbeheimatetheit in der modernen Gesellschaft zu entkommen.
John D. McCarthy, Clark McPhail, Jackie Smith
Selektionskriterien in der Berichterstattung von Fernsehen und Zeitungen.
Eine vergleichende Fallstudie anhand von Demonstrationen in Washington
D.C. in den Jahren 1982 und 1991
FJNSB, Seiten 26-45
Nicht mit Blick auf das Protestmilieu, sondern die Massenmedien, beschäftigen
sich John D. McCarthy, Clark McPhail und Jackie Smith in ihrer Arbeit
mit der Frage, welcher Art die Selektivität der Massenmedien bei der
Berichterstattung über Protestereignisse in Washington (DC) für die
Jahre 1982 und 1991 war. Dazu haben sie sich die Aufstellungen von drei
Polizeibehörden in Washington über die Anzahl und Art genehmigter Demonstrationen
besorgt. Diese werden verglichen mit der Anzahl und Art berichteter
Demonstrationen durch Printmedien und TV. Ergebnis ihrer Fallstudie
ist, daß die Wahrscheinlichkeit der Berichterstattung über Demonstrationen
in Abhängigkeit von der Größe und - nachgeordnet - des Themas der Protestaktion
steigt, sofern dieses kompatibel ist mit der laufenden Themenkonjunktur
auf der Agenda der Massenmedien. Im Umkehrschluß läßt sich daraus folgern,
daß sich soziale Bewegungen für die Selektivität der Massenmedien qualitativ
nicht auszeichnen; denn berichtenswert erscheinen auch Protestaktionen
nur dann, wenn sie en vogue sind und/oder genügend Aufmerksamkeitswert
besitzen (Größe, Gewalt usw.).
Tibor
Kliment
Kollektive Gewalt und Massenmedien. Anmerkungen zur Forschungslage
FJNSB, Seiten 46-58
In gewisser Hinsicht als Ergänzung zu der Arbeit von McCarthy, McPhail
und Smith unternimmt Tibor Kliment in seinem Beitrag nicht den Versuch,
anhand einer Fallstudie empirisch zu zeigen, wie die Selektionsmechanismen
der Massenmedien in Bezug auf Protest arbeiten, sondern die ausführliche
Durchsicht der Forschungsliteratur zu dem Zusammenhang von gewalttätigen
Protestereignissen und Medienberichterstattung. Dazu geht er in drei
Schritten vor: Nach einer allgemeinen Übersicht zu Arbeiten über die
Darstellung politischer Gewalt in den Massenmedien folgt ein Literaturüberblick
zu den Determinanten der Berichterstattung über Protestgewalt und ihrer
spezifischen Selektivität. Daran schließt eine Betrachtung an, die die
Wirkungen dieser Art von Berichterstattung über kollektive Gewalt sowohl
auf die Öffentlichkeit als auch auf die Protestakteure ins Auge faßt.
Ein Ergebnis seiner 'Anmerkungen' ist u.a. die paradoxe Einsicht, daß
die Medienselektivität auf kollektive Gewaltereignisse zwar besonders
sensibel reagiert, dem häufig dahinter stehenden Themenkomplex aber
zumeist indifferent gegenübersteht, was den Protest zugleich wahrnimmt
und verkennt, seine öffentliche Existenz, Protest zu sein, schafft,
seine intentionale Struktur, Sympathie zu finden, aber zerstört.
Lind
Steinmetz
Verbreitung rechter Ideologien in Computernetzwerken.
Stützpfeiler einer rechten Bewegung?
FJNSB, Seiten 59-69
Im Unterschied zu den vorhergehenden Artikeln beschäftigt sich Linda
Steinmetz in ihrer Arbeit weniger mit dem Verhältnis sozialer Bewegungen
zu den Massenmedien wie Zeitung oder Fernsehen als vielmehr mit der
Anwendung neuerer Informations- und Kommunikationsmedien in rechtsextremen
Gruppierungen und Initiativen. Dabei mag überraschen, daß das rechte
Milieu, obgleich es die mittlerweile recht verbreitete Nutzung der Computertechnologie
eigentlich von seinem politischen Gegner abgekupfert hat, sich doch
ausgesprochen kreativ darauf versteht, die Vorteile dieser Form von
Datensammlung und Datenfernübertragung für sich aufzuschließen. Das
hängt u.a. damit zusammen, daß sich das rechte Milieu - angesichts des
überwiegend feindlichen Klimas in der massenmedialen Öffentlichkeit
und der verstärkten Verfolgung durch Polizei und Justiz - mittels dieser
Technologie ungestört zurückziehen und im Verborgenen wirken kann, um
so relativ ungefährdet Kontakte zu schließen, ohne direkt observierbar
zu sein, die Vernetzung des rechten Netzwerks voranzutreiben und damit
den Zusammenhalt des Milieus zu stärken. Das kommt der Bildung einer
neuen sozialen Bewegung von rechts zwar nicht gleich, hält aber deren
Mobilisierungspotential vital und kompensiert in gewisser Weise das,
was anderen Bewegungen über deren Berichterstattung zu teil wird: die
Erfahrung kollektiver Identität via Massenmedien.
Ansgar
Klein
Die Legitimität von Greenpeace und die Risiken symbolischer Politik.
Konturen und Probleme einer medialen Stellvertreterpolitik im Bewegungssektor
FJNSB, Seiten 11-14
Zwar im Stile eines Essays gehalten, aber durchaus passend zum Themenschwerpunkt,
diskutiert Ansgar Klein am Beispiel von Greenpeace Risiken symbolischer
Politikstrategien für den Bewegungssektor. Greenpeace hat sich den medialen
Aufmerksamkeitskriterien zum Zwecke öffentlicher Resonanzsteigerung
angepaßt. Nicht mehr die Mobilisierung von Publikumssegmenten, die in
der Öffentlichkeit neue Themen und Meinungen artikulieren, sondern der
Ausbau der eigenen medialen Sprecherrolle sowie Gesichtspunkte organisatorisch
gesteuerter Kampagnenpolitik dominieren das Handlungskalkül. Der Shell-Boykott
im Folge der von Greenpeace mittels symbolischer Politik kritisierten
Versenkung der Ölplattform Brent Spar ist kein Mobilisierungserfolg
der Ökologiebewegung, sondern ein Publikumseffekt von Kampagnenöffentlichkeit,
der von einer Diffusion der Themen der Umweltbewegung in die Massenmedien
profitiert. Kampagnenpolitik bleibt jedoch schon auf mittlere Sicht
auf einen mobilisierungsfähigen Bewegungssektor angewiesen, den sie
bislang auch voraussetzen konnte. Angesichts des Bedeutungszuwachses
von Stellvertreterpolitik im Bewegungssektor müssen die Bewegungsorganisationen
ihren Beitrag zur Stabilisierung der Binnenkommunikation der neuen sozialen
Bewegungen neu überdenken.
Thomas
Kleinhenz
Abstimmung mit den Füßen. Eine Langschnittanalyse der sinkenden Wahlbeteiligung
in der Bundesrepublik von 1980 bis 1995
FJNSB, Seiten 70-83
Thomas Kleinhenz beschäftigt sich in einer Längsschnittanalyse mit der
sinkenden Wahlbeteiligung in der BRD von 1980 bis 1995. Ergebnis seiner
Studie ist, daß eine zunehmende Distanz der Bevölkerung zur Politik
und insbesondere zu den Politikern beobachtbar ist, die nur am Rand
der Gesellschaft auftritt, sondern selbst in deren Mitte. Langfristig
sei deshalb davon auszugehen, daß sich eine Zweiteilung etabliert: Auf
der einen Seite eine kleine Zahl Aktiver, die vor allem mit unkonventionellen
Partizipationsformen auftreten, auf der anderen Seite eine politisch
passive, gleichgültige Bevölkerungsgruppe, deren Größe zunehmen wird.
Peter
Hocke
Massenmedien und lokaler Protest.
Eine Fallstudie zur Selektivität von Printmedien
FJNSB, Seiten 91-94
In einem kurzen Abriß stellt Peter Hocke sein Projekt der Analyse von
Protestereignissen in Freiburg für die Jahre 1983 bis 1989 vor, das
er in Zusammenhang mit dem Forschungskontext PRODAT am Wissenschaftszentrum
Berlin durchführt. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt seiner Studie:
(1) Welchen Protestereignissen mit welchen Merkmalen gelang es, in den
Medien berichtet zu werden, und welche fanden keine Aufmerksamkeit?
(2) Welche Aspekte des berichteten Protestereignisses wurden in der
Berichterstattung herausgestellt? Die Datenerhebung selbst ist mittlerweile
abgeschlossen; der Abschlußbericht wird im Laufe des Jahres 1996 erstellt.
Ralf
Vandamme
Über den Wandel von Öffentlichkeit als Ort des Politischen.
Von der Gegenöffentlichkeit zur Kampagnenöffentlichkeit von Greenpeace
FJNSB, Seiten 101-103
In einem knappen Expose breitet Ralf Vandamme Thesen seines Dissertationsprojekts
aus, das sich mit dem Wandel von Öffentlichkeit als dem Ort des Politischen
beschäftigt. Inhaltlich geht es um einen Vergleich jener Art von Gegenöffentlichkeit,
wie sie charakteristisch ist für die neuen sozialen Bewegungen, mit
der Kampagnenöffentlichkeit von Greenpeace. Als Vergleichsfälle fungieren
einerseits Wyhl, andererseits Brent Spar. Die Kernthese seines Entwurfs
lautet, daß allein das Konzept Gegenöffentlichkeit eine erfolgversprechende
Form demokratischer Qualifizierung darstellt, während Kampagnenöffentlichkeit
sich häufig darin erschöpft, das Engagement des Einzelnen durch die
bequeme Abstimmung per Spendenquittung zu privatisieren.
Barbara
Witte
Jugendfunk und neue soziale Bewegungen
FJNSB, Seiten 94-96
Barbara Witte beschäftigt sich in ihrem Forschungsprojekt mit der Fragestellung,
wie man die Auflösung des sf-beat in Berlin und dessen Ersetzung durch
Radio 4U erklären kann. Ihre These lautet, daß es sich dabei um eine
wechselseitige Entwicklung handelt. Zum einen hatte sich die Rundfunklandschaft
- bundesweit - durch das Aufkommen der Privaten gravierend geändert;
statt Qualität wurde Quote zur mächtigsten Variable im Spiel der Bewertung
von Programmen. Zum anderen traten Engagement und Protest im Laufe der
80er Jahre zunehmend zurück, so daß nicht nur die Konkurrenz größer,
sondern auch die Klientel kleiner wurde. Im Endeffekt löste sich die
Redaktion von sf-Beat selber auf, um in die von Radio 4U überzugehen,.
mit gänzlich anderen Parametern. Inwiefern es sich dabei tatsächlich
um eine Zerfallsgeschichte handelt, dessen Opfer u.a. sf-Beat war, wird
zu zeigen sein.
Rezensionen
Zuletzt sei noch auf den Rezensionsteil verwiesen, der sich diesmal
nur mit Arbeiten beschäftigt, die allesamt im Dreieck von Öffentlichkeit,
Massenmedien und sozialen Bewegungen angesiedelt sind und den Heftschwerpunkt
somit abrunden. So hat Tibor Kliment für uns die Habilitation Neue Konfliktlinien
in der Mobilisierung öffentlicher Meinung von Jürgen Gerhards besprochen.
Ansgar Klein wiederum hat sich dem Sammelband Öffentlichkeit, Öffentliche
Meinung, Soziale Bewegungen - herausgegeben von Friedhelm Neidhardt
- gewidmet. Arne Klein beschäftigt sich dagegen mit der Studie Eskalation
durch Berichterstattung? von Hans-Bernd Brosius und Frank Esser. Den
Abschluß bildet eine Rezension des lange erwarteten Bandes Macht der
Öffentlichkeit - Öffentlichkeit der Macht, herausgegeben von Gerhard
Göhler.
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