Heft 1, 1996   

 

Soziale Bewegungen und Medien
Abstracts (deutsch)

Sigrid Baringhorst
Das Spektakel als Politikon.
Massenmediale Inszenierungen von Protest- und Hilfsaktionen
FJNSB, Seiten 15-25
So verfolgt Sigrid Baringhorst in ihrem Beitrag einen Wandel, der sich auf die Strategien von Protestaktionen in Bezug auf die Berichterstattung durch Massenmedien bezieht. Während in früheren Zeiten die instrumentelle Perspektive vorherrschte, der es vorrangig darauf ankam, mit dem Zwang des besseren Arguments rational zu überzeugen, hat sich mittlerweile ein Trend ausgebildet, der mindestens ebenso stark die expressive Perspektive ins Feld führt, der es in hohem Maße um Solidaritätsspektakel, Gemeinschaftsstiftung und eine 'Politics of Identity' geht. Dahinter steht nicht nur eine Abnutzung der instrumentellen Proteststrategie, sondern auch eine Reaktion auf Effekte, wie Ulrich Beck und Gerhard Schulze sie beschrieben haben: Zunehmende Individualisierung einerseits, verstärkte Erlebnisorientierung andererseits haben zur Folge, daß insbesondere durch Protestaktionen und deren Berichterstattung durch die Massenmedien vermehrt versucht wird, Inklusionseffekte und 'Erlebnissolidarität' zu bewirken und damit der Unbeheimatetheit in der modernen Gesellschaft zu entkommen.


John D. McCarthy, Clark McPhail, Jackie Smith
Selektionskriterien in der Berichterstattung von Fernsehen und Zeitungen.
Eine vergleichende Fallstudie anhand von Demonstrationen in Washington D.C. in den Jahren 1982 und 1991
FJNSB, Seiten 26-45
Nicht mit Blick auf das Protestmilieu, sondern die Massenmedien, beschäftigen sich John D. McCarthy, Clark McPhail und Jackie Smith in ihrer Arbeit mit der Frage, welcher Art die Selektivität der Massenmedien bei der Berichterstattung über Protestereignisse in Washington (DC) für die Jahre 1982 und 1991 war. Dazu haben sie sich die Aufstellungen von drei Polizeibehörden in Washington über die Anzahl und Art genehmigter Demonstrationen besorgt. Diese werden verglichen mit der Anzahl und Art berichteter Demonstrationen durch Printmedien und TV. Ergebnis ihrer Fallstudie ist, daß die Wahrscheinlichkeit der Berichterstattung über Demonstrationen in Abhängigkeit von der Größe und - nachgeordnet - des Themas der Protestaktion steigt, sofern dieses kompatibel ist mit der laufenden Themenkonjunktur auf der Agenda der Massenmedien. Im Umkehrschluß läßt sich daraus folgern, daß sich soziale Bewegungen für die Selektivität der Massenmedien qualitativ nicht auszeichnen; denn berichtenswert erscheinen auch Protestaktionen nur dann, wenn sie en vogue sind und/oder genügend Aufmerksamkeitswert besitzen (Größe, Gewalt usw.).

Tibor Kliment
Kollektive Gewalt und Massenmedien. Anmerkungen zur Forschungslage
FJNSB, Seiten 46-58
In gewisser Hinsicht als Ergänzung zu der Arbeit von McCarthy, McPhail und Smith unternimmt Tibor Kliment in seinem Beitrag nicht den Versuch, anhand einer Fallstudie empirisch zu zeigen, wie die Selektionsmechanismen der Massenmedien in Bezug auf Protest arbeiten, sondern die ausführliche Durchsicht der Forschungsliteratur zu dem Zusammenhang von gewalttätigen Protestereignissen und Medienberichterstattung. Dazu geht er in drei Schritten vor: Nach einer allgemeinen Übersicht zu Arbeiten über die Darstellung politischer Gewalt in den Massenmedien folgt ein Literaturüberblick zu den Determinanten der Berichterstattung über Protestgewalt und ihrer spezifischen Selektivität. Daran schließt eine Betrachtung an, die die Wirkungen dieser Art von Berichterstattung über kollektive Gewalt sowohl auf die Öffentlichkeit als auch auf die Protestakteure ins Auge faßt. Ein Ergebnis seiner 'Anmerkungen' ist u.a. die paradoxe Einsicht, daß die Medienselektivität auf kollektive Gewaltereignisse zwar besonders sensibel reagiert, dem häufig dahinter stehenden Themenkomplex aber zumeist indifferent gegenübersteht, was den Protest zugleich wahrnimmt und verkennt, seine öffentliche Existenz, Protest zu sein, schafft, seine intentionale Struktur, Sympathie zu finden, aber zerstört.

Lind Steinmetz
Verbreitung rechter Ideologien in Computernetzwerken.
Stützpfeiler einer rechten Bewegung?
FJNSB, Seiten 59-69
Im Unterschied zu den vorhergehenden Artikeln beschäftigt sich Linda Steinmetz in ihrer Arbeit weniger mit dem Verhältnis sozialer Bewegungen zu den Massenmedien wie Zeitung oder Fernsehen als vielmehr mit der Anwendung neuerer Informations- und Kommunikationsmedien in rechtsextremen Gruppierungen und Initiativen. Dabei mag überraschen, daß das rechte Milieu, obgleich es die mittlerweile recht verbreitete Nutzung der Computertechnologie eigentlich von seinem politischen Gegner abgekupfert hat, sich doch ausgesprochen kreativ darauf versteht, die Vorteile dieser Form von Datensammlung und Datenfernübertragung für sich aufzuschließen. Das hängt u.a. damit zusammen, daß sich das rechte Milieu - angesichts des überwiegend feindlichen Klimas in der massenmedialen Öffentlichkeit und der verstärkten Verfolgung durch Polizei und Justiz - mittels dieser Technologie ungestört zurückziehen und im Verborgenen wirken kann, um so relativ ungefährdet Kontakte zu schließen, ohne direkt observierbar zu sein, die Vernetzung des rechten Netzwerks voranzutreiben und damit den Zusammenhalt des Milieus zu stärken. Das kommt der Bildung einer neuen sozialen Bewegung von rechts zwar nicht gleich, hält aber deren Mobilisierungspotential vital und kompensiert in gewisser Weise das, was anderen Bewegungen über deren Berichterstattung zu teil wird: die Erfahrung kollektiver Identität via Massenmedien.

Ansgar Klein
Die Legitimität von Greenpeace und die Risiken symbolischer Politik.
Konturen und Probleme einer medialen Stellvertreterpolitik im Bewegungssektor

FJNSB, Seiten 11-14
Zwar im Stile eines Essays gehalten, aber durchaus passend zum Themenschwerpunkt, diskutiert Ansgar Klein am Beispiel von Greenpeace Risiken symbolischer Politikstrategien für den Bewegungssektor. Greenpeace hat sich den medialen Aufmerksamkeitskriterien zum Zwecke öffentlicher Resonanzsteigerung angepaßt. Nicht mehr die Mobilisierung von Publikumssegmenten, die in der Öffentlichkeit neue Themen und Meinungen artikulieren, sondern der Ausbau der eigenen medialen Sprecherrolle sowie Gesichtspunkte organisatorisch gesteuerter Kampagnenpolitik dominieren das Handlungskalkül. Der Shell-Boykott im Folge der von Greenpeace mittels symbolischer Politik kritisierten Versenkung der Ölplattform Brent Spar ist kein Mobilisierungserfolg der Ökologiebewegung, sondern ein Publikumseffekt von Kampagnenöffentlichkeit, der von einer Diffusion der Themen der Umweltbewegung in die Massenmedien profitiert. Kampagnenpolitik bleibt jedoch schon auf mittlere Sicht auf einen mobilisierungsfähigen Bewegungssektor angewiesen, den sie bislang auch voraussetzen konnte. Angesichts des Bedeutungszuwachses von Stellvertreterpolitik im Bewegungssektor müssen die Bewegungsorganisationen ihren Beitrag zur Stabilisierung der Binnenkommunikation der neuen sozialen Bewegungen neu überdenken.

Thomas Kleinhenz
Abstimmung mit den Füßen. Eine Langschnittanalyse der sinkenden Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik von 1980 bis 1995

FJNSB, Seiten 70-83
Thomas Kleinhenz beschäftigt sich in einer Längsschnittanalyse mit der sinkenden Wahlbeteiligung in der BRD von 1980 bis 1995. Ergebnis seiner Studie ist, daß eine zunehmende Distanz der Bevölkerung zur Politik und insbesondere zu den Politikern beobachtbar ist, die nur am Rand der Gesellschaft auftritt, sondern selbst in deren Mitte. Langfristig sei deshalb davon auszugehen, daß sich eine Zweiteilung etabliert: Auf der einen Seite eine kleine Zahl Aktiver, die vor allem mit unkonventionellen Partizipationsformen auftreten, auf der anderen Seite eine politisch passive, gleichgültige Bevölkerungsgruppe, deren Größe zunehmen wird.

Peter Hocke
Massenmedien und lokaler Protest.
Eine Fallstudie zur Selektivität von Printmedien
FJNSB, Seiten 91-94
In einem kurzen Abriß stellt Peter Hocke sein Projekt der Analyse von Protestereignissen in Freiburg für die Jahre 1983 bis 1989 vor, das er in Zusammenhang mit dem Forschungskontext PRODAT am Wissenschaftszentrum Berlin durchführt. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt seiner Studie: (1) Welchen Protestereignissen mit welchen Merkmalen gelang es, in den Medien berichtet zu werden, und welche fanden keine Aufmerksamkeit? (2) Welche Aspekte des berichteten Protestereignisses wurden in der Berichterstattung herausgestellt? Die Datenerhebung selbst ist mittlerweile abgeschlossen; der Abschlußbericht wird im Laufe des Jahres 1996 erstellt.

Ralf Vandamme
Über den Wandel von Öffentlichkeit als Ort des Politischen.
Von der Gegenöffentlichkeit zur Kampagnenöffentlichkeit von Greenpeace

FJNSB, Seiten 101-103
In einem knappen Expose breitet Ralf Vandamme Thesen seines Dissertationsprojekts aus, das sich mit dem Wandel von Öffentlichkeit als dem Ort des Politischen beschäftigt. Inhaltlich geht es um einen Vergleich jener Art von Gegenöffentlichkeit, wie sie charakteristisch ist für die neuen sozialen Bewegungen, mit der Kampagnenöffentlichkeit von Greenpeace. Als Vergleichsfälle fungieren einerseits Wyhl, andererseits Brent Spar. Die Kernthese seines Entwurfs lautet, daß allein das Konzept Gegenöffentlichkeit eine erfolgversprechende Form demokratischer Qualifizierung darstellt, während Kampagnenöffentlichkeit sich häufig darin erschöpft, das Engagement des Einzelnen durch die bequeme Abstimmung per Spendenquittung zu privatisieren.

Barbara Witte
Jugendfunk und neue soziale Bewegungen
FJNSB, Seiten 94-96
Barbara Witte beschäftigt sich in ihrem Forschungsprojekt mit der Fragestellung, wie man die Auflösung des sf-beat in Berlin und dessen Ersetzung durch Radio 4U erklären kann. Ihre These lautet, daß es sich dabei um eine wechselseitige Entwicklung handelt. Zum einen hatte sich die Rundfunklandschaft - bundesweit - durch das Aufkommen der Privaten gravierend geändert; statt Qualität wurde Quote zur mächtigsten Variable im Spiel der Bewertung von Programmen. Zum anderen traten Engagement und Protest im Laufe der 80er Jahre zunehmend zurück, so daß nicht nur die Konkurrenz größer, sondern auch die Klientel kleiner wurde. Im Endeffekt löste sich die Redaktion von sf-Beat selber auf, um in die von Radio 4U überzugehen,. mit gänzlich anderen Parametern. Inwiefern es sich dabei tatsächlich um eine Zerfallsgeschichte handelt, dessen Opfer u.a. sf-Beat war, wird zu zeigen sein.


Rezensionen
Zuletzt sei noch auf den Rezensionsteil verwiesen, der sich diesmal nur mit Arbeiten beschäftigt, die allesamt im Dreieck von Öffentlichkeit, Massenmedien und sozialen Bewegungen angesiedelt sind und den Heftschwerpunkt somit abrunden. So hat Tibor Kliment für uns die Habilitation Neue Konfliktlinien in der Mobilisierung öffentlicher Meinung von Jürgen Gerhards besprochen. Ansgar Klein wiederum hat sich dem Sammelband Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegungen - herausgegeben von Friedhelm Neidhardt - gewidmet. Arne Klein beschäftigt sich dagegen mit der Studie Eskalation durch Berichterstattung? von Hans-Bernd Brosius und Frank Esser. Den Abschluß bildet eine Rezension des lange erwarteten Bandes Macht der Öffentlichkeit - Öffentlichkeit der Macht, herausgegeben von Gerhard Göhler.