Soziale Bewegungen und Nicht-Regierungsorganisationen
Abstracts (deutsch)
Dieter
Rucht
Multinationale Bewegungsorganisationen: Bedeutung, Bedingungen, Perspektiven
FJNSB, Seiten 30-41
In seinem einleitenden
Beitrag strukturiert Dieter Rucht das Themenfeld, indem er der Begriffsvielfalt
im Spannungsfeld von Non-Governmental Organizations, Non-Profit Organizations
(NPOs) und Drittem Sektor eine eigene Systematik gegenüberstellt. Rucht
definiert multinationale Bewegungsorganisationen (MBO) als "bewegungszugehörige
Organisationen bzw. Verbindungen - vor allem Netzwerke - von Organisationen,
die strukturell, also nicht nur in ihrem Themenhorizont, über ein bestimmtes
Land hinausreichen und somit einen transnationalen, internationalen
oder supranationalen Charakter haben (...) und die deshalb in aller
Regel auch Probleme mehrerer Länder aufgreifen". Er identifiziert
verschiedene Strukturtypen dieser MBO mithilfe einer Analyse ihrer Organisationsstruktur
und Kompetenzmuster. Nach einem Überblick über die Themenbereiche international
tätiger NRO untersucht Rucht die strukturellen Voraussetzungen und Kontextbedingungen
für die wachsende Anerkennung und Wertschätzung, die NRO in den letzten
Jahren seitens offizieller Stellen und in den Massenmedien erfahren.
Zu den Strukturproblemen der NRO zählen die Konkurrenz um Ressourcen,
interne Differenzen und Konfliktlinien, zunehmende Bürokratisierung
und Kommerzialisierung, Tendenzen der Kooption und Entradikalisierung
sowie die bereits heute zu beobachtenden Inflationseffekte.
Christian
Lahusen
Internationale Kampagnen Grundmuster und Kontextfaktoren globalen kollektiven
Handelns FJNSB, Seiten 42-51
Am Beispiel der
internationalen Kampagnen von Greenpeace und Amnesty International analysiert
Christian Lahusen Grundmuster und Kontextfaktoren globalen kollektiven
Handelns. Der Zwang zur Internationalisierung politischen Handelns geht
einher mit organisationalen und strukturellen Veränderungsnotwendigkeiten
der Bewegungsnetzwerke. Lahusens Untersuchung internationaler Kampagnen
versucht vor diesem Hintergrund die Entwicklungsdynamiken kollektiven
Handelns und die Mobilisierungsanstrengungen internationaler NRO im
Hinblick auf die zunehmende Verwebung lokaler und globaler Themenstellungen,
die sich steigernde Komplexität der organisationalen Umwelten von Bewegungshandeln
und die Koordinierungs- und Strukturierungsprobleme internationaler
Kampagnenarbeit zu überprüfen. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, daß
der Erfolg internationalen Protesthandelns zunehmend von der Fähigkeit
der Bewegungsorganisationen abhängt, verschiedene nationale und internationale
Handlungsebenen zu integrieren und angemessene Koordinierungsstrategien
an der Schnittstelle zwischen dem Lokalen und dem Globalen zu entwickeln.
Annette
Zimmer
Was bringt die Dritte Sektor Forschung den internationalen NGOs und
Bewegungsnetzwerken? FJNSB, Seiten 52-60
Die Fragestellung,
ob und wie die Forschung zu internationalen Bewegungsorganisationen
von der internationalen Dritte Sektor-Forschung profitieren kann, untersucht
Annette Zimmer in ihrem Beitrag. Sie charakterisiert die Dritte Sektor-Forschung
als primär empirisches Unternehmen mit einem pragmatischen Zuschnitt
auf die Bedürfnisse der NPOs und Bewegungsunternehmer. Eine Hauptaufgabe
der Dritte Sektor-Forschung liegt demnach in der Beratung von NPOs,
die als funktionales Äquivalent zu staatlichen und kommerziellen Dienstleistern
begriffen werden. Diese Beratungsangebote umfassen professionelles Lobbying
und Networking ebenso wie Management, Marketing und Fundraising. Neben
einer Analyse der inhaltlichen Schwerpunkte und Strukturen der internationalen
Forschungslandschaft untersucht Zimmer die thematische Anschlußfähigkeit
der Dritte Sektor-Forschung an die aktuellen Diskussionen um Kommunitarismus,
internationale Zivilgesellschaft und den Ressourcenmobilisierungsansatz
in der Bewegungsforschung. In diesem Zusammenhang verweist die Autorin
auf aktuelle Tendenzen, die Dritte Sektor-Forschung zunehmend für Phänomene
politischer Partizipation, für demokratietheoretische und sozialpolitische
Forschungsschwerpunkte zu öffnen. Einen potentiellen Nutzen für die
Beschäftigung mit NRO - so bilanziert Zimmer - bietet die Dritte Sektor-Forschung
vor allem in bezug auf (1) das erarbeitete praxisrelevante Wissen zu
Management- und Organisationsfragen, zu Ressourcenallokation und Personalarbeit
in Bewegungsorganisationen sowie (2) die Etablierung interdisziplinärer
Foren für die Selbstreflexion der eigenen Arbeit und der Identität von
NRO als vorrangig ideelle Vereinigungen.
Heike
Walk/Achim Brunnengräber
"Ad-hoc-Allianzen" - eine neue gesellschaftpolitische Perspektive?
FJNSB, Seiten 70-82
Die Allianzbemühungen
umweltpolitischer NRO werden in zwei weiteren Beiträgen jeweils am Beispiel
der ersten Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonvention (Klimagipfel)
1995 in Berlin untersucht. Heike Walk und Achim Brunnengräber argumentieren,
daß in der zu beobachtenden Tendenz der Bildung von ad-hoc-Allianzen
zwischen NRO und Regierungen oder Unternehmen die Gefahr liegt, den
Blick auf das kurzfristig Machbare zu konzentrieren und dadurch grundlegende
Reformnotwendigkeiten in der Umwelt- und Entwicklungspolitik zu vernachlässigen.
Auf Seiten der Bewegungsorganisationen sind es demnach die politisch-ideologische
Krise sowie die (oftmals) überlebenswichtige Frage der Ressourcenakquise;
aus Sicht der Regierungsorganisationen und Unternehmen sind es die Interpretationskompetenz
der NRO, wahltaktische Überlegungen und Legitimationsnotwendigkeiten
eigener Politik-Konzepte sowie Imagegründe, die eine allseitige strategische
Öffnung und damit einen konsensualen Politikstil fördern. Walk/ Brunnengräber
analysieren zentrale Aspekte solcher strategischen Allianzen im Vorfeld
und im Verlauf des Berliner Klimagipfels und warnen in diesem Zusammenhang
vor einer Konzentration der NRO-Aktivitäten auf eine "Politik der
kleinen Schritte" im Dialog mit dem politisch-administrativen System
und den Marktkräften. In dieser Allianzpolitik sehen die AutorInnen
die Gefahr begründet, daß sich die Forderungen der NRO dem Schneckentempo
der klimapolitischen Prozesse des internationalen Konferenzgeschehens
anpassen und an radikaler Substanz verlieren.
Daniel
Janett
Allianzsysteme von Nicht-Regierungsorganisationen in der Klimapolitik
Zwischenbericht aus einer Fallstudie zum Berliner Klimagipfel FJNSB,
Seiten 83-89
Demgegenüber macht
Daniel Janett in seiner Analyse der Allianzsysteme von NRO im Zuge des
Klimagipfels deutlich, worin die Vorteile solcher Bündnispolitik liegen
können. Janett kennzeichnet staatliche und marktwirtschaftliche Akteure
als Konstituenten der politischen Gelegenheitsstruktur von Bewegungsorganisationen
und argumentiert, daß diese - ebenso wie die Adressaten soziualen Protesthandelns
- entscheidenden Einfluß auf den Erfolg einer Bewegung haben. Er verweist
darauf, daß insbesondere die neuen sozialen Bewegungen entgegen ihrem
augenscheinlich strak antiinstitutionalistischen Binnendiskurs schon
sehr früh intensive Kontakte zu den traditionellen politischen Kräften
unterhielten. Ohne diese Allianzsysteme - so der Autor unter Bezugnahme
auf empirische Erkenntnisse der Bewegungsforschung - seien weder die
Erfolge der europäischen Friedens- und Ökologiebewegung, noch jene der
amerikanischen Frauen- oder Bürgerrechtsbewegungen erklärbar. In seiner
Untersuchung des NRO-Netzwerks zum Klimagipfel unterscheidet Janett
zwei Segmente mit unterschiedlichen Handlungslogiken: (1) das hochprofessionalisierte,
realpolitische "Lobby-Segment" (repräsentiert durch das Climate
Action Network) mit seiner Konzentration auf das 20% CO2-Reduktionsprotokoll
sowie die Einflußnahme auf das UN-Verhandlungssystem und (2) das vielgestaltige,
fundamental-oppositionelle "Mobilisierungs-Segment", dessen
Anstrengungen sich auf die Mobilisierung der öffentlichen Meinung sowohl
im lokalen, als auch im nationalen und internationalen Kontext richten.
Obwohl auch in diesem Beitrag die Ergebnisse des Gipfels als Mißerfolg
bewertet werden, wird das Scheitern nicht auf die Allianzenbildung der
NRO zurückgeführt. Janett plädiert vielmehr dafür, auch zukünftig beide
Handlungslogiken - die auf die Binnenstruktur und die kollektive Identität
gerichtete "Mitgliedschaftslogik" und die auf Außenwirkung
und Interaktion mit Gegnern konzentrierte "Einflußlogik" -
simultan zu verfolgen. Erst dieser Strategiemix kann den Erfolg kollektiven
Handelns sicherstellen.
Ines
Holthaus
Neuere Entwicklungen der internationalen Frauenbewegung Reaktionen auf
globale Prozesse FJNSB, Seiten 61-69
Die Funktion der
UN-Weltfrauenkonferenzen für die Konstituierung einer internationalen
Frauenbewegung sowie die inhaltlichen und strategischen Verhandlungsprozesse
zwischen einzelnen Frauenorganisationen untersucht Ines Holthaus. Obwohl
die Vielfalt von Themen und Organisationsformen sowie die dezentrale
Struktur informeller Netzwerke eher die Differenziertheit nationaler
Frauenbewegungen unterstreichen, geht Holthaus von einer internationalen
Frauenbewegung aus, die neben internationalen Netzwerken auch nationale
Frauenorganisationen und konkrete Drehpunktpersonen umfaßt. Die Organisationsstrukturen
der diversen Frauenorganisationen sind zumindest zum Teil den Anforderungen
der Vereinten Nationen an die Teilnahme an internationalen Konferenzen
sowie den Richtlinien unterschiedlicher Förderinstitutionen geschuldet.
Holthaus stellt einen engen Zusammenhang zwischen dem UN-Konferenzgeschehen
und der Entstehungsgeschichte einer internationalen Frauenbewegung fest.
Erst die Kommunikation und die Zusammenarbeit der unterschiedlichen
Frauenbewegungen im Vorfeld und im Verlauf dieser Konferenzen hat die
Einsicht gefördert, daß Frauen weltweit - auch über die Konfliktlinien
zwischen den Frauenorganisationen der westlichen Industrienationen und
der südlichen Länder hinweg - mehr eint als trennt. Gleichzeitig wuchs
die Erkenntnis, daß die globalen Probleme Ökologie, Entwicklung, Menschenrechte,
Armut etc. unlösbar mit frauenspezifischen Fragestellungen verknüpft
sind. Desweiteren hat die durch UN-Konferenzen geförderte Konzentration
auf Lobbying-Strategien dazu geführt, daß sich viele internationale
Frauennetzwerke der Auseinandersetzung mit und der Beeinflussung der
Politik internationaler Regierungsorganisationen verschrieben haben
und dabei ihre Rückbindung an die Basis eingebüßt haben. Holthaus fordert
in diesem Zusammenhang den Einsatz nationaler Frauenbewegungen für eine
stärkere Transparenz und Demokratisierung der Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse
in internationalen Bewegungsnetzwerken.
Herbert
Kitschelt
Demokratietheorie und Veränderungen politischer Beteiligungsformen Zum
institutionellen Design postindustrieller Gesellschaften FJNSB, Seiten
61-69 Herbert
Kitschelt diskutiert in seinem Essay Probleme eines in Dichotomien erstarrten
demokratischen Denkens. Der binäre Schematismus normativer Demokratietheorie
- entweder partizipative Demokratie oder Elitendemokratie - geht nicht
nur empirisch-analytisch an der Vielfalt demokratischer Prozesse in
"real existierenden" Demokratien vorbei. Er blendet auch normativ
die Rationalitäts- und Zielkonflikte aus, die mit der Wahl eines demokratisch-
institutionellen Designs von Willensbildung und Entscheidungsfindung
verbunden sind. Persönliche Wahlmöglichkeiten zwischen Alternativen
(Freiheit), soziale Gleichheit und die Zivilität des politischen Verkehrs
lassen sich als substantielle Gütekriterien ebensowenig spannungsfrei
verbinden wie die prozessualen Gütekriterien von Effektivität, Repräsentativität
undf Innovativität politischen Entscheidens. So müssen sich beispielsweise
die europäischen Verfechter direkt-demokratischer Verfahren im Lichte
amerikanischer Erfahrungen mit dem Problem konfrontieren, daß politische
Dezentralisierung und plebeszitäre Demokratie - dort von der politischen
Rechten verstärkt eingefordert - die ressourcenstarken Bevölkerungsschichten
stärken. Direkt-demokratische Verfahren tragen in den USA zur sozialen
Disparität von Lebenschancen und effektiver politischer Beteiligung
bei. Angesichts derartiger Zielkonflikte verbietet sich die Rede von
einer demokratischen Patentlösung als naives Wunschdenken. Der Vergleich
zwischen unterschiedlichen demokratischen politischen Systemen - Mehrheitsdemokratien
mit Parteien als dominanten politischen Akteuren, konsensuellen Demokratien
mit dem dominierende Zusammenspiel von Parteien und starken Interessenverbänden
sowie pelbeszitären Demokratien, in denen soziale Bewegungen eine wesentliche
Rolle spielen - fördert die Stärken und Schwächen der jeweiligen institutionellen
Designs demokratischer Entscheidungsprozesse zu Tage. Viele politische
Systeme kombinieren vor dem Hintergrund thematisch ausdifferenzierter
Entscheidungsmaterien und einer zunehmenden Partikularisierung von Interessenlagen
Elemente aller drei Demokratieformen. In fortgeschrittenen kapitalistischen
Demokratien läßt sich eine thematische Ausdifferenzierung politischer
Beteiligungs- und Entscheidungsformen um Parteien, Interessengruppen
und sozialen Bewegungen sowie eine Tendenz zur Ausbildung "gemischter"
demokratischer Entscheidungsmuster feststellen. Sowohl die klassische
partizipative Demokratietheorie als auch die realistischen Theorien
demokratischer Elitenkonkurrenz verfehlen diese Vielfalt politischer
Beteiligungsformen. Pulsschlag Der Themenschwerpunkt findet seine Ergänzung
durch den Pulsschlag. Jai Sin Pak beschreibt die internationale Kampagne
von Frauen für Wiedergutmachung japanischer Kriegsverbrechen an koreanischen
Zwangprostituierten. Kathrin Finkbeiner stellt die Arbeit des ComLink/apc
(Association for Progressive Communication) als internationales Computernetzwerk
für NRO vor und Heike Walk/Achim Brunnengräber referieren die Ergebnisse
einer internationalen Fachtagung zu Netzwerken von NRO.
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