Heft 3, 1996   

 

Soziales Handeln und politisches Lernen
Bewegungen als Lern- und Experimentierfeld

Abstracts (deutsch)

Doris Lucke
Akzeptanz - Legitimationsrisiko einer 'voting society' FJNSB 3/96

In ihrem Essay unternimmt Doris Lucke den Versuch, das Konzept der Akzeptanz in seiner Funktion als Legitimationskriterium in modernen 'voting societies' zu analysieren und als 'subjektiv-soziale Dimension' in die soziologische Legitimationsdebatte einzuführen. In Anlehnung an Webers Herrschaftsbegriff begreift die Autorin Akzeptanz als die Zustimmung oder Einverständniserklärung zu politischen Maßnahmen und Entscheidungen. Die Zustimmungsabhängigkeit des Akzeptanzobjekts (politische Maßnahmen/Entscheidungen) sowie die Ungewißheit des Einverständnisses seitens des Akzeptanzsubjekts (stimmberechtigte Bürger) erklärt den Stellenwert der Akzeptanz als Voraussetzung und Grenze der Legitimation. In einer 'Abstimmungsgesellschaft', die zunehmend durch optionale Vielfalt von Wahrheiten, Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen geprägt ist, muß Akzeptanz als 'legitimatorisches Placet' stets aufs Neue beschafft werden. Nicht nur die Politik, sondern auch die sozial- und umweltverträgliche Technikgestaltung, eine ethisch vertretbare (Grundlagen-)Forschung usw. sehen sich nach Lucke mit der Aufgabe konfrontiert, dem wahrscheinlicher werdenden Protest durch erheblichen Überzeugungsaufwand und komplizierte Rechtfertigungsleistungen zu begegnen. Die Adressaten solcher Versuche zur Erzeugung/Beschaffung von Akzeptanz sind dabei zunehmend 'unsichere Kandidaten': Wechselwähler, kritische Verbraucher, Initiative ergreifende Bürger, ein aufbegehrendes KirchenVolk etc. Diese Legitimitätseinbußen erfassen dabei zunehmend alle Rationalitätsdomänen (neben den o.g. Bereichen auch das Recht, die Kunst und die Religion). Akzeptanzbeschaffung auf breiter Basis bedeutet demnach eine 'Tieferlegung' der abstimmungsdemokratisch legitimierten, politischen Entscheidungen an die Gras(wurzel)narbe. Die Gefahr dieser Entwicklung - so die Autorin in ihrem Resümme - besteht in einer Mutation des Staates zur 'Stimmenzählmaschine', bei der die Demokratie durch Demoskopie ersetzt wird und vom Volk nicht mehr die Macht ausgeht, sondern es zu Legitimationszwecken instrumentalisiert, zum 'Abstimmungsautomaten' degradiert wird.

Bernhard Claußen
Soziales Handeln und politisches Lernen - Zur Bedeutung von Handlungs- und Lebensweltorientierung in den Konzeptionen Politischer Bildung FJNSB 3/96

Vor dem Hintergrund der didaktischen Zielsetzungen einer kritisch-emanzipatorischen politischen Bildung - verbunden mit einem kurzen historischen Rückblick auf die Entwicklung von Konzeptionen politischer Bildung in der Bundesrepublik seit dem 2. Weltkrieg - erörtert Bernhard Claußen konzeptionelle Anforderungen und Probleme der Handlungs- und Lebensweltorientierung politischer Bildung. Ein unkritischer Bezug auf Handlungsorientierung birgt das Risiko einer bloßen Anbiederung an Mechanismen der Erlebnisgesellschaft oder einer fehlenden Rückkopplung lebensweltlicher Erfahrungen an öffentliche Angelegenheiten und deren demokratische Handhabung. Die neuen sozialen Bewegungen haben die Ermöglichung politischer Lernprozesse zu einem Konstitutivum ihrer eigenen Aktivitäten gemacht und in diesem Zusammenhang auch eigene alternative Einrichtungen der politischen Bildungsarbeit geschaffen. Doch die Lernprozesse innerhalb der neuen sozialen Bewegungen sind von strategisch-instrumentellen Engführungen wie milieuspezifischen Reduktionen nicht frei. Daher darf politische Bildung den Erwerb von Handlungserfahrungen in neuen sozialen Bewegungen nicht zum zwingenden Konstitutivum oder Ziel erheben. Sie sollte allerdings in einer didaktisch orientierten Ergänzung der Bewegungsforschung ermitteln, daß, warum und unter welchen Umständen es möglich ist, den Mustern funktionaler politischer Sozialisation und konventionellen Formen organisierten politischen Lernens nicht aufzusitzen. Politische Bildung kann sich sich bei Wahrung der raum-zeitlichen Distanz sowohl zu lebensweltlichen wie systemischen Bereichen der Gesellschaft zu einer intermediären Instanz zwischen beiden Polen entwickeln, die den Bezug zur kritischen Auseinandersetzung mit Herrschaft wahrt. Die Rückgewinnung des Politischen der politischen Bildung bedarf der Bezugnahme auf dessen zivilgesellschaftlich revidierte und ergänzte Einrichtungen. Die Einrichtungen einer emanzipatorischen politischen Bildung können zwar vom Professionsgeschick neuer sozialer Bewegungen zur Infragestellung von Konventionen und zur Mobilisierung brachliegender Lernpotentiale einiges lernen, dürfen aber dem systemimmanent wachsenden Vermarktungsdruck zugunsten einer Anbiederung an vordergründige Utilitarismus- und Unterhaltungsbedarfe ebensowenig nachgeben wie den Nachfragen nach einem bloßen Fitneßtrainiung für realpolitisches Handeln. Sie sind konzeptionell wie praktisch gefordert, sich als Orte einer lust- und gehaltvollen Auseinandersetzung mit Politik und als ein von Handlungszwängen freies sozial-, gruppen- und themenübergreifendes Organ demokratischer Streitkultur zu profilieren, das nirgendwo sonst in der Gesellschaft vorkommt.

Leo Jansen
Die Wiederentdeckung des Politischen durch problemorientiertes Lernen - Regionale Runde Tische und politische Netzwerke FJNSB 3/96

Angesichts der Phantasielosigkeit und Erschöpfung der traditionellen Politik, so Leo Jansen, muß das institutionalisierte Feld politischer Bildung die ausgetretenen Pfade verlassen. Wenn das politische Lernen in der Gesellschaft zwischen Lähmung und Verdrängung zu verschwinden droht, braucht es Wege seiner Wiederentdeckung. Keineswegs ausgeschöpft sind hier die Anregungen des Erfahrungs- und Theoriestranges der Arbeiterbildung, der politische Bildung als kritisches Moment und integrativen Bestandteil der Arbeiterbewegung konzipiert hat (Oskar Negt). Erfahrungen der Problem- und Konfliktbewältigung und darauf bezogener Phantasieentwicklung stellen den entscheidenden Lernstoff politischer Bildung dar. Runde Tische sind ein bedeutender neuer politischer Lernort. Der Autor rekapituliert die bisherigen Erfahrungen mit Runden Tischen und stellt am Beispiel eigener politischer Bildungsarbeit in regionalen Runden Tischen und Netzwerken in der Grenzregion Aachen Überlegungen über die Anforderungen an politische Bildung als spezifische Praxis politischen Lernens an. Vor diesem Hintergrund lassen sich Konturen einer zukunftsweisenden politischen Bildung gewinnen. Diese muß sich verstärkt in problemorientierte politische Lernprozesse hineinbegeben, solche Lernprozesse anregen, neue Zusammenhänge herstellen und die bereits vorhandenen aufarbeiten, stabilisieren und kritisch begleiten. Die motivationale Komponente von Bürgerbeteiligung wird in Handlungsbezügen aufgebaut und bleibt mit den kognitiven Prozessen politischen Lernens intern verschränkt. Politische Bildung wird so - jenseits einer eindeutigen Trennbarkeit von Aktion und Reflexion - selber zu einem Teil der politischen Konflikte und Auseinandersetzungen. Da jedoch die Verzahnung von Bildung und Aktion aufgrund bestehender Förderrichtlinien politischer Bildung (etwa der Bundeszentrale für politische Bildung u.a.) ausgeschlossen und diskriminiert wird, müsse die im Widerspruch zu einer längst bestehenden Entgrenzung politischer Handlungs- und Lernformen stehende Förderphilosophie und -praxis politischer Bildung dringend reformiert werden. Insgesamt sei eine Politisierung der Jugend- und Erwachsenenbildungspolitik notwendig.

Maria Icking
Politische Bildungs- und Projektarbeit der bündnisgrün-nahen Stiftung(en) - Konzeptionelle Gesichtspunkte und organisationspolitische Konsequenzen der Stiftungsreform FJNSB 3/96

Die grün-nahen Stiftungen sind urspünglich selber in starkem Maße von dem Anspruch geprägt worden, bewegungsnahe politische Bildungsarbeit zu fördern, müssen diesen Anspruch aber angesichts einer sich wandelnden Bewegungslandschaft konzeptionell prüfen. Maria Icking gibt zunächst einen Überblick über die Geschichte der grün-nahen Stiftungen und die Entwicklung von Praxis und Konzeptionen ihrer politischen Bildungsarbeit. Die dezentrale Struktur der bisherigen Bildungsarbeit hat bislang eine gemeinsame konzeptionelle Arbeit an der Profilbildung eher behindert, die nicht zuletzt auch durch die Professionalisierungs- und Institutionalisierungsschübe des Bewegungssektors an Dringlichkeit gewonnen hat. In einem zweiten Schritt stellt die Autorin den Prozeß der Stiftungsreform, seine entscheidenden Ansätze und Gesichtspunkte dar. Sie erörtert aber auch die Probleme und Schwierigkeiten einer umfassenden Organisationsreform, die sich dem Leitbild einer 'unbürokratischen Organisation' verpflichtet sieht. Die Arbeit der Stiftung bewegt sich im schwierigen Bezugsfeld von Bündnis 90/Die Grünen einerseits, einer gewandelten Bewegungslandschaft andererseits, in der professionalisierte Bewegungsorganisationen und international tätige NGOs eine wesentliche Rolle spielen. Die reformierte Stiftung muß danach bewertet werden, ob sie als professioneller politischer Dienstleister den an sie gerichteten Erwartungen aus diesem weit gefaßten Bezugsfeld gerecht wird. Mit ihren Angeboten politischer Bildung, ihrer Unterstützung politischer Projekte, mit Politikberatung und Politikvermittlung kann die reformierte Heinrich-Böll-Stiftung dazu beitragen, Ansätze einer zivilgesellschaftlichen Demokratie zu unterstützten.

Martin Beyersdorf
Aufbruch ohne Ende?! Selbstorganisierte Bildungsarbeit zwischen Profil, Politik und Professionalisierung FJNSB 3/96

Martin Beyersdorf analysiert die Entwicklung der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre gegründeten selbstorganisierten Bildungsprojekte im Umfeld der neuen sozialen Bewegungen. Er stützt sich dabei insbesondere auf eine Analyse der etwa 200 Bildungsprojekte, die sich im 'Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen' zusammengeschlossen haben. Untersucht werden Berufsverständnis und Motive der Mitarbeiter, die Entwicklung der Themen und Angebote ihrer Bildungsarbeit, Finanzierung, Arbeitsformen und Didaktik sowie die AkteurInnen und TeilnehmerInnen der Bildungsarbeit. Waren die selbstorganisierten Bildungseinrichtungen in den 70er und 80er Jahren maßgeblich bei der Erschließung neuer Themen - Geschlechterfrage, Energie, Ökologie, Gesundheit, 'Dritte Welt', Frieden -, so sind in den 90er Jahren eher Innovationsfunktionen im Bereich von Arbeitsformen zu beobachten. Nach wie vor rangiert das Bildungsziel der Kritikfähigkeit im Unterschied zu anderen Trägern politischer Bildungsarbeit an erster Stelle. Die AnbieterInnen der Bildungsveranstaltungen sind in hohem Maße politisch aktiv. Allerdings zeichnen sich Rückgänge der Nachfrage an politischer Bildung zu Gunsten beruflicher Weiterbildungsangebote - auch vor dem Hintergrund der Erfordernisse eines professionalisierten Bewegungssektors - ab. Eine Aufgabe des weiteren Professionalsierungs- und Konzeptionsdebatte müßte es daher sein, die innovative Erschließungskompetenz politischer Bildungsarbeit unter sich wandelnden Rahmenbedingungen fortzuentwickeln. Ein weiter Begriff des Politischen in lebensweltlichen Lern- und Handlungsräumen hätte diesen Debatten zu Grunde zu liegen.

Johannes Kandel
'Lernen für Demokratie' - Ergebnisse eines Projektes der Friedrich-Ebert-Stiftung FJNSB 3/96

Im vorliegenden Themenheft werden die Hauptbeiträge durch umfangreichere Artikel der Rubrik 'Pulsschlag zum Thema' ergänzt. Johannes Kandel referiert die Ergebnisse eines Projektes der Friedrich-Ebert-Stiftung über das 'Lernen für Demokratie'. Dabei steht die pädagogisch-politische Profilierung, d.h. die Begründung und Entwicklung eines eigenen Selbstverständnisses und zielführender Umsetzungsstrategien im Bereich der politischen Weiterbildung, im Mittelpunkt der theoretisch und empirisch gestützten Analyse. Er folgert, daß politische Bildung nur mit einer stärkeren Zielgruppenorientierung, der Stabilisierung kommunikativer Elemente und der Stärkung des Gebrauchswertcharakters ihren Zweck erfüllen kann, politische Mündigkeit zu vermitteln und gestalterisch an der Demokratie mitzuwirken.

Gisela Notz
Frauennetzwerke in der politischen Bildung FJNSB 3/96

Die Bedeutung von 'Frauennetzwerken in der politischen Bildung' untersucht Gisela Notz anhand des Vereins und Verlags 'beiträge zur feministischen theorie und praxis'. Hierbei unterstreicht sie die Wichtigkeit politischer Bildung für Frauen, um das eigene Selbstverständnis und das der Frauenbewegung insgesamt zu stärken, Frauenunterdrückung und -diskriminierung zu analysieren sowie Alternativen für ein bessers Leben zu entwickeln. Seit nunmehr zwanzig Jahren haben sich Frauen im Bereich der politischen Bildung Freiräume geschaffen, die einen herrschaftsfreien Diskurs und die Entfaltung weiblicher Potentiale garantieren. Dabei spricht Notz u.a. von der Notwendigkeit der 'Frauenecken', den alltäglichen Spannungen in den 'gemischten' Veranstaltungen und der Paradoxie feministischer Politik, die sich ausgrenzen muß, um ihre Ausgrenzung zu überwinden. Die seit 1978 erscheinende Zeitschrift 'beiträge zur feministischen theorie und praxis' versteht Notz als ein wichtiges Medium der Vernetzung von Frauenprojekten und als politisches Diskussionsforum der autonomen Frauenbewegung, das gerade in Zeiten des sozialpolitischen Kahlschlags den Vereinzelungstendenzen entgegenwirken und politische Handlungsstrategien feministischer Bildungsarbeit erarbeiten kann.

Ulrich Pfister
Tu-was-Bewegung - Bürgerengagement in neuer Form FJNSB 3/96

Mit der 'Tu-was-Bewegung' hat sich mittlerweile in der Bundesrepublik eine neue Form des bürgerschaftlichen Engagement entwickelt, die die Themen der Umweltbewegung mit den Institutionen der klassischen politischen Bildungsträger kombiniert. Ulrich Pfister stellt diese Form des politischen Lernens vor, in der engagierte MitbürgerInnen in Eigenverwaltung selbstbestimmte kommunal-, zumeist umweltpolitische Projektarbeit leisten. Die vorwiegend an den Volkshochschulen angesiedelten Gruppen zeichnen sich durch professionelles Projektmanagement, Autonomie der Aktionsgruppe, Öffentlichkeitsorientierung, Politikfähigkeit und Wissenschaftlichkeit aus. Die Tu-was-Bewegung ist für Pfister eine Alternative edukatorischer Umweltaufklärung, die Entmündigung, Resignation und politische Apathie sowie die Kluft zwischen Umweltbewußtsein und -handeln abbauen kann.

Dominik Siegrist
Salecina - Ort des organisierten Zufalls FJNSB 3/96

In seinem Beitrag beschreibt Dominik Siegrist das Ferien- und Bildungszentrum Salecina als 'Ort des organisierten Zufalls'. Das 1971 von Theo Pinkus und Amalie Pinkus-De Sassi gegründete Salecina versteht sich gleichermaßen als Teil linker, sozial-ökonomischer Kräfte und als Modell des sanften Tourismus. Trotz sich verschlechternder finanzieller Rahmenbedingungen, gewandelten politischen Interessen und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung des Nachwuchses steht Salecina auch in Zukunft für ein beispielhaftes Projekt der politischen Bildungsarbeit.

Anne Dietrich
Gewaltfreie Veränderung durch politisches Lernen - Kampagne 'Wege aus der Gewalt FJNSB 3/96

In der Selbstdarstellung der Kampagne 'Wege aus der Gewalt' schildert Anne Dietrich die Möglichkeiten der gewaltfreien Veränderung durch politisches Lernen. Die Kampagne, die vom Bund für Soziale Verteidigung initiiert wurde, zielt auf die Vermittlung von Strategien zur gewaltfreien Konfliktaustragung durch Bewußtseinsbildung und konkrete Trainingsangebote. In verschiedenen Workshops soll die Wahrnehmung der Alltagsgewalt am Arbeitsplatz, in der Familie und im Wohnumfeld geschult werden und sollen Anleitungen zu Gegenmaßnahmen entwickelt werden, die über die Problemanalyse hinausgehend. Dies betrifft - so betont Dietrich - sowohl die individuell erlebte als auch die strukturelle Gewalt, der mittels dieser Lernkonzepte bewußt Wege aus der Gewalt entgegengesetzt werden.

Michael Heuer
Minenspiel - Zwischenstand und Bewertung der 'Kampagne für ein Verbot von Landminen FJNSB 3/96

Unabhängig vom Themenschwerpunkt des Heftes resümiert Michael Heuer den Zwischenstand der 'Kampagne für ein Verbot von Landminen' vor dem Hintergrund der Überprüfungskonferenz der UN-Waffenkonvention im Herbst 1995. In seiner Einschätzung kommt Heuer zu dem Schluß, daß das Thema Minen aufgrund der geringen Komplexität publikumswirksam kommuniziert werden kann und dadurch ein hohes, massenmedial forciertes Empörungspotential bietet, die Verhandlungsergebnisse von Genf aber enttäuschend ausfallen. Für die Zukunft der breit angelegten Kampagne verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen sieht Heuer u.a. die Möglichkeit der Ausweitung auf sog. Kleinwaffen und unkontrollierte Kleinwaffenmärkte, die sich allerdings mit qualitativ neuen Mobilisierungs- und Artikulationsschwierigkeiten konfrontiert sehen wird.

Werner Lindner
Krawall - Protest - Randale: Zur Vorgeschichte der gegenwärtigen Gewaltdebatte FJNSB 3/96

Unter dem Titel 'Krawall - Protest - Randale' behandelt Werner Lindner die Vorgeschichte der gegenwärtigen Gewaltdebatte. In seiner komparativ-historischen Perspektive erkennt er fünf Dimensionen, die die Gewaltdebatte jenseits der allgemeinen Hysterisierung und Ontologisierung kennzeichnen. Die Stadt als 'Bühne' ist Schauplatz, Auslöser und Objekt jugendlicher Expressivität, die durch massenmediale Hysterisierung ein Bild von Jugend erzeugt, welches gleichermaßen auf die Gesellschaft und die Jugend zurückwirkt. Die kulturelle Innovationsbereitschaft der Jugendlichen, die durch die Aneignung und Integration ihrer Realitätsdeutungen und Lebensentwürfe entsteht, wird häufig nur als irritierende Bedrohung der dominanten Kultur interpretiert und dementsprechend negativ sanktioniert. Die kommerzielle Codierung jugendlicher Aktionsmuster und Stilelemente führt dazu, daß diese im historischen Verlauf zwar zunehmend seltener unterdrückt, aber schneller medial gratifiziert und kommerziell ausgenutzt werden. Hinzu kommen Fehlreaktionen der öffentlichen Institutionen, die Konfliktfelder konstruieren, in denen sich Jugendliche Ausdruck verschaffen. Damit ist die Kollision verschiedener Sinnhorizonte ebenso vorprogrammiert wie die Entstehung von Eskalationsspiralen und Militanz. Die gegenwärtige Jugend- und Gewaltdebatte - so das Fazit von Lindner - darf sich nicht in der ausschließlichen und eindimensional verkürzten Betrachtung gewaltaffiner jugendlicher Erscheinungsformen erschöpfen, sondern muß die Kontextbedingungen der Entstehungszusammenhänge, aber auch die berechtigten Interessen der nichtbeteiligten Jugendlichen berücksichtigen.