Heft 2, 1996   

 

Pressemitteilung

Thema "Soziale Bewegungen und Nicht-Regierungsorganisationen", Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 9, 1996, Heft 2, 140 S., 16.- DM

Die Komplexität globaler Problemzusammenhänge läßt nationalstaatliche Gestaltungsdefizite immer deutlicher zutage treten. Die weltweite soziale Ungleichheit, die Zunahme des Migrationsdruckes, ökologische Grenzen des Wirtschaftswachstums und die Gefährdung von Demokratie und Menschenrechten fördern die Aufmerksamkeit für die an Bedeutung gewinnenden nicht-staatlichen Akteure der internationalen Politik. Multinationale Bewegungsorganisationen haben einen wesentlichen Anteil an dem Aufmerksamkeitserfolg dieser sogenannten Nicht- Regierungsorganisationen (NRO). Die aus den neuen sozialen Bewegungen entstandenen Organisationen reagieren auf Prozesse der Globalisierung zunehmend mit dem Aufbau internationaler politischer Netzwerke. Die Autoren des vorliegenden Themenheftes diskutieren vor diesem Hintergrund die Bedeutung von Bewegungsorganisationen sowie die Wechselwirkungen, die sich für die sozialen Bewegungen in der lokalen und nationalen Politikarena ergeben. In seinem einleitenden Beitrag strukturiert Dieter Rucht das Themenfeld, indem er der Begriffsvielfalt im Spannungsfeld von Non-Governmental Organizations (NGOs), Non-Profit Organizations (NPOs) und Drittem Sektor eine eigene Systematik gegenüberstellt. Er identifiziert verschiedene Strukturtypen von Bewegungsorganisationen mit Hilfe einer Analyse ihrer Organisationsstruktur und ihrer Kompetenzmuster. Am Beispiel der internationalen Kampagnen von Greenpeace und Amnesty International analysiert Christian Lahusen Grundmuster und Kontextfaktoren globalen kollektiven Handelns. Der Zwang zur Internationalisierung politischen Handelns geht einher mit notwendigen organisatorischen und strukturellen Veränderungen der Bewegungsnetzwerke. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, daß der Erfolg internationalen Protesthandelns zunehmend von der Fähigkeit der Bewegungsorganisationen abhängt, verschiedene nationale und internationale Handlungsebenen zu integrieren. Am Beispiel des Klimagipfels 1995 in Berlin argumentieren Heike Walk und Achim Brunnengräber, daß in der zu beobachtenden Bildung von ad-hoc-Allianzen zwischen NRO und Regierungen oder Unternehmen die Gefahr liegt, den Blick auf das kurzfristig Machbare zu konzentrieren und dadurch grundlegende Reformnotwendigkeiten zu vernachlässigen. Demgegenüber macht Daniel Janett in seiner Analyse der Allianzsysteme von NRO deutlich, worin die Vorteile solcher Bündnispolitik liegen können. Ohne diese Allianzsysteme seien die Erfolge insbesondere der neuen sozialen Bewegungen in den achtziger Jahren nicht erklärbar. Die Funktion der UN-Weltfrauenkonferenzen für die Konstituierung einer internationalen Frauenbewegung sowie die Verhandlungsprozesse zwischen einzelnen Frauenorganisationen untersucht Ines Holthaus. Neben positiven Impulsen hat die durch UN-Konferenzen geförderte Konzentration auf Lobby-Strategien auch dazu geführt, daß sich viele internationale Frauennetzwerke der Beeinflussung internationaler Regierungsorganisationen verschrieben haben. Nicht selten büßen sie dabei ihre Rückbindung an die Basis ein. Holthaus fordert daher den Einsatz nationaler Frauenbewegungen für eine stärkere Transparenz und Demokratisierung der Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse in internationalen Bewegungsnetzwerken. In der Rubrik Pulsschlag beschreibt Jai Sin Pak die internationale Kampagne von Frauen für Wiedergutmachung japanischer Kriegsverbrechen an koreanischen Zwangsprostitutierten; Kathrin Finkbeiner stellt die Arbeit des ComLink/apc (Association for Progressive Communication) als internationales Computernetzwerk für NRO vor.