Masse
- Macht - Emotion
Abstracts (deutsch)
Felix
Kolb
Der Castor-Konflikt: Das Comeback der Anti-AKW-Bewegung , S.16-29
Untersucht werden die Gründe dafür, daß der Konflikt um den Transport
atomarer Brennelemente in den sogenannten Castor-Behältern zum Zwischenlager
in Gorleben innerhalb weniger Monate zu einer großen und anhaltenden
sozialen Bewegung geführt hat. Nach einer kurzen Skizze und Chronologie
des Konfliktgeschehens werden zur Erklärung der Protestmobilisierung
Ansätze der Bewegungsforschung herangezogen: Relative Deprivation/Kollektive
Unzufriedenheit, soziale Netzwerke und Allianzsysteme, Ressourcenmobilisierung
und politische Gelegenheitsstrukturen, Framing , Medienarbeit und die
Strategie der Bewegung haben zum Erfolg der Mobilisierung beigetragen.
Entscheidend für diesen Erfolg scheint zu sein, daß die Anti-Castor-Bewegung
auf den Erfahrungen und der Infrastruktur der alten Anti-AKW-Bewegung
aufbauen konnte und dieser ein Comeback ermöglicht hat.
Helmut
König
Wiederkehr des Massethemas? S. 30-38
Kann die Bewegungsforschung von einer Rehabilitation des Massebegriffs
profitieren, um das Moment des Unkalkulierbaren, des Spontanen und Unorganisierten
in ihren Forschungen besser zu berücksichtigen? Der Autor beantwortet
diese Frage mit einem klaren Nein. Die Semantik des Massendiskurses
ist nicht in der Lage, Fragen nach dem Verhältnis von Bewegungen und
Organisation, von Mentalität und Institution , von Ich und Wir, von
Interessen und Emotionen oder von Symbol und Politik theoretisch produktiv
zu bearbeiten. Diesen Schluß zieht er aus einer Geschichte des Erklärungskonzepts
der Masse. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist die Masse als ein
Folgeproblem gesellschaftlicher Differenzierung der modernen Industriegesellschaft
- Verstädterung, Pauperisierung, geographische Mobilität - ein sozialer
Tatbestand. Aufständigkeit und Protest der Masse kennzeichnen den politischen
Tatbestand. Die Semantik des Massenbegriffs entfaltet sich in den drei
Kontexten einer politischen Diskussion (Konservatismus, Liberalismus
und Nationalismus), einer gesellschaftstheoretischen Thematisierung
der Masse (Pauperismus-Diskussion, Marx und Engels sowie die Analyse
der Massengesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts) und - mit der größten
Resonanz - in der Psychologie (von LeBon bis Freud). Nach dem Zweiten
Weltkrieg spielt das Thema in der bundesrepublikanischen Diskussion
eine bedeutsame Rolle bei der Erklärung des Nationalsozialismus, doch
gegen Ende der 50 Jahre wird es im politischen und gesellschaftstheoretischen
Diskurs bedeutungslos - ein Umstand, der sich auf die integrative Wirkung
des Wohlfahrtsstaates zurückführen läßt. Der Wohlfahrtsstaat ersetzt
die aufständische Masse durch die einsame Masse (Riesman).
In der Soziologie löst der Collective Behavior Ansatz mit deutlicher
Entgegensetzung zum Irrationalismusvorwurf des Massenpsychologie das
Massekonzept ab und die Gruppenpsychologie (Hofstätter) profiliert sich
mit einer die Besonnenheit der Gruppe hervorhebenden Kritik der
Massenpsychologie. Die Bewegungsforschung ist angesichts der Geschichte
des Erklärungskonzepts gut beraten, die Bedeutung von Emotionen und
Interessen in sozialen Bewegungen und damit die Massenthematik zu beerben,
aber die Massensemantik im Rückgriff auf genauere und subtilere Theoriekonzepte
aufzugeben.
Kurt
Lenk
Was heißt Ende der Massen? 3 Thesen zu Helmut Königs : Wiederkehr
des Massethemas", S. 39-41
In seiner Antwort auf Helmut König widerspricht der Autor dessen Plädoyer
für ein Ende des Massendiskurses. Dessen Diffusität ist gerade Bedingung
der Möglichkeit seines virulenten Fortlebens in ideologischen Diskursen.
Dies gilt nicht nur für die demokratietheoretische Dichotomisierung
von Eliten und Masse, sondern auch für die neoliberale Sozialstaatskritik.
Aber nicht nur als Gegenstand der Ideologiekritik bleibt der Massediskurs
auch künftig bedeutsam. König unterschätze auch die kulturpsychologischen
Spätstudien Freuds mit dessen Analyse der libidinösen Bindung zwischen
Massen und Führern und die in der Kritischen Theorie in Anschluß an
die Psychoanalyse unternommenen Analysen.
Bert
Klandermans
Identität und Protest. Ein sozialpsychologischer Ansatz , S. 41-51
In der Bewegungsforschung spielen Konzepte der kollektiven Identität
eine zentrale Rolle, um Entstehung und Fortdauer eines vereinheitlichten
empirischen Akteurs zu erklären. Die kollektive Identität einer Gruppe
kann durch die Analyse von Gruppensymbolen, Ritualen und in der Gruppe
geteilten Überzeugungen und Werten untersucht werden. Doch eine nur
auf der Ebene kollektiver Identität argumentierende Bewegungsforschung
greift zu kurz. Sie vernachlässigt den Prozeß der Gruppenidentifikation
als einen Vorgang der individuellen Selbstverpflichtung gegenüber der
Gruppe, den individuellen Gebrauch von Symbolen oder auch die individuelle
Bedeutung der Teilhabe an Ritualen. Auf der individuellen Analyseebene
setzt das sozialpsychologische Konzept der sozialen Identität an. Kollektive
und individuelle Analyseebene müssen sauber getrennt werden und erst
ihr Zusammenspiel gibt hinreichende Antworten zum Zusammenhang von Identität
und Protest. Erörtert werden die Konzepte kollektiver Identität in der
Bewegungsforschung (Melucci, Taylor/Whittier, Gamson) und der sozialen
Identität (Tajfel/Turner, Mummendey u.a.), der Prozeß der Gruppenidentifikation
und dessen Rolle als Bindeglied zwischen kollektiver und sozialer Identität.
Birgit
Sauer
Politologie der Gefühle?
Emotionen in der politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung
, S. 52-65
I n der Politikwissenschaft gelten Gefühle als Gegenpol der Rationalität.
Dabei wird unterschlagen, daß der Raum des Politischen kein emotionsloser
Raum ist und daß Rationalität als zentrales Attribut des politischen
Prozesses auf einer historisch gewachsenen Ordnung von Geschlecht und
Gefühl beruht. So ist bspw. Kameradschaft eine typische männliche Form
der emotionalen Bindung in der Politik, während weiblich codierten Emotionen
im politischen Raum keine Bedeutung zugemessen wird. Die Autorin erörtert
die Thematisierung der Gefühle in der Frauenforschung und Frauenbewegung,
Diskurse der bürgerlichen Moderne über Emotion, Geschlecht und Politik
und Gefühl und Geschlecht als Strukturkategorien von Politik. Öffentlichkeit
als Raum von Rationalität und leidenschaftsloser Interessenpolitik ist
eine Fiktion sowohl der Vertragstheorie wie des Weberschen Bürokratiemodells,
die auf einem Unterbau verdrängter und kontrollierter Leidenschaften
aufsitzt. Eine Politologie der Gefühle, die zu einer neuen
Perspektivierung der gesellschaftlichen Sphären von Privatheit und Öffentlichkeit
beiträgt, ist derzeit nur ein Desiderat. Sie müßte den Zusammenhang
von Emotionen, Geschlecht und Herrschaft als politischen Strukturaspekt
sowie unter Handlungsaspekten erhellen und anstelle von Psychologisierung
und Individualisierung Gefühle als gesellschaftlich konstruiert begreifen.
Gefühle sind wie Rationalität eine spezifische Form des Wissens, die
eine Politik der Gefühle emotionell und geschlechtlich kodiert.
Oliver
von Wersch
Die bewegende Kraft der Imitation. Soziale Interaktionsformen in Robert
E. Parks Masse und Publikum" , S. 66-73
Robert E. Park, einflußreicher Inspirator der die Phänomene von Industrialisierung
und Verstädterung analysierenden Chicago School of Sociology, hat sich
in seiner 1903 in deutscher Sprache bei Windelband vorgelegten Dissertation
Masse und Publikum mit dem massenpsychologischen Diskurs
des ausgehenden 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Er versteht Masse
nicht als Objekt des Mißtrauens und als Gegenbild rationalisierten,
affektkontrollierten Handelns, sondern als Gegenstand soziologischer
Theoriebildung , die mit der Figur des emotionalen Handelns interpretiert
werden kann. Das Werk enthält die Grundlegung einer rudimentären Theorie
des kollektiven Verhaltens. Dargestellt werden die begrifflichen Konturen
von Masse und Publikum. Die Masse ist durch wechselseitige Stimulierung
und Suggestion ihrer Mitglieder, das Publikum durch vernunftgeleitete,
rationalisierte Diskussion und den Konflikt über einzelne Themen gekennzeichnet.
Masse und Publikum haben bei Park einen analytischen Stellenwert für
die Erklärung von sozialem Wandel, spontaner Interaktion und emotionalem
Handeln. Sowohl in der Masse wie auch im Publikum stellt die empathische
Imitation des Anderen ein zentrales Moment der Integration und Mobilisierung
der Gruppe dar. Imitation kann zur Berücksichtigung des Standpunktes
des Anderen, aber auch zu unkritischem und durch Führer instrumentalisierbarem
Verhalten führen. Parks Frühwerk nimmt eine Stellung zwischen Massenpsychologie
und Collective Behavior Ansatz ein, die oftmals unterschätzt wird.
Zwei
Jahre nach dem KirchenVolksbegehren resümiert Christian Weisner die
Entwicklung 'Vom KirchenVolksBegehren zur KirchenVolksBewegung' und
stellt die Frage, wie sich eine 2000jährige Weltorganisation verändern
läßt. Neben den Forderungen und dem Verlauf der Unterschriftenkampagne
skizziert er die Kirchengeschichte als Kirchenreformgeschichte von unten.
Ein notwendiger Wandel der Kirche kann nur erfolgen, wenn sich der Klerus
den Bedürfnissen der Gläubigen öffnet und ihnen u.a. eine aktivere Teilhabe
ermöglicht. Mittels Vernetzung, Mobilisierung und offenem Dialog werden
die VertreterInnen der KirchenVolksBewegung auch in Zukunft bei Gläubigen
und Kirchenvertretern für ihre Anliegen werben.
Wandlungsprozesse
im Bereich linker Medienpolitik nimmt Gottfried Oy zum Anlaß,
um den Stand der Diskussionen um das Konzept 'Gegenöffentlichkeit' darzustellen.
Eine Verortung der Eckpunkte - Öffentlichkeit, Zensur und Identitätspolitik -
im nationalen Wettbewerbsstaat zeigt, daß sowohl die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen und die Entwicklungen auf dem Mediensektor als auch
die Akteure der Gegenöffentlichkeit selber tiefgreifenden Veränderungen
unterworfen sind. Gegenöffentlichkeit kann nur dann funktionieren, wenn
die theoretische Auseinandersetzung forciert und eine Anpassung an die
gewandelten Kontextbedingungen vollzogen wird.
Hubertus
Knabe thematisiert mit den 'Quellen der friedlichen Revolution'
ein Desiderat der Bewegungsforschung, denn die öffentliche Wahrnehmung
der frühen Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR setzt erst mit der
Wiedervereinigung ein. Archive, die die Vorgeschichte der Bewegung dokumentieren,
erhalten eine immense, bislang jedoch vernachlässigte Bedeutung. So
präsentiert er Ursprünge, Sammelschwerpunkte und Anlaufstellen der zumeist
ehrenamtlich geführten Archive in Berlin und Leipzig sowie weiterer
regionaler Archive. Um die Bestände dieser einmaligen Sammlungen zu
sichern, steht die politische Entscheidung über eine finanzielle Absicherung
aus.
Tagungsberichte
zur kritischen NGO-Forschung (Christoph Görg und Ulrich Brand),
zur Neuvermessung des (Rechts-)Extremismus (Kai-Uwe Hellmann)
und zu Fußball in sozialwissenschaftlicher Perspektive (Michael Hasse)
sowie eine Selbstdarstellung des Menschenrechtszentrums der Universität
Potsdam und eine Ankündigung des 'European Peace Congress' schließen
die Rubrik ab.
Ansgar Klein/Frank
Nullmeier
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