Heft 3, 1997   

 

Masse - Macht - Emotion
Abstracts (deutsch)

Felix Kolb
Der Castor-Konflikt: Das Comeback der Anti-AKW-Bewegung , S.16-29

Untersucht werden die Gründe dafür, daß der Konflikt um den Transport atomarer Brennelemente in den sogenannten Castor-Behältern zum Zwischenlager in Gorleben innerhalb weniger Monate zu einer großen und anhaltenden sozialen Bewegung geführt hat. Nach einer kurzen Skizze und Chronologie des Konfliktgeschehens werden zur Erklärung der Protestmobilisierung Ansätze der Bewegungsforschung herangezogen: Relative Deprivation/Kollektive Unzufriedenheit, soziale Netzwerke und Allianzsysteme, Ressourcenmobilisierung und politische Gelegenheitsstrukturen, Framing , Medienarbeit und die Strategie der Bewegung haben zum Erfolg der Mobilisierung beigetragen. Entscheidend für diesen Erfolg scheint zu sein, daß die Anti-Castor-Bewegung auf den Erfahrungen und der Infrastruktur der alten Anti-AKW-Bewegung aufbauen konnte und dieser ein Comeback ermöglicht hat.

Helmut König
Wiederkehr des Massethemas? S. 30-38

Kann die Bewegungsforschung von einer Rehabilitation des Massebegriffs profitieren, um das Moment des Unkalkulierbaren, des Spontanen und Unorganisierten in ihren Forschungen besser zu berücksichtigen? Der Autor beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Die Semantik des Massendiskurses ist nicht in der Lage, Fragen nach dem Verhältnis von Bewegungen und Organisation, von Mentalität und Institution , von Ich und Wir, von Interessen und Emotionen oder von Symbol und Politik theoretisch produktiv zu bearbeiten. Diesen Schluß zieht er aus einer Geschichte des Erklärungskonzepts der Masse. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist die Masse als ein Folgeproblem gesellschaftlicher Differenzierung der modernen Industriegesellschaft - Verstädterung, Pauperisierung, geographische Mobilität - ein sozialer Tatbestand. Aufständigkeit und Protest der Masse kennzeichnen den politischen Tatbestand. Die Semantik des Massenbegriffs entfaltet sich in den drei Kontexten einer politischen Diskussion (Konservatismus, Liberalismus und Nationalismus), einer gesellschaftstheoretischen Thematisierung der Masse (Pauperismus-Diskussion, Marx und Engels sowie die Analyse der Massengesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts) und - mit der größten Resonanz - in der Psychologie (von LeBon bis Freud). Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt das Thema in der bundesrepublikanischen Diskussion eine bedeutsame Rolle bei der Erklärung des Nationalsozialismus, doch gegen Ende der 50 Jahre wird es im politischen und gesellschaftstheoretischen Diskurs bedeutungslos - ein Umstand, der sich auf die integrative Wirkung des Wohlfahrtsstaates zurückführen läßt. Der Wohlfahrtsstaat ersetzt die aufständische Masse durch die „einsame Masse„ (Riesman). In der Soziologie löst der Collective Behavior Ansatz mit deutlicher Entgegensetzung zum Irrationalismusvorwurf des Massenpsychologie das Massekonzept ab und die Gruppenpsychologie (Hofstätter) profiliert sich mit einer die Besonnenheit der Gruppe hervorhebenden „Kritik der Massenpsychologie„. Die Bewegungsforschung ist angesichts der Geschichte des Erklärungskonzepts gut beraten, die Bedeutung von Emotionen und Interessen in sozialen Bewegungen und damit die Massenthematik zu beerben, aber die Massensemantik im Rückgriff auf genauere und subtilere Theoriekonzepte aufzugeben.

Kurt Lenk
Was heißt Ende der Massen? 3 Thesen zu Helmut Königs : „Wiederkehr des Massethemas", S. 39-41

In seiner Antwort auf Helmut König widerspricht der Autor dessen Plädoyer für ein Ende des Massendiskurses. Dessen Diffusität ist gerade Bedingung der Möglichkeit seines virulenten Fortlebens in ideologischen Diskursen. Dies gilt nicht nur für die demokratietheoretische Dichotomisierung von Eliten und Masse, sondern auch für die neoliberale Sozialstaatskritik. Aber nicht nur als Gegenstand der Ideologiekritik bleibt der Massediskurs auch künftig bedeutsam. König unterschätze auch die kulturpsychologischen Spätstudien Freuds mit dessen Analyse der libidinösen Bindung zwischen Massen und Führern und die in der Kritischen Theorie in Anschluß an die Psychoanalyse unternommenen Analysen.

Bert Klandermans
Identität und Protest. Ein sozialpsychologischer Ansatz , S. 41-51

In der Bewegungsforschung spielen Konzepte der kollektiven Identität eine zentrale Rolle, um Entstehung und Fortdauer eines vereinheitlichten empirischen Akteurs zu erklären. Die kollektive Identität einer Gruppe kann durch die Analyse von Gruppensymbolen, Ritualen und in der Gruppe geteilten Überzeugungen und Werten untersucht werden. Doch eine nur auf der Ebene kollektiver Identität argumentierende Bewegungsforschung greift zu kurz. Sie vernachlässigt den Prozeß der Gruppenidentifikation als einen Vorgang der individuellen Selbstverpflichtung gegenüber der Gruppe, den individuellen Gebrauch von Symbolen oder auch die individuelle Bedeutung der Teilhabe an Ritualen. Auf der individuellen Analyseebene setzt das sozialpsychologische Konzept der sozialen Identität an. Kollektive und individuelle Analyseebene müssen sauber getrennt werden und erst ihr Zusammenspiel gibt hinreichende Antworten zum Zusammenhang von Identität und Protest. Erörtert werden die Konzepte kollektiver Identität in der Bewegungsforschung (Melucci, Taylor/Whittier, Gamson) und der sozialen Identität (Tajfel/Turner, Mummendey u.a.), der Prozeß der Gruppenidentifikation und dessen Rolle als Bindeglied zwischen kollektiver und sozialer Identität.

Birgit Sauer
Politologie der Gefühle?

Emotionen in der politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung , S. 52-65
I n der Politikwissenschaft gelten Gefühle als Gegenpol der Rationalität. Dabei wird unterschlagen, daß der Raum des Politischen kein emotionsloser Raum ist und daß Rationalität als zentrales Attribut des politischen Prozesses auf einer historisch gewachsenen Ordnung von Geschlecht und Gefühl beruht. So ist bspw. Kameradschaft eine typische männliche Form der emotionalen Bindung in der Politik, während weiblich codierten Emotionen im politischen Raum keine Bedeutung zugemessen wird. Die Autorin erörtert die Thematisierung der Gefühle in der Frauenforschung und Frauenbewegung, Diskurse der bürgerlichen Moderne über Emotion, Geschlecht und Politik und Gefühl und Geschlecht als Strukturkategorien von Politik. Öffentlichkeit als Raum von Rationalität und leidenschaftsloser Interessenpolitik ist eine Fiktion sowohl der Vertragstheorie wie des Weberschen Bürokratiemodells, die auf einem Unterbau verdrängter und kontrollierter Leidenschaften aufsitzt. Eine „Politologie der Gefühle„, die zu einer neuen Perspektivierung der gesellschaftlichen Sphären von Privatheit und Öffentlichkeit beiträgt, ist derzeit nur ein Desiderat. Sie müßte den Zusammenhang von Emotionen, Geschlecht und Herrschaft als politischen Strukturaspekt sowie unter Handlungsaspekten erhellen und anstelle von Psychologisierung und Individualisierung Gefühle als gesellschaftlich konstruiert begreifen. Gefühle sind wie Rationalität eine spezifische Form des Wissens, die eine „Politik der Gefühle„ emotionell und geschlechtlich kodiert.

Oliver von Wersch
Die bewegende Kraft der Imitation. Soziale Interaktionsformen in Robert E. Parks „Masse und Publikum" , S. 66-73

Robert E. Park, einflußreicher Inspirator der die Phänomene von Industrialisierung und Verstädterung analysierenden Chicago School of Sociology, hat sich in seiner 1903 in deutscher Sprache bei Windelband vorgelegten Dissertation „Masse und Publikum„ mit dem massenpsychologischen Diskurs des ausgehenden 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Er versteht Masse nicht als Objekt des Mißtrauens und als Gegenbild rationalisierten, affektkontrollierten Handelns, sondern als Gegenstand soziologischer Theoriebildung , die mit der Figur des emotionalen Handelns interpretiert werden kann. Das Werk enthält die Grundlegung einer rudimentären Theorie des kollektiven Verhaltens. Dargestellt werden die begrifflichen Konturen von Masse und Publikum. Die Masse ist durch wechselseitige Stimulierung und Suggestion ihrer Mitglieder, das Publikum durch vernunftgeleitete, rationalisierte Diskussion und den Konflikt über einzelne Themen gekennzeichnet. Masse und Publikum haben bei Park einen analytischen Stellenwert für die Erklärung von sozialem Wandel, spontaner Interaktion und emotionalem Handeln. Sowohl in der Masse wie auch im Publikum stellt die empathische Imitation des Anderen ein zentrales Moment der Integration und Mobilisierung der Gruppe dar. Imitation kann zur Berücksichtigung des Standpunktes des Anderen, aber auch zu unkritischem und durch Führer instrumentalisierbarem Verhalten führen. Parks Frühwerk nimmt eine Stellung zwischen Massenpsychologie und Collective Behavior Ansatz ein, die oftmals unterschätzt wird.

Zwei Jahre nach dem KirchenVolksbegehren resümiert Christian Weisner die Entwicklung 'Vom KirchenVolksBegehren zur KirchenVolksBewegung' und stellt die Frage, wie sich eine 2000jährige Weltorganisation verändern läßt. Neben den Forderungen und dem Verlauf der Unterschriftenkampagne skizziert er die Kirchengeschichte als Kirchenreformgeschichte von unten. Ein notwendiger Wandel der Kirche kann nur erfolgen, wenn sich der Klerus den Bedürfnissen der Gläubigen öffnet und ihnen u.a. eine aktivere Teilhabe ermöglicht. Mittels Vernetzung, Mobilisierung und offenem Dialog werden die VertreterInnen der KirchenVolksBewegung auch in Zukunft bei Gläubigen und Kirchenvertretern für ihre Anliegen werben.

Wandlungsprozesse im Bereich linker Medienpolitik nimmt Gottfried Oy zum Anlaß, um den Stand der Diskussionen um das Konzept 'Gegenöffentlichkeit' darzustellen. Eine Verortung der Eckpunkte - Öffentlichkeit, Zensur und Identitätspolitik - im nationalen Wettbewerbsstaat zeigt, daß sowohl die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Entwicklungen auf dem Mediensektor als auch die Akteure der Gegenöffentlichkeit selber tiefgreifenden Veränderungen unterworfen sind. Gegenöffentlichkeit kann nur dann funktionieren, wenn die theoretische Auseinandersetzung forciert und eine Anpassung an die gewandelten Kontextbedingungen vollzogen wird.

Hubertus Knabe thematisiert mit den 'Quellen der friedlichen Revolution' ein Desiderat der Bewegungsforschung, denn die öffentliche Wahrnehmung der frühen Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR setzt erst mit der Wiedervereinigung ein. Archive, die die Vorgeschichte der Bewegung dokumentieren, erhalten eine immense, bislang jedoch vernachlässigte Bedeutung. So präsentiert er Ursprünge, Sammelschwerpunkte und Anlaufstellen der zumeist ehrenamtlich geführten Archive in Berlin und Leipzig sowie weiterer regionaler Archive. Um die Bestände dieser einmaligen Sammlungen zu sichern, steht die politische Entscheidung über eine finanzielle Absicherung aus.

Tagungsberichte zur kritischen NGO-Forschung (Christoph Görg und Ulrich Brand), zur Neuvermessung des (Rechts-)Extremismus (Kai-Uwe Hellmann) und zu Fußball in sozialwissenschaftlicher Perspektive (Michael Hasse) sowie eine Selbstdarstellung des Menschenrechtszentrums der Universität Potsdam und eine Ankündigung des 'European Peace Congress' schließen die Rubrik ab.

Ansgar Klein/Frank Nullmeier