Heft 1, 1997   

 

Zivilgesellschaften im Transformationsprozeß
Abstracts (deutsch)

Die Beiträge des vorliegenden Themenheftes verbinden Fragestellungen der Transformationsforschung mit dem Konzept der Zivilgesellschaft. Vor diesem Hintergrund präsentieren Hans-Joachim Lauth und Wolfgang Merkel in ihrem theoretischen Einleitungsbeitrag ein offenes und dynamisches Konzept von Zivilgesellschaft. Die Unterscheidung von Phasen der Transformation (Liberalisierung, Demokratisierung, demokratische Konsolidierung) und unterschiedlichen Ebenen des politischen Systems (konstitutionell, repräsentativ, integrativ, zivilkulturell) ermöglicht konzeptionell die Unterscheidung von phasen- und ebenenspezifisch wechselnden Rollen der Zivilgesellschaft in demokratischen Transformationsprozessen. Die zivilgesellschaftliche Sphäre ist dabei zwischen der staatlichen und der privaten angesiedelt, und die artikulierten Zielsetzungen ihrer Akteure betreffen immer auch die res publica. Die für eine Zivilgesellschaft konstitutiven Prinzipien wie Interessenpluralität und -konkurrenz, Freiwilligkeit, Toleranz und der Verzicht auf physische Gewalt bedingen dabei, daß zivilgesellschaftliches Handeln - zumindest implizit - immer auch an der Demokratisierung des Gemeinwesens orientiert ist. Dieser Grundkonsens hebt die bestehende interne Konkurrenz nicht auf, sondern befähigt die zivilgesellschaftlichen Akteure allenfalls in extremen politischen Abwehrsituationen, wie sie in der Endphase autoritärer Systeme entstehen, zu kollektivem strategischen Handeln. Im Mittelpunkt des Ansatzes stehen der Funktionswandel zivilgesellschaftlicher Organisationsformen und die Veränderungen ihres demokratietheoretischen Potentials in den einzelnen Transformationsphasen junger Demokratien. Bezüge der Zivilgesellschaft zu den Konzepten der politischen Kultur, der civic culture und des 'sozialen Kapitals' werden diskutiert.

In seinem kritischen Kommentar zu Lauth/Merkel weist Reinhart Kößler darauf hin, daß eine Ausblendung der sozioökonomischen Dimension und die ausschließliche Orientierung an einer Konsolidierung demokratischer politischer Institutionen zu einem verkürzten Verständnis von Transformationsprozessen und Zivilgesellschaft führen. Ohne Rückgriff auf ökonomische und soziale Prozesse sei die Dynamik zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen zumeist gar nicht zu begreifen. Diese Dynamik gerate einer transformationstheoretischen Optik, die von einer spezifischen Entwicklungslogik des institutionellen Wandels ausgehe, aus dem Blickfeld. Gegen allzu hochgesteckte normative Erwartungen gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteuren macht Kößler in seiner Kritik darauf aufmerksam, daß der Grundkonsens einer politischen Gemeinschaft selber Gegenstand hegemonialer Auseinandersetzungen sei und ihm "strukturell widerstreitende Interessen" zugrunde liegen. Darüber hinaus kritisiert der Autor an der vorgeschlagenen Konzeptionen die der analytischen Trennschärfe geschuldete Ausklammerung von Akteuren in der 'Grauzone' zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Kößler skizziert außerdem Folgerungen, die sich aus demokratischen Transformationsprozessen für eine 'internationale Zivilgesellschaft' ergeben.

Siegmar Schmidt zeigt in seiner Analyse der Rolle der schwarzen Bürgervereinigungen (Civics) und Gewerkschaften im Demokratisierungsprozeß Südafrikas, wie beide Organisationen in hohem Maße zur Unterminierung des autoritären Systems beigetragen bzw. die politische Liberalisierung Südafrikas vorangetrieben haben. Zwar waren beide Akteure - wie auch die civil society insgesamt - nicht die entscheidenden Transformationsakteure. Aufgrund ihrer oppositionellen Mobilisierungsfunktion, der Unterstützung opositioneller Verhandlungspositionen sowie der Legitimation des elitären Verhandlungsprozesses kam ihnen in der Liberalisierungs- und Demokratisierungsphase (bis zu den ersten Wahlen) aber doch eine wichtige Rolle zu. In der Konsolidierungsphase erscheinen nun jedoch gerade die Basisorientierung beider Akteure und die potentielle Veto-Macht der Gewerkschaften für das Funktionieren der repräsentativen Demokratie problematisch. Andererseits könnten beide Akteursgruppen aber als potentielle 'watchdog for democracy' eine wichtige Rolle im Widerstand gegen Reautoritarisierungtendenzen des politischen Systems spielen. In diesem Sinne ist auch der positive Beitrag der Civics wie der Gewerkschaften zur Entstehung einer demokratischen Kultur zu sehen.

Aurel Croissant, Mareike Helbert und André Madaus präsentieren in ihrer Studie mit Singapur, Südkorea und Taiwan die vermutlich am schwächsten organisierten Zivilgesellschaften der hier untersuchten Länder. In keinem der drei Fälle kann von einer soliden Zivilgesellschaft gesprochen werden. Wie in Südeuropa zeigt sich auch hier die besondere Bedeutung autoritärer Machtstrukturen und Herrschaftstechniken für die Entwicklung der Zivilgesellschaft. Gerade am Beispiel Singapur wird deutlich, wie eine geschickte Mischung aus Repression, Kooptation und "ideologischer" Indoktrination der Gesellschaft durch das autoritäre Regime die Bildung autonomer zivilgesellschaftlicher Organisationen schon in Ansätzen verhindern kann. Im Falle Südkoreas zeigt sich wiederum deutlich die demokratische Ambivalenz zivilgesellschaftlicher Akteure: Während der Zivilgesellschaft und hier insbesondere der Studentenbewegung in der autoritären Phase sowie der Transition eine teilweise herausragende demokratieförderliche Funktion zukam, tritt mit der fortgesetzten Inanspruchnahme einer Veto-Position durch die radikale südkoreanische Studentenschaft nun zunehmend eine "dunkle Seite" der Zivilgesellschaft hervor, die erhebliche Probleme für die Konsolidierung der repräsentativen Demokratie aufwirft.

Auch Stefanie Reiß und Sabine Stohldreyer kommen in ihrem Beitrag zu den Demokratisierungsprozessen in Chile und Mexiko zu dem Ergebnis, daß die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure am bedeutensten in der Spätphase der autoritären Regime sowie in der Liberalisierungsphase war. Ihre zentrale These ist, daß in beiden Ländern zivilgesellschaftliche Akteure für die Initiierung der politischen Liberalisierung ausschlaggebend waren. Auch wenn der Weg zur Demokratie in den Ländern ein unterschiedlicher ist, hat die Zivilgesellschaft in beiden Fällen einen positiven Beitrag zur Transformation geleistet. Er ist in Mexiko trotz stärkerer struktureller Hindernisse stärker zu gewichten als in Chile, wo eher traditionelle politische Akteure (Parteien) die Dynamik des Prozesses bestimmten. Allerdings wurden die chilenischen Parteien erst im Kontext der zivilgesellschaftlichen Mobilisierung und Erfahrung hierzu in die Lage versetzt. Im Laufe der Transformation besetzten dann unterschiedliche Protagonisten die zivilgesellchaftliche Arena, die sich mit zunehmender Demokratisierung von reinen Protest- und Oppositionsbewegungen zu kooperationsbereiten Akteuren mit Alternativprogrammen entwickelten.

Volker Stiehl und Wolfgang Merkel betonen in ihrem ländervergleichenden Beitrag zu Spanien und Portugal den Zusammenhang zwischen Verlaufsform und Typus eines Systemwechsels und strukturellen constraints zivilgesellschaftlicher Einflußpotentiale. So wirkte in Spanien die Zivilgesellschaft nicht zuletzt aufgrund der weitgehend intakten autoritären Machtstrukturen in der Transition weniger als ein aktiver Akteur sondern eher als passive Restriktion der Handlungsoptionen autoritärer Eliten. In Portugal hingegen war die Zivilgesellschaft sowohl auf der kollektiven Handlungsebene wie auch der individuellen Bewußtseinsebene schwächer ausgeprägt. Der völlige Zerfall autoriäter Machtstrukturen im Gefolge des Militärputsches im April 1974 befreite mobilisierte Bevölkerung jedoch von den von oben definierten Grenzen der autonomen Organisation und Artikulation sozialer und politischer Forderungen. Aber auch in Portugal zeigte sich wie eineinhalb Jahrzehnte später in Osteuropa, das mit der fortschreitender Demokratisierung und insbesondere der Konsolidierung die Mobilisierungsfähigkeit und politische Bedeutung zivilgesellschaftlicher Akteure einem rapiden Zerfallsprozeß ausgesetzt ist.

Im Pulsschlag finden sich ein Bericht von Frank Sassenscheidt-Grote zur Enquete-Kommission Sogenannte Sekten und Psychokulte beim Deutschen Bundestag, eine Analyse des Polentials des Kommunitarismus für die Reformpolitik der SPD von Klaus Jürgen Scherer, sowie Tagungsberichte über die frauenpolitische Konferenz Globale Gerechtigkeit? in Hamburg (Thomas Günther) und die Jahrestagung der VSJF zu Sozialen Bewegungen in Japan (Sonja Gabbani).