Marginalisierung und Mobilisierung
Abstracts (deutsch)
Mit
der lapidaren Bemerkung 'Wer protestiert, hat Probleme' eröffnet Kai-Uwe
Hellmann seinen Beitrag zur 'Marginalisierung und Mobilisierung'.
Die Entstehung von Protest analysiert er anhand des Konzepts der relativen
Deprivation. Es zeigt sich, daß gerade diejenigen, die am ehesten Anlaß
zu Protest haben, diesen am seltensten artikulieren. Die Ersetzung der
gängigen Unterteilung von Zentrum und Peripherie durch die Leitdifferenz
von Inklusion und Exklusion ermöglicht die Analyse von Marginalisierung
als Prozeß und Marginalität als Zustand der Exklusion. Dies führt dann
zur Unterscheidung einer weder intendierten noch zurechenbaren strukturellen
Marginalisierung und einer aus Entscheidungen anderer resultierenden
strategischen Marginalisierung. Erfolgreiche Protestmobilisierung scheitert
unter den Gesichtspunkten strktureller Marginalisierung an den fehlenden
Ressourcen, dem Mangel an allgemein verbindlichen Deutungsrahmen und
ungünstigen politischen Gelegenheitsstrukturen. Hinzu kommt, daß häufig
dort, wo eine Mobilisierung in Ansätzen vorhanden ist, die strategische
Marginalisierung der 'Bewegung' ansetzt. Zukünftige Mobilisierungschancen
schätzt Hellmann dann auch gering ein.
Mit
seinem Artikel 'Die Rückkehr des Sozialen' führt Roland Roth
drei Diskussionsstränge zusammen: soziale Bewegungen, die poor people's
movements und den Kampf um soziale Bürgerrechte. Er stellt fest,
daß es den gängigen Konzepten der 'neuen sozialen Bewegungen' an einer
Berücksichtigung ressourcenschwacher Gruppen und ihrer sozialen Probleme
und Forderungen mangelt. Vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Diskussionen
um die poor people's movements skizziert er die Erfolgschancen
spontaner, disruptiver und radikaler Protestformen. Sie gewährleisten
den Zugang zu ressourcenstarken Akteuren und etablierten Organisationen
mit ihren moralischen, materiellen, informationellen und integrativen
Unterstützungsleistungen. Auch in der Bundesrepublik erkennt Roth neue
Akteure, die Bewegung in die lähmende korporatistischen Traditionen
der sozialpolitischen Arena bringen können. Die citizenship-Debatte
bietet sich als Leitidee der politischen Mobilisierung unter der Prämisse
einer erfolgreichen Anerkennung der Forderungen marginalisierter Gruppen
an. Der Kampf um die sozialen Bürgerrecht bietet inhaltliche, normative
und theoretische Implikationen: Eine um marginalisierte Gruppierungen
und bislang vernachlässigte Forderungen erweiterte Bewegungsforschung
kann den Tendenzen in Richtung zunehmender Exklusivität sozialer Bürgerrechte
und demokratischer Beteiligung entgegenwirken.
Akteure,
Ziele und Strategien 'sozialanwaltlicher Interessenvermittlung' untersucht
Stefan Pabst mittels einer empirischen Analyse am Beispiel der
Armutsberichterstattung der Wohlfahrtsverbände - vor allem des Paritätischen
Wohlfahrtsverbands und der Caritas. Die Armutsberichterstattung ist
von strategischen und politischen Überlegungen abhängig. Aus innerverbandlicher
Sicht zielt sie auf die Entschärfung der Kritik von Mitgliedsverbänden
und Fachkräften. Außerdem soll sie genutzt werden, um das eigene Image
in der Öffentlichkeit zu verbessern und das Spendenaufkommen zu sichern.
Politische Überlegungen führen zu relativ gemäßigten Forderungen, nicht
zuletzt, um das kooperative Verhältnis zum Staat nicht zu gefährden.
Jüngere (Personal-)Entwicklungen zeigen aber auch, daß die Wohlfahrtsverbände
insgesamt stärker auf einen Konfliktkurs zur Bundesregierung zusteuern,
der sich u.a. in der öffentlichen Kritik des zunehmenden Sozialabbaus,
an der Teilnahme am Sozial- und Beschäftigungsgipfel zeigt. Wohlfahrtsverbände
können - so das Fazit von Pabst - durch die Thematisierung
der Armut zwar eine (auch politische) Öffentlichkeit schaffen, aber
die Armen werden durch verbandspolitische Interessen zugleich instrumentalisiert
und als politisch handlungsunfähige Klientel verharmlost.
Den
Stand und die Perspektiven des Erwerbslosenprotests beschreiben Friedhelm
Wolski-Prenger und Harald Rein. Friedhelm Wolski-Prenger skizziert
Mobilisierungsprobleme der Arbeitslosenbewegungen. Trotz der massenhaften
Betroffenheit von Arbeitslosigkeit beteiligt sich lediglich ein geringer
Teil an deren Aktionen. Wolski-Prenger untersucht die Rahmenbedingungen
und die internen organisatorischen, ideologischen und strategischen
Differenzen der verschiedenen 'Richtungen' innerhalb der (kirchlichen,
unabhängigen, gewerkschaftlichen und verbandlichen) Arbeitslosenbewegung.
Gemeinsam ist den Akteuren die Absicht, die materiellen, psychischen
und sozialen Belastungen der Betroffenen zu mindern. Die unterschiedlich
gewichtete Arbeitslosenarbeit ist durch mangelnde Vernetzung, Abgrenzungsbestrebungen
sowie wechselseitiges Desinteresse der Aktiven gekennzeichnet und bedingt
deren momentane Einflußlosigkeit. Die Zukunft sieht er entsprechend
pessimistisch: Will die Arbeitslosenbewegung einflußreicher werden,
so muß sie umsetzungsfähigere Konzepte entwickeln. Diese müssen neue
Vernetzungsbemühungen und Annäherungen der einzelnen Richtungen sowie
eine neue Bündnispolitik beinhalten.
Harald
Rein hingegen spricht der Arbeitslosenbewegung ein größeres
Handlungspotential zu. Zwar teilt er die Meinung, daß es eine breite
Erwerbslosenbewegung bislang nicht gibt, betont aber stärker die Mobilisierungspotentiale
des Erwerbslosenprotests und lehnt die sozialarbeiterisch-paternalistischen
Formen der Arbeitslosenarbeit ab. Mit den Ausführungen zur Entstehungsgeschichte
der 'Bundesarbeitsgemeinschaft der Initiativen gegen Arbeitslosigkeit
und Armut' zeigt er, daß sich die politische Einflußnahme des Erwerbslosenprotests
in erster Linie weder an der organisierten sozialpolitischen Lobby noch
an den illusionären Wunschbildern des Massenprotests orientiert. Vielmehr
hat sich eine Vielzahl eigener Widerstandsmuster im Alltag herausgebildet,
die sich sozial, ökonomisch und historisch verändern und bislang durch
den Blick auf das Spektakuläre verdeckt werden.
Am
Beispiel der Arbeit des 'Vereins zur Förderung der Integration Behinderter'
plädiert Eric Hammann für eine 'Kultur der Gleichheit in der
Verschiedenheit'. Selbstorganisierte ambulante Dienste, die ihre Arbeit
zwischen den sektorspezifischen Logiken von Markt, Staat und Privatsphäre
ausbalancieren müssen, versteht er als eine institutionelle Komponente
der Zivilgesellschaft. Der traditionellen Behindertenhilfe, die sich
durch bürokratisch-rationelle Problemparzellierung charakterisieren
läßt, setzen selbstorganisierte ambulante Dienste eine Alternative entgegen,
die Hilfe demokratisch und human organisiert, Raum für individuelle
Entfaltungsspielräume öffnet und die Bildung neuer, (familien-)unabhängiger
Solidarformen ermöglicht. Sie zielen darauf, den Behinderten selber
in die Lage zu versetzen, Entscheidungen über Ziele, Akteure und zeitliche
Schritte der Unterstützung zu fällen. Dies setzt aber auch ein gewandeltes
Verständnis der institutionalisierten Hilfe und ein demokratischeres
Verständnis helfender Beziehungen voraus. Erst hierdurch kann das soziale
Konstrukt 'Behinderung' und die korrespondierende Marginalisierung der
Betroffenen überwunden werden.
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