Heft 2, 1997   

 

Marginalisierung und Mobilisierung
Abstracts (deutsch)

Mit der lapidaren Bemerkung 'Wer protestiert, hat Probleme' eröffnet Kai-Uwe Hellmann seinen Beitrag zur 'Marginalisierung und Mobilisierung'. Die Entstehung von Protest analysiert er anhand des Konzepts der relativen Deprivation. Es zeigt sich, daß gerade diejenigen, die am ehesten Anlaß zu Protest haben, diesen am seltensten artikulieren. Die Ersetzung der gängigen Unterteilung von Zentrum und Peripherie durch die Leitdifferenz von Inklusion und Exklusion ermöglicht die Analyse von Marginalisierung als Prozeß und Marginalität als Zustand der Exklusion. Dies führt dann zur Unterscheidung einer weder intendierten noch zurechenbaren strukturellen Marginalisierung und einer aus Entscheidungen anderer resultierenden strategischen Marginalisierung. Erfolgreiche Protestmobilisierung scheitert unter den Gesichtspunkten strktureller Marginalisierung an den fehlenden Ressourcen, dem Mangel an allgemein verbindlichen Deutungsrahmen und ungünstigen politischen Gelegenheitsstrukturen. Hinzu kommt, daß häufig dort, wo eine Mobilisierung in Ansätzen vorhanden ist, die strategische Marginalisierung der 'Bewegung' ansetzt. Zukünftige Mobilisierungschancen schätzt Hellmann dann auch gering ein.

Mit seinem Artikel 'Die Rückkehr des Sozialen' führt Roland Roth drei Diskussionsstränge zusammen: soziale Bewegungen, die poor people's movements und den Kampf um soziale Bürgerrechte. Er stellt fest, daß es den gängigen Konzepten der 'neuen sozialen Bewegungen' an einer Berücksichtigung ressourcenschwacher Gruppen und ihrer sozialen Probleme und Forderungen mangelt. Vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Diskussionen um die poor people's movements skizziert er die Erfolgschancen spontaner, disruptiver und radikaler Protestformen. Sie gewährleisten den Zugang zu ressourcenstarken Akteuren und etablierten Organisationen mit ihren moralischen, materiellen, informationellen und integrativen Unterstützungsleistungen. Auch in der Bundesrepublik erkennt Roth neue Akteure, die Bewegung in die lähmende korporatistischen Traditionen der sozialpolitischen Arena bringen können. Die citizenship-Debatte bietet sich als Leitidee der politischen Mobilisierung unter der Prämisse einer erfolgreichen Anerkennung der Forderungen marginalisierter Gruppen an. Der Kampf um die sozialen Bürgerrecht bietet inhaltliche, normative und theoretische Implikationen: Eine um marginalisierte Gruppierungen und bislang vernachlässigte Forderungen erweiterte Bewegungsforschung kann den Tendenzen in Richtung zunehmender Exklusivität sozialer Bürgerrechte und demokratischer Beteiligung entgegenwirken.

Akteure, Ziele und Strategien 'sozialanwaltlicher Interessenvermittlung' untersucht Stefan Pabst mittels einer empirischen Analyse am Beispiel der Armutsberichterstattung der Wohlfahrtsverbände - vor allem des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und der Caritas. Die Armutsberichterstattung ist von strategischen und politischen Überlegungen abhängig. Aus innerverbandlicher Sicht zielt sie auf die Entschärfung der Kritik von Mitgliedsverbänden und Fachkräften. Außerdem soll sie genutzt werden, um das eigene Image in der Öffentlichkeit zu verbessern und das Spendenaufkommen zu sichern. Politische Überlegungen führen zu relativ gemäßigten Forderungen, nicht zuletzt, um das kooperative Verhältnis zum Staat nicht zu gefährden. Jüngere (Personal-)Entwicklungen zeigen aber auch, daß die Wohlfahrtsverbände insgesamt stärker auf einen Konfliktkurs zur Bundesregierung zusteuern, der sich u.a. in der öffentlichen Kritik des zunehmenden Sozialabbaus, an der Teilnahme am Sozial- und Beschäftigungsgipfel zeigt. Wohlfahrtsverbände können - so das Fazit von Pabst - durch die Thematisierung der Armut zwar eine (auch politische) Öffentlichkeit schaffen, aber die Armen werden durch verbandspolitische Interessen zugleich instrumentalisiert und als politisch handlungsunfähige Klientel verharmlost.

Den Stand und die Perspektiven des Erwerbslosenprotests beschreiben Friedhelm Wolski-Prenger und Harald Rein. Friedhelm Wolski-Prenger skizziert Mobilisierungsprobleme der Arbeitslosenbewegungen. Trotz der massenhaften Betroffenheit von Arbeitslosigkeit beteiligt sich lediglich ein geringer Teil an deren Aktionen. Wolski-Prenger untersucht die Rahmenbedingungen und die internen organisatorischen, ideologischen und strategischen Differenzen der verschiedenen 'Richtungen' innerhalb der (kirchlichen, unabhängigen, gewerkschaftlichen und verbandlichen) Arbeitslosenbewegung. Gemeinsam ist den Akteuren die Absicht, die materiellen, psychischen und sozialen Belastungen der Betroffenen zu mindern. Die unterschiedlich gewichtete Arbeitslosenarbeit ist durch mangelnde Vernetzung, Abgrenzungsbestrebungen sowie wechselseitiges Desinteresse der Aktiven gekennzeichnet und bedingt deren momentane Einflußlosigkeit. Die Zukunft sieht er entsprechend pessimistisch: Will die Arbeitslosenbewegung einflußreicher werden, so muß sie umsetzungsfähigere Konzepte entwickeln. Diese müssen neue Vernetzungsbemühungen und Annäherungen der einzelnen Richtungen sowie eine neue Bündnispolitik beinhalten.

Harald Rein hingegen spricht der Arbeitslosenbewegung ein größeres Handlungspotential zu. Zwar teilt er die Meinung, daß es eine breite Erwerbslosenbewegung bislang nicht gibt, betont aber stärker die Mobilisierungspotentiale des Erwerbslosenprotests und lehnt die sozialarbeiterisch-paternalistischen Formen der Arbeitslosenarbeit ab. Mit den Ausführungen zur Entstehungsgeschichte der 'Bundesarbeitsgemeinschaft der Initiativen gegen Arbeitslosigkeit und Armut' zeigt er, daß sich die politische Einflußnahme des Erwerbslosenprotests in erster Linie weder an der organisierten sozialpolitischen Lobby noch an den illusionären Wunschbildern des Massenprotests orientiert. Vielmehr hat sich eine Vielzahl eigener Widerstandsmuster im Alltag herausgebildet, die sich sozial, ökonomisch und historisch verändern und bislang durch den Blick auf das Spektakuläre verdeckt werden.

Am Beispiel der Arbeit des 'Vereins zur Förderung der Integration Behinderter' plädiert Eric Hammann für eine 'Kultur der Gleichheit in der Verschiedenheit'. Selbstorganisierte ambulante Dienste, die ihre Arbeit zwischen den sektorspezifischen Logiken von Markt, Staat und Privatsphäre ausbalancieren müssen, versteht er als eine institutionelle Komponente der Zivilgesellschaft. Der traditionellen Behindertenhilfe, die sich durch bürokratisch-rationelle Problemparzellierung charakterisieren läßt, setzen selbstorganisierte ambulante Dienste eine Alternative entgegen, die Hilfe demokratisch und human organisiert, Raum für individuelle Entfaltungsspielräume öffnet und die Bildung neuer, (familien-)unabhängiger Solidarformen ermöglicht. Sie zielen darauf, den Behinderten selber in die Lage zu versetzen, Entscheidungen über Ziele, Akteure und zeitliche Schritte der Unterstützung zu fällen. Dies setzt aber auch ein gewandeltes Verständnis der institutionalisierten Hilfe und ein demokratischeres Verständnis helfender Beziehungen voraus. Erst hierdurch kann das soziale Konstrukt 'Behinderung' und die korrespondierende Marginalisierung der Betroffenen überwunden werden.