Heft 2, 1997   

 

Pressemitteilung

Marginalität und Mobilisierung

Arbeitslosenzahlen von offiziell knapp fünf Millionen, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und neue Armut sowie überall um sich greifende Gewalt sind nur einige Zeichen, daß sich die Bedingungen "am Rande" unserer Gesellschaft zunehmend verschlechtern. Mit der voranschreitenden Aushöhlung des Wohlfahrtsstaates, schwindender Solidarität mit den betroffenen Gruppen kehrt die soziale Frage auf die Agenda sozialer Bewegungen zurück. Welche Voraussetzungen der Mobilisierung können von marginalisierten Gruppen erfüllt werden? Ihnen mangelt es doch gerade an den notwendigen Ressource? Wie können sie ihre Forderungen nach gesellschaftlicher Anerkennung ihrer individuellen Würde geltend machen?
Bislang hat sich die Bewegungsforschung vorrangig auf die Analyse "erfolgreicher" Protestbewegungen konzentriert. Kai-Uwe Hellmann fragt dagegen in seinem Eröffnungsbeitrag, weshalb diejenigen, die am ehesten Anlaß zu Protest haben, fast nie protestieren. Stefan Pabst zeigt anhand der Armutsberichtserstattung der Wohlfahrtsverbände, daß die Hilfeleistungen der Sozialanwälte keineswegs uneigennützig erbracht werden, sie erfolgen aufgrund (verbands-)politischer Überlegungen. Interviews mit Verbandsfunktionären legen offen, daß die Betroffenen oftmals instrumentalisiert und als politisch handlungsunfähige Klientel verharmlost werden.

Tiefe Gräben zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung marginalisierter Gruppen werden in der Gegenüberstellung der Beiträge von Friedhelm Wolski-Prenger und Harald Rein zum Erwerbslosenprotest deutlich. So skizziert Wolski-Prenger Mobilisierungsprobleme der Arbeitslosenbewegungen und blickt eher pessimistisch in die Zukunft. Rein betont aus der Sicht des Aktivisten stärker die Mobilisierungspotentiale, die sich in einer Vielzahl eigener, alltäglicher Widerstandsmuster äußern, und der Autor verwehrt sich gegen sozialarbeiterisch-paternalistische Formen der Arbeitslosenarbeit. Roland Roth führt unter Rückgriff auf die US-amerikanische Forschung zu poor people's movements Diskussionsstränge um soziale Bewegungen und den Kampf um soziale Bürgerrechte zusammen. Eine Bewegungsforschung, die sich verstärkt auch den Marginalisierten und ihren bislang vernachlässigten Forderungen widmet, kann soziale Bürgerrechte und demokratische Beteiligung fördern - so sein Analyse-Ergebnis.