Neue Soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen und Perspektiven
Abstracts (deutsch)
Dieter
Rucht diskutiert in seinem Essay die Rolle sozialer Bewegungen
in modernen Gegenwartsgesellschaften vor dem Hintergrund der These von
der 'Bewegungsgesellschaft'. In seiner Analyse kennzeichnet der Autor
eine soziale Bewegung als ein historisches Subjekt mit grundlegendem
gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch. Dieser Gestaltungsanspruch als
revolutionäre Forderung des radikalen bürgerlichen Liberalismus und
des Sozialismus markiert den Übergang zur Moderne. Während die sozialen
Bewegungen der historischen Moderne jedoch die Verabschiedung traditioneller
Bindungen zugunsten des ganz Neuen im Sinne gesamtgesellschaftlicher
Utopien in den Blick nahmen, zeichnen sich die sozialen Bewegungen in
modernen Gegenwartsgesellschaften durch vergleichsweise bescheidenere
Ansprüche aus: Ihre Funktion besteht demzufolge nicht mehr in dem Bemühen
um revolutionäre Gegenentwürfe, sondern in der reformorientierten, korrigierenden
und dauerhaften Einmischung in die institutionalisierte Politik. Dabei
läßt sich sowohl eine Vielzahl bewegungsspezifischer Themen ausmachen
als auch eine Zunahme bewegungsförmiger Proteste quer durch alle sozialen
Gruppen und Schichten. Um die Treffsicherheit der These von der Bewegungsgesellschaft
zu untersuchen, unterscheidet Rucht darüber hinaus zwischen der frühmodernen
Perspektive, die Gesellschaft als (zu gestaltendes) Projekt auffaßt
und einer (spät-)modernen Sichtweise, die statt dessen von einer Vielzahl
von (Gestaltungs-)Projekten in der Gesellschaft ausgeht. Die Funktion
dieser Projekte in einer Bewegungsgesellschaft könnte seiner Auffassung
nach darin bestehen, diese auf den Kurs einer 'reflexiven Moderne' zu
verpflichten, die sich ihrer eigenen Grenzen und ihrer Entwicklungsrichtung
stets aufs Neue zu vergewissern hat.
Demokratie,
so Roland Roth, kann als das zentrale Thema der neuen sozialen
Bewegungen gewertet werden. Doch sind deren Problematisierungs- und
Thematisierungsleistungen offenbar weit stärker zu veranschlagen als
ihre Fähigkeit, sie institutionell folgenreich umzusetzen. Bilanziert
werden zunächst Forderungen und Maßstäbe für eine neue Demokratisierungsrunde
seitens der neuen sozialen Bewegungen angesichts von Gefährdungen, Grenzen
und Unzulänglichkeiten des westlich-liberalen Projektes der Demokratie.
Die Bestandsaufnahme umfaßt zunächst ein weites Spektrum von Herausforderungen,
die freilich zusammen kein kompaktes und durchgearbeitetes Konzept einer
nachliberalen Demokratie bieten: Sie reichen von den konservativen Reaktionen
auf das zivile Ungehorsam von Bürgerinitiativen ('Unregierbarkeit')
über die Entgrenzung des Politischen und die Revision etablierter Politikbereiche
zur Thematisierung von Grenzen der Mehrheitsdemokratie, vom Bedeutungsanstieg
'unkonventioneller' Partizipation bis hin zu einer Thematisierung von
Fragen der Geschlechterdemokratie, der ökologischen Demokratie und einer
Dezentralisierung und Entstaatlichung der Politik. Am Beispiel der Grünen
wie auch der institutionellen Entwicklung auf kommunaler Ebene wird
deutlich, daß die neuen sozialen Bewegungen statt weitreichender politisch-institutioneller
Reformen allenfalls Repertoireerweiterungen und institutionelle Anbauten
erreicht haben. Zugleich lassen sich paradoxe Effekte beobachten: So
haben bspw. die demokratischen Ansprüche der Bürgerschaft in der politischen
Klasse eher zu einer Wagenburgmentalität geführt. Seitens der Bewegungsakteure
verstärkt die fehlende Responsivität der politischen Institutionen die
politische Entfremdung und Tendenzen zur Zuschauerdemokratie. Ein positives
Zusammenspiel von Protest und Reform scheint suspendiert, das demokratische
Potential der neuen sozialen Bewegungen bleibt ungenutzt. Dazu beigetragen
hat auch die bisherige Vernachlässigung der 'demokratischen Frage' seitens
der Bewegungsforschung. Deren Chance zu einem innovativen Beitrag für
eine neue Runde der Demokratisierungsdiskussion, zur Schärfung der Konturen
einer postliberalen Demokratie, gilt es zukünftig verstärkt zu nutzen.
Können
soziale Bewegungen im Wahljahr 1998 dazu beitragen, Blockaden des politischer
Systems in der Bundesrepublik und den Stillstand der Politik zu beheben?
Zur Beantwortung dieser Frage beleuchtet Joachim Raschke in einem
historisch-analytischen Rückblick die Jahre 1966, 1968 und 1982, in
denen in der alten Bundesrepublik ein Machtwechsel stattgefunden hat.
Vor dem Hintergrund einer Analyse des Bewegungspotentials postindustrieller
Gesellschaften zeigt sich, daß der Wirksamkeit sozialer Bewegungen gegenüber
dem Parteiensystem enge Grenzen gesetzt sind. Deren Wirkungen sind nicht
selten paradox, stärken also die Kräfte, die sie bekämpfen, und soziale
Bewegungen können indirekt auch zum Bestandteil eines blockierten Systems
werden. Eine Entwicklung der Parteien weg von der Mitgliederpartei klassischen
Zuschnitts zu bewegungsoffenen Rahmenparteien ist derzeit nicht zu beobachten,
während andererseits für Bewegungsaktivisten Anreizstrukturen fehlen,
die eine wirkliche Alternative zu einer Abwanderung darstellen. Die
neuen sozialen Bewegungen leiden unter einer 'strategischen Ohnmacht',
die auf ihre Unentschiedenheit zwischen Macht- und Kulturorientierung
und auf ihre basisdemokratischen Ideale zurückgeführt werden kann. Auffällig
ist ihre Thematisierungsschwäche wirtschaftlicher und sozialer Strukturfragen.
Rechte soziale Bewegungen sind durch Gegenmobilisierung, staatliche
Repression, Geschichte und politische Kultur bislang in der Defensive.
Ein wichtiger Aspekt der Asymmetrie des Parteiensystems liegt darin,
daß die Interaktions-, Verständigung- und Koordinationskosten zwischen
Parteien und Bewegungen/Bewegungspotential auf der Linken ungleich höher
sind als im rechten Spektrum. Der Typus reaktiver, richtungsarmer Bewegungen,
die kurzfristig und bereichsspezifisch mobilisieren, ist zwar absehbar
von zunehmender Bedeutung, spielt im Hinblick auf Fragen des Machtwechsels
jedoch keine große Rolle. Erst wenn die Trennungslinien zwischen Partei
und Bewegung stärker gezogen und deren Beziehungen flexibler gestaltet
werden, lassen sich Brückenschläge zwischen den Akteuren des politischen
Systems und der Zivilgesellschaft denken, die auch den progressiven
Bewegungen ein stärkeres politisches Gewicht verleihen könnten.
Karl-Werner
Brand unternimmt in seinem Beitrag den Versuch einer Bilanz
der europäischen Bewegungsforschung zu den 'Neuen Sozialen Bewegungen
(NSB) der 60er, 70er und 80er Jahre, zu denen im Kern die Friedens-,
die Anti-AKW-, die Umwelt-, die Dritte-Welt-, die Selbsthilfe-, die
Alternativ- und die Frauenbewegung gezählt werden. Dabei greift Brand
auch kurz die historischen Vorläufer der Bewegungsforschung auf, so
die marxistische Tradition und die 'collective behavior'-Ansätze (Massenpsychologie,
Anomie und relative Deprivation), wie sie gerade für die NSB-Forschung
in hohem Maße inspirierend, wenn nicht richtungsleitend gewesen sind,
um dann auf die Hauptannahmen des NSB-Ansatzes einzugehen. Diese setzen
an einem Krisenmoment der modernen Gesellschaft einerseits, der Wertewandelthese
Ingleharts andererseits an, was an der Diskussion zentraler Autoren
wie Alain Touraine und Alberto Melucci deutlich wird. Zum Schluß geht
es Brand um die Frage nach der spezifischen Erklärungskraft und den
Grenzen des NSB-Ansatzes. Unzweifelhaft sieht sich der NSB-Ansatz einer
Reihe ernsthafter Kritikpunkte ausgesetzt, die sich etwa auf die Einheit
der neuen sozialen Bewegungen (Kann die Frauenbewegung unproblematisch
subsumiert werden?) oder die Empiriefähigkeit dieses Begriffs (Wie läßt
sich das übergreifende Phänomen empirisch konkret abgrenzen?) beziehen.
Brand macht aber auch deutlich, daß es ein besonderes Verdienst dieses
Ansatzes sei, auf die gesamtgesellschaftliche 'Rolle' der neuen sozialen
Bewegungen als Krisenindikator aufmerksam gemacht zu haben, weshalb
ihm im Rahmen der internationalen Bewegungsforschung unzweifelhaft Relevanz
zukommt.
In
ihrem Beitrag zur amerikanischen Rezeption der europäischen NSB-Debatte,
wie Brand sie oben skizziert hat, beschäftigen sich Myra Marx Ferree
und Silke Roth vor allem mit der Frage, wie die amerikanische
Bewegungsforschung auf den NSB-Ansatz aus Europa reagiert und welche
Kritik sie daran hat. Dabei konstatieren beide einen überwiegend instrumentellen
Umgang der amerikanischen Bewegungsforschung mit Konzepten wie kollektiver
Identität oder Krisendiagnose, wenngleich grundsätzlich zugestanden
wird, daß das Interesse an Werten, Ideologie, Identität, Deutungsmustern
und Kultur, wie sie die Bewegungsforschung in den USA in den letzten
Jahren sehr stark geprägt haben, vor allem auch dem Einfluß der europäischen
Bewegungsforschung geschuldet ist. Gleichwohl spart die amerikanische
Bewegungsforschung nicht mit Kritik. So wird bezweifelt, ob der Begriff
'Neue Soziale Bewegungen' tatsächlich etwas grundsätzlich 'Neues' darstellt,
was auch damit zu tun hat, daß es in den USA nie eine 'alte' Arbeiterbewegung
als Kontrastprogramm gab. Auch werden die marxistischen Anteile in deren
Begriffsbestimmung sowie der Versuch einer klaren Rechts/Links-Einordnung
aufgrund einer anderen politischen Kultur mit Skepsis betrachtet. Zudem
taucht der Vorwurf des Eurozentrismus auf, da die europäische Bewegungsforschung
aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Geschichte (z.B. Wohlfahrtsstaat)
sehr viel schärfere Grenzen zwischen den Bewegungen der hochindustrialisierten
Länder und denen in anderen Ländern zieht, als dies in den USA der Fall
ist. Insgesamt bescheinigen Ferree/Roth der europäischen Bewegungsforschung
daher aus amerikanischer Sicht - trotz unbestreitbarer Verdienste -
einen gewissen Reformbedarf, um nicht von einem Paradigmenwechsel zu
sprechen.
Im
Doppelpack Pollack/Fehr, von Beiträgen, die auf dem Bamberger Politologentag
im Herbst 1997 diskutiert worden sind, geht es um eine kritische Einschätzung
des bisherigen Forschungsstandes zu den Bürgerbewegungen der ehemaligen
DDR. Dabei konzentrieren sich beide Autoren auf die Frage nach dem Stellenwert
von Ideen für das Selbstverständnis und die Stabilität dieser Bewegungen.
Der
Beitrag von Detlef Pollack nimmt seinen Ausgang bei der Feststellung,
daß die ostdeutschen Bürgerbewegungen in einer Reihe kritischer Untersuchungen
relativ schlecht abgeschnitten haben. Im Kern geht es um den Anwurf,
daß die Bürgerbewegungen - gemessen an dem, was sie haben verlautbaren
lassen - keineswegs so systemkritisch und oppositionell waren, wie sie
es selbst zum Teil haben glauben machen wollen. Dieser Kritik hält Pollack
entgegen, daß bei der Beurteilung der ostdeutschen Bürgerbewegungen
häufig die politischen Gelegenheitsstrukturen außer Acht gelassen wurden,
die eine hohe Restriktion noch möglicher Positionen darstellten, so
daß eine Bewertung der tatsächlichen Radikalität der Bürgerbewegungen
den politischen Kontext sehr viel mehr berücksichtigen müßte, als dies
bisher geschehen ist, um den tatsächlichen Möglichkeiten dieser Bewegungen
gerecht zu werden. Denn nicht Ideen allein bestimmen, was möglich ist;
hierzu gehören immer auch jene Möglichkeitsbedingungen, wie sie durch
das Konzept der politischen Gelegenheitsstrukturen aufgezeigt sind.
Auch
für Helmut Fehr geht es, wenngleich mit einer etwas anderen Zielsetzung,
im wesentlichen um die 'Leitideen' der Bürgerbewegungen, denen er insgesamt
eine 'emphatische Vorstellung von Bürgerrechten' bescheinigt und deren
Entwicklung er für den Zeitraum von 1987 bis Anfang der 90er Jahre nachzeichnet.
Denn besonderes Interesse bringt Fehr der Beobachtung entgegen, daß
die Unterstützung der ostdeutschen Bürgerbewegungen durch Intellektuelle,
Sozialwissenschaftler und andere 'Ideen'-Experten im Vergleich zu den
Bürgerbewegungen in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn ungleich
geringer ausfiel. Auch ist festzustellen, daß ostdeutsche Bewegungsforscher
häufig auf westdeutsche Erklärungsmuster für soziale Bewegungen, vor
allem der 'Neuen Sozialen Bewegungen', zurückgegriffen haben, was sich
im Nachhinein aber als unangemessen herausgestellt habe. Von daher sei
mittlerweile davon abzuraten, einen rein innerdeutschen Vergleich anzustellen,
sondern bei der Analyse der Bürgerbewegungen vielmehr der Vergleich
mit anderen osteuropäischen Bewegungen anzustrengen, wo die Gemeinsamkeiten
aufgrund gemeinsamer 'Chancenstrukturen' höher seien.
Regina
Dackweiler und Reinhild Schäfer untersuchen die Entwicklung
der neuen Frauenbewegung der Bundesrepublik im Rahmen der internationalen
Zusammenarbeit von Frauenbewegungen. Die Internationalität der Frauenbewegungen
stellt den Autorinnen zufolge einen entscheidenden bewegungsmobilisierenden
Faktor dar. Anahnd des zentralen Bewegungsthemas 'Gewalt gegen Frauen'
zeigen Dackweiler und Schäfer auf, daß die Wirksamkeit der neuen Frauenbewegungen
im nationalen Kontext ohne deren - in der wissenschaftlichen Betrachtung
oftmals vernachlässigte - Einbindung in internationale Netzwerke nicht
erklärbar ist. Die Beschäftigung der bundesrepublikanischen Bewegung
mit dem Thema wurde demnach erst durch das Internationale Tribunal gegen
die an Frauen begangenen Verbrechen 1976 in Brüssel angeregt. Auch die
vielfältigen Selbsthilfe-Strategien der Frauenbewegungen (Frauenhäuser,
Notruftelefone, Beratungsstellen) sowie feministische Gewaltanalysen
und entsprechende Dokumentationen wurden durch internationale Netzwerke
initiiert. Wesentlich befördert wurden die internationalen Vernetzungsbestrebungen
der Frauenbewegungen durch die Weltfrauenkonferenzen der UN. Erfolge
der internationalen Kampagnen gegen Männergewalt zeigen sich beispielsweise
in einem Bewußtseinswandel im Verständnis von sexualisierten Formen
der Gewalt und nationalen Reformen des Sexualstrafrechts. Die Wechselwirkungen
in den Beziehungen der Frauenbewegungen untereinander und mit supranationalen
staatlichen Organisationen analysieren die Autorinnen anhand der Gleichstellungspolitik,
insbesondere der Durchsetzung von EG-Gleichbehandlungsrichtlinien. Anhand
der Themenvernetzung internationaler Frauenpolitik zeigen Dackweiler
und Schröder auf, daß eine bewegungssoziologische Subsumtion der Frauenbewegungen
unter die neuen sozialen Bewegungen zu kurz greift.
Andreas
Buro untersucht Transformationen, Bilanzen und Perspektiven
der bundesdeutschen Friedensbewegung. In einem Überblick zeichnet er
die Mobilisierungszyklen, die inhaltlichen Veränderungen und institutionellen
Brüche der Friedensbewegung seit den 50er Jahren nach. In den unterschiedlichen
Hoch- und Tief-Phasen friedensbewegter Mobilisierung lassen sich je
nach konkreten historisch-politischen Rahmenbedingungen Themenentwicklungen,
Protest- und Aktionsformen sowie unterschiedliche Motivationsstrukturen
der Bewegungsakteure ausmachen. Als eine Zäsur in der Geschichte der
bundesdeutschen Friedensbewegung kennzeichnet Buro das Ende des Ost-West-Konflikts:
Statt der überwiegenden Orientierung an abrüstungspolitischen Forderungen
treten nunmehr Entwürfe friedlichen Zusammenlebens und ziviler Konfliktbearbeitung
in den Vordergrund. Die Diskussion um die (Un-) Möglichkeit einer
humanitären militärischen Intervention angesichts des Krieges im ehemaligen
Jugoslawien hat zu einer Ausdifferenzierung der Friedensbewegung geführt
und über die diesbezüglich einsetzenden Kontroversen deren pazifistischen
Gehalt gestärkt. Die Kampagne 'Bundesrepublik ohne Armee' wird in den
90er Jahren zum Fokus der gemeinsamen Anstrengungen um eine internationale
zivile Friedensordnung und mehr Demokratie. Buro diagnostiziert für
die bundesdeutsche Friedensbewegung einen hohen Professionalisierungsgrad
bei jedoch geringer Mobilisierbarkeit der Basis. Ihre Hauptaufgabe bestehe
in der Schaffung von hoher gesellschaftlicher Akzeptanz für zivile Konfliktbearbeitung
bei gleichzeitiger Infragestellung der Legitimation des Militärs. Sonst
drohe die militärische Integration Westeuropas zur Militärgroßmacht.
Wolfgang
Ehmke zieht in seinem Beitrag eine Wirkungsbilanz der Ökologiebewegung.
Als einen herausragenden Erfolg dieser Bewegung wertet er einen allgemeinen
Bewußtseinswandel: Ökologisches Wissen sei zum Allgemeinwissen geworden
und habe alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen. Umweltpolitische
Forderungen werden nicht mehr nur von ökologiebewegten Initiativen erhoben,
sondern erfolgen auch von seiten spezialisierter und professionalisierter
Umweltverbände und Forschungsinstitute. Zudem, so Ehmke, bieten die
Ergebnisse der großen umweltpolitischen Konferenzen - wie die Klimarahmenkonvention,
die Konvention zur biologischen Vielfalt und das Aktionsprogramm für
das 21. Jahrhundert - den umweltpolitischen Initiativen und Organisationen
einen breiten Aktionsrahmen. Diesen Erfolgen der Ökologiebewegung stehen
jedoch die empirischen Beobachtungen gegenüber, denen zufolge die globale
Umweltzerstörung keinesfalls gebremst oder gar gestoppt worden ist,
sondern nach wie vor anhält. Vor dem Hintergrund dieser Gegenüberstellung
geht Ehmke auf die Schwierigkeiten einer Wirkungsbilanz ein, deren Hauptursache
er in der Problematik längerfristiger Kausalanalysen aufgrund komplexer
politischer wie ökologischer Bedingungsgefüge sieht. Auch Analysen der
Medienrezeption umweltpolitischer Proteste, Aktionen und Kampagnen,
protest-event-Analysen, Meinungsumfragen und Wahlergebnisse stellen
dem Autor zufolge nur unzureichende Bemessungsgrundlagen für Erfolgsbilanzen
der Ökologiebewegung dar. Am Beispiel der Anti-Atom-Bewegung und der
Energiepolitik sieht er vor diesem Hintergrund in der Erarbeitung konkreter
umweltpolitischer Handlungskonzepte und wissenschaftlicher Effizienzszenarien,
in bündnispolitischen Erfolgen und der nachhaltigen, generationenübergreifenden
Verankerung ökologischen Bewußtseins wichtige Erfolgsmaßstäbe für ökologiebewegtes
Engagement.
Die
Entwicklung der Alternativbewegung in Deutschland hat Walter Hollstein
zum rückblickenden Thema. Das äußerst heterogene Feld der Alternativbewegung
kennzeichnet demnach die Ablehnung des Gegebenen, die Forderung nach
neuen Werten und Verhaltensweisen sowie der Wunsch nach einem eigenen
Lebensrahmen in einer 'Gegengesellschaft'. Von anderen Protestbewegungen
unterscheidet die Alternativbewegung dem Autor zufolge die Orientierung
an Gefühlen und konkreten Lebenserfahrungen statt an politischen Utopien
und revolutionären Theorien. Folgerichtig kämpft sie demnach weniger
mit politischen Forderungen für eine bessere zukünftige Gesellschaft,
sondern gestaltet ihren eigenen konkreten Rahmen gegengesellschaftlichen
Lebens. Ausgehend von den 'tribes' der us-amerikanischen 'beat generation'
und den sich verweigernden, aber politisch passiven Gammlern der 60er
Jahre beschreibt Hollstein eine stärkere Politisierung der Provos und
Hippies als Wegbereiter der Studentenbewegung mit ihrer dezidierten
Gesellschaftskritik und ihrer Aufbauarbeit an gesellschaftlich-kulturellen
Gegeninstitutionen. In seiner Bilanz sieht der Autor denn auch den Erfolg
der Alternativbewegung in der Entwicklung von oppositionellen Wertvorstellungen,
die - lebenspraktisch realisiert - Modellcharakter für andere gesellschaftliche
Entwicklungen hatten. Die Grenzen der Alternativbewegung sieht Hollstein
in Tendenzen der parasitären Existenzsicherung, in sektenähnlicher (Selbst-) Isolation
und in der Konzentration auf Selbstbefreiung und Ich-Findung, kurz:
immer dort, wo es ihr nicht gelingt, individuelle und gesellschaftliche
Befreiung dialektisch zu verbinden.
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