Heft 2, 1998   

 

Vom Sozialstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft?
Akteure zwischen Pflicht und Engagement
Abstracts (deutsch)

Josef Schmid stellt auf der Grundlage der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung die Modelle des Sozialstaates und des Wohlfahrtsstaates vor und beschreibt ihre unterschiedliche Entwicklung in den westlichen Industrienationen. Darauf aufbauend erläutert er das Konzept der Wohlfahrtsgesellschaft, das nicht nur die Bereiche Staat und Markt umfaßt, sondern auch den analytisch schwer zu fassenden Bereich der sozialen Initiativen, Projekte, Wohlfahrtsverbände sowie die Familie und Nachbarschaft einschließt. Anhand eines internationalen Vergleichs macht er deutlich, daß es diverse Versionen und Entwicklungen zu einer Wohlfahrtsgesellschaft gibt. In Deutschland wird die Diskussion um die Wohlfahrtsgesellschaft zurückhaltend geführt. Schmid begründet dies mit der aktuellen politischen Machtverteilung, der Struktur der sozialen Dienstleister und der historischen Kontinuität. Insofern wird nach Schmids Aussage auch künftig bei allen Reformdiskussionen und -ansätzen der klassische Sozialstaat nicht nur in der Bundesrepublik ein prägendes Element sein.

In seinem Beitrag zu den Entwicklungen der freien Wohlfahrtspflege im deutschen Sozialstaat erkennt Holger Backhaus-Maul Etablierte und Außenseiter. Die großen Wohlfahrtsverbände haben sich in einem über 100jährigen Prozeß eine sozialrechtliche Privilegierung gesichert, und die alternativen Diensteanbieter wurden lange Zeit zu Außenseitern degradiert. Anhand der (Wohlfahrts-)Verbändeforschung, der Entwicklung der einzelnen Wohlfahrtsverbände und ihrer verbändeunabhängigen Konkurrenz sowie aktueller sozialrechtlicher Veränderungen verdeutlicht er die gewandelten (politischen) Konstellationen im Bereich der Wohlfahrtsproduktion, die sowohl die etablierten als auch die alternativen Akteure herausfordern. In einer Zeit, in der neue Subsidiarität, neue Engagementformen, politisch forcierter Trägerpluralismus sowie Effektivitäts- und Effizienzsteigerung auf der Tagesordnung stehen, müssen sich beide Lager restrukturieren. Schauen die etablierten Diensteanbieter wehmütig auf die Zeit ihrer Privilegien zurück, so müssen die alternativen um ihre mühsam erworbenen Anteile am staatlichen Sozialmarkt bangen. Neue gewerbliche Anbieter verschärfen zudem die Situation.

Die Konnotationen des Begriffs Wohlfahrtsgesellschaft untersucht Frank Nullmeier auf ihre normative Aussagen. Die Diskussion um die Wohlfahrtsgesellschaft behandelt in erster Linie die Frage der Wohlfahrtsproduktion und verweist so auf die institutionelle Ebene. Gerechtigkeitstheoretische Aspekte werden erst zweitrangig behandelt. Nullmeier zeigt, daß sich angesichts einer großen Heterogenität aus der normativen Logik der Projekte keine legitimatorische Grundlage ableiten läßt. Seine Ausführungen zu Wohlfahrtsproduktion und Wohlfahrtslogik leiten zu dem Begriff der sozialen Wertschätzung über. Hier unterscheidet er zwischen ‚fundierter‘ und ‚reflektierter‘ Wertschätzung und setzt diese Begrifflichkeit in bezug zu einer Definition von Sozialstaatlichkeit. Er resümiert, daß eine an der Wertschätzung orientierte Sozialstaatlichkeit sowohl eine diskursiv-deliberative Politik der Erörterung als auch eine Restrukturierung von Verteilungssphären voraussetzt. So wird Wohlfahrtsgesellschaft nicht auf die institutionelle Ebene reduziert, sondern auch daran gemessen, ob diese die Bedingungen wechselseitiger Wertschätzung derart gestaltet, daß diese selbst zu Entfaltung von Wertschätzung beitragen.

Vor dem Hintergrund der theoretisch-konzeptionellen Beiträge bilanzieren Heinz Janning, Detlef Luthe, und Frauke Rubart die Qualitätsentwicklung für das Ehrenamt am Beispiel der Freiwilligen-Agentur Bremen. Hauptaufgabe der Freiwilligen-Agentur ist die Zusammenführung von ehrenamtlich Tätigen mit (gemeinnützigen) Organisationen. Dabei widersprechen sie der Auffassung, daß sich die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement erschöpft hat, und sprechen demgegenüber von einem Wandel der Engagementformen in ‘inszenierten Gemeinschaften’. Die Bilanz der zweijährigen Arbeit zeigt, daß auf seiten der Engagementbereiten und der Organisationen die Leistungen der Agentur anerkannt werden. Ehrenamt wird nun verstanden als ‘Markt der Möglichkeiten’, auf dem die Freiwilligen ihre unentgeltliche Leistung anbieten, die von den gemeinnützigen Organisationen nachgefragt wird.

Über Armenspeisung durch die sich erfolgreich entwickelnden Projekte der ‘Tafeln’ in Deutschland berichtet Sabine Werth. Das Prinzip der Tafeln ist es, einwandfreie, aber zu entsorgende Lebensmittel einzusammeln, um sie dann an soziale Einrichtungen zu verteilen. Die Tafeln arbeiten dabei überwiegend mit ehrenamtlichen HelferInnen. Werth thematisiert sowohl das Verhältnis zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen als auch die Schwierigkeit, die Betroffenen, z.B. Obdachlose, selber zu mobilisieren. Für ihre Arbeit lehnen die Tafeln jedwede Unterstützung durch öffentliche Mittel ab, um - so Werth - sich nicht von seiten des Staates in die Pflicht nehmen zu lassen. So finanzieren sich die Tafeln über unentgeltliche Spenden und durch ‘social sponsoring’, welches aktuell erfolgreich praktiziert wird. Werth verweist abschließend darauf, daß die Tafeln über das Prinzip der modernen Armenspeisungen hinausgehen und für sich den politischen Anspruch erheben, Armut in einer wohlhabenden Gesellschaft zu thematisieren.

Ingo Bode analysiert am Beispiel der französischen Arbeitslosenbewegung, wie Proteste von sozialen Randgruppen mit geringer Konflikt- und Organisationsfähigkeit dennoch erfolgreich sein können. Vernetzung der Aktionsgruppen, organisatorische Unterstützung von wichtigen Vertretern der Parteien und Gewerkschaften sowie die gelungene Inszenierung durch die Medien trugen zum Erfolg bei. Wichtig für die Anerkennung der Proteste war desweiteren die breite Unterstützung und Sympathiebekundung in der Bevölkerung. Diese beruht auf spezifischen kulturellen Eigenheiten in Frankreich, die sich durch eine große Loyalität gegenüber dem Sozialstaat in Verbindung mit einem Anspruch auf soziale Bürgerrechte auszeichnen. Um diese französisischen Besonderheiten zu wahren, bedarf es intermediärer Akteure, die direkte politische Stellvertretungsfunktionen übernehmen. Resümierend sieht Bode auch in Deutschland Ansätze einer neuen Diskussion und einer Etablierung von vermittelnden Akteuren, die eine Repolitisierung der Verbände bewirken könnten.