|
|
|
|
Heft 4, 1998 |
|
PressemitteilungProtest und Gewalt. Paradigmen auf dem Prüfstand. Die Themen Protest und Gewalt beherrschen zwar die Schlagzeilen, ihre Hintergründe bleiben aber üblicherweise verdeckt. Protest- und Gewaltphänomene sind Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, werden aber zumeist in besonderen Problemgruppen untersucht, am Beispiel von Extremformen diskutiert oder als Medienereignis systematisch aufgebauscht. Eine hintergrundorientierte Forschung zu Gewalt oder Protest steht seit langem aus. Die nun vorliegenden Beiträge betonen, daß es sich um Handlungen mit mitteilendem Charakter in einer gesellschaftlichen Zielsetzung handelt, die als Jedermann-Ressource verstanden werden kann. Aufgrund fehlender Anlässe oder der Abhängigkeit von bestimmten Situationen und einem prozeßartigen Geschehen entziehen sich Protest und Gewalt bislang jedoch wissenschaftlichen Erfassung oder politischen Vorhersagen. Aus diesem Grunde steht das Verhältnis von Protest und Gewalt im Mittelpunkt des Themenheftes. Es gibt zwar keinen Protest ohne die Möglichkeit von Gewalt und keine Gewalt ohne Protesthintergrund, aber zwischen Protest und Gewalt besteht keine direkte Beziehung. Es handelt sich um zwei voneinander weitgehend getrennte Bereiche, die dennoch eine Schnittmenge aufweisen. Anhand der fünf Paradigmen der Bewegungsforschung wird diskutiert, inwiefern diese zur Erklärung des Phänomens und seines dynamischen Charakters beitragen. Denn es gibt weder die Gewalt noch den Protest oder den klar abgegerenzten Forschungsbereich. So untersucht Kai-Uwe Hellmann, inwieweit Protest und Gewalt durch spezifisch sozialstrukturelle Bedingungen erklärt werden können. Klaus Eder verbindet symbolische Gewalt mit Prozessen eines symbolischen Ausschlusses, bei denen diese Grenzziehungen zu mangelnder Anerkennung und dadurch zu einer gruppenorientierten abgrenzenden Identitätsbildung führen. Verschiedene Szenarien spielen Reinhard Kreissl und Fritz Sack durch. Sie diskutieren den Mythos des Gewaltmonopols des modernen Staates. An den Ergebnissen empirischer Studien der 90er Jahre verdeutlicht Ekkart Zimmermann die Rolle des Staates bei der Eskalation der Gewalt. Der Erforschung des Polizeiapparats widmet sich Martin Winter. Er diskutiert Einsatzphilosophien, Fremd- und Selbstwahrnehmung sowie Handlungskalküle im polizeilichen Handeln. Jenseits des Themenschwerpunkts untersucht Jörn Lamla in einer aktuellen Analyse Grüne Professionalisierungsansätze. Seine These ist die offensive und professionelle Weiterentwicklung der Partei unter Berücksichtigung des Kernbestands bündnisgrüner Politik. Er entwickelt eine reformpolitische Balance zwischen Parteipräsidium, Grundsatzkommission und Grüner Akademie. Den 100sten Geburtstag des historischen Briefs von Èmile Zola nimmt Rolf Schwendter zum Anlaß, um ein aktuelles Jaccuse zu formulieren. Anhand unterschiedlicher Politikbereiche zeigt er auf, wo Ursachen von Ungleichheiten und Benachteiligungen begründet sind. Zugleich zeigt er auch zeitgemäße Wege auf, die aus diesen Dilemmata hinausführen können. |
|