Gespaltenes
Europa?
Regionen und Nationen in Bewegung.
Abstracts (deutsch)
Friedbert W. Rüb: Die Beschleunigung ethnischer Konflikte. Zur
Politisierung von Ethnizität im ehemaligen Jugoslawien; FJNSB 2/99,
S. 8-22
Erklärungsversuche
für den kriegerischen Ausbruch ethnischer Konflikte im ehemaligen
Jugoslawien gehen in der Regel von folgenden Annahmen aus: Die Unterschiede
zwischen den Völkern und Nationen seien fraglos und quasi-ontologisch
gegeben. Die Staatsgründung im Jahr 1918 sei ein nationalstaatlicher
Bastard ohne große Überlebenschancen gewesen. Die ethnonationalistische
Gewaltsamkeit wird dabei als unvermeidliche Selbstrealisation eines
kulturellen Gewaltcodes der Balkanvölker gedeutet. Demgegenüber
geht Friedbert W. Rüb davon aus, dass der 'Jugoslawismus' keine
Fiktion, sondern ein tragfähiges Modell der Integration einer multikulturellen
Gesellschaft war, dessen institutionelle, ökonomische und soziale
Grundlagen von identifizierbaren Akteuren zugrunde gerichtet wurden.
Die Strategien und Faktoren, die zur Beschleunigung ethnischer Konflikte
bis zum Genozid beigetragen haben, sind zentraler Gegenstand der Überlegungen.
Georgia Bekridaki/Michael Weck: Konfliktlösung in ethnisch gespaltenen
Gesellschaften - Nordirland und Südtirol, FJNSB 2/99, S. 23-35
Die Lösbarkeit
nationalistischer Konflikte hängt nach Bekridaki und Weck vor allem
von drei Dimensionen ab: von der sozialstrukturellen Homogenität
oder Heterogenität der in den Konflikt verwickelten ethnischen
Gruppen, vom Einfluss externer nationalistischer Akteure und ihren Allianzbeziehungen
zu den Konfliktparteien sowie von der Verhandlungsfähigkeit und
der Durchsetzungskraft führender Eliten. In der vergleichenden
Analyse der Fälle Südtirol und Nordirland wird deutlich, das
die Vorzeichen für eine erfolgreiche Konfliktlösung in Südtirol
ungleich günstiger waren. In Nordirland blockierte eine hochpolitisierte,
heterogene Bevölkerung lange Zeit eine Verhandlungslösung
und ermöglichte es radikalen, um die Macht konkurrierenden Eliten,
Parteien zu spalten und Konkurrenzunternhemen zu gründen. Erst
eine Aufkündigung internationaler Allianzen mit Katholiken und
Protestanten ermöglichte das Nordirland-Abkommen von 1998.
Liam
O'Dowd: Jenseits konkurrierender Nationalismen? Die Aussichten des Nordirlandabkommens,
FJNSB 2/99, S. 36-44
O'Dowd diskutiert
die Erfolgsaussichten des Nordirlandabkommens von 1998. Einerseits muss
die Rolle des britischen Nationalismus in diesem Konflikt stärker
berücksichtigt werden. Einer unkritisch einseitigen Problematisierung
des irischen Nationalismus wird in diesem Kontext das Erfordernis einer
Neubestimmung des britischen Nationalismus gegenübergestellt. Andererseits
werden die Chancen einer dauerhaften Übereinkunft auch von der
Entwicklung engerer Verbindungen zwischen Nordirland und der Republik
Irland abhängen. Das schlichtende Potential der im Abkommen vorgesehenen
konkordanzdemokratischen Institutionen ist durch die Risiken eines unterschätzten
britischen Nationalismus und die ungleich verteilten Machtressourcen
beider Vertragspartner gefährdet.
Pedro
Ibarra/Carmelo Moreno: Der Konflikt im Baskenland - Soziale Bewegungen,
Politik der Anerkennung und historische Rechte, FJNSB 2/99, S. 45-54
Pedro Ibarra und
Carmelo Moreno beschäftigen sich mit den Möglichkeiten einer
friedlichen Lösung des nationalen Konflikts im Baskenland. Die Bedingungen
für die Lösung dieses weit zurückreichenden Konfliktes
sind heute günstiger als je zuvor. Die Autoren entwickeln somit einen
Vorschlag, der auf der Anerkennung der historischen Rechte des Baskenlandes
und auf einer entsprechenden Neuverhandlung politischer und institutioneller
Strukturen basiert. Liberale und kommunitaristische Theorie kollektiver
Rechte werden diskutiert, wobei die Autoren argumentieren, dass eine Lösung
nur dann möglich erscheint, wenn die essenzialistischen Vorstellungen
exklusiver kollektiver Rechte durch ein inklusives Verständnis überwunden
wird, das auf einer permanenten und verhandelten Rekonstruktion dieser
Recht fusst. Die Realisierbarkeit dieses Vorschlages wird in bezug auf
die Chancen und Zwänge belegt, die von der spanischen Verfassung,
den politischen Strukturen, dem vorherrschenden Diskurs und den dominanten
Identitaetskonstrukten herrühren. Beide Autoren schliessen mit der
Feststellung, dass die sozialen Bewegungen eine besonders konstruktive
Rolle übernommen haben, da sie an der Schaffung günstiger Bedingungen
und der Erarbeitung der verschiedenen, öffentlich diskutierten Vorschläge
aktiv beteiligt waren.
Wanda Dressler: Von
Korsika bis Kasachstan. Zum Vergleich nationaler und regionaler Phänomene
in Europa, FJNSB 2/99, S. 55-64
Ausgehend von den Zusammenhängen zwischen Kultur
und Herrschaft unternimmt Wanda Dressler eine vergleichende Bestandsaufnahme
nationalistischer und regionalistischer Bewegungen in West- und Osteuropa.
Prozesse der Nationalisierung einerseits, der Dezentralisierung und Regionalisierung
andererseits erfordern eine normative Neuordnung des politischen Raumes.
In den liberalen westlichen Gesellschaften etablierter Nationalstaaten
dominierten seit den 60er Jahren subnationale Bewegungen. Anknüpfend
an das Modell der Staatsbürgernation fordern sie Dezentralisierung
und eine kulturelle Autonomie der Regionen ein. Gegen diesen Diskurs der
Demokratisierung und Inklusion beziehen jedoch nationalistische und populistisch-chauvinistische
Gegenbewegungen Stellung. In diesem Spannungsfeld - auch innerhalb einzelner
Bewegungen - gilt es, emanzipatorische wie konservative Bezugnahmen auf
identitätspolitische Argumente zu bewerten. In Osteuropa fordern
nationalistische und ethnisch-kulturelle Bewegungen nach 1989 politische
und wirtschaftliche Dezentralisierung sowie demokratische Inklusion. Allerdings
ist hier - gerade in transformationsbedingten Krisenphasen - der Spielraum
für die politischen Eliten größer, einen Diskurs der Exklusion
und ethnischer Homogenität zu etablieren und zu instrumentalisieren.
Walter Reese-Schäfer: Neuere Entwicklungen
kommunitarischer Politik, FJNSB 2/99 S. 65-76
Einen Überblick über den Einfluss kommunitarischer Ideen
auf die deutsche Politik liefert Walter Reese-Schäfer. Einführend
werden neuere Entwicklungsverläufe des Kommunitarismus nachgezeichnet.
Anschliessend geht der Autor auf die nationale und internationale Rezeption
kommunitarischer Ideen ein. Er zeigt dann anhand deutscher und europäischer
Beispiele die Zukunftsperspektiven kommunitarischer Ansätze zur Förderung
bürgerschaftlichen Engagements auf und unterzieht sie einer kritischen
Bewertung. Dargestellt wird eine parteienübergreifende programmatische
Bezugnahme auf kommunitarische Politik. Deren Impulse zielen jedoch nicht
in erster Linie auf die Parteienprogrammatik, sondern vor allem auf die
gesellschaftlichen Akteure. In Verbindung mit einer Mentalität der
Selbstorganisation wird eine gesellschaftliche Reformperspektive von unten
betont. |