Heft 3, 1999   

 

Ratlose Politiker - hilflose Berater?
Politikberatung in Deutschland

Abstracts (deutsch)

Martin Thunert: Think Tanks als Ressourcen der Politikberatung - Bundesdeutsche Rahmenbedingungen und Perspektiven, FJNSB 3/99, S. 10-19

Die Ergebnisse seiner empirischen Studie zu wissenschaftlich gestützter, externer Politikberatung durch Think Tanks in Deutschland präsentiert Martin Thunert. Basis seiner Analyse ist die Befragung von 30 Instituten, Stiftungen und Forschungseinrichtungen, die als repräsentativ für die weitgehend heterogene bundesdeutsche Institutslandschaft gelten können. Neben einer Differenzierung der unterschiedlichen Denkfabriken in vier Funktionstypen beschreibt Thunert die Charakteristika der deutschen Institute auch im internationalen Vergleich. Demnach zeichnen sich die untersuchten Think Tanks u.a. dadurch aus, dass sie mehrheitlich ein Themen- oder Politikfeld bearbeiten, ressortübergreifende Fragestellungen und interdisziplinäre Forschung jedoch weitgehend vernachlässigen. Zudem sind sie wesentlich stärker als in anderen Staaten von öffentlicher Finanzierung abhängig und räumen in ihrer Selbsteinschätzung der Zielvorgabe ‚Wissenschaftlichkeit' signifikant stärkeres Gewicht ein als etwa der ‚Politiknähe' oder der ‚Medienpräsenz'. In seiner Untersuchung kommt Thunert zu dem Schluss, dass die bundesdeutschen Denkfabriken ihre Erkenntnisse und Dienstleistungen zielgruppenorientierter vermarkten und den Kontakt zu Politik und Wirtschaft aktiver suchen müssen, sofern sie deutliche Wirkung ausserhalb des innerakademischen Diskurses entfalten wollen.

Matthias Machnig: Die Kampa als SPD-Wahlkampfzentrale der Bundestagswahl '98 - Organisation, Kampagnenformen und Erfolgsfaktoren, FJNSB 3/99, S. 20-39

Die Arbeit der Kampa als zentraler Koordinationsinstanz des SPD- Bundestagswahlkampfs 1998 analysiert ihr ehemaliger Chefkoordinator Matthias Machnig. Ausgehend von der innerparteilichen Situation und der politischen Positionierung der Partei im Jahre 1996, zeichnet Machnig die Stationen der Kampagne nach, die im September 98 zum überzeugenden Wahlsieg der SPD geführt hat. Notwendig war hierzu die strategische Neupositionierung und programmatische Neujustierung, welche über die Einrichtung von Schwerpunktkommissionen, der SPD-Foren, über Mitglieder- und Jugendkampagnen sowie durch die Veranstaltung von Tagungen, Konferenzen und Parteitagen gelang. Die Stichworte ‚Innovation' und ‚Gerechtigkeit' bestimmten in den Folgejahren den Kurs der Partei zum Regierungswechsel und damit zum beabsichtigten Politikwechsel in Deutschland. Als zentrale Erfolgskriterien für die Kampagne benennt Machnig neben der Definition klarer Kommunikations- und Präsentationslinien sowie der Festsetzung konkreter Etappen und Stationen insbesondere den Aufbau professioneller Kampagnenstrukturen und Umsetzungsformen. Mit der Kampa als Wahlkampfzentrale wurde ein solcher, effektiver organisatorisch-logistischer Rahmen für die Kampagnenarbeit geschaffen, in den auch professionelle externe Institute und Agenturen eingebunden waren.

Gerd Mielke: Sozialwissenschaftliche Beratung in den Staatskanzleien der Länder. Ein Werkstattbericht, FJNSB 3/99, S. 40-48

Ausgehend von einer 1998 durchgeführten Befragung politischer Planer in SPD-Regierungs- bzw. Oppositionszentralen verweist Gerd Mielke auf den Bedeutungsverlust sozialwissenschaftlicher Beratung für politische Planungs- und Entscheidungsprozesse. Befunde aus 11 Ländern erhärten unter anderem die Einschätzung, dass wissenschaftliche Diskussion und politisches Handeln zunehmend auseinanderklaffen. Ursachen hierfür sind erstens Akzentverlagerungen während der Regierungszeit von innovativen, planerisch unterstützten und gesellschaftspolitisch ausgerichteten Politikansätzen hin zu einem an Routineabläufen otrientiertem Verwaltungshandeln. Zweitens fallen Beratungskapazitäten auch einem Bedeutungszuwachs von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Opfer. Damit zusammenhängend führt drittens die Personalisierung der Landespolitik zum Bedeutungsverlust sozialwissenschaftlicher Beratung und scheint spontane und voluntaristische Entscheidungsformen zu begünstigen. Schließlich führt die Unsicherheit ihrer Befunde zu Entzauberung und Autoritätsverfall der Wissenschaften. Mielke appelliert abschließend, gerade in Zeiten großer Umbrüche die Möglichkeiten zu nutzen, Poltik durch Einbeziehung des wissenschaftlichen Diskurses kontrollierbarer und rationaler zu gestalten.

Hans-Jochen Luhmann: Umweltberatung in Deutschland - warum waren die 'Umweltinstitute' so erfolgreich? FJNSB 3/99, S. 49-53

Umweltpolitik ist Sicherheitspolitik - so Hans-Jochen Luhmann - und die Aufgabe der Umweltwissenschaft ist es, Probleme aufzuarbeiten und öffentlich zu machen. Die Umweltinstitute sind aus den Naturwissenschaften hervorgegangen, meist universitär oder in außeruniversitären Forschungsinstituten organisiert. Adressaten der Beratung sind sowohl die Umweltadministrationen als auch die politische Öffentlichkeit. Obwohl oftmals sehr spezielles Wissen in technischen, betriebswirtschaftlichen oder auch rechtlichen Fragen abgefragt wird, so fordert Luhmann dennoch den Lebensbezug, letztlich das Politische, ein.

Mechthild Jansen: Nebensache, Detailproblem oder grundlegende Herausforderung? Zur Beratungsexpertise und zun Einfluß der Frauenforschung in Deutschland, FJNSB 3/99, S. 54-57

Hat die Frauenbewegung Einfluß auf die Politik gehabt oder nicht - das ist die Gretchenfrage. Mechtild Jansen vertritt die These, daß einerseits das Erscheinungsbild der Politik weiblicher geworden ist, aber andererseits die Potentiale hin zu einer Öffnung der Politik für Frauen, vorangetrieben durch die Frauenbewegung und Quotenpolitik, versickert sind. Für die rot- grüne Regierung konstatiert Mechtild Jansen, daß sie weit hinter ihren jahrelang formulierten Zielvorstellung zurückbleibt und im Bereich der Beratung die frauenpolitischen Organisationen und Netzwerke schlicht nicht hinzuzieht, zumindest nicht in Bezug auf gesellschaftspolitische Fragen, sondern höchstens um Wählerinnenstimmen zu gewinnen. Dies zeigt nach Ansicht der Autorin, dass die untergeordnete Bedeutung dieses Politikbereichs eigentlich im krassen Gegensatz zu dem eigentlich Bedarf steht.

Gudrun Trautwein-Kalms: Gewerkschaftlicher Wandel - Spannungsfeld Beratung, FJNSB 3/99, S. 58-62

Die Gewerkschaften öffnen sich, so Gudrun Trautwein-Kalms, zögerlich der externen Beratung. Traditionell funktionierte Beratung durch die Rekrutierung von Ehrenamtlichen, die über spezifische Qualifizierungsmaßnahmen für die gewerkschaftliche Arbeit ausgebildet wurden. In den 70er Jahren kam der wissenschaftlichen Beratung eine große Bedeutung zu. Nicht zuletzt unterhalten die Gewerkschaften ein eigenes wissenschaftliches Institut - das WSI - für wissenschaftliche Beratung, Forschung und Gutachtertätigkeit. Bedingt durch gesellschaftlichen Wandel, aber vor allem auch durch die Finanzkrise haben sich sowohl die Strukturen als auch die Themen der Beratung verändert. Verstärkt werden heute externe Organisationsberatungen konsultiert, die sich in erster Linie mit Fragen der Effizienz und Reorganisation beschäftigen.

Michael Daxner: Chancen der Grünen Akademie im intellektuellen Diskurs, S. 63-67

Den Gründungsprozess und die Aufgaben der neu gegründeten Grünen Akademie (GA) der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung schildert Michael Daxner. Die GA, von der Struktur eine Mitgliederakademie, versteht sich weniger als klassischer Think Tank, denn als intellektueller Raum, in dem eine ‚experte Laienkultur' jenseits ideologischer Verengung Fragen der Zeit reflektieren und diskutieren kann. Als weitere zentrale Aufgabe benennt Daxner eine Vermittlungsfunktion der Akademie in Richtung einer bewusst hergestellten Öffentlichkeit. Ausgehend von der inhaltlichen Schwerpunktsetzung auf die Themenfelder ‚Demokratie' und ‚Nachhaltigkeit' soll in der Grünen Akademie zukünftig der Komplexität politischer und gesellschaftlicher Realitäten und Leerstellen auf den Grund gegangen werden.

Vera Schäfer: ‚Deutsche Tafeln': ein Pro-bono-Projekt von McKinsey & Company - Beratung für Non-Profit-Organisationen, FJNSB 3/99, S. 68-74

Als ein Beispiel für Beratung von Non-Profit-Organisationen berichtet Vera Schäfer über ein Pro-Bono-Projekt der Unternehmensberatung McKinsey & Company, welches von 1995 bis 1997 bei der Netzwerkorganisation ‚Deutsche Tafeln' durchgeführt wurde. In ihrer Analyse der Pro-Bono-Aktivitäten von McKinsey Deutschland beschreibt Schäfer die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten solcher Non-Profit-Projekte zu den alltäglichen Beratungsaufträgen. Demnach sind zwar deutliche Unterschiede der Klientel, insbesondere in deren Orientierung und Organisationszielen zu sehen, starke Ähnlichkeiten jedoch im Beratungsbedarf, der -praxis sowie in den Inhalten zu finden. So wurden in dem genannten Projekt insbesondere ein kurzer, praxisorientierter Leitfaden zum Aufbau lokaler Tafeln sowie ein umfangreiches Handbuch für den Betrieb einer Tafel entwickelt, die durchaus auch für andere sozial-karitative Einrichtungen von Nutzen sein können.