Mission impossible. Ein Jahr Rot-Grün
Abstracts (deutsch)
Warnfried
Dettling: Erneuern und Bewahren. Mutmaßungen zum geistigen Profil
der Regierung, FJ NSB 4/99, S. 5-9
In dem Essay zieht
der Autor eine abwägende Bilanz des ersten Jahres der rot-grünen
Bundesregierung. Der Start war schlecht, das Ansehen sinkt, das Vertrauen
fehlt. Die gesellschaftliche Stimmung ist schlechter als die eigentliche
Bilanz. Grund sei das Fehlen einer politischen Idee, die an den Traditionen
der beiden Regierungsparteien ansetzt, ohne bei ihnen stehen zu bleiben.
Diagnostiziert wird ein Mangel an Gesellschaftskonzepten, die sich
nicht nur auf die Gegenwart beziehen, sondern auch die Zukunft umfassen.
Verteilungsgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Beteiligungsgerechtigkeit
sind die zentralen inhaltlichen Forderungen, die ein Reformkonzept
umschließen müßten. Die Regierung hat durchaus die
Chance, wieder politische Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.
Erfolg oder Scheitern von Rot-Grün ist nicht nur eine Frage der
Zukunft dieser Regierung, sondern auch von Bedeutung für die
Leistungsfähigkeit der Demokratie.
Roland
Roth: Ein politischer GAU für die neuen sozialen Bewegungen
Zwischenbilanz nach einem Jahr rot-grüner Bundesregierung, FJ NSB
4/99, S. 10-21
Vom
Verhältnis von sozialen Bewegungen und Regierungspolitik, von Erwartungen
und vertanen Chancen handelt der Beitrag von Roland Roth. Obwohl eigentlich
zu vermuten wäre, dass mit der rot-grünen Regierung endlich
einige der ureigenen Bewegungsziele umgesetzt würden, ist die Bilanz
ausgesprochen negativ. Bei der Betrachtung verschiedener Politikfelder
entsprechen die Ergebnisse bislang nicht den über Jahre erhobenen
Forderungen und Zielen der Regierungsparteien. Roth erklärt diese
Entwicklung mit dem stark personalisierten Politikstil, der sowohl bei
der SPD mit ihrem Kanzler Schröder vorherrscht wie auch bei den
Bündnisgrünen mit ihrer Leitfigur Joseph Fischer. Politikvermittlung
funktioniert nicht mehr primär über die Parteiorganisationen,
sondern vielmehr über personenbezogene, mediale Inszenierung. Roth
hebt jedoch hervor, dass die Entwicklung nicht bedeutet, politisches
Interesse und Engagement wäre grundsätzlich zurückgegangen.
Vielmehr hat es sich in die Sphäre ausserhalb der Institutionen,
d.h. der Initiativen und Bewegungen, verlagert. Ob angesichts der politischen
Kultur unter Rot-Grün dieses politische Potenzial wieder erstarkt,
läßt sich nach seiner Meinung zur Zeit schwer absehen, grundlegend
wäre aber die Kommunalisierung der politischen Entscheidung.
Lothar
Probst: Ist Rot-Grün überhaupt regierungsfähig? Anmerkungen
zum Zustand und den Perspektiven von SPD und Bündnisgrünen,
FJ NSB 4/99, S. 55-31
Eigentlich waren
die Voraussetzungen für den Wechsel doch hervorragend, wie also
kommt es zu dem negativen Zustand der Regierungsparteien gut ein Jahr
nach der Wahl? Lothar Probst fragt, ob sich diese negative Bilanz
allein mit den stereotypen Erklärungen wie Wahlniederlagen, mangelnde
Abstimmung etc. erklären läßt, oder ob nicht tieferliegende
Gründe die Ursachen für die negative Bilanz sind. Als solche
Gründe erkennt der Autor insbesondere die Folgenden: Rot-Grün
war eher ein Zufallsprodukt als das von einer überwiegenden Mehrheit
getragene Reformprojekt, und die in Angriff genommenen Gesetzesvorhaben
zeichneten sich durch handwerkliche Schwächen aus. Sowohl innerhalb
der Bündnisgrünen als auch in der SPD werden interne Machtkämpfe
um Personen und Inhalte geführt. Die CDU hingegen konnte sich
nach ihrer Wahlschlappe relativ schnell wieder erholen und somit an
Stärke gewinnen. Probst hält die Stituation zwar für
schwierig, aber nicht für hoffnungslos. Erforderlich ist nach
seiner Meinung sowohl ein besseres Koalitionsmanagement als auch eine
jeweils eindeutige Positionierung der Parteien. Entsprechende Strategien
stellt er in seinem Beitrag vor.
Gerd
Mielke: 1999 - Schicksalsjahr für die SPD, FJ NSB 4/99, S. 32-39
In der über
hundertjährigen Tradition der Sozialdemokratie gab es wiederholt
Perioden und Phasen von grundsätzlicher Bedeutung für die
Partei. Der Autor wagt die These, daß auch das Jahr 1999 als
Schicksaljahr in die Geschichte der SPD eingehen kann. Er macht diese
Diagnose fest an der breiten Akzeptanzkrise der Partei in der Wählerschaft,
in der offensichtlichen Stabilitätskrise in der Führung
und in der programmatischen Krise. Alle drei Krisen sind eng miteinander
verbunden, verstärken sich gegenseitig und lassen sich nicht
über bessere politische Koordination, professionelleres Management
und kontrollierte Kommunikation lösen. Handwerkliche Verbesserungen
sind notwendig, aber die eigentlichen Probleme, die sich in 1999 dramatisch
zugespitzt haben, sind struktureller Natur. Nur wenn diese zügig,
mutig und erfolgreich angegangen werden, sind die Niederlagen, Fehlleistungen
und Rückschläge des ersten Regierungsjahres zu beheben.
Markus
Klein: The Year after. Die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung
im Jahr nach der Bundestagswahl 1998, FJ NSB 4/99, S. 40-49
Zum
ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist mit
der Bundestagswahl 1998 eine Regierung abgewählt worden. Die Zustimmung
zu einer rot-grünen Regierung war überraschend groß.
Um so unerwarteter ist, daß ein Jahr nach der Bundestagswahl die
Zustimmung weit zurückgegangen ist. Markus Klein analysiert auf
der Grundlage empirischer Umfragedaten die Entwicklung der Unterstützung
der Regierungsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen und erläutert
die Gründe für abnehmende Zustimmung zu den Regierungsparteien,
insbesondere zu der SPD. Sowohl Personalfragen als auch inhaltliche
Aspekte wie das 630-DM-Gesetz und das Gesetz gegen die Scheinselbständigkeit
haben die Zufriedenheit der Wählerinnen und Wähler sinken
lassen. Klein führt zudem zwei mögliche Erklärungsmuster
für die schwindende Zustimmung an: Einerseits kann die Entwicklung
mit dem sogenannten Wahlzyklus erklärt werden, andererseits könnte
die rückläufige Unterstützung aber auch als das Auseinanderbrechen
der fragilen Adressatenkoalition aus traditionellen SPD-Wählern
und modernisierungsorientierten Wählern der neuen Mitte
gesehen werden. Ein Blick auf die Wählergruppen zeigt, dass die
Regierung in beiden Milieugruppen verloren hat, was - so Klein - darauf
hinweist, dass die Doppelstrategie nun unerwünschte Nebenwirkungen
zeigt.
Sven
Jochem/Nico A. Siegel: Das Dilemma des Bündnisses für Arbeit,
FJ NSB 4/99, S. 50-60
Die
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, das ist das erklärte Ziel
der Bundesregierung Schröder. Sven Jochem und Nico Siegel beleuchten
in ihrem Beitrag die Konstellation und Intentionen der Akteure des Bündnisses
für Arbeit. Demnach ergibt sich ein Reibungspunkt im Bündnis
daraus, dass die Akteure aufgrund unterschiedlicher Problemanalysen
zu unterschiedlichen Reformstrategien kommen. Darüber hinaus zeigt
sich, dass das föderalistische System mit seinen fiskalischen Zuständigkeiten
und das komplexe Sozialsystem Reformkonzeptionen erschweren. Die beiden
Autoren erläutern ein nach ihrer Sicht grundlegendes Problem des
Bündnisses: Bislang waren alle Beteiligten darum bemüht, das
Arbeitskräfteangebot zu reduzieren, statt die Steigerung der Beschäftigung
in den Mittelpunkt zu stellen. Diese bedarf aber auch einer intensiven
Auseinandersetzung mit der Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft
und einer Diskussion über die Aufspreizung der Lohn- und Einkommensstruktur.
Um die unterschiedlichen Aspekte in eine Gesamtkonzeption zu bringen
so das Fazit - , bedürfe es der klaren Kurssetzung der Bundesregierung,
die die beiden Autoren bislang im Bündnis für Arbeit noch
nicht erblicken konnten.
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