Heft 2, 2000    

 

In Amt und Ehren?
Zukunft bürgerschaftlichen Engagements
 
Abstracts (deutsch)

Warnfried Dettling: Die Bürgergesellschaft als Reformperspektive oder: Neue Chancen für das Ehrenamt in einer veränderten Welt, FJ NSB 2/00, S. 8-14

In diesem Essay schlägt Warnfried Dettling eine Präzisierung des Begriffes der Bürgergesellschaft vor. In der ersten Dimension versteht er Bürgergesellschaft als eine Bezeichnung für das Große und Ganze. Ihr liegt in diesem Kontext eine Auffassung bürgerschaftlicher Aktivitäten zugrunde, die sich z.B. nicht nur auf die Partizipation über Wahlen versteht. In der zweiten Dimension hat Dettling das Besondere, einen Teilbereich menschlicher Aktivitäten innerhalb der Gesellschaft im Visier. In den sozialen Räumen dieser, wie er es bezeichnet, civil society, schlummern jene Motive gemeinsamen Engagements, auf die wiederum die Bürgergesellschaft im ganzen angewiesen ist (private Freiwilligentätigkeiten in Vereinen, Initiativen oder im Ehrenamt). Bürgergesellschaft ist ohne ökonomische und staatliche Rahmenmaßnahmen für Dettling unvorstellbar. Sie darf jedoch nicht als Ersatz für ureigene staatliche (Sozialstaat) oder ökonomische Aufgaben verstanden werden.

Kurt Beck: Bürgerschaftliches Engagement zwischen Tradition und Aufbruch, FJ NSB 2/00, S. 15-21

Um eine Bürgergesellschaft als eine Gesellschaft mit mehr demokratischer Teilhabe und Eigenverantwortung herauszubilden sollten vor allem zwei Fragen, so Kurt Beck, geklärt werden: Zum einen, wie das Potential bürgerschaftlichen Engagements, seine Beweggründe sowie seine Gestaltungs- und Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen ist und, zum zweiten, welche Rolle die Politik vor diesem Hintergrund spielen kann. Eine Bürgergesellschaft muss die Unternehmen als aktive Partner einschließen; sie sollte berücksichtigen, dass bürgerschaftliches Engagement primär von denen erbracht wird, die ein festes Arbeitsverhältnis haben; schließlich gilt es, auf veränderte Motivationslagen (Spaß, Selbstverwirklichung) der Engagementbereiten einzugehen. Staat und Politik können für die Entwicklung einer Bürgergesellschaft vor allem drei Voraussetzungen erbringen: Zum einen darf die Förderung der Bürgergesellschaft nicht als Vorwand für sozial ungerechte Einschnitte am Sozialstaat erscheinen. Der Staat sollte, zweitens, Freiräume für eigenverantwortliches Handeln und Mitbestimmung in öffentlichen Räumen schaffen. Schließlich müssen sich Staat und Verwaltung als Ermöglichungs- denn Blockadeinstanzen verstehen. Im Kontext dieser Überlegungen und mitnichten als Gegenveranstaltung zu der verfassungsrechtlich vorgesehenen repräsentativen Demokratie, kann sich in Deutschland lebendigere und gerechtere Gesellschaft herausbilden.

Herfried Münkler: Ehre, Amt und Engagement. Warum Bürgersinn ein knappe Ressource ist und wie deren Reproduktion gesichert werden kann, FJ NSB 2/00,
S. 22-32

Die fortschreitende Interventions- und Steuerungsunfähigkeit herkömmlicher Nationalstaaten, verbunden mit einer fortschreitenden Individualisierung moderner Gesellschaften, hat zur Folge, dass der sozio-moralische Zusammenhalt der Gesellschaften schwindet. Vor dem Hintergrund dieser Ausgangsdiagnose und in Abgrenzung gegen jene um die sozio-moralische Dimension verkürzten juristisch-ökonomisch inspirierten Demokratietheorien plädiert Herfried Münkler für ein klassisch-republikanisch geleitetes Verständnis des Bürgers. Bürgersinn und bürgerliche Ehre sind für ihn mehr als nur auf den eigenen Ertrag und das persönliche Fortkommen animierte Ressourcen. Der Bürger als Konsument und Produzent von Freiheit; ein Bürger, der sich fragt, was er für das Land tun kann, unterstützt von entsprechenden staatlichen Rahmenmassnahmen, sind die Voraussetzungen für den Erhalt freiheitlicher Ordnungen.

Helmut Klages: Die Deutschen – ein Volk von ‚Ehrenämtlern‘? Ergebnisse einer bundesweiten Studie, FJ NSB 2/00, S. 33-47

Eine systematische Auswertung der aktuellen bundesweiten Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum ehrenamtlichen Engagement in Deutschland nimmt Helmut Klages vor. Neben vielen interessanten Einzelergebnissen, ragt vor allem heraus, dass die Engagementbereitschaft und auch das noch ungenutzte Engagementpotential sehr hoch sind. Defizite bestehen jedoch bei den Rahmenbedingungen für das Engagement . Ein entscheidender Erfolgsfaktor der Rekrutierung muss die Aussicht und tatsächliche Möglichkeit auf eigenverantwortliches Handeln sein. Die Verantwortungsdelegation nach ‚unten‘ ist bis dato mangelhaft ausgeprägt. So ist das eigentliche Problem nicht der mangelnde Wille, sondern ein mangelndes ‚Dürfen‘. Eine Strategie, dem gerecht zu werden, wäre die Schaffung eines flächendeckenden Netzes engagementfördernder Kontaktstellen, Börsen, Agenturen.>

Gisela Notz: Ehre(n)Amt und Arbeit. Wer ist der Engagierteste im Land?, FJ NSB 2/00, S. 48-57

Forschungen und Veröffentlichungen zum Thema Ehrenamt bzw. bürgerschaftliches Engagement blenden häufig die unterschiedliche Bedeutung des Ehrenamtes für Frauen und Männer aus. Dieser Befund findet sich, so Gisela Notz, auch in der neuesten Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Unter Rückgriff auf diese und zuvor erschienene Studien kann die Autorin nachweisen, dass geschlechterspezifische Arbeitsteilungen innerhalb ehrenamtlicher Tätigkeiten weiterhin existieren. Zum Großteil verrichten die Frauen ihre Aufgaben im Sozial- und Gesundheitsbereich, während die überwiegende Zahl der Männer in politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Bereichen ehrenamtlich arbeitet. Ein Grundproblem sind die unterschiedlichen Voraussetzungen männlicher und weiblicher Ehrenamtstätigkeit: Männer sind zumeist berufstätig und daneben ehrnamtlich tätig. Frauen haben häufig keine berufliche Existenz, leisten also ausschliesslich ehrenamtliche Arbeit. Dabei wollen immer mehr Frauen die ehrenamtliche Arbeit nicht als Ersatz für, sondern als zusätzliche Arbeit neben einer bezahlten Berufsarbeit erbringen. Eine zukunftsorientierte Debatte um Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement muss deshalb die geschlechterspezifischen Bedingungen dieser beiden Tätigkeitsfelder bedenken.

Adrian Reinert: Bürgergesellschaft als Prozess – Wege der Engagementförderung, FJ NSB 2/00, S. 58-63

Empirische Daten über Bewertungen und Einschätzungen staatlich organisierten bürgerschaftlichen Engagements sind, so Adrian Reinert, ebenso vielfältig wie die Vorstellungen, theoretischen Begründungen und Konzepte von Bürgergesellschaft. Dennoch haben sich wesentliche Merkmale neuer Engagementformen herauskristallisiert: thematische und zeitliche Autonomie sowie ein überschaubares Tätigkeitsumfeld. Innerhalb dieser groben Kategorien gibt es wiederum Ausdifferenzierungen. Diese komplexen Strukturen und Voraussetzungen erschweren pauschale Begriffsverwendungen und thematisch übergreifende verbandliche Organisation. Reinert plädiert von daher für ein Verständnis von Bürgergesellschaft als Prozess. Dieser Prozess sollte durch Rahmenbedingungen erleichtert und gefördert werden. Als Stichworte nennt er: engagementfördernde Infrastruktur, Stärkung des Prinzips gegenseitiger Hilfe, umfassende Förderung der Mitverantwortlichkeit sowie eine gerechte Verteilung von Arbeit innerhalb der Gesellschaft.

Gisela Jakob/Heinz Janning: Freiwilligenagenturen – Nach der Gründungseuphorie eine erste Bilanz, FJ NSB 2/00, S.64-76

Der Beitrag von Gisela Jakob und Heinz Janning bietet einen Einblick in das heterogene Organisations- und Tätigkeitsfeld der Freiwilligenagenturen. Zugleich unternehmen die Autoren eine kritische Analyse der Agenturen und ihres politischen Umfeldes. Unterschiedliche Aspekte zeichnen sich dafür verantwortlich, dass eine Freiwilligenagentur-Kultur in Deutschland auf einem wackligen Fundament steht: Zum Einen die unsichere finanzielle Ausstattung der Agenturen durch die öffentliche Fördermittel. Ständige finanzielle Unsicherheit verhindere, so Jakob/Janning, eine kontinuierliche und professionelle Arbeit. Zum Zweiten sehen die etablierten Wohlfahrtsverbände in der Übernahme des Konzeptes der Freiwilligenagenturen einen möglichen Ansatz, ihre eigenen Rekrutierungsprobleme anzugehen. Eine enge Anbindung an einen Spitzenverband widerspricht jedoch dem zentralen Gedanken verbandsunabhängiger und verbandsübergreifender Tätigkeit von Freiwilligenagenturen. Gemeinhin besteht der Auftrag von Freiwilligenagenturen in der umfassenden Engagementförderung. Aus vielerlei Gründen können und wollen Agenturen diesem Auftrag nicht folgen. Die Autoren sehen darin einen wesentlichen Grund schlechter Aussenwahrnehmung und finanzieller Probleme vieler Agenturen. Um den skizzierten Schwierigkeiten Abhilfe zu leisten, fordern Jakob/Janning die Entwicklung unterschiedlicher Trägermodelle, ausreichende öffentliche Mittel sowie eine bundesweit und unabhängig tätige Seviceeinrichtung zur Schaffung engagementförderlicher Rahmenbedingungen.

Gerd Mutz: Unternehmerisches Bürgerschaftliches Engagement: Corporate Social Responsibility, FJ NSB 2/00, S. 77-86

In Debatten um den Ersten (Markt/Wirtschaft), Zweiten (Staat) und Dritten (Gesellschaft) Sektor haben der Erste und Dritte Sektor zunächst wenig gemein. Um diese bestehenden Schranken zwischen den beiden Sektoren zu überwinden, fordert Gerd Mutz eine neue Unternehmens- und Freiwilligenkultur. Hinter der Idee der Corporate Social Responsibility verbirgt sich ein neues Konzept nachhaltiger Unternehmensentwicklung und innovativer Unternehmenskultur. Nicht nur die Bürger selbst, sondern auch die Unternehmen müssen begreifen, dass in einer globalisierten Welt neue Anforderungen an sie vor Ort gestellt werden. Corporate Social Responsibility möchte das bürgerschaftliche Engagement der Unternehmensmitarbeiter fördern und soziale, kulturelle oder ökologische Ziele als Anliegen auch von Unternehmen verstanden wissen. Der Erste und Dritte Sektor sollen beide voneinander lernen und eine wichtige Grundlage für die Entwicklung sozialen Kapitals bilden.

Henk Kinds: Allianzen zwischen Wirtschaftsunternehmen und dem gemeinnützigen Sektor, FJ NSB, S. 87-91

Vor dem Hintergrund seines reichen Erfahrungsschatzes als Praktiker im Handlungsfeld zwischen Ersten, Zweiten und Dritten Sektor plädiert Henk Kinds für mehr Allianzen vor allem zwischen dem Ersten und dem Dritten Sektor (‚Corporate Citizenship‘). Kinds, europaweit tätig, verdeutlicht an Hand von Beispielen aus Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden, was Deutschland aus den dort gemachten Erfahrungen zur Ausbildung von Allianzen zwischen Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützigen Organisationen, Netzwerken oder Initiativen lernen kann. In Deutschland muss sich dafür vor allem das Verständnis des gegenseitigen und voneinander Lernens noch viel stärker herausbilden. Wie es funktioniert, wenn Berührungsängste erst einmal abgebaut worden sind, zeigen Kinds Beispiele aus den genannten Ländern.

Adalbert Evers: Bürgerschaftliches Engagement – Wo sollen die Akzente gesetzt werden? Thesen zur zukünftigen Arbeit der Enquete-Kommission, FJ NSB, 2/00,
S. 92-96

Adalbert Evers warnt vor einer auf Fragen der individuellen Anreize verkürzten Förderung des bürgerschaftlichen Engagements. Nur durch einen Wandel der institutionellen Infrastruktur lässt sich der Dritte Sektor neben Staat und Markt als eigenständiger Faktor einer Bürgergesellschaft in der ganzen Breite sozialer Institutionen stärken. Der erforderliche organisationskulturelle Wandel steht in Deutschland noch aus. Dies gilt auch für den Wandel politischer und gesellschaftlicher Leitbilder, die sich auf das Bürgerengagement beziehen. Es kommt darauf an, die Debatten um die zukünftige Arbeitsgesellschaft, eines gerechten Umbaus des Sozialstaats und des zukünftigen Platzes bürgerschaftlichen Engagements in der Gesellschaft so zu führen, dass weder eine Reduktion von Bürgerengagement auf Arbeit noch dessen Instrumentalisierung in einer sozialpolitischen Umbaudiskussion erfolgt.