Heft 3, 2000    

 

Politische Kommunikation in Deutschland
Botschaften zwischen Illusion und Inszenierung
Abstracts (deutsch)

Jens Tenscher: Politikvermittlungsexperten - Schaltzentralen politischer Kommunikation, FJ NSB 3/2000, S.7-16.

In den USA ist seit Jahren eine Professionalisierung der Politikvermittlung zu beobachten. Auch in Deutschland zeichnet sich dieser Trend ab. Jens Tenscher unterteilt Politikvermittler in Generalisten, Spezialisten und Assoziierte. Die demokratische Legitimierung dieser Experten ist aber fragwürdig, da sie über eine Schlüsselstellung im Rahmen politisch-medialer Interaktion verfügen, jedoch nicht gewählt worden sind.

Frank Esser: Spin doctoring - Strippenzieher hinter den Kulissen, FJ NSB 3/2000, S. 17-24.

Seit einigen Jahren geistert das Gespenst des spin doctors durch die amerikanische Medienlandschaft. Frank Esser erläutert den Begriff und zeigt auf, wie die Experten für politische Kommunikation in den Schaltzentralen der Politik agieren. Sie verkaufen Politik, Meinungen und Hintergründe, sie geben Informationen den richtigen ‚spin'. Ihre zwei Hauptziele sind: die Kontrolle und Beeinflussung der Medienagenda und die Kontrolle und Beeinflussung der Öffentlichkeitsagenda.

Heike Kaltenthaler: Negativ Campaigning - (K)ein Szenario für Deutschland, FJ NSB 3/2000, S. 25-36.

Wahlkampf auf Kosten des politischen Gegners, Verunglimpfung und böswillige Falschaussagen sind in Deutschland noch nicht an der Tagesordnung. So folgte auf die Enthüllungen der Spendenaffaire von CDU/CSU keine perfekt inszenierte Negativkampagne. In den USA dagegen wird ohne ‚Negative Campaigning' keine Wahl gewonnen, was allerdings auf Kosten der Wahlbeteiligung geht, da Parteiunabhängige von negativen Spots zwar überzeugt, nicht aber mobilisiert werden. In Deutschland sieht Heike Kaltenthaler die Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten, auch weil die Parteien hier eine stärkere Position haben. Die Frage ist nur: wie lange noch?

Klaus-Peter Schmidt-Deguelle: Interview mit einem Politikberater und spin doctor, FJ NSB 3/2000, S. 37-45.

In Großbritannien wird die Rolle des spin doctors unter dem Aspekt der demokratischen Legitimation sehr kritsch gesehen. Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, Politik-Berater und spin doctor in der Bundesregierung, relativiert die Kritik im Gespräch mit Thomas Leif, Journalist und Mit-Herausgeber des FJ NSB. Die Frage der Legitimation sei in einem Land der vielfältigen Lobby- und Einflussmöglichkeiten schwer zu beantworten. Wichtig jedoch sei das Vertrauen zwischen spin doctor und ‚Beratungsobjekt' und dass der spin doctor jederzeit ausgewechselt werden kann.

Reinhard Hesse: Die politische Rede - Am Beispiel des Kanzlers Schröder, FJ NSB 3/2000, S. 46-48

Der Erfolg von großen Reden hängt, so der Redenschreiber von Gerhard Schröder, zum einen von der ‚politischen Chemie' zwischen dem Schreiber und seinem Redner ab. Zum zweiten spielt aber auch die politische Konjunktur eine wichtige Rolle. Immer häufiger werden Reden in zitierfähigen Häppchen für die Medien geschrieben. Redenschreiber sind dann gute Berater, so Reinhard Hesse, wenn sie ihr Können dem Erfolg dessen, was der zu Beratende kann, unterordnen.

Peter Ruhenstroth-Bauer: Regierungskommunikation - Aufbruch zu Dialog und Transparenz, FJ NSB 3/2000, S.49-52

Seit dem Regierungswechsel im Jahre 1998 haben sich die Strukturen und Anforderungen an die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung grundlegend geändert. Für Peter Ruhenstroth, stellvertretender Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, ist die Aufarbeitung von Informationen im Sinne der Nachvollziehbarkeit auch komplizierter Sachverhalte die wichtigste Aufgabe der Politischen Kommunikation des BPA. Der Bürger bzw. die Bürgerin gilt dabei als Partner und nicht als Untergebener. Dementsprechend muss die Kommunikation angelegt sein: als Dialog zwischen Gleichen. Neben dieser inhaltlichen Neuorientierung findet z.Zt. auch eine Neuorientierung der Organisation statt.

Suzanne M. Bleier: Regionale Imagekampagnen - Chancen und Risiken für die Identität, FJ NSB 3/2000, S. 53-61

Identifikationsstiftung und die Konkurrenz um Investitionen, Subventionen, Kaufkraftpotenziale und qualifizierte Arbeitskräfte sind die Gründe dafür, dass auch auf politischer Ebene zunehmend Imagekampagnen entworfen werden. Dadurch soll eine einzigartige Identität, eine regionale "Corporate Identity" gebildet werden. Am Beispiel einer Kampagne in Nordrhein-Westfalen analysiert Suzanne M. Bleier Chancen und Risiken dieser Identitätsbildung. Aus der Analyse leitet Bleier folgende Erkenntnisse ab: 1. politisches Handeln muss Distanz zu essistenzialistischen Projektionen auf den ‚Container-Raum' aufweisen, 2. identitätspolitische Projekte müssen abgewandelt werden und 3. das wissenschaftliche und politische Vokabular muss einer kritischen Revision unterzogen werden.

Hans-Jürgen Arlt: Kampagne 2000 - Wie Gewerkschaften kommunizieren, FJ NSB 3/2000, S. 62-68

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund konkurriert um die Gunst der Öffentlichkeit. Deshalb startete der DGB am 1. Mai 2000 unter der Motto "Wer, wenn nicht wir" eine großangelegte Kampagne. Hans-Jürgen Arlt nimmt diese Kampagne zum Anlass, Massenkommunikation und die Abhängigkeit großer demokratischer Gesellschafen von ihr zu hinterfragen. Gewerkschaften müssen öffentlich zeigen, dass sie eine offene, lebendige dialogfähige Organisation sind, die sowohl handeln als auch entscheiden können.

Fouad Hamdan: Aufdecken und Konfrontieren - NGO-Kommunikation am Beispiel Greenpeace, FJ NSB 3/2000, S. 69-74

Was Greenpeace erreichen will ist eine Veränderung in den Köpfen und der Politik. Als wirksamste Methode erscheint dafür eine perfektionierte politische Kommunikation. Fouad Hamdan erläutert die Ziele und Vorgehensweise der Umweltschutzorganisation. Detailliert legt der Insider dar, wie Greenpeace politische Kommunikation nutzt und wer damit erreicht werden soll. Anhand von eigenen Produkten wie dem FCKW-freien Kühlschrank etc. zeigt Hamdan auf, wie die Öffentlichkeit mobilisiert und Wirtschaft und Politik unter Druck gesetzt werden können. Greenpeace versucht, Orientierung zu bieten und zum Handeln zu bewegen. Entscheidend ist dabei die Glaubwürdigkeit und die wissenschaftliche Expertise. Sie sind das größte Kapital einer politischen ‚pressure group'.

Dagmar Wiebusch: Politische Kommunikation - Gradwanderung zwischen Information und Inszenierung, FJ NSB 3/2000, S. 75-80

Politische Kommunikation versucht, Inhalte und Meinungen nach außen und hier vor allem in die Medien zu transportieren und die Diskussion zu beherrschen. Damit ist politische Kommunikation selbst Politik. Ohne politische Kommunikation sind keine Mehrheiten zu gewinnen. In den USA gibt es deshalb heute schon mehr Öffentlichkeitsarbeiter in Unternehmen und Behörden als Journalisten. Auch in Deutschland öffnet sich die Politik mehr und mehr für nicht parteigebundenen professionellen Rat. Dem Vorwurf der ‚geheimen Verführung' begegnet Dagmar Wiebusch mit dem Verweis auf die Urteilsfähigkeit der Menschen. Sie seien sehr wohl in der Lage, ‚Inszenierungen' zu identifizieren.

Michael Behrent: Politik ist nicht Persil - Politische Kommunikation ist nicht Markenkommunikation, FJ NSB 3/2000, S. 81-87

Anders als von manchen ‚Werbeprofis' behauptet, funktioniert Politik anders als Wirtschaft. Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen politischer Kommunikation und Markenkommunikation. Kategorien wie Macht, Glaubwürdigkeit, politische Identität und Vertrauen findet Michael Behrent ausschließlich in der Politik. In der politischen Kommunikation geht es um Beteiligung, nicht um Verkauf. Entgegen weitläufiger Meinungen lernt die politische Kommunikation also nicht von der Markenkommunikation, sondern eher umgekehrt.