Heft 4, 2000    

 

Anders oder gleich - Homosexuelle mischen sich ein
Abstracts (deutsch)

Elisabeth Holzleithner: Die Queer-Debatte, FJNSB 4/00, S. 14-23

Der traditonell als Schimpfwort verwendete Begriff ‚queer' wird seit etlichen Jahren von AktivistInnen auf ihrem gesellschaftlichen Konfrontationskurs mit Heterozentrismus und Homophobie eingesetzt. Queer steht für eine Inklusion vielfältiger, vorläufiger Identitäten im Bereich dargestellter Geschlechterrollen jenseits heterosexueller Normvorgaben. Anstelle einer Integration in die Konzeption von Norm und Abweichung tritt das Ziel einer Multiplikation von Differenzen. Queer-Theorie und Queer-Politik werden im Wissen um Vergänglichkeit und Fragilität von politischen Einheitsversprechen zum Anlass der Aushandlung und Politisierung von Identitäten. Abschließend widmet sich Elisabeth Holzleithner in ihrem Überblick drei kritischen Fragen zum Queer-Ansatz: Führt eine Ablehnung jeglicher Identität als totalisierend zum politischen Stillstand? Wie weit trägt das Versprechen der Inklusion? Wird das in Konflikten entwickelte Unterscheidungsvermögen feministischer Theorie und Praxis, die Zusammenhänge von kultureller Differenz und sozialer Ungleichheit aufzeigen, durch postmodernen Differenzfetischismus torpediert?

Volker Beck: Auf dem Weg zur gesellschaftlichen Normalität. Erfolge und Probleme schwuler und lesbischer Interessenvertretung, FJNSB 4/00, S. 24-29

In seiner Bestandsaufnahme zur schwul-lesbischen Interessenvertretung kommt Volker Beck zu einem eher positiven Fazit. Wenngleich die Vielfalt politischer Forderungen innerhalb der ‚Community' dem weiten Spektrum ihrer Mitglieder entspricht, stößt die Initiative zur Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften auf weitgehend positive Resonanz. Auf Bundesebene habe vor allem der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) mit seiner Öffentlichkeitsarbeit die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung gefördert. Auch wenn der deutsche Sonderweg auf organisatorischer Ebene zu ‚Kleinstaaterei' geführt hat, ist aus einer radikalen Minderheit mittlerweile eine selbstbewusste Massenbewegung geworden. Diese fordert die Anerkennung als soziale Minderheit mit gleichen Rechten und die volle Partizipation am gesellschaftlichen Leben ein.

Jens M. Scherpe: Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Ein rechtsvergleichender Überblick, FJNSB 4/00, S. 30-39

Jens M. Scherpe stellt anhand eines Ländervergleichs drei Ansätze zur Regelung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vor: die Öffnung der Ehe, die Anknüpfung von Rechtsfolgen an das bloße Zusammenleben und die Schaffung eines eigenen Rechtsinstituts. Die Öffnung der Ehe in Deutschland würde wohl eine Verfassungsänderung erfordern. Die Regelung des bloßen Zusammenlebens erscheint nicht nur mit Blick auf die Rechtssicherheit bedenklich. Daher präferiert der Autor einerseits die Schaffung eines Rechtsinstituts für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften (fast) auf dem Niveau der Ehe, andererseits die Schaffung eines oder mehrerer Rechtsinstitute auf niedrigerem Regelungsnivieau. Letztere können dann unabhängig von geschlechtlicher Orientierung in Anspruch genommen werden, eventuell sogar jenseits einer geschlechtlichen Beziehung in Form einer Verantwortungsgemeinschaft.

Stefan Stürmer/Bernd Simon: Mobilisierung schwuler Männer. Teilnahmemotivation im Kontext der deutschen Schwulenbewegung, FJNSB, 4/00, S. 40-51

Stefan Stürmer und Bernd Simon beschäftigen sich in Ihrem Beitrag mit sozialpsychologischen Prozessen, die der Motivation schwuler Männer zum Engagement innerhalb der Schwulenbewegung zugrundeliegen. In ihrem Zwei-Wege Modell sozialer Bewegungsbeteiligung integrieren sie zwei einflußreiche Ansätze der sozialpsychologischen Bewegungsforschung: die Kalkulation von Kosten und Nutzen sowie kollektive Identifikationsprozesse. In drei Studien untersuchen die Autoren die Replizierbarkeit des Modells, seine Vorhersagekraft mit Blick auf tatsächliches Verhalten sowie die inhaltliche Bedeutung einer schwulen Aktivistenidentität. Es zeigt sich, dass soziale Bewegungsbeteiligung schwuler Männer sowohl durch Kalkulations- als auch durch kollektive Idenfikationsprozesse beeinflußt wird. Kollektive Identifikation mit der Schwulenbewegung spielt dabei eine herausragende Rolle.

Jochen Kleres: Gleiche Rechte im Sozialismus. Die Schwulen- und Lesben-Bewegung der DDR, FJNSB 4/00, S. 52-63

Auf der Grundlage von Experteninterviews und einer ausführlichen Literaturrecherche zeigt Jochen Kleres historische Entwicklungslinien und spezifische Merkmale der Schwulen- und Lesben-Bewegung unter dem restriktiven SED-Regime auf. Die unmittelbaren Wurzeln reichen bis in die 70er Jahre zurück, etablieren konnte sich die Bewegung allerdings erst mit Beginn der 80er Jahre. Dies erfolgte einerseits unter dem Dach der Kirche, andererseits in säkularen Gruppen, die zumindest formell Teil staatlich sanktionierter Organisationen waren. Auch wenn sich diese beiden Strömungen hinsichtlich Gelegenheitsstrukturen, Ressourcen und Details ihrer Agenden unterschieden, so teilten sie das Ziel, Diskriminierung zu beenden und auf diese Weise die sozialistische Gesellschaft zu verbessern.