Anders
oder gleich - Homosexuelle mischen sich ein
Abstracts (deutsch)
Der
traditonell als Schimpfwort verwendete Begriff ‚queer' wird
seit etlichen Jahren von AktivistInnen auf ihrem
gesellschaftlichen Konfrontationskurs mit Heterozentrismus und
Homophobie eingesetzt. Queer steht für eine Inklusion vielfältiger,
vorläufiger Identitäten im Bereich dargestellter
Geschlechterrollen jenseits heterosexueller Normvorgaben.
Anstelle einer Integration in die Konzeption von Norm und
Abweichung tritt das Ziel einer Multiplikation von Differenzen.
Queer-Theorie und Queer-Politik werden im Wissen um Vergänglichkeit
und Fragilität von politischen Einheitsversprechen zum Anlass
der Aushandlung und Politisierung von Identitäten. Abschließend
widmet sich Elisabeth Holzleithner in ihrem Überblick drei
kritischen Fragen zum Queer-Ansatz: Führt eine Ablehnung
jeglicher Identität als totalisierend zum politischen
Stillstand? Wie weit trägt das Versprechen der Inklusion? Wird
das in Konflikten entwickelte Unterscheidungsvermögen
feministischer Theorie und Praxis, die Zusammenhänge von
kultureller Differenz und sozialer Ungleichheit aufzeigen, durch
postmodernen Differenzfetischismus torpediert?
In
seiner Bestandsaufnahme zur schwul-lesbischen
Interessenvertretung kommt Volker Beck zu einem eher positiven
Fazit. Wenngleich die Vielfalt politischer Forderungen innerhalb
der ‚Community' dem weiten Spektrum ihrer Mitglieder
entspricht, stößt die Initiative zur Gleichstellung
homosexueller Lebenspartnerschaften auf weitgehend positive
Resonanz. Auf Bundesebene habe vor allem der Lesben- und
Schwulenverband (LSVD) mit seiner Öffentlichkeitsarbeit die
Zustimmung innerhalb der Bevölkerung gefördert. Auch wenn der
deutsche Sonderweg auf organisatorischer Ebene zu
‚Kleinstaaterei' geführt hat, ist aus einer radikalen
Minderheit mittlerweile eine selbstbewusste Massenbewegung
geworden. Diese fordert die Anerkennung als soziale Minderheit
mit gleichen Rechten und die volle Partizipation am
gesellschaftlichen Leben ein.
Jens
M. Scherpe stellt anhand eines Ländervergleichs drei Ansätze
zur Regelung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vor: die Öffnung
der Ehe, die Anknüpfung von Rechtsfolgen an das bloße
Zusammenleben und die Schaffung eines eigenen Rechtsinstituts.
Die Öffnung der Ehe in Deutschland würde wohl eine Verfassungsänderung
erfordern. Die Regelung des bloßen Zusammenlebens erscheint
nicht nur mit Blick auf die Rechtssicherheit bedenklich. Daher
präferiert der Autor einerseits die Schaffung eines
Rechtsinstituts für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
(fast) auf dem Niveau der Ehe, andererseits die Schaffung eines
oder mehrerer Rechtsinstitute auf niedrigerem Regelungsnivieau.
Letztere können dann unabhängig von geschlechtlicher
Orientierung in Anspruch genommen werden, eventuell sogar
jenseits einer geschlechtlichen Beziehung in Form einer
Verantwortungsgemeinschaft.
Stefan
Stürmer und Bernd Simon beschäftigen sich in Ihrem Beitrag mit
sozialpsychologischen Prozessen, die der Motivation schwuler Männer
zum Engagement innerhalb der Schwulenbewegung zugrundeliegen. In
ihrem Zwei-Wege Modell sozialer Bewegungsbeteiligung integrieren
sie zwei einflußreiche Ansätze der sozialpsychologischen
Bewegungsforschung: die Kalkulation von Kosten und Nutzen sowie
kollektive Identifikationsprozesse. In drei Studien untersuchen
die Autoren die Replizierbarkeit des Modells, seine
Vorhersagekraft mit Blick auf tatsächliches Verhalten sowie die
inhaltliche Bedeutung einer schwulen Aktivistenidentität. Es
zeigt sich, dass soziale Bewegungsbeteiligung schwuler Männer
sowohl durch Kalkulations- als auch durch kollektive
Idenfikationsprozesse beeinflußt wird. Kollektive
Identifikation mit der Schwulenbewegung spielt dabei eine
herausragende Rolle.
Auf
der Grundlage von Experteninterviews und einer ausführlichen
Literaturrecherche zeigt Jochen Kleres historische
Entwicklungslinien und spezifische Merkmale der Schwulen- und
Lesben-Bewegung unter dem restriktiven SED-Regime auf. Die
unmittelbaren Wurzeln reichen bis in die 70er Jahre zurück,
etablieren konnte sich die Bewegung allerdings erst mit Beginn
der 80er Jahre. Dies erfolgte einerseits unter dem Dach der
Kirche, andererseits in säkularen Gruppen, die zumindest
formell Teil staatlich sanktionierter Organisationen waren. Auch
wenn sich diese beiden Strömungen hinsichtlich
Gelegenheitsstrukturen, Ressourcen und Details ihrer Agenden
unterschieden, so teilten sie das Ziel, Diskriminierung zu
beenden und auf diese Weise die sozialistische Gesellschaft zu
verbessern.
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