Heft 2, 2000   

 

Pressemitteilung

Neue Trends im bürgerschaftlichen Engagement

Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 13, 2000, Heft 2

Alle Akteure im öffentlichen Bereich reden von dem Modethema Förderung des Ehrenamts. Kaum eine Woche ohne Konferenz, Kongress und neue Studien. Das Thema Ehrenamt hat Hochkonjunktur, die politischen Konsequenzen für die Veränderungen der Bürgergesellschaft werden jedoch kaum beachtet. Die Auswirkung der mit der Ausweitung des Ehrenamts verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen werden nun erstmals in der Sonderausgabe des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen „In Amt und Ehren? Zukunft bürgerschaftlichen Engagements" analysiert. Neun renommierte Autorinnen und Autoren präsentieren aktuelle Untersuchungen und die politischen Trends in der „Ehrenamtspolitik".

Um eine Bürgergesellschaft als eine Gesellschaft mit mehr demokratischer Teilhabe und Eigenverantwortung herauszubilden, sollten, so der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurt Beck, vor allem zwei Fragen geklärt werden: Zum einen, wie das Potential bürgerschaftlichen Engagements, seine Beweggründe sowie seine Gestaltungs- und Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen ist; zum Zweiten, welche Rolle die Politik/der Staat vor diesem Hintergrund spielen können. Eine Bürgergesellschaft muss die Unternehmen als aktive Partner einschließen. Sie sollte berücksichtigen, dass bürgerschaftliches Engagement primär von denen erbracht wird, die ein festes Arbeitsverhältnis haben. Schließlich gilt es, auf veränderte Motivationslagen (Spaß, Selbstverwirklichung) der Engagementbereiten einzugehen. Staat und Politik können dafür vor allem drei Voraussetzungen erbringen: Die Förderung der Bürgergesellschaft nicht als Vorwand für sozial ungerechte Einschnitte im Sozialstaat zu verstehen; Freiräume für eigenverantwortliches Handeln und Mitbestimmung in öffentlichen Räumen schaffen; Staat und Verwaltung müssen sich als Ermöglichungs- und nicht als Blockadeinstanzen verstehen. „Das Zusammenwirken aller drei staatlich zu sichernden Voraussetzungen", so Beck, „wird den Vereinen, Gruppen und Initiativen einen Handlungsraum schaffen, den sie brauchen, um Schritt für Schritt auf das Ideal einer lebendigen, innovationsfreudigen und gerechten Bürgergesellschaft zugehen zu können."

Der Publizist Warnfried Dettling schlägt in seinem Essay eine Präzisierung des Begriffs der Bürgergesellschaft vor. Er macht zwei Dimensionen der Bürgergesellschaft aus. Der ersten liegt eine Auffassung bürgerschaftlicher Aktivitäten zugrunde, die sich z.B. nicht nur auf die Partizipation bei Wahlen beschränkt. In einer zweiten Dimension hat Dettling das Besondere, einen Teilbereich menschlicher Aktivitäten innerhalb der Gesellschaft im Visier. In den sozialen Räumen dieser ‚civil society' schlummern jene Motive gemeinsamen Engagements, auf die wiederum die Bürgergesellschaft im Ganzen angewiesen ist. Bürgergesellschaft so verstanden ist jedoch „kein Ersatz für den Sozialstaat. Sie kann, ja sie muss den Sozialstaat ergänzen und Leitlinien für eine Reform des Sozialstaates" entwickeln und bereitstellen. Darüber hinaus ist Bürgergesellschaft „keine Zauberformel, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und wieder Vollbeschäftigung zu schaffen."

Die fortschreitende Interventions- und Steuerungsunfähigkeit herkömmlicher Nationalstaaten sowie die fortschreitende Individualisierung moderner Gesellschaften hat zur Folge, dass der sozio-moralische Zusammenhalt der Gesellschaften schwindet. Vor dem demokratietheoretischen Hintergrund eines klassisch-republikanischen Verständnis des Bürgers kommt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler vor allem zu folgendem Resultat: Ein Land, dass seinen Bürgern nicht mehr zutraut sich zu fragen, was sie für das Land tun können, „ist an den Voraussetzungen für die Bewahrung einer freiheitlichen Ordnung gescheitert."

Eine systematische Auswertung der aktuellen bundesweiten Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum ehrenamtlichen Engagement in Deutschland nimmt der Speyrer Soziologe Helmut Klages vor. Aus der Untersuchung ragen vor allem zwei Ergebnisse heraus: Die hohe Engagementbereitschaft und das sehr hohe, aber weithin ungenutzte Engagementpotential. Defizite sieht Klages bei den mangelnden Rahmenbedingungen. Zu selten wird den Engagierten eigenverantwortliches Handeln zugetraut. So wird es zukünftig „notwendig sein, ‚Verantwortungsrollen' für möglichst alle bereitzustellen, d.h. solche Rollen, die es den Menschen erlauben, sich die Erfolge ihrer Tätigkeit selbst zuzurechnen." Um das bislang unausgeschöpfte Engagementpotential abzurufen schlägt Klages die „Schaffung eines flächendeckenden Netzes engagementfördernder Kontaktstellen, Börsen Agenturen (oder, verallgemeinernd, einer engagementfördernden ‚Infrastruktur')" vor.

Im Kontext der von Klages untersuchten Studie kommt die Soziologin Gisela Notz zu dem Befund, dass geschlechterspezifische Arbeitsteilungen innerhalb ehrenamtlicher Tätigkeiten weiterhin existieren. Zum Großteil verrichten Frauen ihre Aufgaben im Sozial- und Gesundheitsbereich, während die überwiegende Zahl der Männer in politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Bereichen ehrenamtlich arbeitet. Hauptgrund dafür: Die unterschiedlichen Voraussetzungen männlicher und weiblicher Ehrenamtstätigkeit. Männer sind zumeist berufstätig und daneben ehrenamtlich tätig. Frauen hingegen haben oftmals keine berufliche Existenz. Sie leisten also ausschließlich ehrenamtliche Arbeit. Dabei wollen immer mehr Frauen, so Notz, „die ehrenamtliche Arbeit nicht als Ersatz für, sondern als zusätzliche Tätigkeit neben einer bezahlten Berufsarbeit erbringen." Eine zukunftsorientierte Debatte um Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement „muss deshalb die geschlechterspezifischen Bedingungen dieser beiden Tätigkeitsfelder bedenken."

Trotz Bewertungs- und Interpretationsvielfalt bei der Bestimmung von bürgerschaftlichen Engagement haben sich, so der Geschäftsführer der Stiftung MITARBEIT Adrian Reinert, wesentliche Merkmale neuer Engagementformen herausgebildet: thematische und zeitliche Autonomie sowie ein überschaubares Tätigkeitsfeld. Da es innerhalb dieser Kategorien wiederum Ausdifferenzierungen gibt, plädiert Reinert für ein Verständnis von Bürgergesellschaft als Prozess. Dieser Prozess sollte durch Rahmenbedingungen erleichtert und gefördert werden. Dazu gehören für den Autor „eine engagementfördernde Infrastruktur, die Stärkung des Prinzip der Hilfe auf Gegenseitigkeit, die Förderung der Mitverantwortlichkeit auf allen Ebenen sowie ... eine gerechtere Verteilung der Arbeit in unserer Gesellschaft."

Eine kritische Analyse des Organisations- und Tätigkeitsfeldes von Freiwilligenagenturen und ihres politischen Umfeldes präsentieren Gisela Jakob und Heinz Janning. Die Freiwilligenagentur-Kultur in Deutschland steht auf einem wackeligen Fundament. Schlechte und unsichere finanzielle Ausstattung der Agenturen durch öffentliche Fördermittel und die fortschreitende Übernahme des Agenturkonzeptes, vor allem durch etablierte Wohlfahrtsverbände, erschweren einen systematischen und erfolgreichen Aufbau von Freiwilligenagenturen. Zudem mangelt es bei einer Vielzahl von Agenturen daran, den eigentlichen Auftrag umfassender Engagementförderung wahrzunehmen. Deshalb fordern Jakob/Janning die „Entwicklung unterschiedlicher Trägermodelle, ausreichende öffentliche Mittel sowie eine bundesweit und unabhängig tätige Serviceeinrichtung zur Schaffung engagementförderlicher Rahmenbedingungen."

Für die Idee der Corporate Social Responsibility tritt einer der Enquete-Kommissionsexperten „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" der SPD-Fraktion, Gerd Mutz, ein. Hinter dieser Idee steht ein neues Konzept nachhaltiger Unternehmensentwicklung und innovativer Unternehmenskultur. Nicht nur die Bürger selbst, sondern auch die Unternehmen müssen begreifen, dass in einer globalisierten Welt neue Anforderungen an sie vor Ort gestellt werden. Corporate Social Responsibility möchte das bürgerschaftliche Engagement der Unternehmensmitarbeiter fördern und soziale, kulturelle oder ökologische Ziele als Anliegen auch von Unternehmen verstanden wissen. Vor diesem Hintergrund können dann auch der Erste Sektor (Markt/Wirtschaft) und Dritte Sektor (Gesellschaft) voneinander lernen und eine wichtige Grundlage für die Entwicklung sozialen Kapitals bilden.

Auf der Grundlage seines reichen Erfahrungsschatzes als Praktiker im Handlungsfeld zwischen Ersten, Zweiten (Staat) und Dritten Sektor plädiert Henk Kinds für mehr Allianzen vor allem zwischen dem Ersten und dem Dritten Sektor (‚Corporate Citizenship'). Kinds, europaweit tätig, verdeutlicht an Hand von Beispielen aus Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden, was Deutschland aus den dort gemachten Erfahrungen zur Ausbildung von Allianzen zwischen Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützigen Organisationen, Netzwerken oder Initiativen lernen kann. In Deutschland muss sich insbesondere das Verständnis des gegenseitigen und voneinander Lernens noch viel stärker herausbilden. Wie es funktioniert, wenn Berührungsängste erst einmal abgebaut worden sind, zeigen Kinds Beispiele aus den genannten Ländern.

Der Experte für B'90/Die Grünen in der Enquete Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements",Adalbert Evers, warnt vor einer auf Fragen der individuellen Anreize verkürzten Förderung des bürgerschaftlichen Engagements. Nur durch einen Wandel der institutionellen Infrastruktur lässt sich der Dritte Sektor neben Staat und Markt als eigenständiger Faktor einer Bürgergesellschaft in der ganzen Breite sozialer Institutionen stärken. Der erforderliche organisationskulturelle Wandel steht in Deutschland noch aus. Dies gilt auch für den Wandel politischer und gesellschaftlicher Leitbilder, die sich auf das Bürgerengagement beziehen. Es kommt darauf an, die Debatten um die zukünftige Arbeitsgesellschaft, eines gerechten Umbaus des Sozialstaats und des zukünftigen Platzes bürgerschaftlichen Engagements in der Gesellschaft so zu führen, dass weder eine Reduktion von Bürgerengagement auf Arbeit noch dessen Instrumentalisierung in einer sozialpolitischen Umbaudiskussion erfolgt.

Abgerundet wird das Heft durch eine Vorstellung der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" und einer ausführlichen und aktuellen Sammelrezension zum Thema.

Einige Beiträge dieses Heftes gehen zurück auf Vorträge und Diskussionen einer Veranstaltung vom 3. Dezember 1999 der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz zum Thema ‚Modernes Ehrenamt heute. Symposium zu den gesellschaftlichen Grundlagen, aktuellen Erscheinungsformen und Zukunftsperspektiven bürgerschaftlichen Engagements'.