Heft 2, 2001    

 

Geschlechtsblinder Diskurs
Frauenbewegung im internationalen Vergleich
Abstracts (deutsch)

Wolfgang Kraushaar: Zur Historisierung der 68er-Bewegung, FJ NSB 2/01, S. 13-22.

Eine Historisierung der 68er-Bewegung ist längst überfällig. Wer nicht bereit ist, sich ihr zu stellen, öffnet einer Mythologisierung ebenso wie einer Instrumentalisierung von Teilaspekten Tür und Tor. Allerdings sind die Schwierigkeiten einer solchen Aufgabe nicht zu unterschätzen. Beim Streit um die politische Biographie Bundesaußenminister Fischers ging es sowohl um Macht- als auch um Geschichtspolitik. Die Aufgabe von Zeitgeschichtlern, die 68er-Bewegung einer historischen Erforschung nach wissenschaftlichen Kriterien zu unterziehen, sollte sich von beidem unterscheiden. Weder sollte sie sich an der Instrumentalisierung historischer Bilder beteiligen, noch eine Bewegungsgeschichte allein nach dem Kriterium des ihr inhärenten Modernisierungspotentials untersuchen. Eine Historisierung, die nicht historistisch ausfallen soll, bedarf zweierlei: Zum einen einer Bestimmung der Gegenwart, von der aus eine Historisierung geleistet werden soll, und zum anderen einer Bestimmung der Vergangenheit im Sinne einer Rekapitulierung des historisch Unabgegoltenen.

Raka Ray: Die Last der Geschichte. Frauenbewegung in Indien, FJ NSB, 2/01, S. 23-33.

Der Beitrag vertritt die These, dass es zuwenig Austausch zwischen den Hauptströmungen der Bewegungsforschung und der Forschung über Frauenbewegungen der Dritten Welt gibt. Ray argumentiert unter Rückgriff auf ihre Arbeit über die Frauenbewegung in Indien und der Literatur über Frauenbewegungen der Dritten Welt, dass drei zentrale Fragestellungen der Bewegungsliteratur --- Kollektive Identität, Verständnis der Beschaffenheit des Staates und rechtsextreme Bewegungen - von der Berücksichtigung der Forschung zu Frauenbewegungen in der Dritten Welt profitieren würden. Diese Themen sind in die breitere These eingebettet, dass lokale und internationale historische Prozesse die wichtigsten Kräfte in der Konstruktion und den Möglichkeiten sozialer Bewegungen sind. Gegenwärtige Bemühungen, abstrakte Mechanismen zu entwickeln, um soziale Bewegungen zu verstehen, werden in diesem Beitrag skeptisch beurteilt.

Gay W. Seidman: Das Definieren von Fraueninteressen. Das Beispiel der Gender-Kommission Südafrikas, FJ NSB, 2/01, S. 34-43.

Die südafrikanische Commission on Gender Equality, die in Folge der geschlechtsspezifisch strukturierten Mobilisierung innerhalb der Anti-Apartheidsbewegung geschaffen wurde, stellt ein ungewöhnliches Experiment feministischer Intervention und geschlechtsspezifischer Staatsbürgerschaft dar. Allerdings ist diese Institution mit Schwierigkeiten konfrontiert, wie man am besten „Fraueninteressen” definiert. Anhand einer ethnografischen Studie der Commission on Gender Equality untersucht dieser Beitrag die Prozesse, aufgrund derer die Kommission ihre Prioritäten setzt. Weiterhin setzt er sich mit einigen spannungsreichen Bereichen innerhalb der Kommission auseinander.

Suzanne Staggenborg/Josee Lecomte: Bewegungsgemeinschaften in neuen sozialen Bewegungen. Die Frauenbewegung in Montreal, FJ NSB, 2/01, S. 44-53.

Das Konzept der Bewegungsgemeinschaft baut auf Charakterisierungen der neuen sozialen Bewegungen als dezentralisierten Netzwerken von Akteuren auf, die in der Lage sind, von Zeit zu Zeit zu kollektivem Handeln zusammenzukommen. Der Artikel identifiziert mehrere Merkmale von Bewegungsgemeinschaften, die im Laufe der Zeit variieren und ihre Mobilisierungsfähigkeit beeinflussen: Verbindungen innerhalb und zwischen Bewegungsgemeinschaften; die Anzahl und Art von Organisationen innerhalb der Bewegungsgemeinschaften; die Existenz oder Abwesenheit von Bewegungs’zentren’; und das Ausmaß der Institutionalisierung. Am Beispiel der Frauenbewegung von Montreal wird aufgezeigt, wie die Merkmale der Bewegungsgemeinschaft die Mobilisierung der Kampagne Frauenweltmarsch 2000 beeinflusste sowie deren Auswirkungen auf die Bewegungsgemeinschaften und nachfolgendes kollektives Handeln.

Leila J. Rupp/Verta Taylor: "Liebende Gemeinschaft". Die Gefühlskultur der internationalen Frauenbewegung, 1888-1945, FJ NSB, 2/01, S. 54-64.

Untersuchungen feministischer Organisationen zeigen, dass diese oft distinkte Gefühlskulturen entwickeln, die einer femininen Logik entsprechen, indem sie emotionale Expressivität und sorgende Beziehungen als zentral ansehen. In diesem Artikel wenden wir das Konzept Gefühlskulturen an, das auf sozial konstruktivistischen Ansätzen zu Emotionen beruht, um zu verstehen, wie Frauen in drei zentralen Organisationen der internationalen Frauenbewegungen über nationale Grenzen hinweg Solidarität aufbauten. Unsere Analyse fokussiert auf geschlechtsspezifisch strukturierte Emotionskulturen der internationalen Frauenbewegung, die vom späten 19. Jahrhundert durch den zweiten Weltkrieg hindurch eine liebende Gemeinschaft förderten, die das Potenzial hatte, nationale Rivalität zu transzendieren. Drei Typen von Gefühlsarbeit werden identifiziert, die die Aktivistinnen leisteten: 1. die Inszenierung expressiver öffentlicher Rituale der Aussöhnung von Frauen, die auf gegenüberliegenden Seiten nationaler Konflikte standen, 2. die Schaffung von affektiven Bindungen über nationale Grenzen hinweg. 3. die Nutzung der emotionalen Schablone der Mutterliebe. Die Explikation der Rolle von Emotionen ermöglicht uns, geschlechtsspezifische Prozesse der Formation kollektiver Identität zu erkennen.

Ingrid Miethe:Framingkonzepte aus biographischer Perspektive. Das Beispiel der Frauenfriednesbewegung der DDR, FJ NSB, 2/01, S. 65-75.

Am Beispiel der Frauenfriedensbewegung der DDR wird aufgezeigt, wie die biografische Perspektive zum Verständnis kollektiven Handelns beiträgt indem sie erlaubt nicht nur die Unterschiede zwischen Rahmen zu untersuchen, sondern auch wie und warum sich diese herausbilden. Das zentrale Argument ist, dass nur durch die analytische Aufdeckung des warum auch die Dynamik und die Veränderung sozialer Bewegungen sowie der beteiligten Akteure verstanden werden können. Goffman folgend werden drei verschiedene analytische Ebenen unterschieden: 1. Die deskriptive Ebene der Frames; 2. die performative Ebene, wie die Rahmen gebildet werden; und 3. die Ebene des Keying/der Modulationen, die aufzeigt, welche Konstruktionsprinzipien diesen Rahmen zugrunde liegen und welche Bedeutung diese für die beteiligten Akteure haben. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass die individuellen Variationen, die durch die Anwendung biografischer Methoden aufgezeigt werden, zum Verständnis von Prozessen kollektiver Organisierung und kollektiven Handelns beitragen können.

Cheryl Hercus: Emotion, Bewusstsein und Entwicklung feministerischer Identität. Ein Beispiel aus der australischen Frauenbewegung, FJ NSB, 2/01, S. 76-86.

Der Beitrag untersucht die Beziehung zwischen Identität und Emotion in kollektivem Handeln, insbesondere hinsichtlich feministischer Beteiligung und dem Prozess, eine Feministin zu werden und zu sein. Ein multidimensionales Modell von Beteiligung, das auf vier miteinander verwobenen Dimensionen von Subjektivität beruht - Wissen, Fühlen, Sein und Tun -, wird vorgeschlagen. Es wird argumentiert, dass diese Dimensionen sowohl auf der persönlichen als auch auf der kollektiven Ebene existieren. Wissen, Fühlen, Sein und Tun werden kollektiv als Diskurse und Praktiken konstruiert, die von Individuen als Ressourcen für Identitätskonstruktionen genutzt werden können. Dualistische Konzeptionen, die dazu geführt haben, dass Emotionen entweder ignoriert oder als Kognition untergeordnet angesehen werden, werden zu Gunsten eines integrierten Verständnisses von denkenden und fühlenden Individuen zurückgewiesen. Die theoretischen Aspekte, die in diesem Beitrag aufgezeigt werden, werden anhand einer Studie der australischen Frauenbewegung im nördlichen Queensland illustriert.