Geschlechtsblinder
Diskurs
Frauenbewegung im internationalen Vergleich
Abstracts (deutsch)
Wolfgang
Kraushaar: Zur Historisierung der 68er-Bewegung, FJ NSB 2/01, S.
13-22.
Eine
Historisierung der 68er-Bewegung ist längst überfällig. Wer
nicht bereit ist, sich ihr zu stellen, öffnet einer
Mythologisierung ebenso wie einer Instrumentalisierung von
Teilaspekten Tür und Tor. Allerdings sind die Schwierigkeiten
einer solchen Aufgabe nicht zu unterschätzen. Beim Streit um
die politische Biographie Bundesaußenminister Fischers ging es
sowohl um Macht- als auch um Geschichtspolitik. Die Aufgabe von
Zeitgeschichtlern, die 68er-Bewegung einer historischen
Erforschung nach wissenschaftlichen Kriterien zu unterziehen,
sollte sich von beidem unterscheiden. Weder sollte sie sich an
der Instrumentalisierung historischer Bilder beteiligen, noch
eine Bewegungsgeschichte allein nach dem Kriterium des ihr inhärenten
Modernisierungspotentials untersuchen. Eine Historisierung, die
nicht historistisch ausfallen soll, bedarf zweierlei: Zum einen
einer Bestimmung der Gegenwart, von der aus eine Historisierung
geleistet werden soll, und zum anderen einer Bestimmung der
Vergangenheit im Sinne einer Rekapitulierung des historisch
Unabgegoltenen.
Der Beitrag
vertritt die These, dass es zuwenig Austausch zwischen den
Hauptströmungen der Bewegungsforschung und der Forschung über
Frauenbewegungen der Dritten Welt gibt. Ray argumentiert unter Rückgriff
auf ihre Arbeit über die Frauenbewegung in Indien und der
Literatur über Frauenbewegungen der Dritten Welt, dass drei
zentrale Fragestellungen der Bewegungsliteratur --- Kollektive
Identität, Verständnis der Beschaffenheit des Staates und
rechtsextreme Bewegungen - von der Berücksichtigung der
Forschung zu Frauenbewegungen in der Dritten Welt profitieren würden.
Diese Themen sind in die breitere These eingebettet, dass lokale
und internationale historische Prozesse die wichtigsten Kräfte
in der Konstruktion und den Möglichkeiten sozialer Bewegungen
sind. Gegenwärtige Bemühungen, abstrakte Mechanismen zu
entwickeln, um soziale Bewegungen zu verstehen, werden in diesem
Beitrag skeptisch beurteilt.
Die südafrikanische
Commission on Gender Equality, die in Folge der
geschlechtsspezifisch strukturierten Mobilisierung innerhalb der
Anti-Apartheidsbewegung geschaffen wurde, stellt ein ungewöhnliches
Experiment feministischer Intervention und
geschlechtsspezifischer Staatsbürgerschaft dar. Allerdings ist
diese Institution mit Schwierigkeiten konfrontiert, wie man am
besten „Fraueninteressen” definiert. Anhand einer
ethnografischen Studie der Commission on Gender Equality
untersucht dieser Beitrag die Prozesse, aufgrund derer die
Kommission ihre Prioritäten setzt. Weiterhin setzt er sich mit
einigen spannungsreichen Bereichen innerhalb der Kommission
auseinander.
Das Konzept der
Bewegungsgemeinschaft baut auf Charakterisierungen der neuen
sozialen Bewegungen als dezentralisierten Netzwerken von
Akteuren auf, die in der Lage sind, von Zeit zu Zeit zu
kollektivem Handeln zusammenzukommen. Der Artikel identifiziert
mehrere Merkmale von Bewegungsgemeinschaften, die im Laufe der
Zeit variieren und ihre Mobilisierungsfähigkeit beeinflussen:
Verbindungen innerhalb und zwischen Bewegungsgemeinschaften; die
Anzahl und Art von Organisationen innerhalb der
Bewegungsgemeinschaften; die Existenz oder Abwesenheit von
Bewegungs’zentren’; und das Ausmaß der
Institutionalisierung. Am Beispiel der Frauenbewegung von
Montreal wird aufgezeigt, wie die Merkmale der
Bewegungsgemeinschaft die Mobilisierung der Kampagne
Frauenweltmarsch 2000 beeinflusste sowie deren Auswirkungen auf
die Bewegungsgemeinschaften und nachfolgendes kollektives
Handeln.
Untersuchungen
feministischer Organisationen zeigen, dass diese oft distinkte
Gefühlskulturen entwickeln, die einer femininen Logik
entsprechen, indem sie emotionale Expressivität und sorgende
Beziehungen als zentral ansehen. In diesem Artikel wenden wir
das Konzept Gefühlskulturen an, das auf sozial
konstruktivistischen Ansätzen zu Emotionen beruht, um zu
verstehen, wie Frauen in drei zentralen Organisationen der
internationalen Frauenbewegungen über nationale Grenzen hinweg
Solidarität aufbauten. Unsere Analyse fokussiert auf
geschlechtsspezifisch strukturierte Emotionskulturen der
internationalen Frauenbewegung, die vom späten 19. Jahrhundert
durch den zweiten Weltkrieg hindurch eine liebende Gemeinschaft
förderten, die das Potenzial hatte, nationale Rivalität zu
transzendieren. Drei Typen von Gefühlsarbeit werden
identifiziert, die die Aktivistinnen leisteten: 1. die
Inszenierung expressiver öffentlicher Rituale der Aussöhnung
von Frauen, die auf gegenüberliegenden Seiten nationaler
Konflikte standen, 2. die Schaffung von affektiven Bindungen über
nationale Grenzen hinweg. 3. die Nutzung der emotionalen
Schablone der Mutterliebe. Die Explikation der Rolle von
Emotionen ermöglicht uns, geschlechtsspezifische Prozesse der
Formation kollektiver Identität zu erkennen.
Am Beispiel der
Frauenfriedensbewegung der DDR wird aufgezeigt, wie die
biografische Perspektive zum Verständnis kollektiven Handelns
beiträgt indem sie erlaubt nicht nur die Unterschiede zwischen
Rahmen zu untersuchen, sondern auch wie und warum sich diese
herausbilden. Das zentrale Argument ist, dass nur durch die
analytische Aufdeckung des warum auch die Dynamik und die Veränderung
sozialer Bewegungen sowie der beteiligten Akteure verstanden
werden können. Goffman folgend werden drei verschiedene
analytische Ebenen unterschieden: 1. Die deskriptive Ebene der
Frames; 2. die performative Ebene, wie die Rahmen gebildet
werden; und 3. die Ebene des Keying/der Modulationen, die
aufzeigt, welche Konstruktionsprinzipien diesen Rahmen zugrunde
liegen und welche Bedeutung diese für die beteiligten Akteure
haben. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass die individuellen
Variationen, die durch die Anwendung biografischer Methoden
aufgezeigt werden, zum Verständnis von Prozessen kollektiver
Organisierung und kollektiven Handelns beitragen können.
Der Beitrag
untersucht die Beziehung zwischen Identität und Emotion in
kollektivem Handeln, insbesondere hinsichtlich feministischer
Beteiligung und dem Prozess, eine Feministin zu werden und zu
sein. Ein multidimensionales Modell von Beteiligung, das auf
vier miteinander verwobenen Dimensionen von Subjektivität
beruht - Wissen, Fühlen, Sein und Tun -, wird vorgeschlagen. Es
wird argumentiert, dass diese Dimensionen sowohl auf der persönlichen
als auch auf der kollektiven Ebene existieren. Wissen, Fühlen,
Sein und Tun werden kollektiv als Diskurse und Praktiken
konstruiert, die von Individuen als Ressourcen für Identitätskonstruktionen
genutzt werden können. Dualistische Konzeptionen, die dazu geführt
haben, dass Emotionen entweder ignoriert oder als Kognition
untergeordnet angesehen werden, werden zu Gunsten eines
integrierten Verständnisses von denkenden und fühlenden
Individuen zurückgewiesen. Die theoretischen Aspekte, die in
diesem Beitrag aufgezeigt werden, werden anhand einer Studie der
australischen Frauenbewegung im nördlichen Queensland
illustriert.
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