Heft 4, 2001    

 

Der EU-Koloss - Demokratiefreie Zone?
Abstracts (deutsch)

Gunnar Folke Schuppert: Europäische Zivilgesellschaft - Phantom oder Zukunftsprojekt, FJ NSB 4/01, S. 5-13.

"Der Europäisierungsprozess", so Gunnar Folke Schuppert in seinem Essay, "ist unzweifelhaft in Gang". Eine ausgebildete europäische Zivilgesellschaft nach dem Vorbild nationaler Zivilgesellschaften vermag er aktuell allerdings nicht zu erkennen. Schuppert weist vielmehr auf einen Prozess der Europäisierung der Nationalstaaten hin, einen Prozess, der notwendig den "ganzen Nationalstaat ergreift, seine Wirtschaft, seine Politik, sein Rechtssystem, seine Gesellschaft und damit auch seine spezifische Form der Zivilgesellschaft." Der Autor untersucht diesen Prozess der Europäisierung an Hand unterschiedlicher Felder (europäische Verfassungsidentität, europäische Symbole, europaweite Netzwerkstrukturen zivilgesellschaftlicher Akteure). In einem weiteren Schritt diskutiert er staatliche und gesellschaftliche Mitwirkungsmöglichkeiten beim Ausbau europäischer zivilgesellschaftlicher Strukturen, um vor diesem Hintergrund eine langfristige, durchaus positive Perspektive für eine europäische Zivilgesellschaft zu erkennen.

Jo Leinen: Regieren in Europa - Mit oder ohne Bürger?, FJ NSB 4/01, S. 14-19.

Ausgehend von den Umfragen des Euro-Barometers und der zunehmend skeptischen Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zur Europäischen Union beleuchtet Jo Leinen einen grundlegenden Konstruktionsfehler der Europäischen Einigung: die Konstitution eines Europas der Regierungen und nicht eines Europas der Bürger. Um ein solches Europa der Bürger und eine Europäischen Föderation zu erreichen, stellt Leinen in seinen Vorschlägen mehrere Instrumente vor: einen europäischen Verfassungs-Konvent, die Klärung des Regierungssystems auf europäischer Ebene, ein Statut für Europäische Parteien. Für die europäische Gesetzgebung schlägt der Autor ein Zweikammersystem vor, in dem neben einem direkt gewählten Europa-Parlament als Bürgerkammer der Ministerrat als Staatenkammer fungiert. Zudem fordert Leinen eine Unionsbürgerschaft, die auf verfassungsrechtlich verbindlichen Grundrechten beruht, die vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg einklagbar sind. Leinen stellt abschließend fest, dass ein Europa der Bürger nur mit einer europäischen Öffentlichkeit und einer demokratischen Beteiligung denkbar ist. Hierfür fordert er auch den Ausbau direkt-demokratischer Elemente ein.

Christiane Lemke: Aktive Bürgerschaft und Demokratie in der Europäischen Union, FJ NSB 4/01, S. 20-29

In ihrer demokratietheoretischen Analyse geht Christiane Lemke auf das Problem des Demokratiedefizits in der EU ein, um dann in einem zweiten Schritt die Entwicklung der europäischen Unionsbürgerschaft und die Frage der Bürgerbeteiligung zu erörtern. Lemke plädiert in ihrem Beitrag für ein evolutionäres Verständnis von Bürgerschaft und für die Entwicklung einer übergreifenden Rechtskultur (‚culture of rights') in Europa, die vor allem auch in Hinblick auf die Erweiterung der EU von Bedeutung ist. Das Modell der aktiven Bürgerschaft für Europa, die sich auf verschiedenen Ebenen innerhalb des Institutionensystems der EU umsetzen kann, bedarf dem europäischen Bürgerrechtsgedanken als einem zentralen Bezugspunkt. Die Weiterentwicklung des aktiven und passiven Wahlrechts sowie der progressive Ausbau der Kontroll- und Mitspracherechte des Europäischen Parlaments gegenüber der Kommission sind dabei zur Stärkung dieses Bürgerrechtsgedankens notwendig.

Juan Díez Medrano: Die Qualitätspresse und Europäische Integration, FJ NSB 4/01, S. 30-41

Der Beitrag von Medrano behandelt die Frage nach der Existenz und nach den Entstehungsbedingungen einer europäischen Öffentlichkeit. In einer umfassenden Analyse von Leitartikeln und Kommentaren aus britischen, spanischen und deutschen Qualitätszeitungen untersucht der Autor, ob sich eine zunehmend europäische Öffentlichkeit finden lässt, die sich gegenüber der traditionellen nationalstaatlichen Berichterstattung etabliert. Als Kriterien überprüft Medrano, ob die Leitartikler ihre Zielsetzungen einheitlich aus der Perspektive des jeweiligen politisch-territorialen Raumes und nicht aus der Perspektive ihrer nationalstaatlichen Räume als Austragungsorte dieser Auseinandersetzungen formulieren und ob sie in den unterschiedlichen Mitgliedsländern der EU gleiche Themen debattieren und in ihren Problemrahmungen übereinstimmen. Medrano kommt zu dem Schluss, dass die Berichterstattung eine sich zögerlich entfaltende, europäische Öffentlichkeit schließen lässt, die jedoch gegenüber den nationalen Öffentlichkeiten nach wie vor sekundär bleibt. Das Ausbleiben von spezifischen Debatten zwischen den Akteuren in den unterschiedlichen Mitgliedstaaten weist darauf hin, dass sich die europäische Öffentlichkeit im Gegensatz zu den nationalen Öffentlichkeiten aller Wahrscheinlichkeit nach als eine ‚versäulte Öffentlichkeit' entfalten wird.

Christoph O. Meyer: Europäische Öffentlichkeit als Watchdog - Transnationaler Journalismus und der Rücktritt der EU-Kommission, FJ NSB 4/01, S. 42-51

Christoph Meyer untersucht am Beispiel des Echo/Cresson-Falles die Arbeit des Pressecorps in Brüssel. Seine Auswertung der Fallstudie über den Betrugsskandal, der zum Rücktritt der EU-Kommission im März 1999 führte, deuten darauf hin, dass die Kontrolle politischer Verantwortung durch eine länderübergreifende Medienöffentlichkeit möglich ist. Dies wertet Meyer dahingehend, dass sich über diesen wichtigen Fall hinaus, die Bedingungen für die Entstehung einer transnationalen Öffentlichkeit verbessert haben. Allerdings kann der Autor auch weiterhin erhebliche Hindernisse gegenüber einer fortschreitenden Synchronisierung der europapolitischen Debatten in nationalen Medienöffentlichkeiten ausmachen. Insbesondere die Medienorganisationen und Journalisten selbst - so Meyer - sollten größere Anstrengungen unternehmen, um mit der Europäisierung des politischen Handelns Schritt zu halten.

Martin Brusis: Europäische und nationale Identität in den Beitrittsdiskursen Mittel- und Osteuropas, FJ NSB 4/01, S. 53-60

In seinem Beitrag analysiert Martin Brusis die Voraussetzungen bzw. Erfolgsfaktoren der Fusion nationaler und europäischer Identitätskonstrukte im Kontext der Osterweiterung der Europäischen Union. Dabei gewinnt die Beziehung zwischen nationaler und europäischer Identität zunehmend an politischer Bedeutung, da die meisten Regierungen der Beitrittsländer derzeit beabsichtigen, Referenden über die EU-Mitgliedschaft abzuhalten. Der Autor skizziert auf der Basis von Umfragen und Länderstudien, wie die öffentliche Perzeption Europas und der EU-Mitgliedschaft sich in den mittel- und osteuropäischen Ländern in den letzten zehn Jahren verändert hat. Darüber hinaus beschreibt Brusis Länderunterschiede in EU-bezogenen Einstellungen sowie euroskeptischen Haltungen und ihre Determinanten. Er konstatiert, dass innerhalb der EU ein Sensorium fehlt, das anzeigen könnte, wie EU-interne Entscheidungen und Diskussion sich auf die innergesellschaftliche Funktion europäischer Identität in den Beitrittsländern auswirken. In seinem Fazit kommt der Autor zu dem Schluss, dass aufgrund der unterschiedlichen Definitionen und Konnotationen der europäischen Identität, eine sorgfältige Beobachtung der politischen Debatte in jedem einzelnen Land und eine national spezifische Kommunikationspolitik der EU notwendig ist.

Helen Schwenken: "No border, no nation, stop deportation!" - Protestmobilisierung gegen das europäische Grenzregime, FJ NSB 4/01, S. 61-69

Helen Schwenkens Beitrag verfolgt unterschiedliche Protestmobilisierungen von antirassistischen Gruppierungen und Flüchtlingsorganisationen zum Grenzregime der Europäischen Union. Dabei vertritt die Autorin die These, dass territoriale Grenzverläufe und deren (Un-)Durchlässigkeit für bestimmte Personengruppen zum Kristallisationspunkt migrationsbezogener Mobilisierung werden. Sie stellen einen Bestandteil der auf mehreren Ebenen angesiedelten europäischen Protestmobilisierung dar. In ihrer bewegungssoziologischen Analyse greift Schwenken aktuelle Debatten aus der interdisziplinären Grenzforschung auf, in denen der Bedeutungswandel von Grenzen zum Thema gemacht wird.

Jochen Roose: Die Basis und das ferne Brüssel - Umweltorganisationen und politische Arbeit auf europäischer Ebene, FJ NSB 4/01, S. 70-77

Eine Demokratisierung der Europäischen Union durch zivilgesellschaftliche Akteure setzt voraus, dass diese Akteure strukturell in der Lage sind, auf europäischer Ebene Bürgerinteressen einzubringen. Jochen Roose diskutiert in seinem Beitrag am Beispiel nationaler Umweltorganisationen die Möglichkeit von Interessenorganisationen, Bürgerinteressen auf die europäische Ebene zu vermitteln. Zunächst ist die vergleichsweise geringe Aktivität der Umweltorganisationen auffällig. Die in der Literatur gebotene Erklärung durch ein Dilemma von Mitgliedschaftslogik und Einflusslogik wird aber durch weitere Befunde in Frage gestellt. Die Hindernisse für europäische Arbeit sind nicht in diesem Dilemma zu suchen, sondern bei den angesichts der schwierigen Aufgabe überforderten Umweltorganisationen selbst.