Heft 2, 2002   

 

"Ohne sie zieht die neue Zeit"
Gewerkschaften in der Sackgasse?
Abstracts (deutsch)

Warnfried Dettling: Gewerkschaften und Bürgergesellschaft. Anmerkungen zu einer schwierigen Beziehung, FJNSB 2/2002, S.7-12.

Warnfried Dettling erörtert in seinem Essay die Rolle und Bedeutung der Gewerkschaften in einer sich verändernden Umwelt. Dabei geht er mit den Gewerkschaften hart ins Gericht, weil sie, nach seiner Einschätzung, ihren Platz in der ‚Bürgergesellschaft' bisher nicht einzunehmen bereit sind. Haben sie, so fragt der Autor, ihre Fähigkeit zu Gestaltung und Partizipation im politischen Raum eingebüßt und sind sie den neuen Formen demokratischer Beteiligung nicht gewachsen?

Bodo Zeuner/Mike Fichter: Zukunft der Gewerkschaften. Erkenntnisse aus einer Literaturstudie, FJ NSB 2/2002, S.13-28

Die Zukunft der Gewerkschaften wird in der wissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert. Der Beitrag referiert den Stand der Debatte. Dabei gehen die Einschätzungen über die veränderten Anforderungen im Zeitalter der Globalisierung wenig auseinander, wohl aber die empfohlenen Strategien zur Überwindung der unbestritten restriktiven Rahmen- und Handlungsbedingungen. Die Autoren zeigen aber, mit fünf zentralen Perspektiven, auch Handlungsoptionen resp. Schritte aus der Sackgasse für die deutschen Gewerkschaften auf.

Sabine Krüger: Gewerkschaften und NGOs. Mit einer neuen Kooperationskultur aus der Sackgasse?, FJ NSB 2/2002, S. 29-39

Ein Zusammengehen von Gewerkschaften und Bewegungen wird lange schon beschworen, warum aber kam es nicht dazu und was hat sich in den letzten Jahren verändert? Können Bündnisse zwischen NGOs und Gewerkschaften neue Handlungsoptionen für beide Seiten eröffnen oder sind es nur ‚Allianzen der Schwäche'? Der Beitrag reflektiert die Entwicklung des Verhältnisses von NGOs und Gewerkschaften und fragt nach dem wie und warum der Annäherung. Die Unterschiede in den Interessenlagen und Arbeitsweisen der ungleichen Partner kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Motive, die Praxis und die Erfolgsbedingungen sozial-ökologischer Bündnisse.

Heinrich Tiemann: Rot-grün und Gewerkschaften - Altes Bündnis oder Ende einer Partnerschaft?, FJNSB 2/2002, S.40-48
Klaus Lang: Die Mitte gewinnen - die Mehrheit nicht verlieren, FjNSB 2/2002, S. 49-57

Zwar gibt es noch immer viele gemeinsame programmatische Schnittstellen und verbindende Werteorientierungen (Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung), aber in der aktuellen Bewertung der konkreten Tagespolitik überwiegen erhebliche Differenzen. Das untergekühlte, zum Teil zerrüttete Verhältnis zwischen rot-grüner Bundesregierung und der IG Metall zeigen die beiden Texte von Heinrich Tiemann und Klaus Lang. Interessant ist die unterschiedliche Wahrnehmung und Einordnung rot-grüner Regierungspraxis. So liest sich der Beitrag von Heinrich Tiemann (Ex-IG Metall Funktionär) aus dem Bundeskanzleramt wie eine reine Erfolgsstory rot-grüner Regierungstätigkeit für die ArbeitnehmerInnen, während Klaus Lang für die IG Metall darin nicht mehr als Stückwerke erkennt und besonders ein gemeinsames Projekt zur Erneuerung der Arbeitsgesellschaft vermisst. Auch in der Bewertung des ‚Bündnisses für Arbeit' liegen die aus Kanzleramt und Gewerkschaftszentrale agierenden Akteure auseinander.

Friedericke Habermann: Peoples Global Action - Globalisierung von unten., FJNSB 1/02, S. 34-39.

Für Informationsaustausch und Aktionskoordinierung gegen die neoliberale Globalisierung bildete sich 1998 das transnationale Netzwerk Peoples Global Action (PGA). Friederike Habermann arbeitet in ihrem Beitrag anhand der Entstehungsgeschichte, den Inhalten und der Struktur von PGA die Besonderheiten dieser Bewegung heraus, die ohne Büro und Hauptamtliche eine internationale Vernetzung herstellt. PGA versteht sich als Plattform und nicht als Organisation mit Mitgliedern. Diese Plattform bietet den verschiedensten Strömungen und Gruppierungen ein Forum, um sich gegenseitig in ihren Kämpfen gegen die Globalisierung zu unterstützen. PGA ist im radikalen Widerstand die entscheidende Vernetzung für Bewegungen aus dem Süden, so Habermann.

Anke Hassel: Sozialpakte. Die deutschen Gewerkschaften im Bündnis für Arbeit, FJ NSB 2/2002, S. 58-67

Anke Hassel resümiert kenntnisreich den Prozess der Bündnisverhandlungen in den vergangenen vier Jahren, erläutert die markanten Umschwünge in den Rahmenbedingungen und fragt nach den Handlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften im Kontext Sozialer Pakte. Sie eruiert, ob und für welche Branchen der politische Tausch in der bundesdeutschen Variante des ‚Bündnis für Arbeit' zwischen den Parteien des Tripartismus gelingt. Hassel reflektiert kritisch die eigene Verantwortung der Gewerkschaften für das Misslingen des Tauschmechanismus. Ein mögliches Scheitern wird auf innerorganisatorische Strukturen und differente Kräfteverhältnisse zwischen Gewerkschaftsspitzen und Untergliederungen zurückgeführt.

Wolfgang Schroeder: Arbeitgeberverbände im Modell Deutschland: Kontinuität und Wandel, FJNSB 2/2002, S. 68-77

Neben veränderten Rahmenbedingungen und nötigen internen Modernisierungsprozessen hängt die Stärke der Gewerkschaften auch vom Handlungsspielraum und Organisationsgrad ihrer Tarifpartner ab. Mit Bezug auf das Modell Deutschland und das Verhältnis der Tarifparteien zueinander kommt Wolfgang Schroeder zu der interessanten, eigenwilligen These: Eine derzeit zu beobachtende Schwächung der Arbeitgeberverbände bedroht auch die Stärke der Gewerkschaften.

Hans-Joachim Schabedoth: Einzelgewerkschaften, der DGB und die gemeinsame Organisationsreform, FJNSB 2/2002, S. 78-84

Der Deutsche Gewerkschafts Bund (DGB) kann seine Legitimation und seinen Einfluss gegenüber der Einzelgewerkschaften, so Hans-Joachim Schabedoth, aus der Interessenvertretung auf europäischer Ebene und als anerkannte Vertretung des Rechtsschutzes beziehen. Die unter dem Dach des DGB ausgegliederte Rechtsschutz GmbH ist größter Anbieter der Rechtsberatung und Prozessvertretung und bietet die Chance, "mit gesicherten Qualitätsstandards die Leistunsgfähigkeit der Gewerkschaften auf diesem Gebiet zu steigern", so der Autor.

Martin Kempe: Gewerkschaften und moderne Kommunikation - Das Beispiel ver.di, FJ NSB 2/2002, S. 85-89

Die aus fünf Einzelgewerkschaften fusionierte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di steht vor enormen organisatorischen Anforderungen. Eine davon ist die Zusammenführung und Neugestaltung der Kommunikationsmedien und -Strukturen. Der Beitrag beleuchtet kritisch das Wollen und Werden des Bereichs Kommunikation im Gründungsprozess der entstandenen ver.di. Dabei werden die Schwierigkeiten überkommener Organisationsstrukturen und heterogener Interessen beleuchtet, aber auch die Vision einer integrierten Kommunikationskultur präsentiert.