Heft 3, 2002   

 

Partizipation und Mitgestaltung
Wege aus der Intensivstation Gesundheitswesen

Abstracts (deutsch)

Adalbert Evers: Demokratie und Bürgerorientierung als Reformkomponente im Gesundheitsbereich, FJNSB 3/2002, S. 8-12.

Der Autor stellt Ergebnisse der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" zur Förderung von Demokratie und Bürgerorientierung im Gesundheitswesen vor, in der er als Sachverständiger tätig war. Er beschreibt die bestehenden Potentiale von Engagement, Selbstorganisation und Beteiligung im Gesundheitswesen (Selbsthilfebewegung, Patientenfürsprecher, Hospizbewegung, aber auch das fachliche und gesellschaftspolitische Engagement). Das derzeitige System der Selbstverwaltung ist durch die Macht starker Interessengruppen geprägt. Die Krankenversicherungen sollten durch gestärkte Wahlrechte der Patienten und mehr Gestaltungsrechte der Kassen in der Versorgungsorganisation zu einer echten Selbstverwaltungsorganisation der Versicherten entwickelt werden. Diesen Prozess müssen unabhängige und öffentlich verantwortete Patientenschutzeinrichtungen (Patientenanwaltschaft, Verbraucherschutzorganisationen) extern begleiten.

Ulla Schmidt: Patientinnen und Patienten müssen im Mittelpunkt stehen, FJ NSB 3/2002, S. 13-17

Die Bundesgesundheitsministerin erläutert die Grundzüge einer sozialdemokratischen Gesundheitspolitik, die auf der Grundlage einer solidarischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung aufbaut. Sie fordert eine Umorientierung von einer Betrachtung der Patientinnen und Patienten als Objekte der Fürsorge zu einer hin zu mehr Mitsprache und Mitgestaltung der Versicherten und Patientinnen und Patienten. Ihr Beitrag bilanziert vor diesem Hintergrund die gesundheitspolitischen Maßnahmen ihres Ressorts. Dazu zählen u.a. Wahlrechte der Versicherten, die Krankenkasse zu wechseln, die Verbesserungen für chronisch kranke Menschen durch eine Neuordnung des Riskostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung und Maßnahmen der Verbesserung von Transparenz, Beratung und Information. Im Pflege-Qualitätssicherungsgesetz und im Gesetz zur Einführung von Fallpauschalen im Krankenhaus wurden Informationsrechte der Versicherten ausdrücklich festgeschrieben. Die Krankenkassen haben seit der Gesundheitsreform 2000 ausdrücklich die Aufgabe, unabhängige Einrichtungen zur Verbraucher- und Patientenberatung finanziell zu fördern. Schmidt plädiert für eine Stärkung präventiver Maßnahmen und eine nachhaltige Stärkung der Mitwirkungsrechte der Patientinnen und Patienten.

Fritz Kuhn/Katrin Göring-Eckardt: Bürgerbeteiligung - Reformmotor für das Gesundheitswesen, FJNSB 3/02, S. 18-22

Der Bundesvorsitzende und die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen weisen auf massive Qualitätsprobleme des deutschen Gesundheitswesens hin. Die Ursache sehen sie in institutionellen Blockaden und einer einseitigen Ausrichtung des Systems auf die Leistungserbringer und Kostenträger. Im Zentrum künftiger Gesundheitsreform müsse daher die Aufwertung der Rolle der Versicherten und Patienten stehen: u.a. fordern sie mehr Wahlfreiheiten der Versicherten und Patienten, eine bundesweite Struktur der Patientenunterstützung und -beratung analog dem Verbraucherschutz und eine Stärkung der kollektiven Beteiligungsrechte von Versicherten und Patienten. Sie unterstützen in diesem Zusammenhang die Forderung der Gesundheitsbewegung nach einer ‚dritten Bank' von Patientenvertretern neben den Vertretern von Ärzteschaft und Kassen in den Gremien des Gesundheitswesens. Für den erforderlichen Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen, der sowohl Qualität als auch Wirtschaftlichkeit anstrebt, ist eine stärkere Partizipation von Versicherten und Patienten unverzichtbar.

Frank Bsirske/Ulla Derwein: Neue Rollen in der Gesundheitspolitik?, FJNSB 3/02, S. 23-28

Die solidarische Krankenversicherung wird von den Gewerkschaften in erheblichem Umfang mitgestaltet. Ver.di vertritt über 400.000 im Gesundheitswesen Beschäftigte und möchte über den ihr zukommenden Einfluß in den Gremien der Selbstverwaltung jenseits der Leistungserbringer eine starke Lobby für die Patientinnen und Patienten initiieren. Frank Bsirske, der Vorsitzende von ver.di, und Ulla Derwein, die im Bundesvorstand von ver.di für die Beschäftigten im Gesundheitswesen und für Gesundheitspolitik verantwortlich ist, verstehen die Dienstleistungsgewerkschaft als ‚große Patientenorganisation'. Ver.di hat in diesem Jahr eine Gesundheitskampagne gestartet. Ziel ist es, unterschiedliche Interessen und Organisationen, insbesondere Patienteninitiativen und Selbsthilfegruppen und deren Organisationen und Verbände, zu einem Netzwerk für Patienteninteressen fortzuentwickeln.

Stefan Greß/Christina Tophoven/Jürgen Wasem: Exit und Voice - Zum Steuerungspotential von Versicherten und Patienten, FJNSB 3/02, S. 29-38

Aufbauend auf dem Konzept von ‚Exit' und ‚Voice' von Albert o. Hirschman analysieren die Autoren das auf Nachfrage und politischer Einflußnahme beruhende Steuerungspotential von Versicherten und Patienten im Gesundheitswesen. Sie skizzieren die Entwicklung des Gesundheitssystems im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Versicherten und Krankenkassen einerseits, zwischen Patienten und Leistungsanbietern andererseits. Vor diesem Hintergrund empfehlen sie insbesondere den Ausbau der Interessenvertretung der Versicherten gegenüber den Krankenkassen.

Bernhard Badura: Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen Vom Anbieter- zum Verbraucherschutz, FJNSB 3/02, S. 39-46

Ein wesentliches Strukturproblem des Gesundheitswesens ist, so Badura, das unausgewogene Verhältnis zwischen Anbietermacht und Verbraucherschutz. Eine kürzlich in den USA erschienene Studie des ‚Institute of Medicine' (IOM-Studie) untersucht - weltweit erstmalig - die Qualität klinischer Prozesse in den USA. Das Ergebnis ergibt ein erschreckendes Bild der Patientensicherheit: So sterben jährlich in den USA 44.000 Menschen an den Folgen fehlerhafter medizinischer Behandlung. Um die Missstände zu beheben, ist, so Badura, der Staat gefordert, die Evaluation und Qualitätsberichterstattung - in den Klinken, aber auch extern vergleichend - deutlich auszubauen, eine staatliche Regulierungsbehörde für die Einhaltung klinischer Mindeststandards zu schaffen sowie den Ausbau von Beteiligungsrechten von Patienten und Versicherten voranzutreiben.

Karl W. Lauterbach/Markus Lüngen: Mehr Patientenrechte im Gesundheitswesen. Echte Reformoptionen im korporatistisch verfassten Gesundheitswesen?, FJNSB 3/02, S. 47-51

Können Patientenrechte dazu Beitragen, die Qualität von Leistungen des Gesundheitssystems zu verbessern? Ohne verbesserte Informationsgrundlagen sind juristische Klagen gegen medizinische Fehlbehandlungen weitgehend ineffektiv. Dies erläutert der Beitrag im Rückgriff auf die ‚Harvard Medical Practice Studie', die den Zusammenhang zwischen juristischen Klagen und medizinisch mangelhaften Leistungen analysiert hat. Die Autoren folgern daraus, dass eine Vereinfachung des Klageverfahrens zur Stärkung der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen nicht der sinnvolle Weg ist. Ein Großteil der Patienten wäre mit einer undifferenzierten Ausweitung der Patientenrechte und der damit verbundenen Rolle als eigener Gutachter überfordert. Eine Stärkung der Patientenrechte kann externe Qualitätssicherung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Die Autoren empfehlen daher die Stärkung der Rolle von neutralen Patientenbeauftragten und die Fortentwicklung Evidenz-basierter Leitlinien in einer für Patienten verständlichen Form.

Jan Böcken: Gesundheitsreform auf dem Prüfstand, FJNSB 3/02, S. 52-55

Angesichts der komplexen Steuerungsprobleme des Gesundheitswesens ist aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung ein stringenter ordnungspolitischer Rahmen von staatlicher Seite erforderlich. Doch hat der einzelne Bürger bislang kaum Einfluss auf dessen Gestaltung. Der internationale Vergleich macht deutlich, dass die Zukunft des Gesundheitswesens in einer Kombination von marktwirtschaftlicher und staaatlicher Steuerung besteht. So hat die Schweiz etwa wettbewerbliche Elemente in einem solidarischen Rahmen integriert. Die bestehenden Strukturen der Selbstverwaltung sind von einem ‚strukturellen Steuerungsdilemma' zwischen Eigeninteressen der Beteiligten und einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag der Sicherung der Gesundheitsversorgung gekennzeichnet. Die Ergänzung der Selbstverwaltung durch weitere Akteure führt daher nicht weiter. Vielmehr müsse die Fachkompetenz aller Akteure jenseits der Strukturen der Selbstverwaltung gestärkt werden - durch staatlich moderierte Formen, etwa Anhörungen und ‚Runde Tische', zu denen auch die Bürgerinnen und Bürger Zugang bekommen sollen.

Christoph J. Rupprecht/Michael Weller: Partizipation und Bürgerbeteiligung. Chancen für die Gesetzlichen Krankenkassen, FJNSB 3/02, S. 56-66

Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich in einem Strukturwandel. Oftmals wird der sich daraus ergebende Reformbedarf auf eine Frage der Verteilung der ca. 130 Milliarden Euro reduziert, die innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)zur Verfügung stehen. Die Autoren plädieren aus der Sicht der GKV jedoch dafür, den Strukturwandel auch für einen Reformprozess zu nutzen, der stärker auf die Bedürfnisse der Versicherten und Patienten ausgerichtet ist und bestehende Defizite in der Gesundheitsversorgung behebt: Dazu gehören u.a. Organisation und Qualitätssicherung von Wissens- und Informationsströmen, die Versorgungsqualität und Fragen der Transparenz. Vor diesem Hintergrund stärkt eine Ausweitung der Beteiligung von Versicherten und Patienten die GKV in ihrem Anliegen, das Zielbündel von Effektivität, Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung zu realisieren und das solidarische Gesundheitssystem zu bewahren. Die gesetzlichen Krankenkassen können sich nicht hinter der Mauer eines etablierten Korporatismus der Selbstverwaltung verstecken, sondern müssen deren Reform unterstützen, um die Legitimation ihrer Entscheidungen zu erhöhen. Die GKV als gemeinwohlorientierte Körperschaften des öffentlichen Rechts betreut 88 Prozent der deutschen Bevölkerung und versteht sich daher als Anwalt der Bürger-, Verbraucher-, Patienten- und Versicherteninteressen.

Bernard Braun/Gerd Marstedt: Alternative Strömungen in der gesundheitlichen Versorgung, FJNSB 3/02, S. 67-75

Trauen die Patienten noch der Schulmedizin? Reichen die mitunter eher auf den zu behandelnden ‚Defekt' als auf den Patienten als Menschen ausgerichteten Therapien heute noch aus? Während die Schulmedizin bei der Pathogenese (Krankheitssysteme sind Funktionsdefizite) ansetzt, orientieren sich alternative Ansätze am Konzept der Salutogenese (nach Antonowsky): Danach sind Krankheitssymptome eine aktive Funktionsäußerung des Organismus, der auf Selbstheilung zielt. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Patienten nimmt mittlerweile Beratungs- und Behandlungsangebote jenseits der herkömmlichen Kassenmedizin wahr. Braun und Marstedt analysieren Ursachen und Entwicklungen, die diesem deutlichen Trend zur verstärkten Nachfrage nach alternativen Behandlungsangeboten zugrunde liegen und erörtern die Konsequenzen für das Gesundheitssystem.

Winfried Beck: Gesundheitsmarkt - Oppositionelle Strömungen in der Ärzteschaft - Demokratisierung, FJNSB 3/02, S. 76-82

Das Mittelmaß des bundesdeutschen Gesundheitswesens, so Beck, läßt sich nur durch die vorhandenen korporatistischen Strukturen erklären. Der Autor, seit der Gründung 1986 Vorsitzender des ‚Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte', analysiert den Einfluss der organisierten Ärzteschaft, insbesondere der Kassenärztlichen Vereinigung. Er beschreibt deren Organe und bilanziert die politische Arbeit der innerärztlichen Opposition, der er selber in führender Funktion angehört. In seinem Fazit kommt der Autor zu dem Schluß, dass sich trotz aller Erfolge der innerärztlichen Opposition - z. B. die von ihr vorangetriebene Psychiatriereform - an der inadäquaten Machtfülle der organisierten Ärzteschaft innerhalb des Gesundheitswesens nichts grundsätzliches geändert hat und radikale Reformen notwendig sind.

Christoph Kranich: Die neue Rolle von Patientinnen und Patienten und die Professionalisierung ihrer Interessenvertretung, FJNSB 3/02, S. 83-88

Eine wirkungsvolle Partizipation von Patienten und Patientinnen an der Gestaltung des Gesundheitswesens muss durch einen gesetzlichen Rahmen abgesichert, politisch gewollt und professionell unterstützt sein. Christoph Kranich, der die Fachabteilung Gesundheitsdienstleistungen in der Verbraucherzentrale Hamburg leitet, fordert in seinem Beitrag, eine paternalistische Bevormundung der Patientinnen durch eine Struktur der gleichwertigen Mitentscheidung zu ersetzen. Damit die Patienten hierbei nicht zur Manövriermasse der etablierten Akteure werden, brauchen sie eigene Vertretungen, die finanziell unterstützt und für die speziellen Anforderungen der Interessenvertretung geschult werden. Finanziert werden könnte die Tätigkeit von unabhängigen Patientenberatungs- und Patientenunterstützungsstellen nach Ansicht des Autors aus den Einsparungen, die durch eine wirksame Patientinnenpartizipation entstehen würden. Es gilt, die Entstehung einer Patientenbewegung zu fördern, ohne die es eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens unter der gleichberechtigten Einbeziehung von Patientinnen nicht geben wird.

Jürgen Matzat: Die Selbsthilfe als Korrektiv und ‚vierte Säule' im Gesundheitswesen, FJNSB 3/02, S. 89-97

Der Beitrag diskutiert die (potentielle) Rolle der Selbsthilfe als 'Vierte Säule' und als Korrektiv im Gesundheitswesen. Neben der Darstellung der quantitativen Verbreitung von Selbsthilfe und ihren qualitativen Leistungen geht es auch um die Gefahr möglicher Idealisierung und Überfrachtung. Wenn Selbsthilfe in Zukunft wirklich die ihr zugedachten Funktionen wahrnehmen soll, dann braucht sie stärkere Anerkennung bei den anderen Akteuren, mehr materielle Förderung ihrer Infrastrukturen und eine Erweiterung ihrer (gesundheits)politischen Beteiligungsmöglichkeiten. Der Artikel ist ein Plädoyer für mehr Begegnung und Dialog und ein Appell, gemeinsam an einem stabilen Gesundheitswesen zu bauen und das auf Sand gelaufene Boot, in dem wir alle sitzen, wieder flott zu bekommen.

Anke Martiny: Blockaden im deutschen Gesundheitssystem. Immer teurer, aber nicht besser, FJNSB 3/02, S. 98-105

Das deutsche Gesundheitssystem ist dringend reformbedürftig. Neben den zu beklagenden hohen Kosten, Korruption und Ineffizienz kritisiert Anke Martiny, die die Position der NGO ‚Transparency International' vertritt, die Intransparenz des Gesundheitssystems als Kernproblem. Sie analysiert in ihrem Beitrag die Faktoren im Verhalten von Patienten, Kassen, Ärzten, berufsständischen Körperschaften, Kliniken und Pharma- Unternehmen, deren Zusammenspiel für den derzeitigen Misstand verantwortlich zu machen ist. Die Autorin fordert eine Umgestaltung des Systems der Selbstverwaltung nach den Leitprinzipien: klare Verantwortlichkeiten, höhere Transparenz und Professionalisierung der Verwaltung.

Manfred Wildner/Reinhard Busse/Anne Brunner-Wildner: Patientenpartizipation in Europa, FJNSB 3/02, S. 106-113

Die Autoren untersuchen die rechtlichen Grundlagen, auf die sich in Europa eine Ausbau von Patientenrechten stützen kann. Seit 1994 fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von ihren Mitgliedsstaaten die Umsetzung einer menschenwürdigen Patientenversorgung. In Europa wird diese Forderung weithin geteilt und unterstützt, doch offenbaren sich in der Praxis noch erhebliche Defizite der Umsetzung. Besonders ausgeprägt sind diese Defizite bei der Information über Behandlungsoptionen, den Rechten und Informationen während eines stationären Aufenthalts, bei der postationären hauswirtschaftlichen und sozialen Betreuung sowie im Problemfeld eines ‚würdigen Sterbens'.

René Stüssgen/Dick Oudenampsen/Rally Rijkschroeff: Die niederländische Patientenbewegung. Eine dynamische Bewegung, FJNSB 3/02, S. 114-122

Die Autoren berichten im Rückgriff auf Konzepte der Bewegungsforschung über Entwicklung, Zielsetzung und Binnendifferenzierung der niederländischen Patientenbewegung. Als wichtigstes Merkmal der neuen und in den Niederlanden einflußreichen Bewegung gilt im Gegensatz zu stärker instrumentellen Ausrichtungen anderer Bewegungen die Herausbildung neuer Identitäten (Patienten- und Bürgeridentität). Am Beispiel der Patientenbewegungen werden die Spannungsmomente und Schnittstellen zwischen instrumentellem und identitätsorientiertem Bewegungshandeln aufgezeigt. Behinderte, chronisch Kranke und Klienten wehren sich gegen die dominierende Vorstellung von Krankheit und Abhängigkeit (negative Identität) und kämpfen um die Anerkennung von Eigenarten und Andersheit (positive Identität). Das instrumentelle Handeln innerhalb der Patientenbewegung basiert auf Erfahrungswissen und -kompetenzen und zielt auf die Realisierung von Bedingungen, unter denen sich eine positive Identität als Patient und Bürger ausbilden kann.

Heidi Nadolski: Patienten in Amerika, FJNSB 3/02, S. 123-131

Das Gesundheitswesen in den USA ist durch eine - für Deutschland unvorstellbar - große Gruppe gänzlich unversicherter Patientinnen und Patienten gekennzeichnet. Die Autorin erläutert die Funktionsweise der in den USA bestehenden Versicherungssysteme: ‚Medicare', ‚Medicaid', ‚Children's Health Insurance Program' (CHIP), die privaten Versicherungen (Manged care-Organisationen), d.h. die ‚Health Maintenance-Organizations' (HMO's), die ‚Pregferred Provider Organizations' (PPO's) und die ‚Fee-for-service'-Organisationen. Doch sind in den USA über 40 Millionen Menschen, zumeist Angehörige der ‚working poor'- Klasse, ohne jeden Versicherungsschutz. Fast ein Viertel sind Kinder und Jugendliche. Bill Clinton ist an dem Vorhaben gescheitert, eine umfassende Gesundheitsreform durchzuführen. Georg W. Bush setzt auf ein groß angelegtes Steuersenkungsprogramm, von denen jedoch viele Unversicherte nicht profitieren werden, da sie wegen geringer Verdienste kaum Steuern zahlen. Eine umfassende Gesundheitsreform, die die skizzierten Probleme lösen würde, ist nicht in Sicht.

Klaus-Peter Stender: Gesunde Städte, FJNSB 3/02, S. 132-136

Im Jahr 1986 empfahl die Ottawa-Charter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein intersektorales Gesundheitsverständnis. Kern des Dokuments sind eine gesundheitsverträgliche Entwicklung von Rahmenbedingungen, ein koordiniertes Zusammenwirken von Menschen aus allen Lebensbereichen und die Förderung von Gesundheitskompetenz. Diese Sicht prägt mittlerweile auch die Analysen des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Die Kommunen als Akteure der Gesundheitsförderung und das Leitbild der ‚Gesunden Stadt' als Querschnittsaufgabe rücken damit in den Vordergrund. Der Autor beschreibt Entwicklung, Selbstverständnis und Erfahrungen des ‚Gesunde Städte'-Netzwerks in Deutschland, dem derzeit über 50 Kommunen mit mehr als 16 Millionen Bürgerinnen und Bürgern angehören. Insbesondere problematisch erscheint die fehlende Integration sozialer, ökologischer und gesundheitsbezogener Aktivitäten und Programme und eine kommunale Verwaltungspraxis, deren ‚versäulte Organisation' mit ganzheitlichen Querschnittsaufgaben nach wie vor wenig anzufangen weiß. Die notwendige intersektorale Akzeptanz der Gesunde Städte - Arbeit im politischen Raum und in der Verwaltung ist noch nicht erreicht.

Birgit Weihrauch: Gesundheitskonferenzen in Nordrhein-Westfalen - eine Zwischenbilanz, FJNSB 3/02, S. 137-142

In Nordrhein-Westfalen wurde seit Anfang der 90er Jahre mit landesweiten Gesundheitskonferenzen der Versuch unternommen, alle wesentlichen, Verantwortung tragenden Akteure im Lande zusammenzubringen. Die Gesundheitskonferenzen ermöglichen mehr Demokratie und Partizipation in den gesundheitspolitischen Diskussions- und Entscheidungsprozessen, innovative Gestaltung und Steuerung sowie eine Aktivierung auch der kommunalen Ebene. Die Autorin beschreibt Organisations- und Arbeitsweise, Entwicklung und Erfahrungen dieser Gesundheitskonferenzen. Sie sind seit dem 1. Januar im Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst festgeschrieben. Vorgesehen ist dort auch, dass Vertreterinnen und Vertreter der gesundheitlichen Selbsthilfe und der Einrichtungen für Gesundheitsvorsorge und Patientenschutz zu beteiligen sind. Derzeit findet eine wissenschaftliche Evaluation durch die Universität Düsseldorf statt.

Petra Kolip/Ingeborg Jahn: Frauen, Frauenbewegung und das Gesundheitswesen, FJNSB 3/02, S. 143-148

Die Autorinnen zeichnen zunächst die Geschichte der Frauengesundheitsbewegung nach. Anschließend gehen sie auf aktuelle Konzepte und Begrifflichkeiten (Geschlechtergerechtigkeit, Geschlechterangemessenheit, Geschlechterspezifität) ein. Die Strategie des ‚gender Mainstreaming' macht deutlich, dass das Ziel einer geschlechtergerechten gesundheitlichen Versorgung letztlich Frauen und Männer angeht. Die nächsten Schritte müssen darin bestehen, Genderkompetenz in breitem Umfang bei den Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitswesens zu verankern.

Gabi Rohmann: Gesundheit ist keine Ware. Die zentrale Attac-Kampagne des Jahres 2002, FJNSB 3/02, S. 149-151

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac legt in diesem Jahr einen zentralen Fokus auf das Thema Gesundheit. Die Kampagne kritisiert die global zunehmende Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen - so auch den zu beobachtenden Rückzug einer solidarischen Gesundheitsversorgung zu Gunsten des privatwirtschaftlichen Wettbewerbs. Der Beitrag beschreibt Selbstverständnis und Maßnahmen der Kampagne.