Der Bundesvorsitzende und die gesundheitspolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen weisen auf massive Qualitätsprobleme
des deutschen Gesundheitswesens hin. Die Ursache sehen sie in institutionellen
Blockaden und einer einseitigen Ausrichtung des Systems auf die Leistungserbringer
und Kostenträger. Im Zentrum künftiger Gesundheitsreform müsse daher
die Aufwertung der Rolle der Versicherten und Patienten stehen: u.a.
fordern sie mehr Wahlfreiheiten der Versicherten und Patienten, eine
bundesweite Struktur der Patientenunterstützung und -beratung analog
dem Verbraucherschutz und eine Stärkung der kollektiven Beteiligungsrechte
von Versicherten und Patienten. Sie unterstützen in diesem Zusammenhang
die Forderung der Gesundheitsbewegung nach einer ‚dritten Bank' von
Patientenvertretern neben den Vertretern von Ärzteschaft und Kassen
in den Gremien des Gesundheitswesens. Für den erforderlichen Paradigmenwechsel
im Gesundheitswesen, der sowohl Qualität als auch Wirtschaftlichkeit
anstrebt, ist eine stärkere Partizipation von Versicherten und Patienten
unverzichtbar.
Frank Bsirske/Ulla Derwein: Neue Rollen
in der Gesundheitspolitik?, FJNSB 3/02, S. 23-28
Die solidarische Krankenversicherung wird von den Gewerkschaften in
erheblichem Umfang mitgestaltet. Ver.di vertritt über 400.000 im Gesundheitswesen
Beschäftigte und möchte über den ihr zukommenden Einfluß in den Gremien
der Selbstverwaltung jenseits der Leistungserbringer eine starke Lobby
für die Patientinnen und Patienten initiieren. Frank Bsirske, der Vorsitzende
von ver.di, und Ulla Derwein, die im Bundesvorstand von ver.di für die
Beschäftigten im Gesundheitswesen und für Gesundheitspolitik verantwortlich
ist, verstehen die Dienstleistungsgewerkschaft als ‚große Patientenorganisation'.
Ver.di hat in diesem Jahr eine Gesundheitskampagne gestartet. Ziel ist
es, unterschiedliche Interessen und Organisationen, insbesondere Patienteninitiativen
und Selbsthilfegruppen und deren Organisationen und Verbände, zu einem
Netzwerk für Patienteninteressen fortzuentwickeln.
Stefan Greß/Christina Tophoven/Jürgen Wasem:
Exit und Voice - Zum Steuerungspotential von Versicherten und Patienten,
FJNSB 3/02, S. 29-38
Aufbauend auf dem Konzept von ‚Exit' und ‚Voice' von Albert o. Hirschman
analysieren die Autoren das auf Nachfrage und politischer Einflußnahme
beruhende Steuerungspotential von Versicherten und Patienten im Gesundheitswesen.
Sie skizzieren die Entwicklung des Gesundheitssystems im Hinblick auf
die Beziehungen zwischen Versicherten und Krankenkassen einerseits,
zwischen Patienten und Leistungsanbietern andererseits. Vor diesem Hintergrund
empfehlen sie insbesondere den Ausbau der Interessenvertretung der Versicherten
gegenüber den Krankenkassen.
Bernhard Badura: Patientenbeteiligung im
Gesundheitswesen Vom Anbieter- zum Verbraucherschutz, FJNSB 3/02, S.
39-46
Ein wesentliches Strukturproblem des Gesundheitswesens ist, so Badura,
das unausgewogene Verhältnis zwischen Anbietermacht und Verbraucherschutz.
Eine kürzlich in den USA erschienene Studie des ‚Institute of Medicine'
(IOM-Studie) untersucht - weltweit erstmalig - die Qualität klinischer
Prozesse in den USA. Das Ergebnis ergibt ein erschreckendes Bild der
Patientensicherheit: So sterben jährlich in den USA 44.000 Menschen
an den Folgen fehlerhafter medizinischer Behandlung. Um die Missstände
zu beheben, ist, so Badura, der Staat gefordert, die Evaluation und
Qualitätsberichterstattung - in den Klinken, aber auch extern vergleichend
- deutlich auszubauen, eine staatliche Regulierungsbehörde für die Einhaltung
klinischer Mindeststandards zu schaffen sowie den Ausbau von Beteiligungsrechten
von Patienten und Versicherten voranzutreiben.
Karl W. Lauterbach/Markus Lüngen: Mehr
Patientenrechte im Gesundheitswesen. Echte Reformoptionen im korporatistisch
verfassten Gesundheitswesen?, FJNSB 3/02, S. 47-51
Können Patientenrechte dazu Beitragen, die Qualität von Leistungen
des Gesundheitssystems zu verbessern? Ohne verbesserte Informationsgrundlagen
sind juristische Klagen gegen medizinische Fehlbehandlungen weitgehend
ineffektiv. Dies erläutert der Beitrag im Rückgriff auf die ‚Harvard
Medical Practice Studie', die den Zusammenhang zwischen juristischen
Klagen und medizinisch mangelhaften Leistungen analysiert hat. Die Autoren
folgern daraus, dass eine Vereinfachung des Klageverfahrens zur Stärkung
der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen nicht der sinnvolle Weg ist.
Ein Großteil der Patienten wäre mit einer undifferenzierten Ausweitung
der Patientenrechte und der damit verbundenen Rolle als eigener Gutachter
überfordert. Eine Stärkung der Patientenrechte kann externe Qualitätssicherung
nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Die Autoren empfehlen daher die
Stärkung der Rolle von neutralen Patientenbeauftragten und die Fortentwicklung
Evidenz-basierter Leitlinien in einer für Patienten verständlichen Form.
Jan Böcken: Gesundheitsreform auf dem
Prüfstand, FJNSB 3/02, S. 52-55
Angesichts der komplexen Steuerungsprobleme des Gesundheitswesens ist
aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung ein stringenter ordnungspolitischer
Rahmen von staatlicher Seite erforderlich. Doch hat der einzelne Bürger
bislang kaum Einfluss auf dessen Gestaltung. Der internationale Vergleich
macht deutlich, dass die Zukunft des Gesundheitswesens in einer Kombination
von marktwirtschaftlicher und staaatlicher Steuerung besteht. So hat
die Schweiz etwa wettbewerbliche Elemente in einem solidarischen Rahmen
integriert. Die bestehenden Strukturen der Selbstverwaltung sind von
einem ‚strukturellen Steuerungsdilemma' zwischen Eigeninteressen der
Beteiligten und einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag der Sicherung
der Gesundheitsversorgung gekennzeichnet. Die Ergänzung der Selbstverwaltung
durch weitere Akteure führt daher nicht weiter. Vielmehr müsse die Fachkompetenz
aller Akteure jenseits der Strukturen der Selbstverwaltung gestärkt
werden - durch staatlich moderierte Formen, etwa Anhörungen und ‚Runde
Tische', zu denen auch die Bürgerinnen und Bürger Zugang bekommen sollen.
Christoph J. Rupprecht/Michael Weller:
Partizipation und Bürgerbeteiligung. Chancen für die Gesetzlichen Krankenkassen,
FJNSB 3/02, S. 56-66
Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich in einem Strukturwandel.
Oftmals wird der sich daraus ergebende Reformbedarf auf eine Frage der
Verteilung der ca. 130 Milliarden Euro reduziert, die innerhalb der
gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)zur Verfügung stehen. Die Autoren
plädieren aus der Sicht der GKV jedoch dafür, den Strukturwandel auch
für einen Reformprozess zu nutzen, der stärker auf die Bedürfnisse der
Versicherten und Patienten ausgerichtet ist und bestehende Defizite
in der Gesundheitsversorgung behebt: Dazu gehören u.a. Organisation
und Qualitätssicherung von Wissens- und Informationsströmen, die Versorgungsqualität
und Fragen der Transparenz. Vor diesem Hintergrund stärkt eine Ausweitung
der Beteiligung von Versicherten und Patienten die GKV in ihrem Anliegen,
das Zielbündel von Effektivität, Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit
der Gesundheitsversorgung zu realisieren und das solidarische Gesundheitssystem
zu bewahren. Die gesetzlichen Krankenkassen können sich nicht hinter
der Mauer eines etablierten Korporatismus der Selbstverwaltung verstecken,
sondern müssen deren Reform unterstützen, um die Legitimation ihrer
Entscheidungen zu erhöhen. Die GKV als gemeinwohlorientierte Körperschaften
des öffentlichen Rechts betreut 88 Prozent der deutschen Bevölkerung
und versteht sich daher als Anwalt der Bürger-, Verbraucher-, Patienten-
und Versicherteninteressen.
Bernard Braun/Gerd Marstedt: Alternative
Strömungen in der gesundheitlichen Versorgung, FJNSB 3/02, S. 67-75
Trauen die Patienten noch der Schulmedizin? Reichen die mitunter eher
auf den zu behandelnden ‚Defekt' als auf den Patienten als Menschen
ausgerichteten Therapien heute noch aus? Während die Schulmedizin bei
der Pathogenese (Krankheitssysteme sind Funktionsdefizite) ansetzt,
orientieren sich alternative Ansätze am Konzept der Salutogenese (nach
Antonowsky): Danach sind Krankheitssymptome eine aktive Funktionsäußerung
des Organismus, der auf Selbstheilung zielt. Eine nicht unbeträchtliche
Anzahl von Patienten nimmt mittlerweile Beratungs- und Behandlungsangebote
jenseits der herkömmlichen Kassenmedizin wahr. Braun und Marstedt analysieren
Ursachen und Entwicklungen, die diesem deutlichen Trend zur verstärkten
Nachfrage nach alternativen Behandlungsangeboten zugrunde liegen und
erörtern die Konsequenzen für das Gesundheitssystem.
Winfried Beck: Gesundheitsmarkt - Oppositionelle
Strömungen in der Ärzteschaft - Demokratisierung, FJNSB 3/02, S. 76-82
Das Mittelmaß des bundesdeutschen Gesundheitswesens, so Beck, läßt
sich nur durch die vorhandenen korporatistischen Strukturen erklären.
Der Autor, seit der Gründung 1986 Vorsitzender des ‚Vereins demokratischer
Ärztinnen und Ärzte', analysiert den Einfluss der organisierten Ärzteschaft,
insbesondere der Kassenärztlichen Vereinigung. Er beschreibt deren Organe
und bilanziert die politische Arbeit der innerärztlichen Opposition,
der er selber in führender Funktion angehört. In seinem Fazit kommt
der Autor zu dem Schluß, dass sich trotz aller Erfolge der innerärztlichen
Opposition - z. B. die von ihr vorangetriebene Psychiatriereform - an
der inadäquaten Machtfülle der organisierten Ärzteschaft innerhalb des
Gesundheitswesens nichts grundsätzliches geändert hat und radikale Reformen
notwendig sind.
Christoph Kranich: Die neue Rolle von
Patientinnen und Patienten und die Professionalisierung ihrer Interessenvertretung,
FJNSB 3/02, S. 83-88
Eine wirkungsvolle Partizipation von Patienten und Patientinnen an
der Gestaltung des Gesundheitswesens muss durch einen gesetzlichen Rahmen
abgesichert, politisch gewollt und professionell unterstützt sein. Christoph
Kranich, der die Fachabteilung Gesundheitsdienstleistungen in der Verbraucherzentrale
Hamburg leitet, fordert in seinem Beitrag, eine paternalistische Bevormundung
der Patientinnen durch eine Struktur der gleichwertigen Mitentscheidung
zu ersetzen. Damit die Patienten hierbei nicht zur Manövriermasse der
etablierten Akteure werden, brauchen sie eigene Vertretungen, die finanziell
unterstützt und für die speziellen Anforderungen der Interessenvertretung
geschult werden. Finanziert werden könnte die Tätigkeit von unabhängigen
Patientenberatungs- und Patientenunterstützungsstellen nach Ansicht
des Autors aus den Einsparungen, die durch eine wirksame Patientinnenpartizipation
entstehen würden. Es gilt, die Entstehung einer Patientenbewegung zu
fördern, ohne die es eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens
unter der gleichberechtigten Einbeziehung von Patientinnen nicht geben
wird.
Jürgen Matzat: Die Selbsthilfe als Korrektiv
und ‚vierte Säule' im Gesundheitswesen, FJNSB 3/02, S. 89-97
Der Beitrag diskutiert die (potentielle) Rolle der Selbsthilfe als
'Vierte Säule' und als Korrektiv im Gesundheitswesen. Neben der Darstellung
der quantitativen Verbreitung von Selbsthilfe und ihren qualitativen
Leistungen geht es auch um die Gefahr möglicher Idealisierung und Überfrachtung.
Wenn Selbsthilfe in Zukunft wirklich die ihr zugedachten Funktionen
wahrnehmen soll, dann braucht sie stärkere Anerkennung bei den anderen
Akteuren, mehr materielle Förderung ihrer Infrastrukturen und eine Erweiterung
ihrer (gesundheits)politischen Beteiligungsmöglichkeiten. Der Artikel
ist ein Plädoyer für mehr Begegnung und Dialog und ein Appell, gemeinsam
an einem stabilen Gesundheitswesen zu bauen und das auf Sand gelaufene
Boot, in dem wir alle sitzen, wieder flott zu bekommen.
Anke Martiny: Blockaden im deutschen Gesundheitssystem.
Immer teurer, aber nicht besser, FJNSB 3/02, S. 98-105
Das deutsche Gesundheitssystem ist dringend reformbedürftig. Neben
den zu beklagenden hohen Kosten, Korruption und Ineffizienz kritisiert
Anke Martiny, die die Position der NGO ‚Transparency International'
vertritt, die Intransparenz des Gesundheitssystems als Kernproblem.
Sie analysiert in ihrem Beitrag die Faktoren im Verhalten von Patienten,
Kassen, Ärzten, berufsständischen Körperschaften, Kliniken und Pharma-
Unternehmen, deren Zusammenspiel für den derzeitigen Misstand verantwortlich
zu machen ist. Die Autorin fordert eine Umgestaltung des Systems der
Selbstverwaltung nach den Leitprinzipien: klare Verantwortlichkeiten,
höhere Transparenz und Professionalisierung der Verwaltung.
Manfred Wildner/Reinhard Busse/Anne Brunner-Wildner:
Patientenpartizipation in Europa, FJNSB 3/02, S. 106-113
Die Autoren untersuchen die rechtlichen Grundlagen, auf die sich in
Europa eine Ausbau von Patientenrechten stützen kann. Seit 1994 fordert
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von ihren Mitgliedsstaaten die
Umsetzung einer menschenwürdigen Patientenversorgung. In Europa wird
diese Forderung weithin geteilt und unterstützt, doch offenbaren sich
in der Praxis noch erhebliche Defizite der Umsetzung. Besonders ausgeprägt
sind diese Defizite bei der Information über Behandlungsoptionen, den
Rechten und Informationen während eines stationären Aufenthalts, bei
der postationären hauswirtschaftlichen und sozialen Betreuung sowie
im Problemfeld eines ‚würdigen Sterbens'.
René Stüssgen/Dick Oudenampsen/Rally
Rijkschroeff: Die niederländische Patientenbewegung. Eine dynamische
Bewegung, FJNSB 3/02, S. 114-122
Die Autoren berichten im Rückgriff auf Konzepte der Bewegungsforschung
über Entwicklung, Zielsetzung und Binnendifferenzierung der niederländischen
Patientenbewegung. Als wichtigstes Merkmal der neuen und in den Niederlanden
einflußreichen Bewegung gilt im Gegensatz zu stärker instrumentellen
Ausrichtungen anderer Bewegungen die Herausbildung neuer Identitäten
(Patienten- und Bürgeridentität). Am Beispiel der Patientenbewegungen
werden die Spannungsmomente und Schnittstellen zwischen instrumentellem
und identitätsorientiertem Bewegungshandeln aufgezeigt. Behinderte,
chronisch Kranke und Klienten wehren sich gegen die dominierende Vorstellung
von Krankheit und Abhängigkeit (negative Identität) und kämpfen um die
Anerkennung von Eigenarten und Andersheit (positive Identität). Das
instrumentelle Handeln innerhalb der Patientenbewegung basiert auf Erfahrungswissen
und -kompetenzen und zielt auf die Realisierung von Bedingungen, unter
denen sich eine positive Identität als Patient und Bürger ausbilden
kann.
Heidi Nadolski: Patienten in Amerika,
FJNSB 3/02, S. 123-131
Das Gesundheitswesen in den USA ist durch eine - für Deutschland unvorstellbar
- große Gruppe gänzlich unversicherter Patientinnen und Patienten gekennzeichnet.
Die Autorin erläutert die Funktionsweise der in den USA bestehenden
Versicherungssysteme: ‚Medicare', ‚Medicaid', ‚Children's Health Insurance
Program' (CHIP), die privaten Versicherungen (Manged care-Organisationen),
d.h. die ‚Health Maintenance-Organizations' (HMO's), die ‚Pregferred
Provider Organizations' (PPO's) und die ‚Fee-for-service'-Organisationen.
Doch sind in den USA über 40 Millionen Menschen, zumeist Angehörige
der ‚working poor'- Klasse, ohne jeden Versicherungsschutz. Fast ein
Viertel sind Kinder und Jugendliche. Bill Clinton ist an dem Vorhaben
gescheitert, eine umfassende Gesundheitsreform durchzuführen. Georg
W. Bush setzt auf ein groß angelegtes Steuersenkungsprogramm, von denen
jedoch viele Unversicherte nicht profitieren werden, da sie wegen geringer
Verdienste kaum Steuern zahlen. Eine umfassende Gesundheitsreform, die
die skizzierten Probleme lösen würde, ist nicht in Sicht.
Klaus-Peter Stender: Gesunde Städte, FJNSB
3/02, S. 132-136
Im Jahr 1986 empfahl die Ottawa-Charter der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) ein intersektorales Gesundheitsverständnis. Kern des Dokuments
sind eine gesundheitsverträgliche Entwicklung von Rahmenbedingungen,
ein koordiniertes Zusammenwirken von Menschen aus allen Lebensbereichen
und die Förderung von Gesundheitskompetenz. Diese Sicht prägt mittlerweile
auch die Analysen des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion
im Gesundheitswesen. Die Kommunen als Akteure der Gesundheitsförderung
und das Leitbild der ‚Gesunden Stadt' als Querschnittsaufgabe rücken
damit in den Vordergrund. Der Autor beschreibt Entwicklung, Selbstverständnis
und Erfahrungen des ‚Gesunde Städte'-Netzwerks in Deutschland, dem derzeit
über 50 Kommunen mit mehr als 16 Millionen Bürgerinnen und Bürgern angehören.
Insbesondere problematisch erscheint die fehlende Integration sozialer,
ökologischer und gesundheitsbezogener Aktivitäten und Programme und
eine kommunale Verwaltungspraxis, deren ‚versäulte Organisation' mit
ganzheitlichen Querschnittsaufgaben nach wie vor wenig anzufangen weiß.
Die notwendige intersektorale Akzeptanz der Gesunde Städte - Arbeit
im politischen Raum und in der Verwaltung ist noch nicht erreicht.
Birgit Weihrauch: Gesundheitskonferenzen
in Nordrhein-Westfalen - eine Zwischenbilanz, FJNSB 3/02, S. 137-142
In Nordrhein-Westfalen wurde seit Anfang der 90er Jahre mit landesweiten
Gesundheitskonferenzen der Versuch unternommen, alle wesentlichen, Verantwortung
tragenden Akteure im Lande zusammenzubringen. Die Gesundheitskonferenzen
ermöglichen mehr Demokratie und Partizipation in den gesundheitspolitischen
Diskussions- und Entscheidungsprozessen, innovative Gestaltung und Steuerung
sowie eine Aktivierung auch der kommunalen Ebene. Die Autorin beschreibt
Organisations- und Arbeitsweise, Entwicklung und Erfahrungen dieser
Gesundheitskonferenzen. Sie sind seit dem 1. Januar im Gesetz über den
öffentlichen Gesundheitsdienst festgeschrieben. Vorgesehen ist dort
auch, dass Vertreterinnen und Vertreter der gesundheitlichen Selbsthilfe
und der Einrichtungen für Gesundheitsvorsorge und Patientenschutz zu
beteiligen sind. Derzeit findet eine wissenschaftliche Evaluation durch
die Universität Düsseldorf statt.
Petra Kolip/Ingeborg Jahn: Frauen, Frauenbewegung
und das Gesundheitswesen, FJNSB 3/02, S. 143-148
Die Autorinnen zeichnen zunächst die Geschichte der Frauengesundheitsbewegung
nach. Anschließend gehen sie auf aktuelle Konzepte und Begrifflichkeiten
(Geschlechtergerechtigkeit, Geschlechterangemessenheit, Geschlechterspezifität)
ein. Die Strategie des ‚gender Mainstreaming' macht deutlich, dass das
Ziel einer geschlechtergerechten gesundheitlichen Versorgung letztlich
Frauen und Männer angeht. Die nächsten Schritte müssen darin bestehen,
Genderkompetenz in breitem Umfang bei den Akteurinnen und Akteuren des
Gesundheitswesens zu verankern.
Gabi Rohmann: Gesundheit ist keine Ware.
Die zentrale Attac-Kampagne des Jahres 2002, FJNSB 3/02, S. 149-151
Das globalisierungskritische Netzwerk Attac legt in diesem Jahr einen
zentralen Fokus auf das Thema Gesundheit. Die Kampagne kritisiert die
global zunehmende Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen - so
auch den zu beobachtenden Rückzug einer solidarischen Gesundheitsversorgung
zu Gunsten des privatwirtschaftlichen Wettbewerbs. Der Beitrag beschreibt
Selbstverständnis und Maßnahmen der Kampagne.