Heft 4, 2002   

 

Etablierte Außenseiter?
Akteure und Diskurse der Umweltpolitik
Abstracts (deutsch)

Frank Nullmeier: Vergesst die Bürgergesellschaft?!, FJ NSB 4/2002, S.

Vielfach wird in politischen Diskussionen die Bürger- oder Zivilgesellschaft als Lösung angepriesen. Frank Nullmeier fragt kritisch nach, ob die Bürgergesellschaft überhaupt den in sie gestellten Ansprüchen gerecht werden kann. Damit die Bürgergesellschaft im Wohlfahrtsstaat Aufgaben übernehmen kann, muss sie dauerhaft dazu in der Lage sein. Dafür bräuchte sie einen konstanten Spendenzufluss und die dauerhafte Bereitstellung von unentgeltlicher Arbeitskraft. Beides ohne staatlichen Zwang zu erreichen, scheint unrealistisch. Die Diskussion um die Bürgergesellschaft krankt nicht zuletzt an der zu geringen Beachtung der dominierenden Marktmechanismen.

Peter H. Feindt: Gemeinsam gegen Niemanden. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsdiskurs in Deutschland, FJ NSB 4/2002, S.

Wer für sein politisches Handeln Legitimität beanspruchen will, muss sich auf anerkannte Argumente stützen. Deshalb sind Diskurse, verbreitete Interpretationen von Sachverhalten und Problemen, entscheidend für politische Koalitions- und Handlungsmöglichkeiten. Peter H. Feindt analysiert in seinem Beitrag die Entwicklung des Umweltdiskurses. Er stellt fest, dass ältere Diskursversionen, wie der Risikodiskurs, die Diskurse um ökologische Modernisierung, ökologischen Strukturwandel und Öko-Konsistenz heute in den Nachhaltigkeitsdiskurs integriert wurden. Damit wird der Nachhaltigkeitsdiskurs zu einem umfassenden argumentativen Bezugspunkt. Nachhaltigkeit kann von fast jedem als Argument angeführt werden, ohne dass damit bestimmte inhaltliche ökologische Positionen festgelegt wären.

Jochen Roose/Dieter Rucht: Unterstützung der Umweltbewegung. Rückblick und Perspektiven, FJ NSB 4/2002, S.

Die Frage nach der Stärke der Umweltbewegung und ihre Entwicklungsperspektiven beschäftigt Jochen Roose und Dieter Rucht in ihrem Beitrag. Die Autoren unterscheiden zwischen Sympathisanten, passiven und aktiven Mitgliedern sowie Teilnehmern an Umweltprotesten. Dabei nutzen sie neben allgemeinen Bevölkerungsumfragen zu politischen Einstellungen vor allem eine Protestereignisanalyse für die Jahre 1988 bis 2000 sowie eine Umfrage bei nationalen Umweltorganisationen und Gruppen in Berlin. Während passive Mitglieder in den 1990er Jahren deutlich zugenommen haben, blieb sowohl die Unterstützung als auch die Zahl der aktiven Mitglieder und der Protestteilnehmer in etwa konstant mit einem leichten Abwärtstrend. Der Blick auf die jugendlichen Unterstützer lässt vermuten, dass die Umweltbewegung weiterhin politisch arbeiten wird, allerdings sind große Aufschwünge und gesellschaftsweite Impulse derzeit nicht zu erwarten.

Kristine Kern/Claudia Koll/Malte Schophaus: Die Lokale Agenda 21. Ein innerdeutscher und internationaler Vergleich, FJ NSB 4/2002, S.

Mit der Konferenz in Rio de Janeiro 1992 nahm die Idee der Lokalen Agenda 21, der Erarbeitung einer lokalen Nachhaltigkeitsstrategie, ihren Ausgangspunkt. Kristine Kern, Claudia Koll und Malte Schophaus ziehen zehn Jahre später Bilanz und fragen, was in Deutschland aus der Lokalen Agenda geworden ist. Im Vergleich mit anderen Ländern sind in Deutschland die Prozesse für eine Lokale Agenda relativ spät gestartet, sind aber mittlerweile recht weit verbreitet. Der Vergleich mit anderen Ländern, insbesondere Schweden und Großbritannien, aber auch der Vergleich zwischen den Bundesländern macht deutlich, dass ökonomische, politisch-institutionelle und gesellschaftliche Handlungskapazitäten der Kommunen entscheidend sind für die Chancen der Prozesse. Während einige wichtige Faktoren, wie die Größe der Kommunen, kaum oder nur sehr langfristig politisch beeinflussbar sind, können die AutorInnen zeigen, dass finanzielle Unterstützung, enge Abstimmung mit den lokalen Regierungen und die Einrichtung von Transferstellen zur Koordination und Beratung der Prozesse wichtige Hilfestellungen sind.

Christopher Rootes: Besonderheiten der Umweltbewegungen. Umweltproteste in Deutschland im europäischen Vergleich, FJ NSB 4/2002, S.

Meist aufgrund oberflächlicher Betrachtung wird vielfach von einem Niedergang der Umweltbewegungen in Westeuropa gesprochen. Der Autor präsentiert eine Protestereignisanalyse auf der Basis von Tageszeitungen aus einem ländervergleichenden Projekt über sieben EU-Mitgliedsländer. Wider Erwarten zeigt sich ein genereller Abwärtstrend lediglich in Griechenland und Schweden, während in den übrigen Ländern zwischen 1988 und 1997 ein Rückgang nicht zu beobachten ist. Die Umweltproteste in Deutschland weisen eine Reihe von Besonderheiten im europäischen Vergleich auf. So ist etwa die Atomproblematik nur in Deutschland das alles überragende Thema. Christopher Rootes präsentiert eine Reihe von Befunden für die untersuchten Länder mit besonderem Blick auf Deutschland und Großbritannien. Dabei wird der Einfluss der jeweiligen nationalen Kontexte deutlich; eine sich ähnelnde EU-weite Entwicklung zeigt sich nicht.

Heike Walk: Global Governance. Hoffnung und Ernüchterung in der internationalen Klimapolitik, FJ NSB 4/2002, S.

In den letzten Jahren wurde das Konzept der Global Governance als eine Form des Regierens entwickelt, bei der auf internationaler Ebene nationale Regierungen und zivilgesellschaftliche Akteure unterschiedliche Interessen ausgleichen und kooperieren. Verbunden wurden mit diesem Konzept gerade in der Umweltpolitik große Hoffnungen. Zehn Jahre nach der Konferenz in Rio de Janeiro (1992) und kurz nach der Konferenz in Johannisburg (2002) fragt Heike Walk, ob sich die Global Governance-Idee in der Klimapolitik bewährt hat. Entgegen der anfänglichen Hoffnungen haben die Nationalstaaten nach wie vor eine entscheidende Stellung, wobei einzelne Staaten wie die USA quasi eine Vetomacht haben können. Die Nichtregierungsorganisationen konnten zwar in vielen Fällen einen Zugang zu internationalen Verhandlungen erreichen und in der Folge Öffentlichkeit herstellen, für die inhaltlichen Debatten stellen sie aber nur eine schwache Kontrollinstanz dar.