Heft 1, 2002   

 

Pressemitteilung

Transnationale Aktionsnetzwerke
Chancen für eine neue Protestkultur?

Wird von Globalisierung und ihren Kritikern gesprochen, ist schnell die Bewegungsorganisation Attac genannt. Doch neben Attac existieren viele verschiedene Aktionsnetzwerke, die gegen die hemmungslose neoliberale Globalisierung protestieren. Obwohl sie von der (medialen) Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden - sind sie deswegen jedoch nicht minder aktiv in der globalisierungskritischen Bewegungsszene.

In diese öffentliche Wahrnehmungslücke stößt das jetzt erschienene Heft 1-02 des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen zum Thema "Transnationale Aktionsnetzwerke - Chance für eine neue Protestkultur?" Es gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Facetten der Akteure internationaler Proteste und Kampagnen wie Peoples Global Action, Attac, Friends of the Earth International, erlassjahr.de oder Fatal Transactions, diskutiert ihre Organisationsstrukturen und setzt sich mit den vielfältigen Aktionsformen auseinander.

In einem seiner letzten Texte plädiert der kürzlich verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu für die Formierung einer europäischen sozialen Bewegung, in der sich neue und alte soziale Bewegungen, insbesondere die Gewerkschaften, mit den Intellektuellen zusammen schließen, um mit vereinten Kräften gegen die Politik der Globalisierung anzutreten. Denn die Zeit sei reif, um mit vereinten Kräften gegen die Machtergreifung der multinationalen Unternehmen und Institutionen und die Herrschaft der Aktionäre Widerstand zu leisten.

Für den Bewegungsforscher Dieter Rucht sind die neuen globalisierungskritischen Bewegungen keinesfalls - wie so oft in den Medien vermittelt - erst mit Seattle entstanden, sondern sie knüpfen an eine Reihe von Protesten der 1980er Jahre an. Die globalisierungskritischen Gruppen haben kein organisiertes Zentrum. Eine derartige Rolle wird in Deutschland fälschlicher Weise Attac zugedacht. Rucht schlussfolgert, dass die globalisierungskritische Bewegung, will sie handlungsfähig bleiben, verbindliche Organisationsstrukturen entwickeln muss.

Gerade aber diese "nicht"-Organisation sei das Wesensmerkmal von Peoples Global Action, so Friedericke Habermann. Dieses Netzwerk versteht als ein Forum für die unterschiedlichen Strömungen und Gruppierungen, um sich gegenseitig in ihren Kämpfen gegen die Globalisierung zu unterstützen. Felix Kolb und Kaisa Eskola beschreiben Attac als eine Vereinigung, die Vorteile zu nutzen weiß, die die besondere Bewegungsmischung aus Netzwerk und Organisation bietet. Albrecht von Lucke spitzt für Attac in Deutschland zu: Ob Attac es schafft, eine stabile Bewegung zu werden, hängt davon ab, wie sich das Label "Attac" - die Marke für Globalisierungskritik - auf dem Bewegungsmarkt konsolidiert.

Dass auch Kampagnen Teil der globalisierungskritischen Bewegung sein können und welche unterschiedlichen Typen sich herausbilden können, beschreibt Christian Lahusen in seinem Beitrag. Während er seine Typologie auf einer theoretisch-analytischen Ebene darstellt, bieten weitere Autoren tiefere Einblicke in die konkreten Arbeitformen von Kampagnen. Anne Jung stellt in ihrem Bericht die internationale Fatal Transactions-Campaign vor, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über Kriegsdiamanten, die Geldquelle für den Bürgerkrieg in Angola, aufzuklären. Jürgen Kaiser geht in seiner Darstellung auf die ‚erlassjahr2000/erlassjahr.de' Kampagne ein. Im Zentrum der Arbeit von Erlassjahr.de steht die Ungerechtigkeit der bestehenden Verfahren zur Behandlung von Überschuldungssituationen südlicher Länder. Die kritische Reflexion von Bewegung und Protest rundet Ronald Köpke in seiner Analyse zu Arbeitsrechts- und Produkt-Kampagnen im Norden und der Rolle von deren Counterparts, den Südnetzwerke, ab.