Heft 2, 2003   

 

Konturen der Zivilgesellschaft
Zur Profilierung eines Begriffs

Andreas Buro: Friedensbewegung in Protest, FJ NSB 2/2003, S. 7-9

In seiner Analyse, die kurz vor Beginn des Irak-Krieges geschrieben und nunmehr - nur wenige Monate später - nach dessen scheinbarer Beendigung durch die Niederlage der irakischen Armee erscheint, widmet sich Andreas Buro den Anti-Kriegsprotesten der international wiedererstarkten Friedensbewegung. Der Autor kennzeichnet unterschiedliche ‚Aggregatzustände' der Friedensbewegung, die auch in Zeiten geringerer Mobilisierung durch das Engagement ‚sensibel und dauerhaft betroffener' Aktivisten Kontinuität erfährt. Angesichts des im Februar 2003 drohenden Irak-Krieges gelang es der Friedensbewegung, international breite Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Buro geht vor diesem Hintergrund auf die Motivlage der Demonstrationsteilnehmer ein. Er kommt zu dem Schluss, dass die Überführung dieses Mobilisierungserfolges in ein kontinuierliches Engagement von der Dauer des Konfliktes und der dabei vollzogenen Lernprozesse in lokalen ‚Werkstätten des Friedens' anhängt.

Dieter Rucht: Die Friedensdemonstranten - Wer sind sie, wofür stehen sie? FJ NSB 2/2003, S. 10-13

Anlässlich der weltweiten Mobilisierung von Kriegsgegnern im Februar 2003 wurden in sieben europäischen Ländern und in den USA Befragungen von Friedensdemonstranten durchgeführt. Dieter Rucht präsentiert die Ergebnisse einer Fragebogenstudie, die am Rande der Friedensdemonstration in Berlin - mit 500.000 Teilnehmern das größte Anti-Kriegs-Protestereignis Deutschlands - stattfand. Die hochaktuellen Ergebnisse zeigen unter Anderem, dass die Mehrheit der Demonstranten aus jüngeren Bevölkerungsschichten mit vergleichsweise hoher Schulbildung entstammt, politisch engagiert ist, sich überwiegend dem linken politischen Spektrum zuordnen lässt und deutlich mehr Vertrauen in soziale Bewegungen und globalisierungskritische Organisationen setzt als in institutionalisierte politische Akteure.

Joachim Raschke: Bewegung, Reform, Protest - Blockaden und Veränderungen, FJ NSB 2/2003, S. 14-23

In einem Festvortrag zum 15-jährigen Bestehen der Redaktion Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen untersucht Joachim Raschke Blockaden und Veränderungen linker Reformbewegungen und Proteste in der Bundesrepublik Deutschland. Entlang politischer Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zeigt er auf, dass die Studentenbewegung der 1960er Jahre und die daran anschließenden Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) die Basis für die Wahlerfolge des rot-grünen Parteienbündnisses Ende der 1990er Jahre und im Herbst 2002 bildeten. Die sozialen Bewegungen sind Ausgangspunkte für eine ökologisch-kulturelle sowie eine an sozialer Gerechtigkeit orientierte gesellschaftliche Mehrheit, welche den rot-grünen Wahlerfolg gegen eine ökonomische gesellschaftliche Mehrheit durchsetzen konnte. Anhand dieser aktuell vorliegenden Wählerschaften und Mehrheiten analysiert Raschke die Wirkungen der NSB. Als Motor dieser langfristigen Wirkungen politischen Engagements beschreibt der Autor die Dialektik von Konflikt und Transformation. Sowohl an der SPD seit Willy Brandt als auch an der Geschichte der Bewegungspartei Die Grünen weist Raschke politische Transformationsleistungen als wesentlichen Faktor späterer Wahlerfolge nach.

Ansgar Klein: Diskurspolitischer Interventionismus - Zum Selbstverständnis und Anspruch des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen, FJ NSB 2/2003, S. 24-28

Zum 15-jährigen Jubiläum des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen widmet sich der Herausgeber Ansgar Klein dem Selbstverständnis und dem Anspruch der Journalredaktion. Anhand von 5 Thesen zeigt er auf, wie sich die publizistische Arbeit des Forschungsjournals durch einen diskurspolitischen Interventionismus auszeichnet.

Jürgen Kocka: Zivilgesellschaft in historischer Perspektive, FJ NSB 2/2003, S. 29-37

Aus einer historischen Perspektive analysiert Jürgen Kocka den Zivilgesellschafts-Diskurs. Aufbauend auf seiner Untersuchung der Begriffsgeschichte schlägt er eine Definition von Zivilgesellschaft vor, welche drei Dimensionen berücksichtigt: einen spezifischen Typus sozialen Handelns, die Verortung zwischen den Sektoren Wirtschaft, Staat und Privatsphäre und letztlich als einen utopischen Entwurf. Kocka analysiert das Verhältnis von Marktwirtschaft/Kapitalismus und dem Staat zu zivilgesellschaftlichen Strukturen. Er findet Hinweise darauf, dass sowohl marktwirtschaftliche Entwicklungen als auch Formen demokratischer Rechtsstaatlichkeit mit Zivilgesellschaft verbunden sind d.h. sie sich jeweils wechselseitig bedingen bzw. befördern. In seiner historischen Analyse zivilgesellschaftlicher Akteure kann der Autor für Deutschland eine frühe Affinität zwischen der Kultur des Bürgertums und dem Zivilgesellschafts-Projekt nachweisen. Anfang des 20. Jahrhunderts schwächt sich diese Allianz jedoch zugunsten eines stärkeren zivilgesellschaftlichen Engagements qualifizierter und sozialdemokratisch geprägter Arbeiterschaft. Eine Analyse von Zivilgesellschaftsfähigkeit und Mechanismen zivilgesellschaftlichen Engagements zeigt, dass soziale Ungleichheit erschwerend wirkt und Vertrauen eine zentrale Ressource darstellt. Ebenso ergibt Kockas Untersuchung von Zivilgesellschaft und Nationalstaat, dass zwar transnationale Ansätze von Zivilgesellschaft erkennbar, wir jedoch noch weit von einer ‚globalen Zivilgesellschaft' entfernt sind.

Paul Nolte: Zivilgesellschaft und soziale Ungleichheit, FJ NSB 2/2003, S. 38-45

Die Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Zivilgesellschaft untersucht Paul Nolte. Er widerspricht der Auffassung, Zivilgesellschaften seien durch weitgehende Rechtsgleichheit und ausgeglichene ökonomische Privilegien gekennzeichnet. In seinem Beitrag beschreibt Nolte stattdessen das komplexe Verhältnis von Zivilgesellschaft und sozialer Ungleichheit. Er zeigt, dass soziale Ungleichheit sowohl positive, bedingende Wirkung für Zivilgesellschaft hat, aber auch ein nicht zu unterschätzendes Risikopotential beinhaltet. Dieses ambivalente Verhältnis zwischen Affinität und Spannung zeigt der Autor am Beispiel moderner westlicher Gesellschaften auf, in denen ‚Gemeinsinn' und Sozialkapital ebenso wachsen wie soziale Ungleichheitsstrukturen. In seiner Interpretation sozialempirisch dominierter Studien zu sozialer Ungleichheit und sozialtheoretischer Forschung zu Zivilgesellschaft weist der Autor darauf hin, dass die Zivilgesellschaftsfähigkeit sozialer Akteure ganz wesentlich an ihre Position im Ungleichheitssystem gekoppelt ist.

Detlef Pollack: Zivilgesellschaft und Staat in der Demokratie, FJ NSB, 2/2003, S. 46-58

In seiner Analyse von Zivilgesellschaft und Staat in der Demokratie versucht Detlef Pollack einen nicht-normativen Zugang zum Thema zu präsentieren. In seiner Analyse des in den meisten Zivilgesellschaftskonzepten als problematisch angelegten Verhältnisses von Staat und Zivilgesellschaft kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Vertreter normativ geprägter Zivilgesellschaftskonzeptionen ihren staatskritisches Ansatz nicht aufgeben, obwohl - wie er konstatiert - ihre Entwürfe den normativen Impetus und den systemtheoretischen Biss bereits weitgehend verloren haben. Pollack plädiert vor diesem Hintergrund für ein nicht-normatives Konzept von Zivilgesellschaft, das prinizipiell pluaralistisch angelegt ist in der die Differenz und die Auseinandersetzung prägender sind als Harmonie oder Konsens. Um die ‚dunklen Seiten' der Zivilgesellschaft zu berücksichtigen, kennzeichnet er gleichwohl Toleranz und ein inklusives Demokratieverständnis als Bestimmungsmerkmale von Zivilgesellschaft. Er untersucht die (weitgehend positiven) Auswirkungen der Zivilgesellschaft auf die input- und output-Funktionen des politischen Systems und unterscheidet im Weiteren zwischen einer politischen und vorpolitischen Dimension der Zivilgesellschaft.

Roland Roth: Die dunklen Seiten der Zivilgesellschaft, FJ NSB, 2/2003, S. 59-73

Die Schattenseiten von realen Zivilgesellschaften im Hinblick auf demokratische Prozesse untersucht Roland Roth. Er geht davon aus, dass demokratieförderliche Wirkungen der zivilgesellschaft erst dann angemessen erfasst werden können, wenn auch die gegenläufigen anti-demokratischen und unzivilen Tendenzen innerhalb ‚realer Zivilgesellschaften' ernsthaft berücksichtigt werden. Roth zeigt auf, dass die Existenz von Gruppierungen einer ‚bad civil society' analytisch nur unzureichend berücksichtigt werden. Zudem argumentiert er, dass je korporatistischer die Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen ausfällt, desto weniger dürften sie den Idealen autonomer, selbstorganisierter und freiwilliger Assoziation entsprechen und demokratische Lernorte anbieten. Als Gefahren an den Grenzen von Zivilgesellschaft zu den Sektoren Markt und Staat diskutiert der Autor die Problematik zunehmender Korruption und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Seine Analyse macht deutlich, dass die Demokratisierung liberaler Demokratien neue institutionelle Formen benötigt und sich nicht in der Anrufung der Zivilgesellschaft erschöpfen darf.

Annette Zimmer: Rahmenbedingungen der Zivilgesellschaft, FJ NSB 2/2003, S. 74-86

Annette Zimmer plädiert in ihrem Beitrag für ein Zurückholen des Staates in die Zivilgesellschaftsdebatte. Sie skiziiert ein Verständnis von Zivilgesellschaft als normativem, zukunftsgerichtetem Gegenentwurf zu herrschenden Verhältnissen, die insbesondere durch einen starken Legitimitätsverlust des Staates gekennzeichnet sind. Die Akteure dieser Zivilgesellschaft werden mithilfe der Verbindung von demokratietheoretisch-normativem Konzept von Zivilgesellschaft und dem empirisch-organisationssoziologischen Ansatz des ‚Dritten Sektors' analysiert. Diese Akteure und ihre zivilgesellschaftlichen Aktivitäten lassen sich - so Zimmer - nicht angemessen untersuchen, wenn man die institutionellen Rahmenbedingungen nicht berücksichtigt. Die Autorin präsentiert eine Typologie zivilgesellschaftlicher Organisationen und beschreibt deren Strukturmerkmale und Handlungslogik sowie ihr Verhältnis zu staatlichen Aufgaben, Institutionen und Strukturen. Insbesondere weist sie auf die Rolle der zivilgesellschaftlichen Akteure als Garanten wohlfahrtsstaatlicher Effizienz, als Beschaffer demokratischer Authentizität sowie als Instanzen sozialer Integration. Sie kommt zu dem Schluss, dass eine realistische Zivilgesellschaftsdebatte die staatlichen Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Handeln stärker berücksichtigen muss.

Helmut Anheier/Nuno Themundo/Matthias Freise: Transnationale Zivilgesellschaft und Organisationsentwicklung, FJ NSB 2/2003, S. 87-96

Helmut Anheier, Nuno Themundo und Matthias Freise widmen sich in ihrem Beitrag Organisationen, die sie der ‚transnationalen' Zivilgesellschaft zuordnen. Die Autoren untersuchen hierbei insbesondere die Infrastruktur und die Organisationsentwicklung in internationalen Nichtregierungsorganisationen (INGOs) und Netzwerken. Die organisatorische Dynamik der transnationalen Zivilgesellschaft sehen sie dabei geprägt durch eine Vielzahl von Faktoren in einer hochdynamischen und komplexen Umwelt. Die Notwendigkeit umweltangemessene Organisationsstrukturen zu entwickeln führt zu teilweise widersprüchlichen und gegenläufigen Trends: INGOs werden sich gleichzeitig ähnlicher und unähnlicher, sie werden in sehr unterschiedlichem Maße von der Globalisierung geprägt und entwickeln innovative und hybride Organisationsformen. Die Autoren zeigen in ihrer Studie, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Erscheinungsformen und die Ungleichzeitigkeit organisationaler Entwicklungen die Infrastruktur der transnationalen Zivilgesellschaft prägen.

Ludwig Pott: Die Enquetekommission als soziales System, FJ NSB 2/2003, S. 97-106

Die Frage, was die Enquetekommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" mit der Zivilgesellschaft zu tun hat, untersucht Ludwig Pottin seinem Beitrag. In seiner Analyse des Systems Enquetekommission stellt er fest, dass es wie in anderen sozialen Systemen hier neben den Inhalten ebenso um Statusunterschiede, um die Verteilung von Rollen, um Macht und Ohnmacht, um Attraktivität und Autorität, um Führung und Gefolgschaft, um Mechanismen der Entscheidungsfindung, um vorgegebene und sich herausbildende Normen sowie um entsprechende Sanktionen geht. Er erläutert Thema, Funktion und Arbeitsweise der Kommission und analysiert interne Rituale, Beziehungsmuster, mikropolitische Machtverhältnisse sowie Normen und Tabus der Arbeit. Pott kommt zu dem Ergebnis, dass Konzepte der Bürgergesellschaft nicht auf dem Reissbrett von Parlamentariern und Sachverständigen erfunden werden können. Er zeigt auf, wie das Ergebnis der Enquetekommission durch soziale Mechanismen beeinflusst und beschränkt ist.

Michael Opielka: Bürgergesellschaft vs. Arbeitsgesellschaft? Grüne Sozialpolitik am Scheideweg, FJ NSB 2/2003, S. 107-114

Michael Opielka untersucht die Bezugnahme auf Grundlagen der ‚Bürgergesellschaft' in der grünen Sozialpolitik. Er antwortet damit auf einen provokativen Beitrag des Sozialpolitikwissenschaftlers Frank Nullmeier im Forschungsjournal NSB (1/2003) in dem dieser das Konzept Bürger-/Zivilgesellschaft grundlegend kritisiert. Nullmeier fordert eine subjektive Freiheit und individuelle Differenz anerkennende sozialpolitische Theorie, die soziale Ungleichheit als Gegebenheit akzeptiert und nicht normativ deren Überwindung fordert. Nullmeier kritisiert einen bürgergesellschaftlichen Mangel an Selbststeuerungsmechanismen und entsprechenden Interaktionsmedien, über die Systeme Markt und Staat verfügen. Er schlussfolgert, dass die Bürgergesellschaft im Hinblick auf Sozialpolitik lediglich eine untergeordnete Rolle spiele. Opielka kritisiert diese Analyse als einseitig und unzutreffend und weist am Beispiel der Arbeitslosigkeit die negativen Auswirkungen dieses Verständnisses auf bündnisgrüne sozialpolitische Vorstellungen auf. Der Autor benennt die fehlende Akteursperspektive und die zunehmende Markt(system)rationalität der grünen sozialpolitischen Konzeption als Hauptursachen für deren aktuelle Bedeutungslosigkeit. Im Gegensatz zu Nullmeier kommt Opielka zu dem Schluss, dass nur die Bürgergesellschaft gegen einen ‚aktivierenden Sozialstaat' helfen kann, der auf wirtschaftsliberalen und etatistischen Grundlagen aufbaut.