Heft 1, 2004   

 

Zwischen Meier und Verein. Modernisierungspotentiale im Ehrenamt

Joachim Raschke: Müssen die Grünen sich neu erfinden? Innovationsjahr 2004 - zwischen Modernisierung und Fortschrittsskepsis, FJ NSB 1/2004, S. 9-16

Der Autor analysiert das Koordinatensystem grüner Politik. Daraus werden Konsequenzen für eine grüne Themen- und Kommunikationsstrategie abgeleitet. Die größten Chancen haben die Grünen mit einer ökologisch-kulturellen Strategie, verknüpft mit Gerechtigkeitsfragen. Bei Themen der Ökonomie und materiellen Gerechtigkeit können sie verlieren, aber nicht gewinnen. Die Grünen müssen sich bemühen, die Einheit von Modernisierern und Modernisierungskritikern (‚modernisierungskritische Modernisierer') zu wahren. Sie sollten sich weder als Fortschrittsfeinde noch als blinde Modernisierer gerieren. Ökologie, Bürgergesellschaft, Nachhaltigkeit und anderes lässt sich in diesen Kontext einordnen.

Hans Oswald: Politische Identität und freiwilliges Engagement im Jugendalter, FJ NSB 1/2004, S. 17-24

Politik hat im Vergleich zu anderen Lebens- und Aufgabenbereichen für Jugendliche einen geringen Stellenwert. Dies als zunehmendes politisches Desinteresse und als Politikverdrossenheit zu charakterisieren, ist dennoch irreführend. Viele Jugendliche entwickeln schon früh politische Konzepte und Verhaltensbereitschaften. Die zentrale Frage dieses Aufsatzes bezieht sich auf den Stellenwert, den freiwilliges soziales Engagement für Jugendliche hat. Hierfür werden zunächst amerikanische Forschungsergebnisse berichtet, nach denen freiwilliges soziales Engagement wegen seiner Integration in schulische Curricula weit verbreitet ist. Dieses Engagement hat vor allem dann positive Auswirkungen auf das politische Bewusstsein und die politische Verhaltensbereitschaft, wenn es sich um Arbeit mit Benachteiligten handelt. In Deutschland gibt es ähnliche Zusammenhänge, auch wenn freiwilliges soziales Engagement weniger weit verbreitet ist. Wegen der im Durchschnitt großen Hilfsbereitschaft von Jugendlichen dürfte es auf dem Gebiet des freiwilligen sozialen Engagements große ungenutzte Potentiale geben. Außerdem besteht ein beträchtlicher Forschungsbedarf.

Sebastian Braun: Die Wiederentdeckung des Vereinswesens im Windschatten gesellschaftlicher Krisen, FJ NSB 1/2004, S. 26-35

Vor allem das Unbehagen über längerfristige Entwicklungstendenzen in Deutschland hat in der gesellschaftspolitischen und sozialwissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahre zu einem erheblichen Bedeutungsgewinn des Vereinswesens beigetragen. Im Kern handelt es sich dabei um vier große, vielfach als Krisen thematisierte Entwicklungstendenzen, die im Zentrum der - aus einem Gemisch von Altbekanntem, modifizierten Erkenntnisinteressen und neuen politischen Konstellationen gespeisten - Debatte über Vereine stehen: die Krise des Wohlfahrtsstaats, der Arbeitsgesellschaft, des sozialen Zusammenhalts und der Demokratie. Der Beitrag führt in aktuelle Ansätze ein, in denen Vereine als alternative Steuerungsressourcen und multifunktionale Akteure zur Linderung dieser Krisenphänomene diskutiert werden, und skizziert vor diesem Hintergrund grundlegende Desiderate in der sozialwissenschaftlichen Forschung über das Vereinswesen.

Eckhard Priller: Konkurrierende Konzepte zum bürgerschaftlichen Engagement in der Langzeitperspektive, FJ NSB 1/2004, S. 36-44

In seiner Analyse zur langfristigen Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements macht Eckhard Priller drei Hauptrichtungen mit widersprüchlichen Befunden aus: Das Krisenszenario postuliert einen Rückgang, das Strukturwandelszenario geht von bereichsbezogenen Verlagerungen und Wachstum, das Zyklenszenario von phasenbedingten Schwankungen aus. Die empirische Überprüfung dieser Trends mit den Indikatoren Anzahl der Organisationen, Mitgliedschaften in Organisationen sowie ehrenamtliches Engagement zeigt, dass das pessimistische Krisenszenario in Deutschland nur in einigen Bereichen eingetreten ist. Im Langzeittrend ist bislang nicht nur ein Wandel, sondern eine Zunahme des Engagements zu verzeichnen. Gleichwohl bleibt anhand der Daten noch unklar, inwieweit sich das Engagement gerade gegenwärtig gegenüber bestimmten Einflussfaktoren als robust erweist. Bestimmte Schwankungen und Rückgänge hängen sowohl von exogenen als auch von endogenen Faktoren ab und sind künftig nicht auszuschließen.

Ingo Bode/Adalbert Evers/Andreas Schulz: Arbeitsförderung als Sozialpolitik? Beschäftigungsgesellschaften zwischen Gemeinwesenorientierung und arbeitsmarktpolitischer Funktionalisierung, FJ NSB 1/2004, S. 45-53

Beschäftigungsunternehmen sind ein gesellschaftliches Phänomen, das bislang in der arbeitsmarktpolitischen Debatte, aber auch in der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zivilgesellschaft und Non-Profit-Sektor weit gehend ausgeblendet worden ist. Die Vision des ‚Zweiten Arbeitsmarkts' sowie der Leitgedanke, die (Re-)Integration benachteiligter Menschen unmittelbar mit am lokalen Bedarf ansetzenden, sozialwirtschaftlichen Aktivitäten zu verknüpfen, ist heute kaum mehr en vogue - und dies, obwohl Beschäftigungsunternehmen das Potenzial haben, zivilgesellschaftliche, wirtschaftliche und sozialpolitische Ziele zu verknüpfen und ganzheitliche Lösungen für den Umgang mit der Beschäftigungskrise zu entwickeln. Der Beitrag konzipiert dieses Potenzial zunächst theoretisch, um dann empirische Befunde zu Struktur und Entwicklung sozialer Beschäftigungsunternehmen in Deutschland zu präsentieren. Abschließend zeigt er, wie im politisch-administrativen System derzeitig verfolgte Steuerungsstrategien zu einer Abwicklung dieser ‚Mikroinnovation' zu führen drohen.

Ulrike Schumacher: Die Rolle bürgerschaftlichen Engagements in der Krise der Arbeitsgesellschaft, FJ NSB 1/2004, S. 54-61

Der Beitrag geht der Bedeutung freiwilligen Engagements für den Wandel zu einer zukunftsfähigen Arbeitsgesellschaft nach. Basierend auf den Ergebnissen einer qualitativen Untersuchung in Berliner Umweltinitiativen werden prägnante individuelle Kombinationsformen von Erwerbsarbeit und dem Engagement heraus gearbeitet. Ausgehend von der Alltagspraxis der Akteure werden darüber hinaus Handlungsfelder für die Gestaltung von Rahmenbedingungen benannt, die die Teilnahme von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären ermöglichen und unterstützen. Es handelt sich dabei um eine ressortübergreifende Aufgabe, die auch der integrativen Funktion Rechnung tragen würde, die die Vereine und Initiativen als Vermittlungsglied zwischen Einzelnen und der Gesellschaft einnehmen.

Ulrike Schumacher: Die Rolle bürgerschaftlichen Engagements in der Krise der Arbeitsgesellschaft, FJ NSB 1/2004, S. 54-61

Der Beitrag geht der Bedeutung freiwilligen Engagements für den Wandel zu einer zukunftsfähigen Arbeitsgesellschaft nach. Basierend auf den Ergebnissen einer qualitativen Untersuchung in Berliner Umweltinitiativen werden prägnante individuelle Kombinationsformen von Erwerbsarbeit und dem Engagement heraus gearbeitet. Ausgehend von der Alltagspraxis der Akteure werden darüber hinaus Handlungsfelder für die Gestaltung von Rahmenbedingungen benannt, die die Teilnahme von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären ermöglichen und unterstützen. Es handelt sich dabei um eine ressortübergreifende Aufgabe, die auch der integrativen Funktion Rechnung tragen würde, die die Vereine und Initiativen als Vermittlungsglied zwischen Einzelnen und der Gesellschaft einnehmen.

Sebastian Braun/Stefan Hansen: Soziale und politische Integration durch Vereine?, FJ NSB 1/2004, S. 62-69

Vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion über Vereine als Zwischenträger in gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozessen wird in diesem Beitrag die These von Vereinen als Basis für den gesellschaftlichen Zusammenhalt thematisiert. In einem ersten Schritt wird diese These, die in den aktuellen Diskussionen um Sozialkapital und Bürgerkompetenz eine zentrale Rolle spielt, zu analytischen Zwecken in ‚binnen-‚ und ‚außenintegrative' Leistungen von Vereinen differenziert. Anschließend werden markante theoretische und empirische Forschungslücken thematisiert und erste empirische Ergebnisse diskutiert.

Maria Berger/Ruud Koopmans: Bürgerschaft, ethnische Netzwerke und die politische Integration von Türken in Amsterdam und Berlin, FJ NSB 1/2004, S. 70-79

In der Sozialkapital-Diskussion macht die Differenzierung zwischen ‚bridging' und ‚bonding social capital' aufmerksam sowohl auf die möglichen vermittelnden Leistungen sozialer Netzwerke über ethnische und andere Gruppen-Differenzen hinweg als auch auf exklusive, ab- und ausschließende Effekte, die sich in Assoziationsverhältnissen und Netzwerken einstellen können. Mit ihren empirischen Forschungsergebnissen weisen Maria Berger und Ruud Koopmans unter Konzentration auf den Vergleich des Engagements von Türken in ethnischen Organisationen in Amsterdam und Berlin nach: Ethnische Assoziationen leisten durchaus einen wichtigen Beitrag zur politischen Integration von Migranten und zu einem ‚bridging social capital'. Sie befördern keineswegs zwangsläufig die Entwicklung von ‚Parallelgesellschaften'. Es sind jedoch eher die individuellen Rechte als die kulturellen Gruppenrechte, die die politische Integration von Migranten fördern. Die niederländische Integrationspolitik mit ihrer starken Förderung kultureller Gruppenrechte wird im Lichte dieser Untersuchung skeptisch beurteilt. Eine stärkere Förderung von Migrantenorganisationen ist für die Autoren jedoch unverzichtbarer Bestandteil einer erfolgreichen Integrationspolitik.

Thomas Leif: Weiches Thema - Weiche Politik? Warum die Engagement-Politik in Deutschland im Schatten steht, FJ NSB 1/2004, S. 80-87

Vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion über Vereine als Zwischenträger in gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozessen wird in diesem Beitrag die These von Vereinen als Basis für den gesellschaftlichen Zusammenhalt thematisiert. In einem ersten Schritt wird diese These, die in den aktuellen Diskussionen um Sozialkapital und Bürgerkompetenz eine zentrale Rolle spielt, zu analytischen Zwecken in ‚binnen-‚ und ‚außenintegrative' Leistungen von Vereinen differenziert. Anschließend werden markante theoretische und empirische Forschungslücken thematisiert und erste empirische Ergebnisse diskutiert.

Wolf-Dietrich Brettschneider: Viel Lärm um nichts? Zur Rezeption der Studie ‚Jugendarbeit in Sportvereinen: Anspruch und Wirklichkeit', FJ NSB 1/2004, S. 88-93

Die ungewöhnliche Rezeption und die damit verbundene Wirkung der Paderborner Studie über die Wirksamkeit von Sportvereinen und ihre Jugendarbeit auf die Entwicklung von Jugendlichen bilden den Anlass für eine Rückschau aus der Sicht des verantwortlichen Leiters. Anhand einer ausführlichen Darstellung der Studie und der Reaktionen in den Sportorganisationen, der Sportpolitik und den Medien, wird nach Erklärungen für die Reaktionen gesucht und auf einige Kritikpunkte eingegangen. Doch werden - auch durch Flankenschutz aktueller Studien - Kernaussagen wie die festgestellte Stagnation motorischer Leistungsfähigkeit und der Drogenkonsum jugendlicher Fußballer aufrechterhalten.

Thomas Klie/Hans Hoch/Paul-Stefan Roß: Neue Wege der Verbände in der Bürgergesellschaft?, FJ NSB 1/2004, S. 93-97

Der Artikel befasst sich mit einer Studie aus dem Jahr 2003 zur Rolle der Verbände in der Bürgergesellschaft. Ausgangspunkte ist die Frage nach der neuen Rolle der Verbände im freiwilligen Engagement in der Bürgergesellschaft. Im Anschluss an die Darstellung der Themen der Untersuchung und der einbezogenen Verbände werden erste Ergebnisse kurz vorgestellt. So ist das Verbandswesen ein sich nach wie vor regenerierender Faktor des Dritten Sektors, in dem Traditionsbewahrung und steter Wandel parallel einhergehen: Die Verbände sehen sich offen für neue Formen des Engagements, stehen jedoch traditionell für das ‚Ehrenamt'; sie sind wenig über ihre verbandsinternen Gliederungen hinaus vernetzt, sind aber offen für Kooperationen; sie wollen eine verstärkte Zusammenarbeit mit Unternehmen, doch bleibt dies mehr Anliegen als Praxis.

Thomas Leif: Grauzonen des Parlamentarismus ausleuchten - Wie der Lobbyismus unser demokratisches Gefüge untergräbt, FJ NSB 1/2004, S. 100-102

Der Einfluss der Lobbyisten wächst rasant. Noch nie hatten Lobbyisten so viel Einfluss-Chancen wie heute, nie zuvor sind sie so offensiv in der politischen Arena aufgetreten. Die enge Verzahnung von Parlamentarien und Lobbyisten ist ein in Deutschland lange verschwiegenes Defizit parlamentarisch-politischer Unabhängigkeit. Die Lobbyisten sind - auf Kosten der Demokratie - eine Macht ohne Legitimation, die gezielt intransparent vorgeht. Sie beeindrucken die einflussreiche Ministerialbürokratie mit dem Rohstoff Informationen und fertig formulierten Gesetzesentwürfen. Trotz aller naiven Kommentierungen ist der explodierende Lobbyismus in Deutschland und noch stärker in Brüssel längst zur ‚Fünften Gewalt' heran gewachsen.