Heft 2, 2006   

 

Neue Bewegungen im Internet?

Gerd Mielke, Auf der großen Baustelle. Anmerkungen zur Lage der SPD in der Großen Koalition, FJ NSB 2/2006, S. 7-21.

In seiner Aktuellen Analyse befasst sich der Mainzer Politikwissenschaftler und Parteienforscher Gerd Mielke mit der Lage der SPD in der Großen Koalition. Der Autor erkennt von der SPD und ihrer Führung bislang nur ansatzweise wahrgenommene oder gar verdrängte Problemlagen, die sich wechselseitig in ihren negativen Auswirkungen verstärken und zu dieser hartnäckigen Schwächung der Partei führen: eine Fehlwahrnehmung des Wählermarktes und eine von diesem Wählermarkt abgekoppelte programmatische Entwicklung. Eine Standortbestimmung der SPD sollte, so Mielke, "vor allem diese beiden Bereiche thematisieren und auf einander beziehen." In der Aufarbeitung dieser Problemkonstellation sieht der Autor in seiner fundierten Ausarbeitung entscheidende Ansatzpunkte für die SPD, um mittelfristig wieder erfolgreich auf dem Wählermarkt, in der programmatischen Politikdebatte in Deutschland Boden gut zumachen und wieder attraktiv für die Wählerschaft zu werden.

Ann Zimmermann, Online-Öffentlichkeiten und Zivilgesellschaft: neue Chancen auf massenmediale Sichtbarkeit? FJ NSB 2/2006, S. 22-36.

Anhand empirischer Daten aus einem EU-Forschungsprojekt (Europub) untersucht Ann Zimmermann, ob zivilgesellschaftliche Akteure im Internet ähnliche oder bessere Möglichkeiten haben, Informationen zu verbreiten, als über herkömmliche Medien. Zivilgesellschaftliche Akteure haben im Internet die Chance, unter Umgehung der etablierten Massenmedien, direkt mit Informationsangeboten aufzutreten. Die Sichtbarkeit dieser Angebote ist jedoch Abhängig von Suchstrategie und Suchergebnissen der potentiellen Nutzer. Anhand einer Untersuchung in ausgewählten Politikfeldern wird gezeigt, dass es neben den etablierten Medien, die mit eigenen Informationsangeboten im Internet auftreten, vor allem staatliche Akteure sind, die in den Politikfeldern als Informationsanbieter auftreten. Politische Machtverhältnisse der realen Welt, so ein Ergebnis, spiegeln sich in den Online-Öffentlichkeiten wieder.

Jan Schmidt, Social Software: Onlinegestütztes Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement, FJ NSB 2/2006, S. 37-47.

Social Software, also onlinebasierte Software-Anwendungen, unterstützt das Entstehen und den Erhalt von sozialen Netzen im Internet. Dabei haben sich Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement als Handlungskomponenten herausgebildet. Als Beispiel für Social Software werden Weblogs, Wikis und kollaborative Verschlagwortungssysteme untersucht. Neben den grundlegenden Möglichkeiten von Social Software wird außerdem das Potential zur politischen Kommunikation aufgezeigt. Durch das Aufeinandertreffen niedrigschwelliger und gleichberechtigter Kommunikationsformen und etablierter Handlungsmuster entsteht allerdings auch Konfliktpotential. Außerdem stellt der Autor heraus, dass keineswegs Chancengleichheit besteht bei der Nutzung von Social Software und dass Social Software auch Auswirkungen auf die Akteure hat, die - wissentlich oder unwissentlich - ein Stück ihrer Privatsphäre öffentlich machen.

Markus Seifert, Neue Demokratie durch das Internet? Zum Einfluss des Netzes auf die bürgerschaftliche politische Kommunikation, FJ NSB 2/2006, S. 48-59

Anhand empirischer Daten aus dem DFG-Forschungsprojekt "Politische Online-Kommunikation" an der TU Ilmenau wird die These überprüft, das Internet könne Bürger zur Kommunikation über Politik mobilisieren. Ausgehend von einem grundsätzlichen Wirkungszusammenhang zwischen der Nutzung des Internets und der individuellen politischen Kommunikation wird angenommen, dass dieser Effekt bei Bevölkerungsgruppen mit höherer Bildung stärker auftritt als in Gruppen mit niedrigerer Bildung. Eine Mobilisierung kann anhand der vorliegenden Daten nur bei höher Gebildeten nachgewiesen werden und legt für den Ausschnitt der politischen Kommunikation eine weitere "Digitale Spaltung" der Gesellschaft nahe.

Christoph Bieber, Weblogs, Podcasts und die Architektur der Partizipation, FJ NSB 2/2006, S.60-67.

Anhand von Beobachtungen aus dem Wahlkampf zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005 beschreibt Christoph Bieber neue Formen der politischen Kommunikation im Internet. Weblogs, Internetseiten mit aktuellen Einträgen und Kommentarfunktion, sowie Podcasts, Bürgerfunk im MP3-Format, werden als Veranstaltungsöffentlichkeit charakterisiert. An bestimmten Orten im Internet findet gruppenbezogener Austausch zu politischen Themen statt. Dabei werden die Adressaten selbst zu Sendern, eine neue Angebotsvielfalt im Internet entsteht. Jenseits von bloßem Publizieren von Informationen besteht die Chance zum kommunikativem Austausch.

Kathrin Voss, Alles online? Über die Auswirkungen von Online-Medien auf die interne und externe Kommunikation von Nichtregierungsorganisationen, FJ NSB 2/2006, S. 68-76

Anhand von Beispielen aus den USA und Deutschland wird gezeigt, wie NGOs das Internet für die interne und externe Kommunikation nutzen. Dabei wird auf verschiedene Formen der Mitgliederkommunikation (E-Mails, Newsletter, Umfragen, Intranets) und der Öffentlichkeitsarbeit (Information, Online-Protest, Mobilisierung) eingegangen. In den USA, wo Nonprofits NGOs spezielle technologische Dienstleistungen anbieten, lässt sich eine Professionalisierung im Online-Bereich feststellen. Die durch das Internet erleichterte Vernetzung von NGOs, Bürgern und politischen Entscheidern wird als Chance gewertet. Während in den USA das interaktive Potential des Mediums zur internen Willensbildung von NGOs durch Öffnung der Kommunikationswege für eine breite Öffentlichkeit genutzt wird, lassen sich solche Beispiele in Deutschland kaum finden.

Marion Hamm: Proteste im hybriden Kommunikationsraum. Zur Mediennutzung sozialer Bewegungen, FJ NSB 2/2006, S. 77-90

Anhand eines aktuellen Beispiels analysiert Marion Hamm, wie lokal gebundener Straßenprotest von Mediennutzung und medialer selbst-Repräsentation Gebrauch macht. Heutige Protestgeographien, so ihr Ergebnis, setzen sich zusammen aus dem Straßenraum, durch das Internet vermittelte Kommunikationsräume und dem Repräsentationsraum alternativer Medien und herkömmlicher Massenmedien. Die traditionellen Muster des Straßenprotests werden ergänzt durch eine Aneignung einer breiten Spanne von Medientechnologien. Die Mediennutzung erfolgt dabei in der Tradition der Do-It-Yourself Kultur. Beschrieben wird die Entstehung von Indymedia und den Independent Media Centers. Die Wahrnehmung von räumlichen und sozialen Abständen kann durch digitale Kommunikationstechnologie, die parallel zur Aneignung öffentlicher Räume zum Straßenprotest genutzt werden, verschoben werden. Hierdurch ergeben sich neue geographische, affektive und politische Handlungsspielräume für Protest sozialer Bewegungen.

Julia Eikmann, Die Blogosphäre: Teenager auf Selbstfindungskurs neben professionellem One-Man-Journalismus, FJ NSB 2/2006, S. 91-96.

Das Phänomen "Weblog" genießt hohe mediale Aufmerksamkeit, mittels einfacher Internetanwendungen publizieren Millionen Menschen täglich ihr eigenes Magazin im Internet, zwischen persönlicher Homepage und Nachrichtenagentur. Nach der "Verdrängungsthese" gerät der etablierte Journalismus durch den Citizen-Journalimus im Internet zunehmend unter Druck. Julia Eikmann stellt eine idealtypische Kategorisierung der deutschen Weblog-Landschaft vor und kommt zu dem Ergebnis, dass Weblogs Medien zwar ergänzen, nicht aber ersetzen werden. Das Phänomen des "bloggens" steht in Deutschland noch am Anfang. Während private Nutzungsformen überwiegen, bietet die Struktur der Weblogs die Chance, Informationen jenseits der etablierten Medien zu verbreiten, etwa für eine spezielle Zielgruppe, die in den Medien unterrepräsentiert ist.