Heft 2, 2006   

 

Neue Bewegungen im Internet?

Jürgen Reiche, Mythos Rock. Politik und Rockmusik, FJ NSB 3/2006, S.13-19.

Anhand der Frage wie politisch eigentlich der Rock war und ist, unternimmt der Autor eine Reise durch die Zeit der Rockmusik. Als die Rolling Stones, immer noch ‚on Tour', 1965 erstmals in Deutschland gastierten, war für politischen Zündstoff gesorgt. Rock, so war die vorherrschende Meinung, ist die Musik, die die Welt verändern und verkrustete Strukturen aufbrechen konnte. Doch gezielt politisch im eigentlichen Sinne und politisch aussagekräftig wurde der Rock erst mit den Auftritten von Bob Dylan. Danach zerfiel die populäre Musik in verschiedene Einzelteile und Stilrichtungen, in Deutschland auch in Ost- und West-Musik. Rock war immer mehr als nur Musik: Er ist ein Lebensgefühl sowie auch und vor allem ein Geschäft. Die Anschlägen vom 11.09.2001 veränderte noch einmal die Welt der Rockmusik. Die Zeiten sind für die Akteure des Rock schwerer geworden. Die Rockmusik zehrt von ihrem Mythos - gleichwohl drängen immer neue Hoffnungen auf den Markt. Festzustellen ist: Es bleibt alles anders, aber sind die fetten Jahre sind vorbei.

Jens-Uwe Nieland, From Music to Politics or from Politics to Music? Stellungnahme deutscher Künstler zum Wandel politischer Popmusik, FJ NSB 3/2006, S. 20-29.

Gesellschaftliches Engagement und politischer Protest von Popkünstlern begleiten die Geschichte der Popkultur von Beginn an. Beispielhaft kann man die Bürgerrechtsbewegung, die Anti-Vietnambewegung, den Kampf gegen Armut (Live 8) oder aktuell 9/11 und seine Folgen nennen. Festzustellen ist bei allen Beispielen ein altbekanntes Spannungsfeld der politischen Popmusik: Einerseits treten politische Popkünstler als Unterstützer und Teil einer sozialen Bewegung auf (‚from music to politics'), anderseits organisieren sich Parteien oder Politiker ihr Image und ihre Unterstützung mit Hilfe von Künstlern (‚from politics to music'). Auch in Deutschland deuten die zahlreichen Treffen von Künstlern und Politikern eine Verbindung zwischen Politik und (Pop)Kultur an. Der Beitrag fragt, ob die Gegenüberstellung ‚From Music to Politics or from Politics to Music' die Zustände in der Bundesrepublik noch angemessen abbildet. Als Gegenstand werden Äußerungen von zwei politischen Künstlern aus dem Bundestagswahlkampf 2002 herangezogen.

Alexander Zollondz, Hip Hop - durch Ausgrenzung zum Erfolg? Interview mit Hannes Loh und Murat Güngör, FJ NSB 3/2006, S. 30-38.

Welchen Einfluss haben MigrantInnen an der Hip Hop-Kultur? Die Autoren Murat Güngör und Hannes Loh waren über viele Jahre in der Hip Hop-Szene aktiv und haben die Entwicklung in Deutschland von Anfang an beobachtet. Ihre These lautet: Hip Hop in Deutschland konnte nur durch eine ,ethnische Komponente' so erfolgreich werden - mit dem von Plattenfirmen erfundenen Label ,Deutschrap' Mitte der 90er Jahre seien aber all jene ausgegrenzt worden, die die deutsche Hip Hop-Szene mit aufgebaut haben. Dieses Bild hat sich gewandelt, eine Ausgrenzung findet trotzdem statt. Alltäglicher Rassismus, Bildungsprobleme und Familienstrukturen würden in dem Gangsta Rap genannten Genre ausgeblendet, Frauen auf ihre Rolle als allzeit bereite ,bitches' reduziert. Trotzdem bieten diese neuen Formen genug Anziehungspunkte für Jugendliche. Eine Perspektive, die vor alle für all jene Jugendlichen attraktiv ist, die keinen Job und deshalb keine Perspektive mehr haben. Die Entwicklung von den Anfangstagen der Hip Hop-Kultur in New York zum heutigen populären Gangsta Rap in Deutschland zeichnet das Interview mit Loh und Güngör nach.

Stephanie Schmoliner, Let´s riot-Riot Grrrls zwischen Feminismus, Subkultur und sozialer Bewegung, FJ NSB 3/2006, S. 39-46.

Feministisches und politisches Engagement zeigt sich 35 Jahre nach der zweiten Frauenbewegung in anderen Formen. Stephanie Schmoliner zeigt am Beispiel der Riot Grrrls eine Bewegung, die sich neben der Musik insbesondere mit körperpolitischen Forderungen auseinandersetzt, nicht zuletzt aus dem Bedürfnis heraus, einen neuen Umgang mit Geschlechterdefinitionen herzustellen. Zunächst ist eine Darstellung der Gründung notwendig, ohne die gesellschaftlichen Hintergründe insbesondere innerhalb der Subkultur des Punk und Hardcore ist eine Einordnung kaum möglich. Zudem sollen Einblick in die vielfältigen theoretischen Schnittstellen der Riot Grrrls gewährt werden. In Bezug auf soziale Bewegung wird eine Einordnung zwischen Bewegung, Subkultur und Feminismus diskutiert. Neue kulturelle Praxen werden parallel zu alten Widerstandformen benutzt und ausprobiert. Anschließend wird dargestellt, was 15 Jahre nach Entstehen der Riot Grrrls geblieben ist.

Christian Dornbusch/Jan Raabe, RechtsRock, FJ NSB 3/2006, S.47-53.

RechtsRock wurde in den letzten fünfzehn Jahren vor allem auf die Musik neonazistischer Skinheads verkürzt. Doch der inhaltlich definierte Oberbegriff bezieht sich nicht auf einen bestimmtes Genre, sondern auf Entwicklungen in verschiedenen Musikrichtungen. Die politisch offensiven Songs mancher Stilistiken sind stark identitätsbildend. Um sie herum hat sich in den letzten Jahren eine eigenständige Szene etabliert. Beide sind von zentraler Bedeutung für die Neue Soziale Bewegung von Rechts: Die Musik schafft die kollektive Identität, die Szene-Infrastruktur (Label, Versände) hält die Musik und Symbole (Kleidung etc.) bereit und unterstützt politische Akteure bei der Mobilisierung. Mit der werden die Rezipienten vertraut gemacht durch die klandestine Durchführung von Konzertveranstaltungen, die den Mobilisierungstechniken der Bewegung entlehnt ist.

Susanne Witt-Stahl, Pop und Krieg -Eine hemmungslose Eskapade, FJ NSB 3/2006, S. 54-61.

Seit Woodstock verbindet man Popmusik mit Frieden und Freiheit. Nach dem 11.September unterstützten viele Popstars die Forderung nach einem Krieg und zeigten einen extremen Patriotismus. Hat Popmusik die Fronten gewechselt? Die Verbindung mit Frieden war immer eine von der Kulturindustrie erfundene Lüge. Es gab immer eine Verbindung mit Popkultur und Krieg. Popmusik spielt seit dem 2. Weltkrieg zwar keine wichtige Rolle in der Kriegspropaganda aber sie dient als Soundtrack für den Krieg als Gesamtkunstwerk.