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Heft 1, 2007 |
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Bürgergesellschaft. Wunsch und Wirklichkeit Warnfried Dettling: Vom Rand in die Mitte? Perspektiven der Bürgergesellschaft, FJ NSB 2/ 2007, S. 7-14.Obgleich die Bürgergesellschaft ‚Karriere‘ gemacht hat, ist sie derzeit weit davon entfernt, zum Leitbild der Reformpolitik zu werden. Vielmehr ist eine Marginalisierung des Themas durch die Akteure von Staat und Politik, durch die Abschottung des Dritten Sektors sowie durch die mangelnde politische Positionierung der Protagonisten der Bürgergesellschaft selbst festzustellen. Inwieweit die Bürgergesellschaft Perspektiven hat, hängt von einem veränderten Selbstverständnis aller drei Sektoren ab: von intelligenter, ermöglichender Staatlichkeit, von der Anerkennung der Eigenlogik der Bürgergesellschaft durch die Akteure des Marktes (CSR) und von ‚starken‘ Bürgerinnen und Bürgern, die zu Eigenverantwortung und Solidarität fähig sind. Thomas Olk: Hat sich Engagementpolitik etabliert?, FJ NSB 2/21007, S. 15-26.Mit Blick auf den Stand der Umsetzung des Projekts der Bürgergesellschaft in Deutschland überrascht weniger an der Entwicklung in den letzten fünf Jahren, dass der große Durchbruch im Bereich engagementbezogener Politik nicht gelungen ist. Bemerkenswert ist aber vielmehr der Sachverhalt der Herausbildung eines abgegrenzten Politikfeldes für Engagementpolitik. In der Folge des Berichts der Enquete-Kommission entsteht auf bundespolitischer Ebene ein neuartiges engagementpolitisches System von Institutionen, Akteuren, Programmen und Instrumenten. Vor diesem Hintergrund zieht Thomas Olk eine zwiespältige Bilanz: Während es noch ein weiter Weg bis zu einer Verankerung des bürgergesellschaftlichen Anliegens in der großen Politik sein wird, etabliert sich unterhalb dieser großen Politik eine engagementpolische Agenda, die dazu beiträgt, dass das programmatische Anliegen der Bürgergesellschaft und des bürgerschaftlichen Engagements voraussichtlich nicht so schnell wieder von der politischen Ebene verschwinden wird. Heinz Jürgen Dahme/Norbert Wohlfahrt: Aporien staatlicher Aktivierungsstrategien. Engagementpolitik im Kontext von Wettbewerb, Sozialinvestition und instrumenteller Governance, FJ NSB 2/2007, S. 27-39.Die Autoren beobachten eine Ökonomisierung des 3. Sektors, die mit der derzeitigen Fixierung auf Angebotspolitik und dem stetigen Zwang zur Haushaltskonsolidierung einhergeht. Die Zivilgesellschaft wird von der Politik als ökonomische Ressource und politische Steuerungsgröße entdeckt, die in den Um- und Abbau des Sozialstaates einbezogen wird. Damit aber werden zivilgesellschaftliche Organisationen und vor allem die frei-gemeinnützigen Träger der sozialen Dienste in eine ungewisse Zukunft entlassen, denn durch den wirtschaftlichen Druck, dem sie mehr und mehr ausgesetzt sind, laufen sie Gefahr, ihre genuin zivilgesellschaftlichen Funktionen zu verlieren. Mit seiner derzeitigen Strategie gibt der Staat vor, die Zivilgesellschaft mehr fördern zu wollen, trägt aber im Gegenteil zu ihrer Zerstörung bei. Rupert Graf Srachwitz: Neue Rahmenbedingungen für die Zivilgesellschaft. Für einen Paradigmenwechsel des Gemeinnützigkeitsrechts, FJ NSB 2/2007, S. 40-47.In seinem Beitrag analysiert Rupert Graf Strachwitz den aktuellen Gesetzentwurf zur Reform des Gemeinnützigkeitsrechts. Kritisch arbeitet er heraus, dass die derzeitigen Pläne gemeinnütziges Engagement nur durch zusätzliche steuerliche Vorteile einzelner Bürgerinnen und Bürger unterstützen, anstatt bürgerliches Engagement insgesamt tatsächlich zu stärken und aufzuwerten. Eine Reform mit ebendiesem Ziel müsste die Zivilgesellschaft als gleichrangiges Aktionsfeld neben Staat und Markt anerkennen, damit aber auch nicht nur den oder die einzelne Engagierte unterstützen, sondern vielmehr die Zivilgesellschaft als Ganzes und ihre integrative, Identität stiftende und partizipative Kompetenz in den Fokus rücken. Adalbert Evers: Dabei sein ist alles? Wie die Bürgergesellschaft Eingang in Politik und Sozialstaat findet, FJ NSB 2/2007, S. 48-54.Mit Blick darauf, welche Rolle der Bürgergesellschaft in verschiedenen Politikfeldern zukommt, konstatiert Adalbert Evers, dass es bislang nicht gelungen ist, der Bürgergesellschaft Eingang in Politik und in die Institutionen des Sozialstaates zu verschaffen. Dies wird sich kaum ändern, solange die bürgergesellschaftliche Perspektive in einem entpolitisierten öffentlichen Diskurs auf Fragen der Ausweitung des individuellen ehrenamtlichen Engagements beschränkt bleibt, Bürgergesellschaft gleichsam auf eine Wohltätigkeitsveranstaltung reduziert wird (‚Bürgergesellschaft light’). Stattdessen müssen der Bürgergesellschaft jenseits ihrer sozialstaatlich kompensatorischen Funktion Räume geschaffen werden, neue Formen des Regierens und Verwaltens unter Berücksichtigung der sozialer Einbettung (sozial)staatlicher Institutionen erprobt werden, muss in Mitverantwortung der Bürgergesellschaft auch ihre Eigenständigkeit gewahrt bleiben. Bernd Wagner: Bürgergesellschaftliche Akteure und Strukturen im Kulturbereich, FJ NSB 2/ 2007, S. 55-63.Anders als in anderen Politikfeldern kann der Kulturbereich auf eine lange Tradition freiwilliger, ehrenamtlicher und bürgerschaftlicher Aktivitäten bauen. Bernd Wagner beschreibt den kulturellen Trägerpluralismus hierzulande, der sich durch ein geschichtlich gewachsenes Zusammenwirken staatlicher Strukturen, privatwirtschaftlicher Aktivitäten (‚Kulturwirtschaft’) und der Angebote frei-gemeinnütziger Träger unter Eibeziehung bürgerschaftlichen Engagements auszeichnet. Für den Kulturbereich sind bspw. ‚Public-Private-Partnerships’ (PPP) keineswegs neu. Auch die gegenwärtigen kulturpolitischen Herausforderungen lassen sich jedoch nur durch ein verstärktes, dem ‚Bürgerrecht Kultur’ verpflichtetes Zusammenwirken öffentlicher Kulturpolitik, privatwirtwirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure bewältigen. Stephanie Bock/Christa Böhme/Thomas Franke: Aktivierung und Beteiligung in der integrativen Stadtteilentwicklung, FJ NSB 2/2007, S. 64-71.Aktivierung und Beteiligung von Bürger/innen sind integraler Bestandteil der Stadtteilentwicklung, wie sie das bundesweite Programm ‚Soziale Stadt’ fördert, ihre Bedeutung ist auf kommunaler und Länderebene unstrittig. Offen bleibt indes, was konkret unter Aktivierung und Beteiligung zu verstehen ist und wie sie im Einzelnen vor Ort umgesetzt werden. Die Autor/innen vom ‚Deutschen Institut für Urbanistik’ (difu; Bundestransferstelle Soziale Stadt) stellen Methoden, Instrumente und Formen vor und diskutieren sie unter Rückgriff auf Erfahrung aus ‚Soziale Stadt’. Darauf aufbauend empfehlen sie als Voraussetzungen für erfolgreiche Aktivierung und Beteiligung einen Ausbau niedrigschwelliger Angebote und aufsuchender Arbeit, die Schaffung tragfähiger Organisationsstrukturen vor Ort, die Berücksichtigung von Gebietsbesonderheiten, klare Verfahrensregeln, die Etablierung von Verfügungsfonds bzw. Stadteilbudgets und verweisen auf die erforderliche Rückendeckung durch Politik und Verwaltung. Thomas Klie: Engagementpotentiale im Pflegebereich, FJ NSB 2/2007, S. 72-85.Thomas Klie lotet Engagementpotentiale in der Pflege aus und macht konzeptionelle Vorschläge zu ihrer Verankerung im Wohlfahrtspluralismus. Dieser zeichnet sich durch einen Welfare Mix im Zusammenspiel von Staat, Markt , Drittem Sektor und informellem Sektor (Familien, Nachbarschaften etc.) aus. Besondere Bedeutung kommt hierbei den noch nicht ausgeschöpften Potentialen älterer Menschen zu, da deren Engagement in einer gerontologischen Win-Win-Situation resultiert. Eine wohlfahrtspluralistische Konzeptionalisierung sollte normativ begründet, strategisch konzipiert und operativ arrangiert sein. Anhand der Beispiele Hospizarbeit, dem Projekt ‚Bürgerschaftliches Engagement und Lebensqualität im Alter’ (BELA) und Pflegebudgets wird gezeigt, wie ein Welfare Mix unter Berücksichtigung dieser Ebenen und unter Einbezug bürgerschaftlichen Engagements gelingen kann. Mit diesem wohlfahrtspluralistischen Ansatz verbinden sich sowohl eine weitergehende Programmatik mit innovativen Potentialen als auch Risiken, denen die Integrationsund Teilhabezusage bürgerschaftlichen Engagements entgegenstehen. Sybille Volkholz: Bürgerschaftliches Engagement im Schulbereich, FJ NSB 2/2007, S. 86-91.Die Förderung bürgerschaftlichen Engagements wird für den Schulbereich als Entwicklung der Zivilgesellschaft verstanden, um Bildungseinrichtungen selbst zu gestalten, damit sich Lernende für die eigene Bildungsbiographie verantwortlich erklären und um als Lehrende Verantwortung für die Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu übernehmen. Ein aktivierender Staat unterstützt und sichert die hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen. Ein regionales Netzwerk verbindet Betriebe, kulturelle und soziale Einrichtungen mit der Schule und anderen Jugendeinrichtungen. Auf diese Weise entstehen Verantwortungsgemeinschaften, die Potentiale fördern und Bindungen stiften. Sybille Volkholz formuliert entsprechende Reformempfehlungen und illustriert sie an wegweisenden Beispielen: am ‚Modellvorhaben eigenständige Schulen in Berlin‘, in dessen Rahmen mit 33 Schulen Schulvereinbarungen abgeschlossen wurden, an einem Projekt der IHK in Berlin, das Schulen und Betriebe zusammenbringt, sowie am ‚Bürgernetzwerk Bildung’ des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Ingo Bode: Organisationsentwicklung in der Zivilgesellschaft. Grenzen und Optionen in einem unerschlossenen Terrain, FJ NSB 2/2007, S. 92-101.Organisationsentwicklung (OE) wird als Prozess der zielorientierten, umweltbewussten und strategischen Einwirkung von Organisationen auf sich selbst verstanden, für dessen Umsetzung zivilgesellschaftliche Vereinigungen mit ihren partizipationsbasierten Governance-Strukturen und dem Selbstverständnis ihrer Funktionsträger als Teil einer Diskursgemeinschaft geradezu prädestiniert erscheinen. Als besonders Erfolg versprechend wird vor diesem Hintergrund das ‚middle-updown model‘ für zivilgesellschaftssensible OE eingeschätzt: Willenbildungsprozesse vollziehen sich in den Organisationskernen (auf der mittleren Funktionärsebene), deren Ergebnisse werden von der operativen Organisationsspitze operationalisiert und über die gesamte Organisation ‚ausgerollt‘. Erfolgsgrenzen liegen in einer ursprünglich der Wirtschaftslogik folgenden OE zivilgesellschaftlicher Vereinigungen, die jedoch auch vor blindem Aktionismus und strategischem Op- portunismus schützen. Diesen Grenzen werden Optionen der OE in zivilgesellschaftlichen Vereinigungen entgegengestellt: Ein ‚emergenter Organisationswandel’ meint ein dezentriertes und plurales Eingehen auf Anforderungen einer turbulenten Umwelt. Unverzichtbar erscheint zudem eine Streuung des Reflexionsprozesses über tatsächliche Notwendigkeiten und Möglichkeiten des Wandels („Dem Zufall eine gebührende Chance“). OE-Programme sollten kommunikative Offenheit ermöglichen und damit die Fähigkeit fördern, Umweltimpulse aufzunehmen und in kollektive Reflexionsprozesse zu überführen. OE-Prozesse sollten die gleichzeitige Berücksichtigung verschiedener Umwelten, Stakeholder und Zielorientierungen systematisch sicherstellen. Und schließlich setzt eine ‚zivilgeschaftssensible‘ Evaluation von OE-Prozessen eine intensive Selbstbeobachtung sowie die Bereitschaft zur Beschäftigung mit externen Sichtweisen voraus. Dabei darf die innerorganisatorische Demokratie dem Anpassungsdruck zum Trotz nicht zum bloßen Feigenblatt werden. Renate Höfer: Zwischen erster und zweiter Moderne. Identifikationsprozesse in zivilgesellschaftlichen Organisationen am Beispiel der Naturfreunde, FJ NSB 2/2007, S. 102–110.Am Beispiel der 1895 gegründeten Naturfreunde werden Identifikationsprozesse analysiert, die sich mit dem Verfall der Klassenstruktur bzw. der Auflösung bestimmter Milieus nicht mehr auf klare Differenzierungen und trennscharfe Grenzen berufen können. Im Mittelpunkt der historisch orientierten Analyse stehen Zugehörigkeitskonstruktionen, die auf programmatischer und organisatorisch alltagspraktischer Ebene untersucht werden. Mit der Methode der doppelten Lesart wird verdeutlicht, dass die Naturfreunde ein gutes Beispiel für das Nebeneinander traditionaler wie auch reflexiv-moderner Strategien von Institutionen darstellen. Typisch ist ein historisch angelegter, hierarchischer Pluralismus, eine virtuose Verschränkung von Alternativen und damit eine Polyvalenz der Orientierung heute. Dies erklärt die Anpassungsfähigkeit der Naturfreunde und gibt Hinweise darauf, warum sie nicht an der Spitze von Veränderungsprozessen standen. Das Beispiel zeigt auch, wie nach dem Verlust der Bindungskraft einer traditionalen Wir-Erzählung (als Teil der Arbeiterkultur) ein Übergang zu einer neuen Wir-Konstruktion (als Teil einer globalen Nachhaltigkeitsbewegung) erfolgt. Tradition kann demnach auch als rekodierbare Sinnressource genutzt werden: Elemente der Vereinsgeschichte können so rekodiert werden, dass sie individualisierungsadäquat und zukunftssichernd gelesen werden können. Martin Schenkel: Engagement macht kompetent. Zivilgesellschaft und informelle Bildung, FJ NSB 2/2007, S. 111-125.Bürgerschaftliches Engagement hat eine emanzipatorische Funktion, weil es Menschen befähigt und kompetent macht, für sich und für andere selbstbewusst zu handeln und öffentlich Verantwortung zu übernehmen. Beschrieben werden der Paradigmenwechsels in der Bildungspolitik hin zu informeller Bildung und lebenslangem Lernen, die Besonderheiten bürgerschaftlichen Engagements als „informeller Lernort sui generis“ und die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Integration, bürgerschaftlichem Engagement und informeller Bildung. Bildung und Beschäftigung als entscheidende Bedingungen für soziale Integration setzen Bildungsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit voraus. Eine bildungspolitische Öffnung des Diskurses um die Zukunft der Zivilgesellschaft macht daher die Öffnung von Zugangswegen zu Engagementfeldern und die Prägung von Engagementbereitschaft unverzichtbar. Dabei kommt den Freiwilligendiensten als informellen Lerndiensten im „internen“ und „externen Bildungsmix“ besondere Bedeutung zu. Als neue Form der Anerkennungskultur kompetenzbasierten Engagements wird ein Verfahren der ‚Kompetenzbilanz’ durch Selbst- und Fremdeinschätzung vorgeschlagen. Annette Zimmer/Markus Behr/Michael Vilain: Ausbildungsangebote für den Dritten Sektor, FJ NSB 2/2007, S. 126-133.Gemeinnützige Organisationen befinden sich weltweit auf Wachstumskurs und sind daher mit gestiegenen Erwartungen an ihre Effizienz und ihr Leistungsspektrum konfrontiert. Als zivilgesellschaftliche Organisationen werden sie mit Blick auf Dienstleistungsqualität, auf Transparenz und Accountability zunehmend an For-Profit-Organisationen gemessen. Auf diese veränderten Kontexte beginnt sich das Aus- und Weiterbildungssystem einzustellen. Pionierland im Bereich der Ausbildung des Personals von Non-Profit-Organisationen (NPO) sind die USA. Nach einem Blick auf die NPO-Ausbildungssituation in den USA wird die Bedeutung des Dritten Sektors als Arbeitsmarkt in Deutschland skizziert und anhand ausgewählter Fallbeispiele fünf Modelle vorgestellt, welche die Aus- und Weiterbildungsangebote für haupt- und ehrenamtliche Engagierte hierzulande widerspiegeln. Bei diesen Modellen handelt es sich um NPO-Ausbildung (1) mit bereichsspezifischer Orientierung im Kontext von Fachhochschulen für Sozialarbeit, (2) im Kontext der Wirtschaftswissenschaften, (3) in Verbindung mit einem NPO-bezogenen Forschungsund Beratungszentrum, um (4) bereichs- und milieuspezifische Weiterbildung ohne Hochschulanbindung sowie um (5) Angebote mit der Zielgruppe ehrenamtlicher bzw. freiwilliger MitarbeiterInnen. Erforderlich sind einheitliche Qualitätsstandards und eine Diskussion um ein ‚Kerncurriculum‘, wie sie in den USA bereits stattfindet. Gisela Jakob: Kommunen im Welfare-Mix – Eindrücke aus einem Gesprächsforum, FJ NSB 2/ 2007, S.134-140.Nur wenn es gelingt, so die Darmstädter Sozialwissenschaftlerin Gisela Jakob, Einrichtungen und Organisationen für bürgerschaftliches Engagement zu öffnen und einen Welfare-Mix auch in den Kernbereichen der Gesellschaft zu organisieren, wird Zivilgesellschaft keine Light-Version bleiben. Angesichts der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung werden sich Umfang und Qualitätsniveau von kommunalen Angeboten und Diensten nur dann aufrechterhalten lassen, wenn es gelingt, die Beiträge von kommunaler Politik und Verwaltung, marktwirtschaftlichen Unternehmungen und organisierten Akteuren der Zivilgesellschaft systematisch miteinander zu kombinieren. Dies setzt eine neue Aufgabendefinition aller beteiligten Akteure voraus. Während in einem Teil der Kommunen bereits neue Kooperationen zwischen Kommunen und zivilgesellschaftlichen Organisationen erprobt werden, ist insbesondere die Integration unternehmerischer Handlungslogiken und die Kooperation mit Unternehmen bislang eine Leerstelle. Für eine stärkere Integration der Bürgerinnen und Bürger käme es darauf an, so Jakob, „sie nicht nur in ihrer Rolle als Leistungserbringer (Koproduzenten) wahrzunehmen, die mit ihren Aktivitäten den kommunalen Haushalt entlasten.“ Die Entwicklung in Richtung einer Bürgerkommune und die Gewinnung der Bürgerinnen und Bürger für dieses Projekt dürfe stark davon abhängen, ob sie auch in ihrer Rolle als Auftraggeber ernst genommen werden und neue Mitwirkungsmöglichkeiten bei politischen Entscheidungsprozessen erhalten. Mit einem Welfare Mix gehe es keineswegs darum, die kommunale Politik und Verwaltung gänzlich aus der Verantwortung für die Erbringung öffentlicher Leistungen und den Betrieb von Einrichtungen zu entlassen. Nach wie vor haben sie die Aufgabe, zu gewährleisten, dass Angebote und Dienste bereit stehen. Sie würden allerdings als Produzent öffentlicher Leistungen an Bedeutung verlieren. Demgegenüber würde ihre Rolle als Vermittler und Moderator eines kommunalen Welfare Mix aufgewertet. Eine zentrale Rolle für die Ermöglichung bürgerschaftlichen Engagements kommt den Kommunen auch zu, wenn es um die Bereitstellung von Infrastrukturen und lokalen Anlaufstellen geht. Damit sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen können, „braucht es Infrastrukturen wie Räume, Qualifizierungsangebote, Vernetzungsstrukturen etc. Des Weiteren braucht es lokale Anlaufstellen wie Freiwilligenagenturen oder in die Verwaltung integrierte Anlaufstellen, in denen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner bereit stehen und die zugleich auch Aufgaben der Anregung und Weiterentwicklung des Engagements übernehmen“, resümiert die Autorin. Thomas Böhme: Der demographische Wandel mit seinen Auswirkungen auf das bürgerschaftliche Engagement, FJ NSB 2/2007, S.141-148.Bürgerschaftliches Engagement kann einen Beitrag zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen leisten, so Thomas Böhme, Grundsatzreferent in der niedersächsischen Landesregierung. Bürgerengagement stifte Lebenssinn und fördert den zwischenmenschlichen Kontakt, beugt also Vereinzelung und Isolierung vor. Damit „trägt die aktive Bürgergesellschaft wesentlich zu Problem- und Konfliktlösungen sowie zum sozialen Zusammenhalt im Gemeinwesen bei“. Menschen, die sich aufgehoben fühlen und über stabile persönliche Netzwerke verfügen, werden in der Lage sein, gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern. Dies insbesondere in den Regionen, die stark vom demografischen Wandel betroffen sind. Böhme sieht mit Blick auf die künftig veränderte Altersstruktur das so genannte ‚alte’ Ehrenamt, etwa in den Freiwilligen Feuerwehren oder dem Sport vor neue Herausforderungen gestellt. Dies seien Engagementbereiche in denen oftmals die körperlichen Anforderungen so hoch sind, dass ältere Menschen dies nicht mehr leisten können. Für sie seien vor allem, so die Erwartungen, in wachsendem Maße kulturelle oder soziale Engagementfelder attraktiv. Gertrud Zimmermann: Thesen zu Grundzügen einer Politik für ein aktives Alter, FJ NSB 2/ 2007, S.149-152.Gertrud Zimmermann, Grundsatzreferentin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, skizziert in zehn Thesen Anforderungen an eine Politik für ein aktives Alter. Der Abbau von Kompetenz in der Altersgruppe der 60-80-jährigen bedeutet eine Verringerung der Entwicklungsmöglichkeiten und der Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaft. Es besteht daher, so Zimmermann, „eine politische Aufgabe, gegenzusteuern. Kernfrage ist, wie die Potenziale des Alters identifiziert, auf Begriffe gebracht und in den gesellschaftlichen Kontext einbezogen werden können.“ Ein besonders wichtiges ’informelles Lernfeld’ sei dabei das Freiwillige Engagement. Es schaffe Ermöglichungsstrukturen für ein sozial eingebundenes Leben. Grundlage aller Überlegungen Sei dabei ein in der Allgemeinheit verankertes realistisches Altersbild. Dies verschweige keineswegs die möglichen Einschränkungen im höheren Lebensalter, gewichtet sie jedoch angemessen im Verhältnis zu den Möglichkeiten und Chancen, die das Leben im Alter bietet. „Wichtig ist es“, fordert Zimmermann, „wieder eine gemeinsame Kommunikationsbasis zwischen den verschiedenen Altersgruppen, zwischen Alt und Jung, zu ermöglichen und Begegnungs- und Interaktionsmöglichkeiten zu schaffen. Agnes Christner/Stephan Würz/Ralf Vandamme: Freiwilliges Engagement fördern. Ein neues Aufgabenprofil für kommunale Fachkräfte, FJNSB 2/2007, S. 153-160.Das Autorenteam stellt die Erfahrungen der kommunalen Engagementförderung in Baden-Württemberg und Hessen dar. Im kommunalen Raum wird die Gestaltungskraft des Engagements immer wichtiger, doch lassen sich die Bürgerinnen und Bürger keineswegs als Lückenbüßer für Staat und Kommunen instrumentalisieren: Im Zweifelsfall weisen sie auf die Freiwilligkeit ihrer Leistungen hin. Als erfolgreich haben sich kommunale Engagementförderstrategien erwiesen, die von den Kommunalverwaltungen unterstützt werden. Daher gilt es Verwaltungsspitzen und Mitarbeiter von vorne herein in die Querschnittsaufgabe der Engagementförderung einzubeziehen. In Baden- Württemberg erfolgt dies mittels „Kommunaler Anlaufstellen“ (sei es als Stabsstelle oder angesiedelt auf einer vergleichbaren leitungsebene der Verwaltung) und über die dort tätige „Fachkraft Bürgerschaftliches Engagement“, die fundiertes Fachwissen hat. Vorgestellt werden die Arbeit mit Zielgruppen in der Engagementförderung und die Möglichkeiten der Stärkung einer „Anerkennungskultur“ für Engagierte. Die Länder Baden-Württemberg und Hessen haben eine erfolgreiche Kooperation mit den kommunalen Spitzenverbänden zur Förderung des Engagements in den Kommunen beschritten. Renate Höfer: Zwischen erster und zweiter Moderne. Identifikationsprozesse in zivilgesellschaftlichen Organisationen am Beispiel der Naturfreunde, FJ NSB 2/2007, S. 102–110.Am Beispiel der 1895 gegründeten Naturfreunde werden Identifikationsprozesse analysiert, die sich mit dem Verfall der Klassenstruktur bzw. der Auflösung bestimmter Milieus nicht mehr auf klare Differenzierungen und trennscharfe Grenzen berufen können. Im Mittelpunkt der historisch orientierten Analyse stehen Zugehörigkeitskonstruktionen, die auf programmatischer und organisatorisch alltagspraktischer Ebene untersucht werden. Mit der Methode der doppelten Lesart wird verdeutlicht, dass die Naturfreunde ein gutes Beispiel für das Nebeneinander traditionaler wie auch reflexiv-moderner Strategien von Institutionen darstellen. Typisch ist ein historisch angelegter, hierarchischer Pluralismus, eine virtuose Verschränkung von Alternativen und damit eine Polyvalenz der Orientierung heute. Dies erklärt die Anpassungsfähigkeit der Naturfreunde und gibt Hinweise darauf, warum sie nicht an der Spitze von Veränderungsprozessen standen. Das Beispiel zeigt auch, wie nach dem Verlust der Bindungskraft einer traditionalen Wir-Erzählung (als Teil der Arbeiterkultur) ein Übergang zu einer neuen Wir-Konstruktion (als Teil einer globalen Nachhaltigkeitsbewegung) erfolgt. Tradition kann demnach auch als rekodierbare Sinnressource genutzt werden: Elemente der Vereinsgeschichte können so rekodiert werden, dass sie individualisierungsadäquat und zukunftssichernd gelesen werden können. Leo Penta/Susanne Sander: Community Organizing und Bürgergesellschaft, FJNSB 2/2007, S. 161-165.Die Methode des ‚Community Organizing‘ soll selbst organisiertes zivilgesellschaftliches Handeln auf Dauer ermöglichen. Das Konzept begreift die Bürgergesellschaft als einen Ort des Politischen und fordert Partizipations- und Gestaltungsansätze immer dort ein, wo Engagement als gesellschaftliche Dienstleistung erfolgt; es bezieht systematisch auch die Schwachen in der Gesellschaft ein. Die Bürgergesellschaft soll sich „von innen und von unten“ selbst organisieren, um auf Augenhöhe mit Akteuren aus Staat und Markt zu kooperieren – eine Kooperation, die als „Harmonie der Dissonanz“ auch den Umgang mit Konflikten im Interesse gemeinsamer Ziele beinhalten kann. Der Autor stellt das Konzept von ‚Community Organizing’ vor und erläutert es abschließend an einem praktischen Beispiel aus Berlin-Schöneweide. Olaf Ebert/Andreas Pautzke: Jugend engagiert statt perspektivlos?! Bürgerschaftliches Engagement von Jugendlichen in Ostdeutschland, FJNSB 2/2007, S. 166-170.Die Autoren berichten aus eigener Praxiserfahrung über die Möglichkeiten der Engagementförderung von Jugendlichen in Ostdeutschland. In empirischen Erhebungen (Freiwilligensurvey) wird deutlich, dass ungeachtet landläufiger Stereotypen die Jugendlichen eine der aktivsten Altersgruppen sind und dass sich dort noch erhebliche ungenutzte Engagementpotentiale finden. Allerdings sind in weiten Teilen Ostdeutschlands die Probleme für Jugendliche – Lehrstellenmangel und Jugendarbeitslosigkeit – besonders stark ausgeprägt. Engagementförderung muss daher die Motive jugendlicher Freiwilliger kennen und ernst nehmen. Die Autoren erläutern an drei Beispielen erfolgreiche Strategien der Engagementförderung von Jugendlichen. Tobias Bäcker: Die Bürgerstiftung Rohrmeisterei in Schwerte. Das Haus für alle macht „Profit für Kultur“, FJNSB 2/2007, S. 171-176.Der Autor, Initiator und Geschäftsführender Vorstand der ‚Bürgerstiftung Rohrmeisterei‘ in Schwerte, berichtet über den erfolgreichen Versuch, ein Bürger- und Kulturzentrum über eine private gemeinnützige Stiftung zu betreiben. Der Betrieb wird gesteuert über eine Kombination aus unternehmerischem, gewinnorientierten Handeln und demokratischen Kontrollmechanismen, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Sandra Seubert: Zivile Inseln und ,No go areas‘. Zu den Zumutungsbedingungen von Zivilcourage als Bürgertugend, FJ NSB 2/2007, S. 177-185Die zunehmende Verbreitung von Appellen, angesichts von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt mehr Zivilcourage zu zeigen, verweisen auf ein Krisenphänomen. Der Frage, mit welcher Krise wir es zu tun haben, nähert sich Sandra Seubert auf dem Weg einer an universalistischen Werten orientierten Betrachtung dessen, was unter Zivilcourage zu verstehen ist und warum sie als alltägliche und allgemein zumutbare Bürgertugend begriffen werden sollte. Zivilcourage wird als Reaktion moralischer Art im öffentlichen Raum auf eine Gefahr, auf etwas als Unrecht Betrachtetes verstanden. Im Handlungskontext des demokratischen Verfassungsstaates stellt sie damit die horizontale Version des Gesellschaftsvertrages dar und umfasst wechselseitige Verhaltenserwartungen der Bürger. Zivilgesellschaftliche Netzwerke, die auf der Vision einer Gemeinschaft selbstbewusster und selbstverantwortlicher Bürger basieren, für Zivilcourage förderlich. Wo die normativen Prämissen gemeinsamer Zugehörigkeit hingegen ihre Gültigkeit verlieren, beginnt die ‚moderne Barbarei‘. Bei ‚No go areas‘ handelt es sich demnach um Gebiete, in denen das horizontale Recht, Rechte zu haben, aufgekündigt ist. Sie entstehen in dem Maße, wie die Bevölkerung die rechtsextreme Dominanz des öffentlichen Raums anerkennt. Zivilcourage bildet eine Ausfallbürgschaft dort, wo der Arm des Gesetzes nicht hinreicht. Sie bleibt jedoch auf gesellschaftliche Grundstrukturen angewiesen, die Zivilität ermöglichen, und kann nicht alle Schwierigkeiten politischer Steuerung in einer globalisierten Welt auffangen. Sebastian Braun: Corporate Citizenship und Dritter Sektor, FJNSB 2/2007, S. 186-189.Für viele Organisationen des Nonprofit-Bereichs – Wohlfahrtsverbände, Sport- und Kulturvereine – ist die verstärkte Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen auch eine Antwort auf den Rückzug des Staates aus früher selber wahrgenommenen Aufgabenfeldern und auf immer enger werdende finanzielle Spielräume. Die Kooperation von Nonprofit-Organisationen und Unternehmen verbindet sehr unterschiedliche soziale Systeme auf organisationaler Ebene, so dass keineswegs immer von einer ‚win-win-Situation‘ ausgegangen werden kann. Am Beispiel lokaler Vereine als Freiwilligenorganisationen weist der Paderborner Sozialwissenschaftler darauf hin, dass deren idealtypische Eigenheiten – Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, Orientierung der Organisationsziele an den Mitgliederinteressen, demokratische Entscheidungsstrukturen, eine starke Prägung durch bürgerschaftliches Engagement und eine auf Mitgliedsbeiträgen beruhende Autonomie gegenüber Dritten – durch Kooperationen mit Unternehmen auch verändert werden können: Kommerzialisierung, Verberuflichung, Oligarchisierung und die Entwicklung zur durchrationalisierten Dienstleistungsorganisation könnten einen ‚Selbstzerstörungsprozess freiwilliger Vereinigungen‘ auslösen. Vor diesem Hintergrund steht die Forschung zu der Frage einer strategischen Kooperation von Nonprofits und Unternehmen auf der Basis wechselseitig klar definierter Interessen und begrenzter Möglichkeiten der Anpassung noch am Anfang. Jürgen Matzat: Selbsthilfe in Gemeinschaft und Gegenseitigkeit, FJNSB 2/2007, S. 190-193.Der Autor, seit Jahren in der deutschen Selbsthilfebewegung tätig, gibt einen einführenden Überblick über die Selbsthilfe als einer spezifischen Form des bürgerschaftlichen Engagements. In Deutschland sind ca. 100.000 örtliche Selbsthilfegruppen aktiv, die sich in über 100 Dachverbänden zusammengeschlossen haben. Die Zahl der in der Selbsthilfe engagierten wird hierzulande auf 2-3 Millionen geschätzt. Etwa 75% der Selbsthilfegruppen sind nach Auskunft des Autors dem Gesundheitsbereich zuzuordnen. Er gibt einen Überblick über Formen der kollektiven Selbsthilfe – ‚Anonymous-Gruppen‘, ‚psychologisch-therapeutisch orientierte Gesprächs-Selbsthilfegruppen’ und ‚Selbsthilfe-Organisationen‘ – und stellt abschließend die Partizipation im Gesundheitswesen als eine neue, auch gesetzlich abgesicherte Aufgabe der ‚verfassten Selbsthilfe’ dar. Paul-Stefan Roß/Christine Grüger/Thomas Haigis: Regieren in der Bürgerkommune. Vorschlag für ein Verfahrensmodell, FJNSB 2/2007, S. 194-201.In Thesenform stellt das Autorenteam den Weg der ‚Bürgerkommune‘ vom Leitbild zur Realität dar. Bürgerbeteiligung gehört in den Kernbereich der kommunalen Daseinsfürsorge. Direkt-demokratische und kooperativ-demokratische Verfahren der Bürgerbeteiligung erweitern die repräsentativ- demokratischen Verfahren der politischen Willensbildung. Es bedarf transparenter und akzeptierter Regeln des Zusammenwirkens von Bürgerschaft, öffentlicher Verwaltung und Politik innerhalb kooperativ-demokratischer Verfahren. Erforderlich sind auch die repräsentativ-demokratische Rahmung dieses Zusammenwirkens durch einen starken Gemeinderat, der sich allerdings vorrangig auf Rahmenrichtlinienkompetenz und die Entscheidungen zu Grundprioritäten der Kommunalpolitik beschränken sollte und als Wächter der kommunalen Beteiligungsverfahren fungiert. Im transparenten fairen Zusammenspiel von Bürgerschaft, öffentlicher Verwaltung und Gemeinderat entsteht eine erhöhte Problemlösungskapazität, aber auch ein Plus an Lebensqualität, die keiner der Beteiligten für sich alleine hätte zustande bringen können. |