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Heft 1, 2007 |
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Editorial Barfuß oder Lackschuh? Zum Verhältnis von Protest und sozialer Ungleichheit Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Heft 1/2007 In einem Jahresrückblick zeichnete die Frankfurter Rundschau das Jahr 2006 für die Bundesrepublik Deutschland als ein Jahr der Proteste nach (FR 2006: 27). Diese Diagnose lässt sich ohne Weiteres auf die letzten vier Jahre ausdehnen. Ärzte demonstrieren gegen Arbeitsbedingungen und Gesundheitsreform, Studierende gegen Studiengebühren, Schülerinnen und Schüler gegen die Bildungsmisere, Erwerbslose gegen Hartz IV, viele Menschen gegen den Irak-Krieg. Nimmt man die französischen Nachbarn noch hinzu, deren Protestkultur immer wieder als Vergleich für die hiesigen Proteste dient und zumindest die Demonstrationen gegen Studiengebühren inspirierte, [1] wird die Liste um die massiven Jugendproteste in den Banlieues im Herbst 2005 ergänzt. Dieses Bild verstärkt sich, werden sowohl die institutionalisierten Proteste wie Arbeitskämpfe als auch ‚single issue‘-Proteste wie beispielsweise Anlieger- Demonstrationen gegen Flughafenausbau mit hinzugerechnet. Parallel dazu ist in den letzten Jahren vor allem im Zuge um die Debatten zur Zukunft des Sozialstaates in der medialen Öffentlichkeit über Gerechtigkeitsbegriffe und sozialstrukturanalytische Kategorien wie ‚Prekariat‘ oder ‚Unterschicht‘ diskutiert worden. Vor allem im Anschluss an die ersten PISA-Studien wurde der Begriff der Chancengerechtigkeit aufgegriffen und teilweise im Gleichklang mit dem neoliberalen Agendasetting dem Begriff der Verteilungsgerechtigkeit gegenübergestellt. [1] Vor allem seitens der SPD wurde – öffentlich zugänglich – über zukunftsfähige Gerechtigkeitsvorstellungen philosophiert. Kurt Becks Äußerung zum vermeintlichen Unterschichtproblem, das anschließende Verleugnen der Existenz von Schichten, speziell einer Unterschicht, und die Kurzveröffentlichung der Ergebnisse der von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES 2006) in Auftrag gegebenen Studie ‚Gesellschaft im Reformprozess‘ sorgten für eine populärwissenschaftliche, medial sehr präsente Debatte über sozial-strukturelle Kategorien. Diese wurde durch Ereignisse wie den ‚Ratschlag‘ Kurt Becks an den Erwerbslosen Henrico Frank, er solle sich waschen und rasieren, dann bekäme er auch einen Job, gleichsam in Bilder gegossen. Beide öffentliche Diskurse, der über Protestgeschehen und -ereignisse und der zu Gerechtigkeit und sozialstrukturellen Verortungen, laufen in der Wahrnehmung der Anti-Hartz IVProteste zusammen und lassen einerseits sehr schnell das Bild der protestierenden ‚Barfüße’ aufkommen, den Aufstand des ‚Prekariats’ diagnostizieren und eine Rückkehr zu ‚alten’ Verteilungskämpfen vermuten. Andererseits wurde durch die Darstellung der vermeintlichen Heterogenität der Demonstrierenden gegen den Irak-Krieg sowie durch das Auftauchen neuer Protestgruppen – wie den Ärzten – das Bild vermittelt, dass auch der ‚Lackschuh‘ das Protest- Parkett betritt. Selbst wenn Ärzte für bessere Arbeitsbedingungen und dabei unter anderem für ein besseres Gehalt protestieren, zählen sie weder materiell, kulturell noch symbolisch – also ihr Prestige betreffend – zu den Deprivierten unserer Gesellschaft. Auch für die vermeintlichen ‚Barfuß‘-Proteste wurde nachgewiesen, dass es sich um überdurchschnittlich gebildete ‚Barfüße‘ handelte (Rucht/Yang 2004). Wer also tanzt nun auf dem Protest-Parkett? Und wie gestaltet sich das Verhältnis von sozialer Ungleichheit und Protest? Diese Fragen möchte das Heft aufgreifen. Sie gehören zu dem genuinen Bereich der Protest- und Bewegungsforschung, die sich geradezu über den Anspruch definiert, die Erkenntnis- Lücke zwischen (latenten) gesellschaftlichen Krisenphänomenen auf der Strukturseite und (manifestem) Protest auf der Akteurs/ Handlungsseite zu schließen (Bonacker/ Editorial 3 Schmitt 2004). Dennoch wurden sie selten explizit thematisiert und schon gar nicht im Lichte aktueller Diagnosen. Einigkeit scheint lediglich darin zu bestehen, dass die Lücke weder je alleine von der Struktur- noch von der Handlungsseite aus geschlossen werden kann. Zu verschiedenen Paradigmen der Bewegungsforschung (Hellmann 1999; Bonacker/Schmitt 2004) haben sich deshalb Ansätze und Heuristiken hinzugesellt, welche die erkenntnistheoretisch ohnehin fragwürdigen Gegenüberstellungen (wie Struktur/Handlung; Struktur/Kultur; Rationalität/ Identität) überwunden wissen wollen (Crossley 2002; Schmitt 2006). Unabhängig davon, welcher Ansatz gewählt wird, weist die Verknüpfung von Protest und sozialer Ungleichheit drei Pfade auf, die hier beschritten werden sollen. Erstens lässt sich fragen, wie und unter welchen Bedingungen soziale Ungleichheit Protest hervorruft. Zweitens kann betrachtet und analysiert werden, welche Ungleichheiten sich im Protest selbst widerspiegeln. Damit hängt die dritte Frage zusammen, ob Protest selbst Teil oder reproduzierendes Element sozialer Ungleichheit ist. Hiermit ist auf Aspekte der sozialen Zusammensetzung von Protest verwiesen und auf die Frage, wer eigentlich Zugang zu Protest hat. Inwieweit klafft die soziale Schere auch im bzw. durch den Protest auseinander, möglicherweise sogar durch den Protest gegen das Auseinanderklaffen der Schere? Mit einem Themenheft zu „Marginalisierung und Mobilisierung“ hatte das Forschungsjournal (2/1997) Fragen aufgeworfen, wie einerseits Marginalisierte in Bewegung geraten und andererseits Bewegungen marginalisiert werden. Diese Aspekte werden hier nicht nur aktualisiert aufgegriffen, sondern darüber hinaus steht im Fokus, inwieweit Marginalisierung selbst eine Funktion von Bewegung sein kann. Das Heft soll also sowohl ‚Ermöglichungsbedingungen‘ von Protest ausleuchten als auch Delegitimierungen und Zugangsbarrieren ausweisen, die mit sozialer Ungleichheit zusammenhängen. In der Aktuellen Analyse befasst sich Christoph Butterwegge indirekt mit der Delegitimierung von Protest, indem er aufzeigt, wie neoliberale Sozialstaatsreformen legitimiert werden und Massenakzeptanz finden. Es folgen in einem ‚Grundlagenblock‘ Beiträge, die sich mit der Sozialstruktur von Protest beziehungsweise mit dem Verhältnis von Protesten und sozialer Ungleichheit auseinandersetzen. Dieter Rucht eröffnet den Themenschwerpunkt mit einer empirischen Skizze der Protestlandschaft in Deutschland. Er verwendet dazu Ergebnisse aus Zeitungsanalysen, Vor- Ort-Befragungen und Survey-Daten. Michael Vester geht umgekehrt vor. Ausgehend von sozialstrukturanalytischen Beschreibungen der bundesdeutschen Gesellschaft und der gesellschaftspolitischen Lager im Raum der Milieus ergründet er die gesellschaftlichen Spannungslinien, an denen sich soziale Kämpfe entzünden. Der Beitrag von Lars Schmitt versucht aus der Perspektive symbolischer Gewalt (Pierre Bourdieu), Protest einerseits als Reaktion auf symbolvermittelte Ausschlüsse zu verstehen, andererseits aber aufzuzeigen, inwieweit Protest selbst ungleichheitsverschleiernd wirken kann. Fabian Virchow fragt sich in seinem Aufsatz, ob ‚Springerstiefel‘ eher ‚Barfüße zieren‘ oder verkappte ‚Lackschuhe‘ darstellen. Er geht also der Frage nach dem Verhältnis von Deprivation und rechten Protesten nach. Der folgende Block ist den Protesten gegen Hartz IV gewidmet, weil diese aufgrund ihres Gegenstandes bereits eine Verbindung der Komplexe ‚Ungleichheit‘ und ‚Protest‘ aufweisen. Dieter Rink und Axel Philipps untersuchen die Mobilisierungsframes, die bei den ‚Montagsdemonstrationen‘ deutlich wurden und ziehen daraus Schlüsse, warum die Proteste nicht in eine dauerhafte soziale Bewegung überführt werden konnten. Karin Lenhart richtet ihren Blick auf die Situation der von Hartz IV-betrof4 Editorial fenen Frauen. Sie zeichnet in ihrer Auswertung qualitativer Interviews sowohl mit Demonstrationsteilnehmerinnen als auch mit Frauen, die nicht mit auf die Straße gegangen sind, das Spannungsfeld zwischen Protest und politischer Entfremdung nach. Den Blick auf Europa öffnet Didier Chabanet. Er zeigt ländervergleichend die jeweiligen Grenzen und Möglichkeiten von Erwerbslosenprotesten in Europa auf und benennt dabei sowohl nationalstaatliche als auch europäische Rahmungen sowie lokale politische Gelegenheitsstrukturen. Die Frage im Titel unseres Themenheftes wird bei Dieter Boris zugunsten der protestierenden ‚Barfüße‘ entschieden. Mit seiner Analyse lateinamerikanischer Bewegungen veranschaulicht er, dass die enge Verknüpfung von Mittelschicht (Lackschuh) und Protest einer eurozentrischen Perspektive geschuldet ist und dass weltweit betrachtet die protestierenden ‚Barfüße’ überwiegen dürften. Der Themenschwerpunkt wird abgeschlossen mit einem Dialog zu den Ärzteprotesten. Lars Schmitt verdeutlicht, inwieweit die Ärzteschaft die Voraussetzungen für Protest idealtypisch erfüllt und dass mit den Aktionen tieferliegende Probleme der Medizin möglicherweise verschleiert werden. Er plädiert für eine Abkehr vom Bild der ‚Götter in Weiß‘. Frank Ulrich Montgomery, Chef des Marburger Bundes, entgegnet, dass das Mysterium des Arztberufes gerade nicht schwinden dürfe und verweist auf erhebliche Mängel in der Politik, die die Leistungsbereitschaft und Patientenbindung der Ärzte instrumentalisieren würde. Es wurde hier bewusst darauf verzichtet, die zentralen Begriffe ‚Protest‘ und ‚soziale Ungleichheit’ vorab näher zu bestimmen, weil zum einen vor allem letzterer selbst in der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse hochgradig unterschiedlich definiert wird und zum anderen Editorial 5 eine Vorwegnahme der Begriffsbestimmung möglicherweise Relevantes aus dem Betrachtungsgegenstand ausschließen würde. [1] Die Beiträge von Christoph Butterwegge, Dieter Rink/Axel Philipps, Didier Chabanet und Peter Hilger wurden erstmals im Rahmen des Arbeitskreises Soziale Bewegungen auf dem Politologentag 2006 in Münster vorgestellt. Lars Schmitt (Marburg) Anmerkungen 1. Es sei hier nur auf den Film ‚Kick it like Frankreich‘ sowie auf die Tatsache verwiesen, dass Frankreich-Fahnen bei den Protesten gegen Studiengebühren mitgeführt wurden.[zurück] 2. Die Tatsache, dass verschiedene Themen, wie in diesem Falle die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit, auf der Angebotsseite in den unterschiedlichsten Medien präsent sind – der Stern titelte im Juli 2003 gar mit „Das Märchen von der Chancengleichheit“ – bedeutet nicht, dass dieses Wissen auf der Nachfrage-Seite der Betroffenen auch ankommt. So ließe sich zeigen, dass eine Rezeption der PISA-Studie trotz deren medialer Omnipräsenz in bildungsfernen Milieus kaum vorhanden ist. Und wenn doch, dann verläuft diese Rezeption eher unter dem Tenor „Deutschland ist schlecht“ (im internationalen Vergleich) als „Deutschland ist ungerecht“ (und darum schlecht). Deshalb ist es fahrlässig, von einer Präsenz in den Medien auf eine Präsenz in den Köpfen zu schließen. [zurück] 3. Zu Entwicklungslinien und Begriffen der Sozialstrukturanalyse vgl. den Aufsatz von Peter A. Berger (2003). [zurück] Zitierte Literatur Berger, Peter A. 2003: Kontinuitäten und Brüche. Herausforderungen für die Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung im 21. Jahrhundert. In: Orth, B./Schwietring, Th./Weiß, J. (Hg): Soziologische Forschung. Stand und Perspektiven. Ein Handbuch. Opladen: Leske und Budrich, 473-490. Bonacker, Thorsten/Schmitt, Lars 2004: Politischer Protest zwischen latenten Strukturen und manifesten Konflikten. Perspektiven soziologischer Protestforschung am Beispiel der (neuen) Friedensbewegung. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Band 32, 193-213. Crossley, Nick 2002: Making Sense of Social Movements. Buckingham/Philadelphia: Open University Press. Forschungsjournal NSB 1997: Marginalität und Mobilisierung. Jg. 10, Heft 2. Frankfurter Rundschau 2006: Protestjahr mit Demos und Blockaden. 30.12.2006, 27. Friedrich-Ebert-Stiftung 2006: Gesellschaft im Reformprozess. Vorabveröffentlichung (Rita Müller-Hilmer): TNS Inftratest Sozialforschung. Hellmann, Kai-Uwe 1999: Paradigmen der Bewegungsforschung. Eine Fachdisziplin auf dem Weg zur normalen Wissenschaft. In: Klein, A./Legrand H.-J./Leif, Th. (Hg.): Neue soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen, Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag, 91-113. Rucht, Dieter/Yang, Mundo 2004: Wer demonstrierte gegen Hartz IV? In: Forschungsjournal NSB, Jg. 17, Heft 4, 21-27. Schmitt, Lars 2006: Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte. Entwurf einer Heuristik zur Analyse und Bearbeitung von Konflikten, CCS Working Papers, 2/2006. |