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Heft 2, 2007 |
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Editorial Bürgergesellschaft. Wunsch und Wirklichkeit Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Heft 2/2007 Hoch gesteckt sind die Erwartungen, die im Rahmen einer ‚neuen Verantwortungsbalance‘ zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft an die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern gerichtet werden. [1]Die Zahl von 23 Millionen Engagierten in Deutschland wird als gute Nachricht weithin aufgegriffen (Gensicke u.a. 2006). Demokratisierende, sozialisierende und auf die Qualität sozialer Dienstleistungen bezogene Funktionen der Bürgergesellschaft werden diskutiert (A. Klein 2005) und auch die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Einhegung von Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit ist Gegenstand der reformpolitischen Debatte (L. Klein 2007). Stärker ins Zentrum der Diskussionen rücken mittlerweile Fragen der Koproduktion sozialer Leistungen durch Bürgergesellschaft, Staat und Wirtschaft (Evers 1992, Evers/Olk 1996, Klie/Roß 2005). Aber sind die aktuell diskutierten wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Konzepte einer ‚aktiven Bürgergesellschaft‘ überhaupt tragfähig und realistisch? Welche Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement in und für die reformpolitischen Diskussionen und in einzelnen Politikfeldern wirklich? Kann mittlerweile tatsächlich von einem eigenen Feld der ‚Engagementpolitik‘ gesprochen werden? [2] Welche Folgen hat die stärkere Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure in staatliche Politiken? Wie ist die Bedeutung der Bürgergesellschaft, ihrer Themen und Anliegen – bspw. einer nachhaltigen Förderung bürgerschaftlichen Engagements oder der Schaffung neuer Bewegungsspielräume für demokratische Selbstorganisation oder für sozialwirtschaftliche Innovation – in der reformpolitischen Diskussion wirklich einzuschätzen? Haben die Akteure der Bürgergesellschaft es möglicherweise versäumt, sich zu aktuellen, drängenden Problemen hinreichend klar zu positionieren und sich so selber marginalisiert? In der wissenschaftlichen Debatte hat die Suche nach Antworten auf diese Fragen begonnen. Noch immer scheinen offenbar Welten zwischen Zukunftsvision und Alltagsrealität, zwischen konzeptionellen Entwürfen und sozialwissenschaftlicher Reflektion, zwischen der reformpolitischen Agenda und den Handlungsbedingungen der Initiativen und Organisationen vor Ort zu liegen (dazu der Beitrag von Warnfried Dettling). Wenn ‚Wunsch‘ und ‚Wirklichkeit‘ der Bürgergesellschaft auseinander klaffen, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme und kritische Reflektion des ‚Gewünschten‘ und des ‚Erreichten‘. Im Einzelnen geht es in diesem Themenheft
um: • die Präsentation wissenschaftlicher Befunde,
Konzepte und Kontroversen zur Entwicklung
von Engagementpolitik, zur Einschätzung
staatlicher Aktivierungsstrategien
und gesetzlicher Rahmenbedingungen (die
Beiträge von Thomas Olk, Heinz-Jürgen
Dahme/ Norbert Wohlfahrt und Rupert Graf
Strachwitz); • eine Einschätzung der Bedeutung bürgergesellschaftlicher
Belange in ausgewählten
Politikfeldern (als Überblick dazu Adalbert
Evers; zu einzelnen Politikfeldern die Beiträge
von Bernd Wagner, Stephanie Bock
u.a., Thomas Klie und Sybille Volkholz); • die Organisationsentwicklung bei maßgeblichen
Trägern und Verbänden (die Beiträge
von Ingo Bode und Renate Höfer); • Aspekte der Kooperation von Nonprofit-
Organisationen und Wirtschaftsunternehmen
(Sebastian Braun); • die Fortentwicklung der Koproduktionsformen
zwischen Bürgergesellschaft, Staat und
Wirtschaft (‚Welfare-Mix‘) (siehe Thomas
Klie und Tobias Bäcker); • Methoden und infrastrukturelle Voraussetzungen
einer Stärkung des bürgerschaftlichen
Engagements im kommunalen Raum
und einer Stärkung der ‚Bürgerkommune‘
(als Überblick Gisela Jakob sowie die Beiträge
von Agnes Christner u.a. und Leo Penta/
Susanne Sander im Forum Bürgergesellschaft
sowie von Paul-Stefan Roß u.a. in
der Rubrik Pulsschlag); • das Engagement von Jugendlichen (dazu die
Beiträge von Olaf Ebert/ Andreas Pautzke)
und von älteren Menschen (dazu die Beiträge
von Thomas Böhme und Gertrud Zimmermann); • die Analyse von Bildungspotentialen des
bürgerschaftlichen Engagements (Martin
Schenkel) und von Ausbildungsbedarfen für
den Nonprofit-Bereich (Annette Zimmer
u.a.) sowie um • die Dimension der Bürgertugend ‚Zivilcourage‘
(Sandra Seubert). Adalbert Evers, einer der Pioniere der ‚Welfare- Mix-Konzeption‘ und in der Enquete-Kommission ‚Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements‘ einer der Sachverständigen, gibt in seinem Beitrag einen Überblick über die in diesem Heft versammelten politikfeldbezogenen Analysen zur Bedeutung der Bürgergesellschaft und ihrer Akteure: „Zu Recht sind heute viele Protagonisten der Bürgergesellschaft angesichts ihrer Marginalisierung darum bemüht, von der Politik und den maßgeblichen Trägern sozialstaatlicher Institutionen Wertschätzung zu erfahren, konzeptionell aufgewertet und einbezogen zu werden. Die folgenden Beiträge zeigen vor allem, dass das möglich und was dafür wesentlich ist: die Überwindung des entpolitisierenden Diskurses, der Bürgergesellschaft auf eine Wohltätigkeitsveranstaltung reduziert. Sie enthalten aber auch einige Hinweise darauf, dass dort, wo Bürgergesellschaft endlich einbezogen und gefordert wird, eine neue Runde der Auseinandersetzung beginnt – nämlich darum, inwieweit deren Horizonte und Praktiken auch die Kultur von Politik, sozialen und kulturellen Einrichtungen verändern können.“ In ihrem Überblick über die in diesem Heft publizierten Beiträge des ‚Forums Bürgergesellschaft‘ zum Thema ‚Welfare-Mix‘ stellt die Sozialwissenschaftlerin Gisela Jakob fest: „Zivilgesellschaft bleibt eine Light-Version, wenn es nicht gelingt, Einrichtungen und Organisationen für bürgerschaftliches Engagement zu öffnen und einen Welfare-Mix auch in den Kernbereichen der Gesellschaft zu organisieren. Angesichts der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung werden sich Umfang und Qualitätsniveau von kommunalen Angeboten und Diensten nur dann aufrechterhalten lassen, wenn es gelingt, die Beiträge von kommunaler Politik und Verwaltung, marktwirtschaftlichen Unternehmungen und organisierten Akteuren der Zivilgesellschaft systematisch miteinander zu kombinieren. Dies setzt eine neue Aufgabendefinition aller beteiligten Akteure voraus. Während in einem Teil der Kommunen bereits neue Kooperationen zwischen Kommunen und zivilgesellschaftlichen Organisationen erprobt werden, ist insbesondere die Integration unternehmerischer Handlungslogiken und die Kooperation mit Unternehmen bislang eine Leerstelle. Auch in der Fachdebatte bleibt die mögliche Rolle von Unternehmen bei der Umgestaltung des Sozialstaates und bei der Entwicklung eines neuen Welfare Mix unterbelichtet.“ Eng miteinander zu verbinden sind die Dimensionen des Engagements als Gestaltungskraft und Leistungserbringer (Koproduzenten) mit der Dimension der Partizipation an Entscheidungsprozessen und der Bürgerinnen und Bürger als Auftraggeber. Wer gestaltet – und in dieser Funktion ist das Engagement ja zweifellos zunehmend gefragt –, sollte auch an Entscheidungsprozessen stärker beteiligt werden. Dies ist insbesondere im kommunalen Raum ein auch lebensweltlich erfahrbarer Zusammenhang. Hier liegen die großen Möglichkeiten und Chancen, das Leitbild der Bürgerkommune praktisch werden zu lassen. In Vereinen und Verbänden, aber auch in den zahlreichen Einrichtungen der Ge5 sellschaft – darauf hatte die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements hingewiesen – wird es darauf ankommen, Gestaltungs- und Entscheidungsräume für Engagierte zu entwickeln. Und auch in der Politik von Bund und Ländern gilt es den Zusammenhang von ‚Engagementpolitik‘ und ‚Demokratiepolitik‘ in Zukunft stärker zu berücksichtigen und auszubauen. Das Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen möchte mit diesem Themenheft einen Einblick in die engagementpolitische Debatte und in den Diskussionsstand einer zivilgesellschaftlichen Reformpolitik geben. Ein großer Teil der Beiträge dieses Themenheftes ist im Zusammenhang mit dem Kongress ‚Bürgergesellschaft – Wunsch und Wirklichkeit‘ entstanden, den das Forschungsjournal in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Non Profit Organisationen (AK NPO), den Arbeitskreisen ‚Soziale Bewegungen‘ und ‚Verbände‘ der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft (DVPW), dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE), dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Sektion Sozialpolitik der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) am 19./20. Oktober 2006 in Berlin durchgeführt hat. Die Tagung und ihre Dokumentation wurden unterstützt durch die Hans-Böckler-Stiftung, die Heinrich- Böll-Stiftung, die Sektion Sozialpolitik in der DGS und das WZB. Kooperationspartnern und Unterstützern gilt an dieser Stelle unser Dank. Am 27. und 28. April 2007 diskutierten 30 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik, Unternehmen, Verwaltung, Medien, Verbänden, Stiftungen und anderen gemeinnützigen Organisationen auf Einladung der Stiftung Bürger für Bürger auf dem ‚Forum Bürgergesellschaft‘ (im Schloss Diedersdorf bei Berlin) zum Thema „Ein neuer Welfare-Mix in der lokalen Daseinsfürsorge“. Eine Auswahl an Beiträgen dieses Forums ist in diesem Heft dokumentiert. Hinweisen möchten wir auch auf die Beiträge in den Rubriken ‚Pulsschlag‘ und ‚Literatur‘ zum Themenschwerpunkt. Ansgar Klein (Berlin)/Ludger Klein (Frankfurt/M./St. Augustin) Anmerkungen 1. So hatte der im Jahr 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (2002) publizierte Text ‚Die zivile Bürgergesellschaft‘ zunächst signalisiert, dass der Bürgergesellschaft auch seitens des Staates eine gewichtigere Rolle in der Reformpolitik zugeschrieben werden könnte. Im Folgejahr stellte die Enquete- Kommission ‚Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements‘ (2002) mit ihrem Abschlussbericht wichtige Eckpunkte für eine zivilgesellschaftliche Reformpolitik vor. Das im gleichen Jahr gegründete ‚Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement‘ (BBE) bemüht sich seitdem um die Profilierung einer Agenda, die einen engen Zusammenhang zwischen Engagement- und Demokratiepolitik zugrunde legt.[zurück] 2. Über lange Zeit war die Förderung des Engagements, seiner rechtlichen Rahmenbedingungen und engagementförderlicher organisatorischer und institutioneller Kontexte nur als (Neben-) Aspekt bereits etablierter Bereichspolitiken – etwa Sozial-, Familien oder Gesundheitspolitik – behandelt worden. Doch mehr und mehr wird der Zusammenhang zwischen bereichsspezifischen (Soziales, Umwelt, Sport, Kultur, Kommunen etc.) und bereichsübergreifenden Entwicklungen von Bürgergesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement thematisiert. Hier wären Aspekte wie Demokratisierung und Partizipation, Organisationsund Institutionenentwicklung, Infrastruktur und Infrastruktureinrichtungen der Engagementförderung, nationale und europäische Rahmungen zu nennen. [zurück] Zitierte Literatur Enquete-Kommission ‚Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements‘; Deutscher Bundestag (Hg.) 2002: Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Bd. 1 der Schriftenreihe. Opladen: Leske + Budrich. Evers, Adalbert 1992: Megatrends im Wohlfahrtsmix. Soziale Dienstleistungen zwischen Deregulierung und Neugestaltung. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 139, S. 3-7. Evers, Adalbert/Olk, Thomas 1996: Wohlfahrtspluralismus. Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich. Gensicke, Thomas/Picot, Sibylle/Geiss, Sabine 2006: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. In Auftrag gegeben und herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wiesbaden: VS-Verlag. Klein, Ansgar 2005: Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Die reformpolitische Diskussion. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, Jg. 36, H. 4/ 2005, S. 4-19. Klein, Ludger 2007: Die Demokratie braucht die Zivilgesellschaft! Plädoyer für eine integrierte Strategie gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit. In Auftrag gegeben und herausgegeben vom ‚Arbeitskreis Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat‘ der Friedrich- Ebert-Stiftung. Bonn. Klie, Thomas/Roß, Paul-Stefan 2005: Wie viel Bürger darf’s denn sein? Bürgergesellschaftliches Engagement im Wohlfahrtsmix – eine Standortbestimmung in acht Thesen. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, Jg. 36, H. 4/2005, S. 20-43. Schröder, Gerhard 2002 (2000): Die zivile Bürgergesellschaft. Anregungen zu einer Neubestimmung der Aufgaben von Staat und Gesellschaft. In: Meyer, Thomas/Weil, Reinhard (Hg.): Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Bonn: Dietz, S. 185-194. |