Heft 2, 2008   

 

68 – Alles nur Geschichte

Warnfried Dettling: Korrosionsschäden? Anmerkungen zur Zukunft der Demokratie, FJ NSB 3/ 2008, S. 10-15.

Warnfried Dettling hinterfragt in seinem Beitrag den gegenwärtigen Abgesang auf die Demokratie, wie er zum Beispiel in der These der Postdemokratie betrieben wird. In diesem Rahmen stellt er die Erfolgsgeschichte der Demokratie in Deutschland den bedenklichen aktuellen Entwicklungen gegenüber. Während in der Vergangenheit, insbesondere nach der Gründung der Bundesrepublik, sowohl Ideen, Institutionen und politisches Personal vorhanden waren, von denen die Bürger überzeugt waren, fehlt heute das Vertrauen in die Politik. Zu dieser Entwicklung haben nicht nur die oft angeführte Globalisierung oder die Vielzahl an Vetospielern beigetragen. Darüber hinaus stellt der Autor eine selbstverschuldete Entpolitisierung der Politik fest. Vertrauen wurde durch Angst ersetzt. Politiker fürchten Wähler und Wähler die Politiker. Aus dieser Negativspirale gilt es auszubrechen und eine positive Spirale in Gang zu setzen. Dazu bedarf es einer Neuformulierung der in der Vergangenheit erfolgreichen Ideen und einer neuen Wahrhaftigkeit in der Politik. Die Chance dazu besteht, sodass ein Abgesang auf die Demokratie voreilig ist.

Günther R. Mittler/Edgar Wolfrum: Das Jahr 1968. Vom Politereignis zum Geschichtsereignis, FJ NSB 3/2008, S. 16-24.

Huldigt der Staat seinen einstigen Feinden? Dieser Eindruck könnte sich aufdrängen angesichts der Fülle von Veröffentlichungen und Ausstellungen zum 40. Jahrestag der Studentenproteste. Doch Mittler und Wolfrum kommen zu dem Schluss, dass auch 40 Jahre danach sowohl die Linke als auch die Rechte versuchen, die Ereignisse für sich zu instrumentalisieren. Konservative Kreise interpretieren das Jahr 1968 als Abkehr von jener Ordnung und Stabilität, zu der die CDU-geführten Regierungen der Bundesrepublik seit 1949 verholfen haben. Sowohl 1969 als auch 1998 sei der Regierungsauftrag für die Linke ein Irrtum gewesen, der unbedingt wieder korrigiert werden müsse. Für die Linke hingegen sei 1968 ein Jahr des Aufbruchs, der Emanzipation, der Freiheit und der Ekstase. Dies gipfelt in der Kanzlerschaft von Willy Brandt, der nicht nur der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik wurde. Er stand zugleich für das ‚andere‘, das ‚bessere‘ Deutschland. So wurde die Brandt-Regierung überhöht und als historische Zäsur interpretiert. Seither habe sich im linken Lager die Deutung verfestigt, dass mit 1968 die demokratische Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik begonnen habe. Mittler und Wolfrum relativieren diese Einschätzung: So seien die 68er weder die erste noch die größte Protestbewegung der Bundesrepublik gewesen. Mit der Großen Koalition habe Kanzlerin Angela Merkel einen neuen Weg beschritten. Zum einen betone sie, dass man hinter die Errungenschaften der 68er nicht mehr zurück wolle. Gleichzeitig ziehe sie aber auch einen Schlussstrich und setze nun auf die ‚nächste Generation‘, die mit 1968 nicht mehr viel zu tun habe. Mittler und Wolfrum fordern, sich vom Kulturkampf von Rechts und autobiografischer Selbstverliebtheit von Links zu lösen und zu einer nüchternen Betrachtung der Ereignisse zu kommen.

Albrecht von Lucke: Der Deutungskampf um ‚68‘ im Lichte seiner Jubiläen, FJ NSB 3/2008, S. 25-34.

Albrecht von Lucke beleuchtet die Wirkungsgeschichte von ‚68‘ anhand der jeweiligen Jubiläen in den Jahren 1978, 1988, 1993, 1998 und 2008. Damit zeichnet er zugleich die politische Stimmung und Gemengelage in den Jubiläumsjahren nach. Zehn Jahre danach stand das moralische Aufbegehren der Nachkriegskinder gegen ihre Nazi-Eltern im Mittelpunkt, was zu einer positiv besetzten (Selbst-) Definition der 68er-Generation führte. Dies setzte sich auch 1988 fort. 1968 stand damals für Emanzipation und Demokratisierung. Die Bürger verlangten mehr Partizipation und engagierten sich in der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung. Erst die Revolte schien aus einem autoritär-hierarchischen Obrigkeitsstaat eine moderne, zivilisierte Demokratie gemacht zu haben. 1993 dagegen wendete sich das Blatt der Interpretation: Im Lichte des Zusammenbruchs der DDR und der Wiedervereinigung schien jedes linke Experiment gescheitert. Die einst so stolzen Neuen Sozialen Bewegungen sahen sich ernsten Zerfallserscheinungen ausgesetzt. 1998 schien zwar zunächst der Sieg der 68er zu sein, der Moment, in dem der Marsch durch die Institutionen tatsächlich im Kanzleramt angekommen war. Doch trotz der 68er-Vergangenheit wollte vor allem Kanzler Gerhard Schröder nicht viel von dieser Vergangenheit wissen. Die 68er-Themen wie Ökologie und Demokratisierung hatten bei ihm keinen hohen Stellenwert. Endgültig dahin war der vermeintliche ‚Sieg‘ der 68er dann im Jahr 2008. Im Zeichen der Großen Koalition schreibt Angela Merkel die deutsche Geschichte um zur Erfolgsgeschichte der CDU, in der 1968 nur ein Irrweg war. Das bürgerliche Lager beschwöre vor diesem Hintergrund die Gefahren eines Linksrucks und versuche, dem eine ‚Neue Bürgerlichkeit‘ entgegenzusetzen..

Karl-Werner Brand: Die aktive Bürgergesellschaft. Studentenbewegung, neue soziale Bewegungen – und was davon bleibt, FJ NSB 3/2008, S. 35-44.

Dass Beteiligung und Widerspruch heute als legitime Äußerungsformen einer ‚Bürgergesellschaft‘ verstanden werden, ist eine greifbare Folge einer Bewegungskultur, zu der ‚68‘ und die neuen sozialen Bewegungen zu zählen sind. Waren die 1950er Jahre noch von vorpolitischen Orientierungen auf Wohlstand und Sicherheit geprägt, breitet sich in den 1960er Jahren ein neues Lebensgefühl aus. Die ‚Wohlstandsgesellschaft‘ wird zunehmend kritisch betrachtet und der öffentliche Raum politisiert. Dieser gesellschaftliche Aufbruch umfasst drei Stränge: (1) Gegenkultureller Protest, (2) Außerparlamentarische Opposition und die Kampagne für Abrüstung sowie (3) die Studentenbewegung. Sie entmischen sich mit der Niederschlagung des ‚Prager Frühlings‘ und dem Scheitern der Anti-Notstandskampagne: Teile der Reformimpulse werden von der sozialliberalen Regierung aufgegriffen, die außerparlamentarische Bewegung zerfällt und polarisiert sich. Radikaldemokratische Formen haben 1968 jedoch an Gewicht gewonnnen und bereiten Bürgerinitiativen und neue soziale Bewegungen vor. Während die gegenkulturellen und emanzipativen Impulse von 1968 also fortwirkten, grenzt die Bewegungsszene sich von Themen und Formen der alten Politik und der Kaderpolitik der Neuen Linken ab. Im Kontext von ‚Ölkrise‘ und ‚Grenzen des Wachstums‘ veränderte sich auch die politisch-kulturelle Stimmungslage einschneidend. ‚Sanfte‘ Alternativen zur industriell-modernen Gesellschaft (‚small ist beautiful‘) wurden konzipiert und eher dezentrale und netzwerkartig koordinierte Organisationsstrukturen entwickelt. Mitte der 1980er Jahre hat die Mobilisierung zwar ihren Höhepunkt überschritten, sich aber auch professionalisiert und institutionalisiert. Konventionelle und unkonventionelle Partizipationsformen sind damit in ein komplementäres Verhältnis getreten und Geburtshelfer einer ‚reflexiven Moderne‘ (Beck) geworden.

Jens Kastner: 1968 und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, FJ NSB 3/2008, S. 45-56.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war ein zentrales Anliegen der 68er-Bewegung. Das belegt Jens Kastner in den persönlichen und literarischen Schilderungen der Beteiligten und in den konkreten politischen Angriffszielen. Diese wiederum seien nur zu begreifen, wenn man sie vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit interpretiert. Der Nationalsozialismus und die 68er werden in den aktuellen Debatten häufig als aufeinander bezogene Zäsuren der deutschen Geschichte bewertet. Jens Kastner legt in seinem Artikel jedoch dar, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht um ein generationenspezifisches Problem handelt. Vielmehr sei sie Ergebnis sozialer Kämpfe. Deshalb plädiert er für die Einbeziehung der Bewegungsforschung, um die Debatten wirklich verstehen zu können. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei als strukturelle Gelegenheit genutzt worden, in laufende Debatten einzugreifen und diese zu radikalisieren. Dabei traf die Diskussion um die NS-Vergangenheit auf eine gewisse institutionelle Offenheit, aber auch auf politische Verbündete. Zugleich interpretierten sich die Akteure des Jahres 1968 als Nachkommen eines Täterkollektivs, was die Bewegung vereinte. Die Abgrenzung zum Nationalsozialismus habe die Bewegung mobilisiert und diente so zur inhaltlichen Herstellung der Generation – und nicht umgekehrt.

Wolf-Dieter Narr: ‚68‘: Protestierender Abglanz der Ordinarienuniversität – Konkrete Utopie demokratischer Universität. Bleibende Ambivalenzen, FJ NSB 3/2008, S. 57-66.

Ungeachtet der Rede von ‚der Studentenbewegung‘ wird die Bedeutung der Universität als Ansatzpunkt der 68er-Proteste häufig unterschätzt. Eine an Personwerdung und Mündigkeit, an Autonomie und Urteilskraft orientierte Universitätsidee sollte 1968 neu belebt werden. Nicht nur die Universität als Institution, auch der moderne Wissenschaftsbegriff und seine spezifische Rationalitätskonzeption – weit vor 1968 in Husserls ‚Krisisschrift‘ aufgezeigt und im Zuge der Kritik an der heutigen (Un-)Bildungspolitk jüngst von Liessmann neu formuliert – sind damit zum Politikum geworden. Die studentischen Proteste gegen den ‚Muff unter den Talaren‘ standen überdies einer nach 1945 restaurierten Universität gegenüber, die sich einen vergangenheitspolitischen Persilschein ausgestellt hatte und von drei Formprinzipien zusammengehalten wurde: (1) dem Ordinarien-System, (2) einer für die gesamte Finanzierung zuständigen staatlichen Bürokratie und (3) der Auslagerung der zumeist staatsfinanzierten Großforschung in eigenständige wissenschaftliche Gesellschaften. Vor allem ökonomische Faktoren (Sputnik-Schock) ließen die Bereitschaft für eine Universitätsreform wachsen. Demgegenüber zielten die Reformvorstellungen der Studenten aber primär auf eine ‚Demokratisierung‘ der Universität. In der durch den ‚Bologna-Prozess‘ geprägten heutigen Universitätswirklichkeit lassen sich davon bestenfalls Spurenelemente finden. Nicht zuletzt durch eine entspannte Arbeitsmarktsituation ermutigt, fehlte der Studentenbewegung – von eigenen Übertreibungen und Verkürzungen abgesehen – Gegenmasse im Kreis der Ordinarien und ein über einen langen Sommer des Protestes hinausreichender Zeithorizont zur Entwicklung einer institutionell fassbaren Bildungsalternative.

Barbara Schaeffer-Hegel: ‚Sozialistische Eminenzen‘, ‚Busen-Attacken‘ und ‚Weiberrat‘ – geschlechterpolitische Impulse von 1968, FJ NSB 3/2008, S. 67-78.

Der Artikel von Barbara Schaeffer-Hegel ist teils wissenschaftliche Analyse, teils autobiographischer Bericht aus einer Zeit, als die Frauen sich ihren Platz in der bundesrepublikanischen Hochschullandschaft mühsam erkämpften. Sie schildert sehr anschaulich Urteile und Vorurteile der männlichen Akademikerwelt, mit denen man die Frauen aus der Forschungslandschaft fern halten wollte. Zugleich beschreibt sie den Aufbruch in eine Frauenforschung fernab von Klischees. Neben der Entstehung einer feministischen Wissenschaft berichtet sie über den Streit um den weiblichen Körper und über das Aufbegehren der Frauen gegen vermeintlich biologische Zuschreibungen von Weiblichkeit. Schaeffer-Hegel beschreibt die Herausbildung von alternativen, basisdemokratischen Organisationsformen und die früh einsetzenden Richtungskämpfe in der autonomen Frauenbewegung. Und sie beschreibt die Schwierigkeiten, eine einheitliche, professionelle Linie zu finden. Doch zugleich macht sie in der Vielfalt, die andere Zersplitterung nennen, auch eine Stärke der neuen Frauenbewegung aus. Und bei allen Herausforderungen, die es auch heute noch an Politik und Gesellschaft gibt, stellt sie fest, dass das Thema Gleichberechtigung seit 1968 einen festen Platz in der politischen Agenda hat.

Gottfried Oy: Selbstorganisation: Ein nicht eingelöstes Emanzipationsversprechen von 1968?, FJ NSB 3/2008, S. 79-86.

Der strukturellen Lesart, die ‚68‘ als Moment ohnehin stattfindender langfristiger Wandlungen deutet, lässt sich eine ereignisorientierte Perspektive gegenüberstellen, von der sich eine negative, eine liberal-positive und eine links-positive Variante (Werteverfall, Fundamentalliberalisierung und uneingelöstes Emanzipationsversprechen) finden. Der Beitrag zielt ereignisorientiert auf die Bergung uneingelöster Emanzipationsversprechen, die mit dem Konzept der Selbstorganisation verbunden sind. Das Schlüsselwort in Frankreich lautete ‚autogestion‘, in Großbritannien stand 1968 ‚democratic self-activity‘ durch ‚direct action‘ und ‚civil disobedience‘ auf der Tagesordnung. In den USA sollte eine partizipatorische Demokratie durch ‚community projects‘ und ‚community organizations‘ belebt werden, während in der Bundesrepublik ‚Gegenöffentlichkeit‘ und die ‚Demokratisierung der Öffentlichkeit‘ durch alternative Publizistik im Mittelpunkt standen. Als überfraktionelle Organisation der bundesdeutschen Linken verkörperte insbesondere das ‚Sozialistische Büro‘ (SB) mit seinem ‚Arbeitsfeldansatz‘ und der Zeitschrift ‚links‘ die Orientierung auf politische Selbsttätigkeit. Das Konzept Selbstorganisation geriet aber auch früh als aktionistisch und subjektivistisch in die Kritik. Jenseits der verkürzenden Gleichsetzung von Selbstorganisation und ‚Guerillakampf‘ erscheint eine kritische Bilanz des Selbstorganisationskonzepts auch heute angebracht. Der Arbeitsfeldansatz des SB und die Alternativbewegung bieten hier geeignete Ansatzpunkte, wobei insbesondere der selektive und sinnverkehrende Einbau von Selbstorganisationselementen in die postfordistische Gesellschaft eine zentrale Herausforderung darstellt.

Eckhard Jesse: Das Jahr 1968 und die Bürgerbewegung in der DDR, FJ NSB 3/2008, S. 87-95.

Bei der Betrachtung von 1968 als einem Jahr des Aufbegehrens großer Teile der vorwiegend intellektuellen Jugend rückt die DDR viel zu wenig in den Blick der Forschung. Eckhard Jesse geht in seinem Beitrag zunächst der Frage nach, ob es in der DDR überhaupt eine 68er-Bewegung beziehungsweise eine 68er-Generation gab. Er kann dies zwar bestätigen, stellt aber zugleich fest, dass diese ohne Konturen blieb. Die Hoffnung auf einen dritten Weg wurde 1968 durch die gewaltsame Rücknahme aller Reformen enttäuscht. Sie prägte jedoch die Oppositionellen in der DDR, die 1989 erneut auf diese Utopie setzten. Deshalb fühlten sie sich zunächst zu den Grün- Alternativen in der Bundesrepublik hingezogen. Mit dem Mauerfall jedoch wurden die Hoffnungen erneut enttäuscht. Das Lager der Oppositionellen zerfiel in diejenigen, die die Wiedervereinigung ablehnten, und denjenigen, die die Nähe zur SPD und zur CDU und damit zu den in Westdeutschland regierenden Parteien suchten.

Gottfried Oy: Selbstorganisation: Ein nicht eingelöstes Emanzipationsversprechen von 1968?, FJ NSB 3/2008, S. 79-86.

Der strukturellen Lesart, die ‚68‘ als Moment ohnehin stattfindender langfristiger Wandlungen deutet, lässt sich eine ereignisorientierte Perspektive gegenüberstellen, von der sich eine negative, eine liberal-positive und eine links-positive Variante (Werteverfall, Fundamentalliberalisierung und uneingelöstes Emanzipationsversprechen) finden. Der Beitrag zielt ereignisorientiert auf die Bergung uneingelöster Emanzipationsversprechen, die mit dem Konzept der Selbstorganisation verbunden sind. Das Schlüsselwort in Frankreich lautete ‚autogestion‘, in Großbritannien stand 1968 ‚democratic self-activity‘ durch ‚direct action‘ und ‚civil disobedience‘ auf der Tagesordnung. In den USA sollte eine partizipatorische Demokratie durch ‚community projects‘ und ‚community organizations‘ belebt werden, während in der Bundesrepublik ‚Gegenöffentlichkeit‘ und die ‚Demokratisierung der Öffentlichkeit‘ durch alternative Publizistik im Mittelpunkt standen. Als überfraktionelle Organisation der bundesdeutschen Linken verkörperte insbesondere das ‚Sozialistische Büro‘ (SB) mit seinem ‚Arbeitsfeldansatz‘ und der Zeitschrift ‚links‘ die Orientierung auf politische Selbsttätigkeit. Das Konzept Selbstorganisation geriet aber auch früh als aktionistisch und subjektivistisch in die Kritik. Jenseits der verkürzenden Gleichsetzung von Selbstorganisation und ‚Guerillakampf‘ erscheint eine kritische Bilanz des Selbstorganisationskonzepts auch heute angebracht. Der Arbeitsfeldansatz des SB und die Alternativbewegung bieten hier geeignete Ansatzpunkte, wobei insbesondere der selektive und sinnverkehrende Einbau von Selbstorganisationselementen in die postfordistische Gesellschaft eine zentrale Herausforderung darstellt.

Helmut Fehr: Von 1968 bis 1989: Die Studentenproteste als Kristallisationspunkt für eine neue politische Generation in Ostmitteleuropa, FJ NSB 3/2008, S. 96-105 .

Helmut Fehr richtet den Fokus auf die 68er-Bewegung in Polen und der Tschechoslowakei. Dabei beschreibt er zunächst die Rahmenbedingungen für die März-Proteste an den polnischen Hochschulen und die Demokratisierungsbestrebungen ‚von unten‘ während des Prager Frühlings. In einem zweiten Schritt belegt Fehr, dass das Jahr 1968 zugleich für einen politischen Generationenwechsel steht, der langfristig die Neuorientierung unabhängiger Sammlungsinitiativen in beiden Ländern bewirkte. Selbstorganisation, Pluralismus, Dialog und Bürgerrechte waren dabei die zentralen Konzepte der Dissidenten, mit denen diese eine Bürgergesellschaft entwickeln wollten. In Polen sind die Kontinuitäten mit 1968 vor allem im Ideenhorizont der Gewerkschafts-Bewegung Solidarnosc lebendig. In der Tschechoslowakei hingegen dauerte es bis Mitte der 1970er Jahre, ehe sich mit der Charta 77 wieder eine teil-öffentliche Plattform für Bürgerinitiativen bildete. Im Herbst 1989 schließlich war das Bürgerforum der Träger des demokratischen Umbruchs. Die zunächst spontanen Massenproteste, die einen Schwerpunkt unter den Studenten hatten, waren dabei getragen von einem neuen Generationsbewusstsein, in dem Pragmatismus und gegenkulturelle Orientierung mit einer Distanz gegenüber ideologischen Selbstbildern verbunden wurde. Vergleicht man 1968 und 1989, so wird die strukturbildende Rolle der zivilgesellschaftlichen Ideen in beiden Ländern ersichtlich. Fehr zieht daher folgende Schlüsse: Das Jahr 1968 war ein kollektives Protestereignis, welches das politische Bewusstsein einer neuen Generation prägte. Der Prager Frühling war keine Bewegung, die von oben inszeniert wurde. Vielmehr handelte es sich um einen Protest von unten, der in der Tschechoslowakei wie auch in Polen zur Herausbildung von sozialen Bewegungen und bürgerschaftlichem Engagement führte. Die Studenten in Warschau und Prag verwendeten gewaltlose, symbolische und altersspezifische Techniken des Widerstands, womit sie sich an die Studentenproteste im Westen anlehnten. Allerdings verstanden sich insbesondere die polnischen Studenten nicht als Gegner Amerikas und des Vietnamkriegs. Vielmehr ging es um die Freiheit im eigenen Land und nicht um Anti-Amerikanismus.

Kathrin Fahlenbrach/Martin Klimke/Joachim Scharloth: Anti-Ritual, Medieninszenierung und Transnationalität: Kulturwissenschaftliche Aspekte von ‚68‘, FJ NSB 3/2008, S. 106-117.

Historische Bedeutung und Folgen von ‚68‘ lassen sich jenseits der Berücksichtigung kultureller Formen und Praktiken nicht erschließen. Der Beitrag demonstriert daher in drei Fallstudien die Leistungsfähigkeit eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes. Erstens lässt sich ‚68‘ als genuin ritualkritische Bewegung interpretieren. Der Protest operierte mit Ritualstörungen und der Entwicklung von ‚Anti-Ritualen‘ (Umfunktionieren von Vorlesungen, Störungen von Staatsbesuchen, Verfahren der Vollversammlung und der öffentlichen Diskussion) und bahnte damit einen kulturellen Wandel an. Wichtige Voraussetzungen der Erzeugung kultureller Resonanzen waren dabei – zweitens – Medieninszenierungen im Kontext einer medienhistorischen Schwellensituation. Mit der Durchsetzung des Fernsehens als Leitmedium stellte sich die mediale Kommunikation auf Prinzipien der Visualität und die Ausrichtung am Spektakulären um und bot selbst angesichts manifester Abgrenzungen dem Protest einen dankbaren Resonanzboden (Ikonisierung des Nacktfotos der Kommunarden, Dutschke-Interview im TV). Die Verwebung instrumenteller und expressiver Protestkommunikation verweist dabei – drittens – auch auf transnationale Dimensionen. Im Rahmen transnationaler Austauschprozesse entwickelte sich die ‚globale Zirkulation eines revoltierenden Lebensstils‘. Die US-amerikanische Friedens- und Bürgerrechtsbewegung (Peace- Zeichen, Sit-Ins), aber auch nationale Befreiungsbewegungen der Dritten Welt (Che Guevara-, Ho Chi Minh-Portraits) fungierten dabei als symbolisches Reservoir. Die so entstandene internationale Protestidentität stellt ein wesentliches Charakteristikum der 68er-Bewegung dar. Als Langzeitfolge bleibt jenseits einer mythisierten Avantgarderolle der 68er die erhebliche Erweiterung des soziokulturellen Spektrums der Bundesrepublik festzuhalten.

Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaftsbindung. Politik und Lebensstil im linksalternativen Milieu vom Ende der 1960er bis zum Anfang der 1980er Jahre, FJ NSB 3/2008, S. 118-130.

Die öffentliche Diskussion über die Folgen der 68er-Bewegung leidet unter einer Verengung auf K-Gruppen und die RAF. Jenseits ausgedehnter linkssozialdemokratischer und gewerkschaftsorientierter Gruppierungen beleuchtet der Beitrag daher das antiautoritäre und linksalternative Milieu. Im Spiegel zeitgenössischer Umfragen erweist es sich als eine – zumal für Jugendliche – enorm anziehende und auch zahlenmäßig umfangreiche ‚Leitkultur‘ eigener Art. Linksalternativität bezeichnet dabei nicht nur eine politische Programmatik. Erst der Blick auf die Lebenspraxis der Beteiligten erschließt das Phänomen, für das ‚Politik in erster Person‘, die Veränderung des Alltagslebens sowie eine negative Abgrenzung gegen die etablierte Kultur des Bürgertums kennzeichnend waren. Der linksalternative Habitus kann prägnant mit Motiven wie Betroffenheit und ‚Wärme‘, Provokation und Humor, Spontaneität und Unmittelbarkeit, Ganzheitlichkeit und Natürlichkeit, Unkonventionalität und Kreativität gefasst werden. Zur Orientierung von Prozessen der Abgrenzung und Selbstveränderung nahm insbesondere ‚Authentizität‘ einen großen Stellenwert ein. Die ihrerseits nicht unambivalente Authentizitätskultur lässt sich mit Foucaults Konzept der‚Gouvernementalität‘ als Selbstführungstechnik der Subjekte entschlüsseln. Ihre Ausbreitung reagierte auf Sinnlücken und Unsicherheiten einer modernisierten, individualisierten Massengesellschaft, deren Konsummuster, Medien, Produktions- und Verhaltensformen von den Linksalternativen aufs Korn genommen wurden, um Freiheitsspielräume und politische Perspektiven zu gewinnen. Allerdings befeuerte eben diese Konsumkultur das Begehren nach Authentizität kräftig mit, was die 68er-Bewegung als ostentative Stilisierung eines sie selbst geschaffen habenden Prozesses erscheinen lässt.

Andreas Buro: Der lange Marsch der Friedensbewegung zur Zivilen Konfliktbearbeitung nach 1945, FJ NSB 3/2008, S. 133-145

Andreas Buro legt in seinem Beitrag zunächst die Charakteristika ziviler Konfliktbearbeitung dar und grenzt diese gegenüber zivil-militärischer Zusammenarbeit ab. Im Anschluss daran skizziert er acht Phasen der deutschen Friedensbewegung, deren Protagonisten stets am Ideal der Zivilen Konfliktbearbeitung orientiert waren. Als stärkste Zäsur stellt der Autor das Ende des Ost-West- Konflikts heraus. Doch auch nach der Beendigung dieses Konflikts konnte keine Friedensdividende ausgeschüttet werden. Vielmehr ist die Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs durch eine interventionistische Politik der NATO und den militärischen Kampf gegen den Terror geprägt. Dem werden die existierenden Initiativen gegenübergestellt, die weiterhin der zivilen Konfliktbewältigung verpflichtet sind. Der Autor benennt Faktoren, von denen der Erfolg ziviler Konfliktbewältigung abhängt. Diese muss nicht nur das Problem fehlender medialer Wahrnehmung überwinden, sondern vor allem ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Konflikte kooperativ gelöst werden müssen und militärische Auseinandersetzungen Ressourcen zerstören. Vor diesem Hintergrund steht der Friedensbewegung noch ein langer Weg bevor.

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Partizipation und Globalisierung. Das Engagement von Nichtregierungsorganisationen als unverzichtbarer Motor für die gerechte Gestaltung der Globalisierung, FJ NSB 3/2008, S. 146-154.

Heidemarie Wieczorek-Zeul betont als Ziel von Entwicklungspolitik vor allem eine gerechte Gestaltung der Globalisierung. In diesem Rahmen üben Nichtregierungsorganisationen durch kluge Medienarbeit, Beratungskompetenz sowie Projektfinanzierung und -ausführung unbestreitbar Einfluss aus, der nicht nur notwendig, sondern auch Ausdruck einer modernen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft ist. Erfolge zeigen sich in verschiedensten Bereichen: Entschuldungsinitiative, Bann der Landminen und der Kampf gegen die Genitalverstümmelung von Frauen sind nur einige Beispiele. Vor allem ist es durch ihre Arbeit jedoch gelungen, dass ein Großteil der Bevölkerung für die Bedeutung von Entwicklungszusammenarbeit sensibilisiert wurde. Nichtregierungsorganisationen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie in stärkerem Maße Ideale vertreten können, als es der Regierung möglich ist, die stets das Gesamtwohl der Gesellschaft berücksichtigen und Kompromisse eingehen muss. Dennoch sollten staatliche nicht gegen zivilgesellschaftliche Akteure ausgespielt werden, sondern eine möglichst effiziente Entwicklungsarbeit durch die für die jeweilige Situation geeigneten Akteure angestrebt werden. Da die Bedeutung von Nichtregierungsorganisationen auch von den staatlichen Akteuren erkannt worden ist, ist man dem Ziel einer vernetzten Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Parlamenten, Nichtregierungsorganisationen und der Wirtschaft näher gekommen. Nichtregierungsorganisationen sind jedoch auch einem Wandel ausgesetzt, der Probleme aufwirft: Es besteht erhöhter Konkurrenzdruck zwischen den zivilgesellschaftlichen Akteuren, der sie zu mehr Koordination und Professionalität zwingt. Dies führt dazu, dass die Organisationen Gefahr laufen, von staatlichen Institutionen instrumentalisiert zu werden. Da aber durchaus eine Lernbereitschaft auf Seiten der Nichtregierungsorganisation zu erkennen ist, kann auch diesen Problemen begegnet werden.

Wolfgang Thierse: Veränderungsprozesse der politischen Kultur in Deutschland, FJ NSB 3/ 2008, S. 155-164.

Wolfgang Thierse sieht die gegenwärtige politische Kultur in Deutschland durch Verängstigung und Reformskepsis der Bürger geprägt. Diese trauen den Politikern die Lösung aktueller Probleme nicht mehr zu. Diese Verdrossenheit hält trotz eines stets vermeldeten wirtschaftlichen Aufschwungs an. Als Ursachen macht Wolfgang Thierse nicht nur die im Vergleich zur Ökonomie langsamen politischen Prozesse aus, sondern auch die schwindende Qualität der Medien. Darüber hinaus verletzt das Gebaren wirtschaftlicher Eliten das Gerechtigkeitsempfinden zahlreicher Bürger. Die schlechte soziale und wirtschaftliche Situation fällt auf die Demokratie zurück. Es gilt jedoch zwischen Ökonomie und demokratischer Politik zu unterscheiden, die nach unterschiedlichen Prinzipien funktionieren. Zudem stellt eine demokratische Politik den Rahmen zur Verfügung, in dem wirtschaftliches Handeln überhaupt erst ermöglicht wird. Nach der Ansicht von Wolfgang Thierse nimmt die beschriebene Politikverdrossenheit inzwischen Demokratie gefährdende Züge an. Dieser gilt es mittels politischer und auch kultureller Bildung entgegenzuwirken; auch Parteien spielen dabei eine wichtige Rolle. Schließlich ist noch keine Alternative bekannt, die deren Funktion übernehmen könnte. Die Wiederherstellung von Vertrauen ist eine Aufgabe für alle Bürger.

Thomas Leif: Pressefreiheit unter Druck. Recherche-Journalismus als Qualitäts-Anker, FJ NSB 3/2008, S. 165-178.

Thomas Leif kritisiert in seinem Beitrag die mangelnde Qualität im journalistischen Alltag. Recherche – die eigentliche Kernaufgabe des Journalisten – wird vernachlässigt. Selbst wenn Skandale ans Licht kommen, werden diese selten von Journalisten ‚ausgegraben‘, sondern oft von gut präparierten Informanten ‚gesetzt‘. Oft reichen dann auch spektakuläre Rücktritte, die Strukturen und die wahren Motive für die Rücktritte bleiben meist im Dunkeln. Dies spiegelt auch das unzureichende Problembewusstsein vieler Journalisten im Umgang mit Informanten wider. Umgang, Kontrolle, Pflege und der Schutz von Informanten gehören aber zu den Kernaufgaben professioneller Journalisten. Vor dem Hintergrund, dass echte Informanten immer seltener werden, ist dies eine bedrohliche Entwicklung. Nicht nur Wirtschaftsunternehmen blocken gegenüber Journalisten ab, auch die Auskunftspflicht der Behörden entwickelt sich in der Praxis immer mehr zu einer Farce. Führende Politiker versuchen Themen auf wenige Argumente zu reduzieren. Es wird versucht, gewichtige andere Gründe aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten. Desinformation durch Informationsverweigerung und gezielte Auslassung: Diese Technik funktioniert auch, weil zu viele Journalisten sich zu schnell von den Behörden abweisen lassen. Darüber hinaus konstatiert Thomas Leif ein Ungleichgewicht zwischen vernachlässigten ernsthaften Themen und belangloser Berichterstattung. Insoweit muss auch an die Mediennutzer appelliert werden. Aber nicht nur die Mediennutzer, auch die Wissenschaft muss in die Pflicht genommen werden. Die Wirkungen der Medien auf Wirtschaft und Gesellschaft wachsen, Medienkritik und Medienanalyse bleiben aber eine Orchideen-Disziplin. Auch in Lehre und Ausbildung herrscht ein Missverhältnis: Während zahlreiche Seminare zu Öffentlichkeitsarbeit und PR angeboten werden, gibt es kaum Angebote, in denen die notwendigen Kompetenzen für Recherche vermittelt werden. Stattdessen sollte Recherche von der Ausnahme zum Normalzustand werden. Ziel sollte es sein, nicht nur von Recherche zu reden, sondern Recherche zu ermöglichen, zu fördern und finanziell abzusichern. Recherche schärft das Auswahl-Sensorium für Wichtiges und Unwichtiges, sie bringt für die Medien Marktvorteile durch die Präsentation von echter Exklusivität und sie fördert – schließlich – die oft verwaiste Fachkompetenz in den Redaktionen und bringt Folgegeschichten, weil das Vertrauen von Informanten oft auch an das erkennbare Qualitätsniveau der Medien gekoppelt ist.

Jörg Rohwedder/Felix Kolb: Die Bewegungsstiftung – Anstöße für soziale Bewegungen, FJ NSB 3/2008, S. 179-187.

Jörg Rohwedder und Felix Kolb stellen in ihrem Beitrag die Bewegungsstiftung vor. Diese entstand aus einer Initiative von jungen Erben, die jedoch ihre Privilegien kritisch hinterfragten. Seitdem unterstützt die Stiftung soziale Bewegungen durch Beratung sowie Basis- und Kampagnenförderung. Dabei legt sie Wert darauf, dass sich die unterstützen Akteure auf ihre Arbeit konzentrieren können und nicht zu stark mit Antragsarbeit belastet werden. Darüber hinaus unterstützt die Stiftung auch so genannte Bewegungsarbeiter. Ein besonderes Charakteristikum der Stiftung ist die starke Betonung des Mitspracherechts für geförderte Projekte. Die Projekte sind den Stiftern gleichgestellt. Dies ermöglicht nicht nur den Austausch von Know-How, sondern umgeht auch das Problem, dass Stiftungen einen festen Zweck verfolgen. Durch die Beteiligung der verschiedenen Bewegungsakteure kann flexibel auf aktuelle Probleme eingegangen werden. Damit versteht sich die Bewegungsstiftung auch als Teil einer progressiven Philanthropie, die über das Geben von Almosen hinaus geht und sich bestimmten Zielen verschreibt, dabei aber zugleich in einen Dialog mit den Hilfsbedürftigen begibt.

Ansgar Klein: Zivilgesellschaft und Demokratie. Ideengeschichtliche, demokratietheoretische und politisch-soziologische Zugänge, FJ NSB 3/2008, S. 189-238.

Ansgar Kleins Beitrag fasst die vielfältigen Aspekte der Themen Zivilgesellschaft und Demokratie zusammen, denen der Autor in seinen bisherigen Veröffentlichungen nachgegangen ist. Er skizziert die ideengeschichtlichen und zeitgenössischen Diskurse über den Begriff der Zivilgesellschaft. Dabei stehen nicht nur eine liberale und eine republikanische Traditionslinie des Zivilgesellschaftsbegriffs im Fokus, sondern auch die politischen Dimensionen, die vor allem in der Transformation der staats-sozialistischen Systeme, aber auch der Demokratisierung liberaler Demokratien und der Globalisierung zum Vorschein kommen. Anschließend zeigt Ansgar Klein, dass der Begriff nicht nur eine wissenschaftliche Dimension hat, sondern auch Eingang in die reformpolitische Debatte gefunden hat. Der Zivilgesellschaft werden in diesem Kontext neben politischen und kulturellen Funktionen auch die Funktion eines Koproduzenten zugeschrieben. In diesem Rahmen haben sich verschiedene Leitbilder entwickelt, die der Autor vorstellt. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die Ergebnisse der Enquéte-Kommission ‚Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements‘ des Deutschen Bundestages, in deren Folge das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement gegründet wurde. Dieses widmet sich der Stärkung zivilgesellschaftlicher Infrastruktur und der Etablierung des Politikfelds Engagementpolitik. Abschließend werden noch die Zugänge der politischen Soziologie dargelegt, die es ermöglichen, die zivilgesellschaftlichen Akteure auch in normativer Hinsicht zu untersuchen.

Ansgar Klein: 20 Jahre Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen. Eine Zwischenbilanz, FJ NSB 3/2008, S. 239-255.

In seinem Überblicksbeitrag zeichnet Ansgar Klein die Geschichte des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen nach. Beginnend mit der Gründungsphase, in der das Journal noch im Eigenverlag produziert wurde, zeigt er nicht nur die verschiedenen Verlagsstationen auf, sondern stellt auch die verschiedenen Kooperationspartner vor, die den Erfolg des Journals möglich gemacht haben. Darüber hinaus erläutert er das Konzept des ‚diskursiven Interventionismus‘, das den politischen Anspruch des Journals darstellt. Es gilt, die Diskurse in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu verbinden – immer auch normativ aufgeladen, aber ebenso empirisch unterfüttert –, immer mit dem Anspruch, auf politische Gestaltung Einfluss zu nehmen. Abschließend wird das breite Themenspektrum des Journals dargelegt, das weit über die Bewegungsforschung hinausreicht.