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Heft 3, 2009 |
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Sozialkapital und Integration – Überforderte Zivilgesellschaft? Frank W. Heuberger/Birger Hartnuß: Krise des Vertrauens – Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Topmanagern in Deutschland, FJ NSB 3/2009, S. 7-20.Vor dem Hintergrund der Finanzkrise und der damit einhergehenden Neujustierung von Gesellschaftsbildern und Rollenverständnissen stellen Frank Heuberger und Birger Hartnuß dar, welche Rolle dem Unternehmertum, Staat und Politik und der Zivilgesellschaft in den Augen von Vorstandsmitgliedern (CEOs) zukommen. Dabei greifen sie auf die Ergebnisse einer qualitativen Studie des Centrums für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) zurück. Diese zeigt, dass Unternehmen sich zwar nicht nur als ‚homo oeconomicus‘ verstehen, gleichwohl aber ein traditionelles Bild der gesellschaftlichen Rollenvereilung vorherrscht. Demnach stellt die Wirtschaft die ökonomische Basis dar, die den gesellschaftlichen Wohlstand schafft, dessen Verteilung der Staat regelt. Die konzeptionelle Reichweite von Corporate Citizenship als Ausdruck nachhaltigen Wirtschaftens unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten ist noch nicht hinreichend erkannt. Allerdings zeichne sich bei der Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen im Unternehmen (‚Work-Life-Balance‘), beim Klima- und Umweltschutz, bei Bildung und Qualifizierung sowie bei der Gesundheitsförderung ab, dass Unternehmen eine Führungsrolle jenseits wirtschaftlicher Kernkompetenzen übernehmen. Zugleich wird festgestellt, dass der Begriff Zivilgesellschaft bei den CEOs kaum bekannt ist. Kooperationen auf Augenhöhe erfordern jedoch ein angemessenen Verständnis der Zivilgesellschaft und des Dritten Sektors als gesellschaftlicher Sphäre. Eine neue gesellschaftliche Verantwortungsbalance wird es nur geben können, wenn sowohl Staat als auch Wirtschaft und Zivilgesellschaft bereit und in der Lage sind, die Perspektive der jeweils anderen Sphären einzunehmen, ihre Eigenlogik zu verstehen und anzuerkennen. Keine Sphäre darf dabei ihr Selbstverständnis und ihre handlungsleitenden Prinzipien zum alleingültigen Maßstab erheben. Sandra Seubert: Krise oder Chance gesellschaftlicher Integration? Zur demokratietheoretischen Bedeutung sozialen Kapitals, FJ NSB 3/2009, S. 21-28.Während das Konzept des Sozialkapitals lange Zeit v.a. in Zusammenhang mit der Frage nach den Grundlagen einer lebendigen Bürgergesellschaft in der Diskussion war, wird es nun zunehmend auch mit Blick auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit ins Spiel gebracht. Der Beitrag wirft die Frage auf, unter welchen Bedingungen Sozialkapital noch als eine Ressource betrachtet werden kann, die zu bürgerschaftlich-republikanischen Reformen beiträgt. Es wird versucht, die Potentiale und Grenzen des Konzepts für eine demokratietheoretische Analyse neu zu bewerten. Bruno Frère: Sozialkapital und der „Neue Geist des Kapitalismus“ – Die Ideologie des vernetzten Menschen und neue Wege der Ausbeutung, FJ NSB 3/2009, S. 29-45.Ungeachtet bestehender sozialer Sicherungssysteme wächst in der zeitgenössischen Informationsökonomie die Zahl der Ausgegliederten an. Der Arbeitsmarkt spaltet sich damit in ein Segment, das von mobilen Vernetzern besetzt wird und ein zweites Segment der Ausgegliederten mit geringem Sozialkapital. Die Verwendungsweise des Sozialkapitalkonzepts durch die OECD legt allerdings nahe, dass die Ausgegliederten durch Förderung des Sozialkapitals wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Anschließend an den ‚Neuen Geist des Kapitalismus‘ von Boltanski und Chiapello stellt sich jedoch die Frage, inwiefern dieses Versprechen möglicherweise unbeabsichtigt Teil eines ideologischen Rechtfertigungsdiskurses der flexibilisierten Ökonomie ist. Die Verknüpfung von Sozialkapital und ‚employability‘, die anschließend an bestimmte Strömungen der Wirtschafts- und Netzwerksoziologie behauptet wird, unterschlägt nämlich, dass die Existenz der mobilen Arbeitskräfte von den Immobilen und Ausgegliederten in wichtigen Hinsichten erst ermöglicht wird. Entgegen dem falschen Versprechen einer Angleichung der Ausgegliederten an das notwendig exklusive und fragwürdige Ideal eines ‚vernetzenden Übermenschen‘ wird daher eine andere Konzeption des Sozialkapitals benötigt. Sie rückt auch die politische Relevanz von Sozialkapital in den Vordergrund und ist eng mit Konzepten einer solidarischen Ökonomie verbunden. Beispiele für den Aufbau stärker ortsgebundenen Sozialkapitals im Rahmen lokaler Ökonomien finden sich in Frankreich und Quebec. Sie zielen weniger auf die Anpassung an die mobile Informationsökonomie, sondern auf die Befriedigung kommunaler Bedürfnisse. Obwohl diese Ansätze kein Allheilmittel sind und eher Leichtgewichte darstellen, eröffnen sie Ausblicke auf stabile Beschäftigung und eine Rückgewinnung von Staatsbürgerschaft und Politik. Martin Hartmann: Sozialkapital in der Netzwerkgesellschaft, FJ NSB 3/2009, S. 46-54 .In Robert Putnams Making Democracy Work (1993) umfasst der Begriff des sozialen Kapitals kooperationserleichternde Eigenschaften sozialer Organisationen wie Vertrauen, Normen und Netzwerke. Später aber verwendet Putnam den Begriff des sozialen Kapitals weitgehend nur noch unter Bezug auf Netzwerke. Martin Hartmann untersucht in seinem Beitrag das Verhältnis zwischen Netzwerken und sozialem Kapital und stützt sich dabei auf Putnams Unterscheidung zwischen horizontalen und vertikalen Netzwerken. Während Putnam davon ausgeht, dass vertikale Netzwerke, also Netzwerke zwischen Ungleichen oder ungleich Mächtigen, keine Normen reziproker Verpflichtung und damit auch kein soziales Kapital hervorbringen können, weil die mächtige Seite von der weniger mächtigen Seite nicht ernsthaft für Vertrauensbrüche sanktioniert werden kann, nimmt Hartmann an, dass es sehr wohl auch im Rahmen von asymmetrischen Netzwerken zur Bildung sozialen Kapitals kommt. Um diese These zu belegen wird ein ökonomisches Netzwerkmodell eingeführt und mit dem neoliberalen Kapitalismus der Gegenwart gekoppelt. Unter Bezug auf Boltanski und Chiapello wird schließlich angenommen, dass der neoliberale Kapitalismus ein Netzwerkkapitalismus ist, in dessen Rahmen die, die in diesen Netzwerken erfolgreich handeln können, weil sie flexibel sind und Schlüsselqualifikationen besitzen, auf die Zuarbeit einer statischen und kaum anerkannten Schicht von „Doppelgängern“ angewiesen sind, die gleichsam vor Ort das soziale Kapital regeln und organisieren, von dem die Erfolgreichen, die ‚Netzwerkopportunisten‘, profitieren. Zwischen diesen Zuträgern und den Netzwerkopportunisten besteht durchaus Vertrauen, das zudem den Schein des Egalitären besitzt. Nur fehlen in den Netzwerkstrukturen die Mechanismen, die in anderen, intimeren Kontexten des Vertrauens gegeben sind, um gebrochenes Vertrauen zu sanktionieren. Auf diese Weise zehrt der Netzwerkkapitalismus von einem scheinegalitären Vertrauen, stellt aber den weniger privilegierten Individuen nicht die Bedingungen zur Verfügung, um Brüche des Vertrauens in ihrem eigenen Interesse zurechtzurücken. Petra Böhnke: Sozialkapital und Verarmung – Chancenreiche Vernetzung oder soziale Schließung? FJ NSB 3/2009, S. 55-65.Soziales Kapital gilt als Schlüssel zu Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Petra Böhnke analysiert vor diesem Hintergrund, in welchem Maße und mit welchem Nutzen sozial benachteiligte Menschen darauf zurückgreifen können. Dabei zeigt sie auch auf, inwieweit soziale Einbindung und Unterstützungspotential bei Armut und Arbeitslosigkeit in Abhängigkeit vom Wohlfahrtsniveau, der Ausgestaltung des sozialen Sicherungssystems, ideologischen und kulturellen Werthaltungen variieren. Zudem ist gegenwärtig unklar, wie sich die Verfügbarkeit von sozialem Kapital durch das Abrutschen in prekäre Lebenslagen verändert. Hier gilt es, drei theoretische Möglichkeiten zu prüfen: 1. Aufgabe des Bürgerschaftlichen Engagements angesichts fehlender finanzieller Ressourcen; 2. es besteht kein Zusammenhang zwischen Verarmung und bürgerschaftlichem Engagement, da Engagement- und Solidaritätsbereitschaft auf stabile Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen ist, bzw. Abstiege in Armut aus armutsnahen Milieus passiert, die weniger engagiert sind; 3. eine Intensivierung von Engagement, da dieses eine Möglichkeit von Anerkennung und Sinnstiftung bietet. Exemplarische Analysen weisen jedoch darauf hin, dass Kompensationsstrategien bei der Mehrheit der von Armut betroffenen Personen nicht zur Anwendung kommen. Netzwerke werden dann in der Regel nicht erweitert, sondern es findet ein Rückzug auf verwandtschaftliche und enge Freundeskreise statt, der auch mit einer Verringerung des bürgerschaftlichen Engagements einhergeht. Positionen im gesellschaftlichen Ungleichheitsgefüge scheinen sich also durch Formen und Mechanismen sozialer Integration zu reproduzieren. Ludgera Vogt: Geschlossene Gesellschaft. Zur exklusiven Wirkung des Sozialkapitals am Beispiel einer deutschen Bürgerstiftung, FJ NSB 3/2009, S. 66-75.Ludgera Vogt widmet sich in ihrem Beitrag den exkludierenden Wirkungen von Sozialkapital. Dabei greift sie auf die Unterscheidung Robert Putnams zwischen ‚bridging‘ und ‚bonding social capital‘ zurück und veranschaulicht die exkludierenden Wirkungen anhand einer Bürgerstiftung. Diese zeigt sich insbesondere in der Rekrutierung der Stiftungsmitglieder, die nach einem Schneeballprinzip innerhalb der Eliten vor Ort vorgenommen wurde. Dies hat zu einer homogenen Stifterstruktur geführt, die zwar durchaus Kompetenzen versammelt, aber die Bevölkerung vor Ort nicht repräsentiert und daher nicht über die Akzeptanz und Attraktivität verfügt, die für die Erfüllung ihrer Aufgaben notwendig wäre. Sebastian Braun: Assoziative Lebenswelt, bindendes Sozialkapital und Wahlgemeinschaften des Geschmacks, FJ NSB 3/2009, S. 76-87.Der Terminus Sozialkapital im Sinne von Robert Putnam hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Debatten über die Bürgergesellschaft und die damit verbundenen Vorstellungen von freiwilligen Vereinigungen mit lebensweltlichen Bezügen als „Produzenten“ von Sozialkapital. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich der Beitrag auf die Frage, was eine freiwillige Vereinigung eigentlich so besonders macht, um als spezifische Institution zur (Re-)Produktion von Sozialkapital gelten zu können. Diese Frage wird mit Bezug auf einen theoretischen Ansatz von freiwilligen Vereinigungen als „Wahlgemeinschaften“ diskutiert. Michael Corsten: Lokales Sozialkapital als sozial-moralische Landkarte – Subjektive Visualisierungen der eigenen Stadt, FJ NSB 3/2009, S. 88-99.In den sozialwissenschaftlichen Debatten der letzten 25 Jahre hat das Phänomen des regionalen oder gar lokalen Sozialkapitals erhebliche Bedeutung gewonnen. Es ist sowohl als ökonomischer Faktor als auch als wertvolle Größe demokratischer Beteiligung angesehen worden. In der Regel wird dabei Sozialkapital als objektiver Indikator (Anzahl Vereine, engagierte Vereinsmitglieder im Verhältnis zur Größe der Population) untersucht. In dem vorliegenden Beitrag wird dagegen die subjektive und symbolische Repräsentation des lokalen Umfelds bei engagierten Akteuren in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt. Anhand eines Strukturlegespiels wurde bei engagierten Personen aus vier ost- und westdeutschen Regionen empirisch nachvollzogen, wie die aktiven Subjekte ihre Region sozial-moralisch kartieren. Im Vergleich von Ost- und Westdeutschland stellte sich dabei heraus, dass ostdeutsche Engagierte an abstrakteren Kollektivbildern orientiert sind als Westdeutsche. Dieser Befund kann als kontra-intuitiver Effekt des Transformationsprozesses in Deutschland gedeutet werden. |